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Ausgabe:

1915 Nr. 13

Spalte:

302-306

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rolle, Hermann

Titel/Untertitel:

Schleiermachers Didaktik der gelehrten Schule 1915

Rezensent:

Scholz, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 13.

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gegangen ift, die Pascal auf die Subftanz feiner Predigten
offenfichtlich ausgeübt hat. Jedenfalls aber ift es Frommel
gelungen, fowohl die Macht zu erklären, mit der der
lebende Th. eine große Gemeinde in Berlin gefammelt

fo nimmt Theremin einen Platz unter den Vorbildern der
Homiletik fchon durch feine erzieherifche Bedeutung ein.
Der Strebende lernt an ihm, daß die Kraft und Kunft
der Predigt nicht ein Nebenwerk im geiftlichen Amt ift,

fondern die Lebensarbeit eines begabten und charakter- und fich aufs engfte verbunden hat, als auch die bedeu-
vollen Mannes auszufüllen vermag. — Zwei befondere j tenden Nachwirkungen, die er in der feitherigen Homi-
Gaben bringt Frommel neben der Wärme für feinen ! letik zurückgelaffen.

Gegenftand zu feiner Arbeit mit: die äußere der Ver- ytPr\n P v-i„;n„ f

fügung über das von Th. felbft druckfertig geftellte aber '_ ' ^ieinert-

nicht herausgegebene Manufkript feiner Homiletik, das

die Grundlage und das Refultat feiner Univerfitätsvor- Starnmer, Paft. Lic. Mart. Otto: Schleiermachers Älthetizis-
lefungen darbietet und von Frommel nicht wortgetreu mus in Theorie u. Praxis während der J. 1796-1802. Ein

abgedruckt ift, aber im Schlußteil feines Buches durch g. zm Gefchichte u Wert der äfthet WeIt.
reichliche Auszüge zur Geltung kommt. Dazu die inner- & . 6 . . .

liehe der Sympathie, die f.ch auf verwandte Anlage und anfehauung. (VII, 172 S.) gr. 8<>. Leipzig, A. Deichert
Neigung für künftlerifche Geftaltung gründet. In der Nachf. 1913. M. 4.50

zweifellos richtigen Auffaffung, daß gerade bei diefem i Scheel, Lic. Hans: Die Theorie v. Chriltus als dem zweiten
Prediger die Leiftung der volle Ausdruck der Perfönhch- Adam bej Sch|ejermacher (VI 8o S ) g0 Lei :
keit ift, beginnt Fr. mit einer Darfteilung des Werdens I
diefer Perfönlichkeit unter den beftimmenden Eindrücken
der Jugend und der Zeit, und fchließt fofort eine Cha-
rakteriftik ,des Mannes', des ,Schriftftellers', des ,Theologen'
an, um erft dann feine Leiftung unter den Teiltiteln: ,der
Rhetoriker', ,der Prediger' eingehend vorzuführen. Über
die Zweckmäßigkeit der Einteilung läßt fich rechten.
Abgefehen davon, daß fie manche Widerholungen und
Breiten veranlaßt, zieht fie zu tiefe Spalten in die Grund-
anfehauung, daß es fich um eine eminent einheitliche
Perfönlichkeit handelt, die durchweg aus dem beftimmenden
Ideal des chriftlichen Redners begriffen fein will. In diefem
ift auch der ,Theologe' Th. abforbiert. Wie eifrig,

A. Deichert Nachf. 1913. M.
Siegmund-Schultze,F.: Schleiermachers Pfychologie in ihrer
Bedeutung f. die Glaubenslehre. (VIII, 210 S.) gr. 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1913. M. 5—

Rolle, Dr. Herrn.: Schleiermachers Didaktik der gelehrten
Schule. Im Zufammenhange feines philofoph. Syftems
dargeftellt. (X, 160 S.) gr. 8°. Berlin, Reuther & Reichard
1913. M. 3 —

Die erfte diefer vier Arbeiten ift ein gänzlich ungenügender
Verfuch, den Umfang des Romantifchen in
bisweilen fchroff er gewifte Hauptdogmen verficht: der 1 Schleiermachers Frühzeit feftzuftellen. Schon der wider-
Kirchenlehre als folcher gegenüber ift er rednerifcher I wärtige Ausdruck ,Äfthetizismus' zeigt an, daß der VerEklektiker
. Die fchweren Fragen der theol. Wiffenfchaft ! faffer feinem Gegenftande in keiner Weife gewachfen ift.
befchäftigten ihn nur foweit, als fie, von vornherein I Die Ausführung beftätigt diefen Eindruck im einzelnen,
ftillfchweigend ausgeglichen, Stoff für eine fruchtbare j Auf eine unfelbftändige und wertlofe Skizze der roman-
rednerifche Behandlung in der Gemeinde hergeben. Wie tifchen Weltanschauung folgt die Darlegung des angeb-
fehr fein franzöfifches Naturell umrißlofer Rede wider- j liehen ,Äfthetizismus' in den ,Reden' und .Monologen',
ftrebt: doch zieht er der genauen Umreißung des Ge- | die aus einer Reihe von Mißverftändniffen der Schleierdankens
die rednerifch wirkfame Pointe bei weitem vor
auch der berühmte Titel feiner Rhetorik: ,Die Beredfam-
keit eine Tugend' bezeugt feine tieffittliche Auffaffung
von der Redekunft, nicht ohne dem Begriff fowohl der
Beredfamkeit als der Tugend einige Gewalt anzutun. Was
Fr. als feinen .Voluntarismus'hervorhebt, bezeichnet keineswegs
die Grundftellung eines theologifchen Denkfyftems,
fondern ift lediglich Ausdruck des rednerifchen Grund-
fatzes, daß Rede auf den Willen wirken muß. Des Grund-
fatzes, der gleichzeitig bei andern Zeitgenoffen (auch
Schott) das Ablenken von der doktrinären Lehrpredigt

