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Ausgabe:

1915 Nr. 12

Spalte:

273-276

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Boll, Franz

Titel/Untertitel:

Aus der Offenbarung Johannis. Hellenistische Studien zum Weltbild der Apokalypse 1915

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 12.

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hält, haßt feinen Sohn'. Der einzige Punkt des Zufammen-
treffens beider Texte liegt alfo in dem Stock. Daß daraus
kein literarifcher Zufammenhang der beiden Stellen abgeleitet
werden kann, ift doch ficher. Jener Satz des Papyrus
hat ferner in Prov. 23,13 die Parallele: ,Vorenthalte
einem Jungen nicht Zucht'. Aber abgefehen von der
Verfchiedenheit der Form ift die darin ausgefprochene
Regel eine fo allgemeine, daß fie auch auf unabhängige
Weife in zwei Literaturen auftreten konnte. Aber das ift
gewiß richtig vom Verf. beobachtet worden, daß, foweit
Parallelen in den Sentenzen des Achikar-Buches und des
AT. vorkommen, die althebräifche Parallele ein höheres
Niveau hat, mehr in der religiös-fittlichen Sphäre fich bewegt
. Doch auch ohne weitere Proben geben zu können,
darf ich das Gefamturteil ausfprechen, daß der Verf. eine
gediegene Arbeit geliefert hat. Übrigens mit feiner Annahme
, daß die Heimat der Achikar-Erzählung aus dem
babylonifch - affyrifchen Kulturbereiche ftammt (S. 76),
nimmt das von ihm nicht beachtete Moment zufammen,
daß Nadan, der Name jenes abfcheulichen Neffen von
Achikar, die bab.-affyr. Form des Zeitworts ,geben' (gegenüber
dem hebr. Nathan) zeigt: nadänu, z. B. belegt
bei Harper, The Code of Hammurapi, p. 174.

Bonn. Ed. König.

Boll, Franz: Aus der Offenbarung Johannis. Helleniftifche
Studien zum Weltbild der Apokalypfe. (2roiX£ia-
Studien zur Gefchichte des antiken Weltbildes u. der
griech. Wiffenfchaft. Hrsg. v. Frz. Boll. Heft I.) (VIII,
151 S.) gr. 8°. Leipzig, B. G. Teubner 1914.

M- 5 — i geb- M- 5-6°
Das Werk von Franz Boll bedeutet einen ganz wefent-
lichen Fortfehritt in der wiffenfehaftlichen Erforfchung
der Offenbarung Johannis. Die langjährige Befchäftigung
des Verfaflers mit entlegenen und entlegenften aftrono-
mifchen und aftrologifchen Texten des helleniftifchen
Zeitalters beginnt ihre reifen Früchte zu tragen, auch auf
Gebieten, auf denen man dies bisher kaum zu vermuten
gewagt hatte. Im erften Kapitel feines Buches gibt der
Verfaffer zunächft einen Überblick über diefe merkwürdige
helleniftifche Offenbarungs-Literatur mit Textproben und
einigen Hinweifen auf die in ihr überlieferten oder auch
nur befchriebenen Bildern. Befonders beachtenswert find
hier feine Ausführungen über die Formen der Offenbarung:
Ekftafe, Verkehr mit der Gottheit, Buchoffenbarung, kos-
mifche und tellurifche Vorgänge. Im folgenden Abfchnitt
behandelt B. im allgemeinen das Weltbild der Apokalypfe,
ich hebe hier den Abfchnitt über Buchftaben-Myftik und
Gottesnamen befonders hervor (S. 26—29).

Dann beginnt B. den Auslegungen der Einzelheiten
fich zuzuwenden. Schon in dem Abfchnitt ,der Sternbimmel
in der Apokalypfe' tritt die Fruchtbarkeit feiner
Forfchungsmethode in helles Licht. Ich hebe nur einiges,
mir befonders Einleuchtendes heraus.

