Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1915 Nr. 13

Spalte:

299-300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Althaus, Paul

Titel/Untertitel:

Zur Charakteristik der evangelischen Gebetsliteratur im Reformationsjahrhundert 1915

Rezensent:

Eger, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

299

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 13.

300

11. und 12. Jahrh. Kunde geben, ift bis jetzt noch nicht > faft noch deutlicher fpiegelt als im geiftlichen Lied, von
in vollem Umfange ans Licht gezogen worden. Um fo | höchftem Wert. Bezweckt fie doch nicht weniger als den
mehr ift es zu begrüßen, daß wir endlich die fo wichtigen j Nachweis, daß das Einftrömen der katholifierenden Myftik
Hirtenbriefe /Elfrics in einer vortrefflichen und allen | in die lutherifche Frömmigkeit, das feit der 2. Hälfte des
kritifchen Anforderungen entfprechenden Ausgabe erhalten 16. Jahrhunderts zu beobachten ift, nicht etwa durch Umhaben
. Sowohl die altenglifchen wie die lateinifchen j fchichtungen, die diefe Frömmigkeit von innen heraus
Hirtenbriefe werden uns alle in einer handlichen und 1 erlebt hat, fondern vor allem durch den äußeren litera-
überfichtlichen Ausgabe geboten, in welcher das ganze 1 rifchen Einfluß der katholifchen, fpeziell der jefuitifchen
handfchriftliche Material forgfältig geprüft und gewertet j Gebetsliteratur bedingt ift. Ich bin der Überzeugung,
ift. Was das in unferem Falle bedeutet, erhellt die Tat- ! daß A. diefe feine Thefe zu fcharf formuliert hat; fo
fache, daß von dem erften altenglifchen Wulfftanbrief die j harmlos es bei der Übernahme erbaulichen Stoffes vielrichtige
Faffung noch niemals vorher gegeben wurde _fach zugeht, fo. muffen doch anderfeits die inneren Be-
und daß auch der zweite englifche Wulfftanbrief in vollem i'dingungen der Übernahme günftig fein — fonft ifts mit
Umfange bisher nicht vorgelegen hatte. Auch die fo j der Harmlofigkeit vorbei. Das dürfte gerade aus dem
wichtigen lateinifchen Briefe find hier gleichfalls zum 1 von A. beigebrachten Material hervorgehen, das als die
erftenmale vollftändig veröffentlicht. Nr. VI der Texte früheste Spur des Einwirkens der mittelalterlichen katho-
bringt dazu noch einen bisher unbekannten lateinifchen 1 lifchen Myftik auf die evangelifche Gebetsliteratur die
Brief /Elfrics an den Erzbifchof Wulfftan. In den ,An- j Berückflchtigung diefer Myftik in den Gebeten Schwenck-
hängen' werden außerdem noch einige lateinifche und felds und der Schwenckfeldianer ermittelt, während im
englifche Fragmente beigefügt, die die Gefchichte der allgemeinen folche Einwirkung erft feit der zweiten Hälfte
Liturgie beleuchten fowie Teile aus /Elfrics ,Priefter- j des Jahrhunderts nachzuweifen ift. Aber daß die litera-
auszug'. rifche Beeinfluffung als folche für die Einwurzelung jener

Die Kirchenhiftoriker werden dem Herausgeber fomit j myftifchen Frömmigkeit auf lutherifchem Boden von fehr
für feine wertvolle Veröffentlichung nicht weniger Dank großer Bedeutung gewefen ift, wie die katholifchen Ge-
wiffen als die Angliften, zumal der Herausgeber die i betbücher überhaupt, und insbefondere die jefuitifchen,
mühe- und entfagungsvolle Aufgabe mit großem Scharf- j auch in anderer Beziehung die evangelifche Gebetsliteratur
Ann und guter Sachkenntnis aller einfchlägigen Fragen i ftark beeinflußt haben, dafür hat A. den überzeugenden
bewältigt hat.

Unfere Kenntnis und Würdigung der Perfönlichkeit
/Elfrics und auch fein Verhältnis zu Wulffige, demBifchof
von Sherborne, und Wulfftan, dem Bifchof von Worce-
fter und dem Erzbifchof von York erhalten vielfach