macherfchen Gefühls- und Phantafiefchätzung mühfam zu-
fammengearbeitet ift. Die antithetifche Bedeutung der
Schleiermacherfchen Gefühlspofition, jener tiefe, epochemachende
Sinn des Gefühls, der die Ableitung der Religion
aus dem Denken oder Handeln unmöglich machen
und die Religion als felbftändiges Erlebnis im Gemüt
verankern foll, ift dem Verfaffer nicht aufgegangen. Er
hat überfehen, daß der Gefühlscharakter der Religion bei
Schleiermacher von Anfang an die Selbftändigkeit, Ur-
fprünglichkeit und Unerfetzlichkeit der Religion zu tragen
hat; und nur weil er diefe klaffifchen Tendenzen überfieht

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des 17. und 18. Jahrhunderts ankündet, und den theolo- j kann _ er den Schleiermacherfchen Standpunkt kurzweg
gifch zu bearbeiten und einzuordnen Schweizer vorbe- ! als .Äfthetizismus' bezeichnen.

halten blieb. Auch die weiteren Scheidungen des ,Rhe- ; Ein Blick in Friedrich Schlegels Anzeige der Reden', die der

t-r.^;i , , T, j- < 1 Ao* MifRprfland eines i Verfaffer natürlich nicht kennt, hatte ihm rechtzeitig die Augen öffnen

tonkers' und .Predigers' legen den Mißverltand eines , kö)nen_ Aber auch iuncrhalb der Reden, fdbft hä(fe dje Be*bach
Unterfchiedes nahe, der für 1h. nicht vornanaen war, , der unflcheren Haltung, die Schleiermacher der Kunft gegenüber ein-
un-d jedenfalls würde formal korrekter und dem Inhalt 1 nimrnt, den Verfaffer von feinem Vorurteil zurückbringen müffen. So
der betr Abfchnitte angepaßt dem .Rhetoriker' der hilflos, wie Schleiermacher hier fpricht, kann in einer künftle-ifchen
.Homiletik-er' o-ecrenüberzuftellen »ewefen fein. — Immer- j Epoche nur jemand reden, dem die Kunft nicht felbft zum Erlebnis ge-
nir, h ? v £ g,uDeizmteneU^ ra>. dl> Mömichkeit ' worden ift- Und Scheiermachers fpätere .Afthetik' ift lediglich ein Be-
nat die Einteilung dem veriaiici mugueu»«, j weis für fe;n ryflematirches Geniei lediglich ein Beitrag zur Erkenntnis

gegeben, den erarbeiteten Stoff in reicher rulle aUSZU- 1 feiner intellektuellen Perfönlichkeit, aber nicht ein Beitrag zur Erkenntnis

breiten, und zugleich durch fachkundige Führung, viel- j der Kunft.

feitige Orientieruno- und die beftimmte und bei aller Im dritten Abfchnitt wird die Einwirkung diefes

Wärme nur feiten überfchwengliche Beurteilung den Lefer ; Pfeudo-Äfthetizismus auf Schleiermachers homiletifche
anzuziehen und feffeln. Mit einleuchtender Kraft hat er Praxis unteriücht, mit dem eben nicht neuen Ergebnis, daß
die bleibenden Hauptverdienfte Th.s ans Licht geftellt, j die Predigten tiefer in das Wefen des Chriftentums ein-
daß er die der deutfehen Art fchwer zugängliche Be- dringen, d. i. die fittlichen Akzente desfelben fchärfer
deutung der aus dem Inhalt geborenen edlen Form zum , betonen, als die .Reden'. Die feine Deutung Otto Ritfchls,
bewußtfein gebracht und daß er, wie vor ihm Mosheim j wonach die .Reden' exoterifch, als eine Anfprache an
die Stärke der enMifchen Predigt, 'fo die der franzöfifchen Nichtchriften, die Predigten dagegen efoterifch, als Reden
der deutfehen Kanzel zugeführt' hat. Vermiffen könnte i an Chriften, aufzufaffen find, wird überhaupt nicht genannt,
man in letzterer Beziehung, daß neben dem reich be- | Statt deffen muß die lahme Anpaffungstheorie zur Überlegten
Einfluß Mafiillons auf Th.s Darftellungsweife der ; brückung des Gegenfatzes herhalten: der Prediger Schleier-
Verf nicht auch der wichtigen Einwirkung näher nach- i macher verleugnet feine wiffenfehaftlichen Überzeugungen