Die Vorftellungen von dem Thron Gottes, die in der Apokalypfe
eine f0 große Rolle fpielen, weift B. in der Aftronomie des helleniftifchen
Zeitalters nach (Thronus Cäfaris, Plinius N. H. II 178). Die fchwer zu
erklärende Vorftellung der Apokalypfe, daß fich die Seelen der Märtyrer
««er dem Altar Gottes im Himmel befinden (6, gfi" ), findet darin ihre überragende
Erklärung, daß es ein Sternbild des Altars am füdlichen Himmel
™ der MilchftTaße gab. Diefes hatte auch den Namen raßieiov Vorratskammer
. Und fo erklärt fich wahrfcheinlich auch die Phantafie der Efra-
u"d Baruch-Apokalypfe von den Vorratskammern, in denen die Seelen
Weilen. Die Beziehung der vier Cheruben auf vier große Sternbilder in
Himmelsecken wird von neuem erhärtet und dadurch weitergeführt,
«aß der Adler, den man bisher nicht genau identifizieren konnte, auf den

egafiis (den Sturmvogel) gedeutet wird. Befonders intereffant ift der Hin-

«is B.s darauf, daß gerade diefe vier Sternbilder auch vier Hauptfterne des
. immels enthalten, nämlich Aldebaran (Stier), Antares (Skorpionmenfch),

eS"ulus (Löwe), Pegafus (a Adler), und feine Vermutung, daß dies dem-
fiernaß die vier Sternregenten find, die Firmicus Maternus in den Sternbildern

es Löwen, des Skorpions, des Waffermanns und des Stieres annahm.

u diefer weit verbreiteten Behauptung von vier, den vier Himmelsgegenden
entfprechenden Sternregenten, bitte ich meine Hauptprobleme

der Gnofis S. 339 zu vergleichen ; es ift dort der Nachweis geführt, daß
fowohl die perfifche Kosmogonie des Bundehesh wie auch die jüdifche
Apokalyptik (Henoch Kap. 82) diefe vier Führer der Sternenwelt kennt.
Auch an die quatuor luminaria der Barbelo Gnofliker bei Irenäus (I, 29)
und einiges andere (f. Hauptprobleme) wäre zu erinnern. Auf die Erklärung
des am Zenith fliegenden Adlers der Apokalypfe durch den

j Hinweis auf den Pegafus, als den Führer der Sterne, der deshalb am
Anfang der Welt und dem entfprechend auch am Ende kulminiert, kann
ich nur im Vorübergehen hinweifen, ebenfo wie auf die Beiträge zur Erklärung
des himmlifchen Jerufalems (Entfprechung von Sternbildern und
Edelfteinen.) Der Stern Wermut ift in der Apokalypfe giftig entgegen
aller Empirie, weil die Wermutpflanze dem Sternbild des giftigen Skorpions
eignet. Das Lamm in der Apokalypfe mit feinen fieben Augen
und fieben Hörnern, hängt doch wohl irgendwie mit dem Sternbild des
Widders, dem Anführer des Tierkreifes zufammen, und die fieben Augen
und fieben Hörner des Lammes entfprechen vielleicht der angenommenen
Zahl der Sterne diefes Bildes. Wenn Chriftus der Morgenftern genannt
wird, fo ift der Venus-Stern der alle am Himmel überftrahlende, und
diefe Benennung bedeutet alfo etwa dasfelbe, wie wenn Chriftus in der

I alten Chriftenheit als Sonnen-Heros gepriefen und fein Kult dem des

| Sonnengottes gleich gefetzt wird. Dem hätte ich nur hinzuzufügen, was
ich fchon in meinem Kyrios S 337 ausführte, daß gerade in der Um-