Beweis geliefert. — A. hat eine Menge z. T. fchwer zugänglichen
Materials zufammengetragen und mit ebenfo
viel Scharffinn als Umficht bearbeitet — neben dem, was
er uns über die Gefchichte der evangelifchen Gebetsliteratur
zu fagen weiß, ift das über die katholifchen GeFörderung
. Vor allem zeigt fleh, daß der fleißige und ! betbücher von Erasmus und Witzel über Fabri und Wild
gelehrte Abt kein felbftändiger Kirchenlehrer war, fondern zu Caniflus und Michaelis Gebotene von befonderem
nur altes längft bekanntes Wiffen feinem Volke vermitteln | Intereffe. So ift es äußerft dankenswert, daß die im

wollte. Er war vielleicht weniger Prediger als Predigten-
fchreiber und Kirchenlehrer und ift als folcher nicht entfernt
mit Beda oderAlcuin zu vergleichen. Neue Wege
hat er nicht eingefchlagen. Da er aber in der Trans-
fubftantiationsfrage den Standpunkt des Ratramnus
vertritt, der freilich damals noch nicht als ketzerifch galt,
hat die anglikanifche Kirche des 16. und U.Jahrhunderts
ihn als einen der ihrigen betrachtet und ihn immer wieder
als Kronzeugen für den Anglikanismus angerufen. Und
auch darin erfchien er als vorbildlich, daß er Predigten,
liturgifche Anweifungen, Pfalmen, Hymnen, das Credo,
das Pater Nofter ufw. in der Volksl'prache gab, worin
zugleich ein Argument gegen die lateinifche Liturgie
und für das englifche Prayer Book gefunden wurde.

Die ,Entftehungsgefchichte' und die ,Abfaffungszeit'
der Hirtenbriefe fowie das fchwierige Kapitel über die
,Quellen' find für /Elfric und die englifche Kirchenge-
fchichte von ganz befonderem Werte. Den angelfächfi-
fchen Texten ift eine deutfehe Überfetzung beigegeben,
wobei dem Herausgeber das Beifpiel Liebermanns in feinen
agf. Gefetzen vorgefchwebt hat. Diefes Verfahren ift
durchaus zu billigen. Soweit ich nachgeprüft habe, ift
die Überfetzung korrekt. Auf gutes Deutfch hat der
Überfetzer großes Gewicht gelegt, denn nur fo kann der
Lefer, dem das Angelfächfifche fremd ift, den vollen
Sinn erfaffen.

Göttingen. Lorenz Morsbach.

Reformationsfeftprogramm der Univerfität Leipzig veröffentlichte
Arbeit im vorliegenden Sonderdruck allgemein
zugänglich gemacht worden ift. Hoffentlich gibt
fie, dem Wunfeh des Verf. entfprechend, Anlaß zu eingehender
Unterfuchung der einzelnen vom Verf. ins Licht
gerückten Tatfachen und Probleme. Bei der Reichhaltigkeit
des verarbeiteten Materials und bei den zahlreichen
Verweifen von einem Autor auf den andern wäre es fehr
erwünfeht gewefen, wenn dem Sonderdruck wenigftens
ein Namenregifter, beffer auch noch ein chronologifch
geordnetes Verzeichnis der Gebetbücher, hätte beigegeben
werden können.

Halle a. S. K. Eger.

Frommel, Prof. Lic. Dr. Otto: Franz Theremin. Ein Beitrag
zur Theorie u. Gefchichte der Predigt. (VII, 311 S.)
gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1915. M. 7 —

Frommeis Monographie füllt eine Lücke. Zwar hat
keiner der neueren Hiftoriker der Predigtkunft Theremin
übergangen, und neben fchiefen und einfeitigen Urteilen
finden fleh, z. B. bei Sack und Nebe, auch treffende Bemerkungen
und finnige Würdigungen des Mannes. Aber
feine Eigenart fordert, und feine Bedeutung für Gefchichte
und Theorie der Predigt verdient eine gefonderte Behandlung
, wenn ihm volles Recht widerfahren Poll. Früh
von feinem Beruf zum Redner erfaßt und mit folchem Ernft
durchdrungen, daß er als Student fofort in Demofthenes
Althaus, D. Paul: Zur Charakteriftik der evangelifchen fein rednerifches Ideal erkennt und raftlos die Kunft diefes

Gebetsliteratur im Reformationsjahrhundert. (107 S.) 4» I frften Aeijfers zu erf"nden ™d an ihr fleh zu bilden
ucuciüiiwicuu, 1 1 üijT keine Anftrengung fcheut; alle Bildungselemente der

Leipzig, A. Edelmann 1914. M. 3.50 j Zeit erraffend und in den erkannten Beruf Hneinfpannend;

Die Arbeit ift nicht nur für die Liturgik vom größten j ausgeftattet mit einem feelifchen Empfindungsvermögen
Intereffe (fpezififch liturgifche Fragen treten fogar mehr i von erftaunlicher Feinheit und einem Marken Freiheits-
in den Hintergrund), fondern überhaupt für den Einblick gefühl der auf fich felbft geftellten Perfönlichkeit; voll
in die Gefchichte der evangelifchen Frömmigkeit während Begeifterung für die feelenbildenden Kräfte des Chriften-
des behandelten Zeitraums, die fich in der Gebetsliteratur I tums und die Pflicht, fie in Tat und Wirkung umzufetzen: