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Ausgabe:

1915

Spalte:

356

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Henrici, Emil

Titel/Untertitel:

Barbarolexis. Sprachmischung in älteren Schriften Deutschlands. Heft 2 1915

Rezensent:

Clemen, Otto

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Seite 1

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356

fität der Kultur wird von der Aufklärung zu Ungunften
der Intenfität gefördert.

Wenn nun diefe oder ähnliche Grundfchäden unferer
Kultur anhaften, fo meint H. doch, ein neues Ideal der
Kultur könne hervortreten: ,Schaffung eines organifch Allgemeinen
, dem fich das Individuum aus eigener Erkenntnis
oder felbftgewählter Auktorität unterwirft'. So meint
er, die Politik laffe fich verbeffern, indem die Schärfe des
Klaffengegenfatzes durch den Ständeftaat mit feinen Stufen
beseitigt werde. So foll die Erziehung beffernd
wirken, indem die eigene Tätigkeit des Schülers geweckt
wird. Es komme darauf an, daß in der Gefellfchaftsord-
nung die Richtigen an den rechten Platz kommen und
die ökonomifchen Abhängigkeitsverhältniffe nicht zu einer
Verletzung der perfönlichen Rangordnung führen. Es
würde zu weit führen, feine Ausführungen über das Staatsleben
, die Frauenfrage, das foziale Programm, die Kunft

ftrichen worden wären. Daß die abfolute Bindung des
Priefters an feinen Vorgefetzten, das .Opfer', das er damit
zu bringen hat, fo rein pofitiv geweUet wird, daß an der
Kontrolle des Lebens, auch der Lektüre der Pfarrkinder
durch den Seelforger nur das Heilfame betont wird — das
überfieht denn doch fehr wichtige Tatfachen des heutigen
katholifchen Priefter- und Volkslebens. Für den Zweck,
den das Buch verfolgt, fchadet das Weglaffen jener
anderen Seite des römifchen priefterlichen Syftems aber
wenig. Wertvoll find befonders die Partien, wo Verf.
ausgefprochen oder unausgefprochen die im Priefter-
feminar erhaltene Belehrung fkizziert. — Manchmal kommen
Einem leife Zweifel, ob Verf. das evangelifche
Wefen ganz verfleht. So wenn es S. 119 heißt: ,Im
Grunde genommen ift alfo die katholifche Predigt genau
dasfelbe, was der evangelifche Gottesdienft ift'. Und das
reformatorifche Verftändnis der .Sünde' ift ficher nicht

hier weiter zu verfolgen. Einerfeits verwirft er die Kultur | erreicht, wenn gefagt wird, das von der katholifchen
der Aufklärung, andererfeits fagt er ihr doch insbefon- j Kirche gewünfchte häufigere Beichten diene wefentlich
dere im Gebiet der Kunft Fortfehritte nach. Wenn er die j dem Zweck der Seelenleitung, ,denn wirkliche „Sünden"
organifche Kultur an die Stelle der mechanifchen fetzen j liegen dann wohl feiten vor' (S. 90). Vielleicht meint Verf.
will, fo geht er damit auf den klaffifchen Idealismus hier .Sünden' im katholifchen Sinn; es wäre aber dann

zurück, den Joel in feinem Antibarbarus nach diefer Seite
gewürdigt hat, während Hammacher doch wieder tut, als
fei nur die Idee der Entwicklung ins Unbeftimmte und der
Relativismus das Ergebnis jener Periode. Dazu kommt aber,
daß H. fchließlich doch durchaus peffimiftifch über
die Kultur urteilt, die dem Untergang geweiht fei. Es
ift feine Auffaffung der Religion, die ihn dazu führt, denn
diefe foll in der Myftik enden, und zwar in einer ab-
forptiven Myftik. Der Weltgeift will fich fchließlich von
den Unvollkommenheiten des phänomenalen Dafeins
befreien, indem er fich felbft in dem vergotteten Men-

beffer ausdrücklich gefagt worden.

Halle a. S. K. Eger.

Referate.

Behm, Priv.-Doz. Jons.: Die Bekehrung des Paulus. 2. Tauf. (Bib-
lifche Zeit- u. Streitfragen, IX, 8.) (28 S.) 8». Berlin-Lichterfelde
, E. Runge 1914. M. —50
Die Frage nach der Bekehrung des Paulus wird in konfervati vem
Sinn behandelt. — Der 1. Abfchnitt gibt einen Überblick über die
fchen erlaßt. So bleibt Alles, was er zu Gunften einer Queiien. Von den Erzählungen der act. fcheint dem Verf. Kap. 26

Metaphyfik der Werte und der Sittlichkeit fagt, doch nur treuer gefchichtlicher Bericht zu fein, der aller Wahrfcheinlichkeit
relativ, da fchließlich Alles in der Myftik untergeht. nach der Wir-Quelle entflammt. Freilich entnimmt der Verf.nachher

Diefes Buch gehört zu denen, die einer metaphy- j von anderen Berichten die Erzählung von der Erblindung des Pau-

fifchen Weltanfchauung dienen wollen, die es aber nicht
über eine ganz unbeftimmte Metaphyfik bringen und
nicht wie einft Fichte Metaphyfik und pofitive Ethik end-
giltig zu verbinden und fo ein neues Kulturideal zu bilden
wiffen, fondern in wunderlichen Schwankungen flecken
bleiben, und einen greifenhaften Eindruck hinterlaffen.

