Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1915 Nr. 12

Spalte:

280-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Preuß, Hans

Titel/Untertitel:

Lutherbildnisse. Historisch-kritisch gesichtet und erläutert 1915

Rezensent:

Schornbaum, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

279

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 12.

280

Reichsgefchichte unter Kaifer Heinrich IV) gedrängt zu-
fammengeftellt hat, das will er nun nach faft 50 Jahren
in erweiterter Geftalt und unter Berückfichtigung aller
neuen Forfchungsergebniffe der wiffenfchaftlichen Welt
vorlegen. Er will den Nachweis führen, ,daß, im Bunde
mit dem reichsfeindlichen Papfttum und mit und neben
den Hauptvertretern des Widerftandes der reichsfürftlichen
Herren gegen die königliche Gewalt, Burchard II. von
Halberftadt eine fo hervorragende Rolle gefpielt hat, daß
wir wohl berechtigt find, ihn als eigentlichen Führer diefer
Partei anzufehen, der alle Fäden der in ihrer Wirkung
auch für unfre Zeit noch bedeutungsvollen Bewegung in
feiner Hand hielt'. So wie S. das beabfichtigt hat, mag
das Unternehmen an und für fich berechtigt fein. Eine
größere wiffenfchaftliche Bedeutung fehlt dem Büchlein
trotzdem. Freilich hat S. die neuere Literatur und Quellenpublikationen
reichlich ausgenützt, zumal foweit fie die
Reichsgefchichte angehen. Daß wir aber in den faft
50 Jahren feit S.s erfter Arbeit auch kirchengefchichtlich,
befonders kirchenverfaffungsgefchichtlich weiter gekommen
find, ift nur wenig berückfichtigt. Was z. B. im
Vorwort S. VI gefagt ift über Heinrichs IV. Gang nach
Kanofia, ift in diefer politifchen Nutzanwendung nicht übermäßig
gefchickt und hiftorifch betrachtet falfch. Man
braucht von keinem ,Siege Heinrichs IV. bei Kanofia' zu
fprechen, kann aber doch die außerordentliche Verbeffe-
rung der Lage für den König nach Kanoffa feftftellen.
Das Politifieren mit mittelalterlichen Perfönlichkeiten ift
überhaupt bedenklich. Es will mir garnicht einleuchten,
daß Burchard ,der von brennendem Ehrgeiz erfüllte Pfaffe'
genannt werden muß; ,Pfaffe' mit dem modernen unangenehmen
Beigefchmack (S. 33) war B. ficher nicht. Er
war ein glänzender Vertreter des reifigen geiftlichen Fürften
und Herrn, den man nicht mit dem Schimpfwort .Pfaffe'
niedriger hängen und einengen darf. Wenn der Sachfen-
fpiegel von ,papen' redet, tut er das allein im Rechtsfinne,
ein Werturteil liegt nicht darin. S. felbft ift in feinem
Gefamturteil dann auch vorfichtiger im Abwägen feiner
Worte (S. 167).

Unzulänglich Icheint mir die Behandlung der Palliumsverleihung.
Der abfonderliche Fall kommt auch in dem Briefe des Papftes zum Ausdruck
. Darüber ift nach C. B. Gf. v. Hacke (die Palliumverleihungen j
bis 1143, Göttingen 1898) von mir gehandelt in Archiv f. Urkunden-
forfchung III. S. 143 ff. beionders S. 146 f. Ich fehe die Sache im Grunde
nur wenig anders an und mache S. befonders darauf aufmerkfam, daß
wir es hier mit einer von der üblichen Formel des Uber diurnus Nr. 45
ganz abweichenden, vielleicht perfönlichen Meinungsäußerung des Papftes
zu tun haben. Der Papft fucht feine peinliche Lage durch eine mög-
lichft glänzende Stilifierung feine Briefes zu verhüllen. Darin bin ich
durchaus S.s Meinung. Anders fcheint mir die Äußerung S.s zu werten
zu fein, daß der Papft dem Erzbifchof Siegfried von Mainz feinen Wunfeh,
dem Burchard das Pallium und andere befondere Vergünftigungen wieder
zu nehmen, gar nicht erfüllen konnte, da er felbft (der Papft), jeden mit
dem Fluch der Kirche und dem ewigen Feuer bedroht, der gegen die
päpftlichen Verleihungen an Burchard und das Bistum Halberftadt vorgehen
würde'. Da überfieht S., daß nun der päpftliche Schreiber wieder
in die alte Formel gelangt ift, daß wir es hier mit einer ebenfo klangvollen
wie fachlich inhaltslofen Poenform, die fchon damals mit dem
fchönen Cursus növerit ineursürum zu fchließen begann, zu tun haben.

So könnte man aus der Gefamtheit der heutigen
Forfchung wohl noch mancherlei im einzelnen gegen S.s
Buch einwenden. Trotzdem ift eine folche Darftellung erfreulich
, die eine bedeutende Perfönlichkeit aus dem Dunkel
des Mittelalters und dem Zwielicht des Parteihaders hervorzieht
in das Licht hiftorifcher Erkenntnis. Wir können
mit S. zugeben, daß B. in dem Kämpfen feiner Zeit eine
nicht unbedeutende Rolle, vielleicht eine Führerrolle gefpielt
hat; fo ift auch S.s Buch in erfter Linie ein Beitrag
zur Kenntnis des mittelalterlichen Menfchen vor feiner
durch J. Burckhardt feftgelegten Entdeckung.