Königsberg i. Pr. D 0 r n e r.

Leute, ev. Pfr. Jofef: Der katholifche Prielter. Sein Werden
u. Wirken. Mit Geleitwort v. Fr. Niebergall. (Praktifch-
theolog. Handbibliothek, Bd. 17.) (VIII, 160 S.) 8».
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1914.

M. 260; geb. M. 3.20

Die Schrift will nichts anderes fein als eine durchaus
praktilch gehaltene Schilderung der Art, wie das heutige
katholifche Prieftertum in Deutfchland, genauer in Bayern,
von dem fein Amt ideal auffaffenden Priefter felbft und
von dem der priefterlichen Leitung fich willig unterordnenden
Volke angefehen und gewertet wird. Gerade in
diefer ihrer Eigenart erfüllt fie den Zweck, den der Herausgeber
der Praktifch-theologifchen Handbibliothek mit der
Aufnahme des Buches in die Sammlung verfolgt hat;
fie ift ein Beitrag zur Kirchenkunde des heutigen bayri-
fchen Katholizismus. Der katholifche Priefter und fein
Wirken werden mit fo großer Sympathie gefchildert, daß

lus. Der 2. Abfchnitt erzählt die Vorgefchichte mit dem Refultat,
daß die erkennbaren Vorbedingungen nicht zur Erklärung der Bekehrung
genügen, fondern daß, ein überwältigendes Erlebnis, das
eine plötzliche Umwandlung brachte', fich ,als pfychologifches
Poftulat' ergibt. Im 3. Abfchnitt wird der Hergang felbft gezeichnet
. Die Hypothefen von einer fubjektiven wie objektiven
Viilon werden abgewiefen. ,Das Ereignis ift immanent nicht zu
erklären. Non liquet — muß die wiffenfchaftliche Erkenntnis
geftehen'.

Marburg. Bultmann.

Henrici, Prof. Dr. Emil: Earbarolexis. Sprachmifchung in älteren
Schriften Deutfchlands. Heft 2. (S. 121—167) gr. 8«. Berlin,
J. Klönne Nachf. 1914. M. 2 —

Diefes Schriftchen ift die Fortfetzung zu Henricis 1913 er-
fchienenem Buche: Sprachmifchung in älterer Dichtung Deutfchlands
(vgl. das Referat von A. Titius in diefer Zeitfchrift 1913,
540) und enthält, was H. an Deufchlateinpoefie und -profa in
Handfchriften des 15. und 16. Jahrhunderts auf der Herzogl. Bibliothek
in Woifenbüttel und der Hamburger Stadtbibliothek gefunden
hat, nebft einem Stellenverzeichnis zu den beiden Heften.
In dem ,Wittenberg' überfchrittenen Abfchnitt S. 139ff. werden
wir aufmerkfam gemacht auf die Hamburger Handfchriften Ms.
theol. 1213 und 1690, die 1550 angelegte Sammlungen von Tifch-
reden Luthers enthalten, und auf die Handfchriften In scrinio 114
(Hamburg) und 1169 Helmftedt (Wolfenbüttel), Sammlungen von
Anekdoten Melanchthons. Die erfteren fcheinen nach den von
H. mitgeteilten Proben textkritifch von geringem Wert zu fein,
die letzteren werden benutzt werden müffen, wenn erft einmal
in den Supplementa Melanchthoniana die Dicta Melanchthons
ediert werden (vgl. darüber vorläufig Nik. Müller, Beiträge zur

fo leicht kein Beifpiel dafür aufgetrieben werden dürfte, «d.,e" ™%7hlZSd° Zrk ZZllu n*™'™"*** '»
.In T^n^fJf Kr„f wnr To TaW WhollfV-W P.;a<w Kirchengefchichte der Mark Brandenburg .m 16. Jahrh., 1 H.,

daß ein Konvertit (Verf. war 10 Jahre katholifcher Priefter
und ift jetzt evangelifcher Pfarrer) die Kirche, die er ver-
laffen hat, in ähnlicher Weife pofitiv zu würdigen weiß.
Meiner Meinung nach hätte es der Objektivität der Darfteilung
nichts gefchadet, wenn die tatfächlichen, im
Leben des katholifchen Volksteils fich geltend machenden
Schäden des reinen Autoritätsfyftems ftärker unterLeipzig
, 1907, S. 123 ff.)
Zwickau i. S. O. C1 e m en.

Altherr, w. Pfr. Alfr.: Albert Bitzius. Ein Vorbild freier Frömmigkeit
. Lebensbild. (Die Vorkämpfer der religiöfen Reform in
der Schweiz.) (55 S. m. 1 eingedr. Bildnis.) 8° Zürich, Beer
& Co. 1913. M. —60