Leipzig. Otto Lerche.

Gilt Ich, Priv.-Doz. Dr. jur. Heinrich: Gottesurteile. (Voigt-
länders Quellenbücher Bd. 44.) (63 S.) kl. 8°. Leipzig 1
R. Voigtländer (1914). Kart. M. — 60 |

Die hugenottifchen Märtyrer von Lyon und Johannes Calvin.

Berichte u. Briefe, überf. v.Pfr. Rudolf Schwarz. (Bd. 40.)
(96 S.) kl. 8°. Leipzig, R.Voigtländer (1914). Kart. M.—80

Preuß, Lic. th. Dr. ph. Hans: Lutherbildnitfe. Hiftorifch-

kritifch gefichtet u. erläutert. Mit 36 Abbildgn. (Bd. 42.)

(60 S.) kl. 80. Ebd. (1914). Kart. M. —80

Myconius, Frdr.: Gelchichte der Reformation. Hrsg. v.

Prof. Dr. D. Otto Clemen. (Bd. 72.; (100 S.) kl. 8°.

Ebd. (1914). Kart. M. — 80

Kühn, Johannes: Luther und der Wormfer Reichstag 1521.

Aktenftücke u. Briefe, zufammengeftellt v. K. (Bd. 73.)

(121 S.) kl. 8°. Ebd. (1914). Kart. M. 1 —

Barge, Hermann: Der deutfehe Bauernkrieg in zeitgenöffilchen
Quellenzeugnilfen. Übertragen u. hrsg. l. Band. Vor-
fpiele zum Bauernkrieg. Bauernkrieg in Schwaben.
(Bd. 71.) (146 S.) kl. 8°. Ebd. (1914). Kart. M. 1.20

Glitfch gibt die Quellen bekannt, aus denen man
fich über die Art der Gottesurteile ein Urteil bilden kann.
Er behandelt die einfeitigen Gottesurteile, nämlich die
Feuerprobe (glühendesEifen, glühende Pflugfeharen, Durch-
fchreiten des Feuers), Wafferprobe (heißes und kaltes
Waffer), Probe des geweihten Biffens, Abendmahlprobe,
Giftordal der Neger, Bitterwafferordal der Juden, Bahrrecht,
Losordal, und die zweifeitigenGottesurteile:Zweikampfund
Feuerprobe. In einem Schlußabfchnitt behandelt er die Urkunden
, aus denen der fortfehreitende Kampf von Kirche
und Staat gegen diefe Urteile zu erfehen ift. Unfer Haupt-
intereffe an diefen Erfcheinungen ift das religions-gefchicht-
liche; diefes hätte eine Bereicherung erfahren, wenn auch
noch reichlicher die Gebete und Formeln zum Abdruck gekommen
wären, welche beim Vollzug der Urteile gebraucht
wurden. Die Frage der Umbildung durch den chriftlichen
Geift hätte da Beleuchtung erfahren. Vor allem find bei dem
billigen Preis auch die beigegebenen Bilder zu rühmen, die
fehr gut reproduziert find. — Schwarz bietet die Akten über
die hugenottilchen Märtyrer von Lyon d. h. über den
Ketzerprozeß fünf fudfranzöfifcher Studenten, die 1553 in
den Tod um ihrer Überzeugung willen gingen, und dann
andere zum gleichen Ausharren ermutigten. Das Büchlein
hat den Vorzug der Gefchloffenheit; man bekommt einen
guten Einblick in die Gedankenwelt jener Kreife. — Von
bleibendem Werte wird fein Band 41: Lutherbildniffe von
Hans Preuß. Hier find die Hauptfache die Bilder.
Preuß will zeigen, welche Wandlungen im Laufe der Zeit
unter den verfchiedenen Geiftesftrömungen das Lutherbild
genommen hat, eine Aufgabe, welche bisher noch
nicht in Angriff genommen wurde. Sie ift auch trefflich
gelöft worden. Der Forfchung find genug Richtpunkte
gegeben. Es handelt fich vor allem darum, den Lutherbildern
der einzelnen Jahrhunderte nachzugehen und zu
zeigen, ob fie einen gemeinfamen Typus tragen und wer
die Künftler waren, die ihnen diefen Charakter gegeben
haben. Vielleicht wird es fich zeigen, daß es nur einige
waren, die dann auf Jahrzehnte hinaus die ganze Bildkunft
in diefer Richtung beherrfchen. Die Reproduktion ift
vorzüglich; zum erftenmale geboten werden vier Bilder:
Eine Paufe zu den Lutherporträts der Jahre 1528/9, welche
vielleicht auf Hans Cranach zurück geht, gegenwärtig im
Mufeum zu Weimar; Luther als Pietift nach einem Stich
von A. Gründler (1742); Luther als Aufklärer, nach einem
Stich von I. M. Preißler in der Albertina zu Wien; Luther
als teutfeher Mann nach einem Stich von L. E. Grimm
1817. Die Einleitung orientiert kurz und bündig über
alle in Betracht kommenden Fragen; zu kritifchen Aus-
einanderfetzungen war natürlich kein Ort. — Clemen
macht uns die 1715 zum erftenmal von E. S. Cyprian
herausgegebene Reformationsgefchichte des Gothaer Super-
indentenden Fr. Myconius bekannt. Obwohl fie vielfach
nur bereits bekanntes enthält, zum Ende in eine Refor-