| gegend Paläftinas der Morgenftern als eine männliche Gottheit refp. als
das Symbol einer männlichen Gottheit betrachtet wird und daß er in
enger Beziehung zum Dionysos Dusares fleht, deflen Kult vielleicht von
großem Einfluß auf das Milieu der alten Chriftenheit gewefen ift. So
würde fich die Übertragung leichter erklären, als wenn man an den
Stern der Venus Ifchtar denkt. Wieder eine andere Erklärung erfordert
die Weisfagung, daß Chriftus den Gläubigen den Morgenftern fchenken
wolle. Mit Recht erinnert B. hier an die im helleniftifchen Zeitalter
herrfchende magifche Vorftellung von den Magiern, daß man durch
Zauber Sterne herunter zwingen und fich dienftbar machen könne. Er
hätte diefe Vorftellung vielleicht noch genauer herausarbeiten können,
wenn er auf die Zoroafler-Sage in den pfeudo-clementinifchen Homilien
IX, 4 aufmerkfam geworden wäre, Zoroafter habe einen herrfchenden
Stern vom Himmel herunter gezwungen, damit er ihm das Feuer der
Herrfchaft (rd nvQ rijg ßaatXelag) verleihe. Wenn Chriftus hier den
Gläubigen den Belitz des Morgenfternes verheißt, fo verheißt er ihnen
nicht bloß einfach zauberifche Macht, wie Boll meint, fondern den Empfang
der wunderbaren Gottesherrfchaft. Befonders intereffant war mir
hier, daß auch B. (49, 1) die Myfterien-Sprache, namentlich in den Schlüffen
der apokalyptifchen Sendfehreiben ftark betont. Zu dem Rätfel-Wort vom
zweiten Tod wäre etwa noch Plutarchs de facie in luna Kap. 28 heranzuziehen
. Das merkwürdige Bild vom Menfchenfohn im erden Kapitel
der Apokalypfe und verwandte Stellen erklärt B. vortrefflich durch den
Hinweis auf vielfache Darftellungen der aftronomifchen Götter (Dekane)
ufw. und weift die Parallele bis ins einzelne nach. Daß bei den betreffenden
Vifionen im Daniel und in der Apokalypfe Götterbilder Modell gestanden
haben, vermutete ich bereits feit lange und begrüße die exakten Nachweife
von B. mit großer Freude.

Einen befonders wichtigen Einblick in die Art des
Apokalyptikers, feine Schrift zu komponieren und feine
Schemata zu gewinnen, bringt uns das folgende Kapitel.
B. geht in ihm von der fchon lange gemachten Beobachtung
aus, daß in der Schalen- und Pofaunen-Vifion dasfelbe
vom Apokalyptiker übernommene Schema zweimal
benutzt und in verfchiedener Urfprünglichkeit erhalten fei.
Er weift zunächft eine Parallele in der hippokratifchen
Schrift über die Sieben-Zahl (um 450 v. Chr.) nach, in
welcher die fieben refp. acht Teile des Menfchen mit den
fieben, refp. acht Weltelementen in Verbindung gebracht
werden. Diefe Parallelen fcheinen allerdings ja zeitlich
und fachlich weit auseinander zu liegen. Aber mit einer
überrafchenden neuen Parallele kommen wir unmittelbar
in die Nähe des Apokalyptikers. Das flavifche Henoch-
Buch läßt (Kap. 8) den Urmenfchen aus fieben refp.
wiederum acht Weltelementen gefchaffen fein und die
Parallele zwifchen dem Siebener-Schema im Henoch-Buch
und in den Apokalypfe ift offenkundig. Legen wir die
Quellen zufammen, fo ergibt fich etwa nach Bolls Re-
konftruktion das Schema: 1. Erde mit Grün, 2. Salzflut,
3. Süßwaffer, 4. Sonne und Feuer, 5. Felfen, 6. Wolken,
Dünfte und Engel, 7. Luft. Ich bin in der glücklichen
Lage, diefe glänzende Kombination noch etwas weiter
führen zu können. Ein Blick in das Schema felbft zeigt
nämlich, wie es entftanden ift. Die einzelnen Elemente
der üblichen hellenifchen Anfchauung haben einfach mit
Ausnahme des Feuers eine Verdoppelung bekommen. Die
Nummern 1 und 5; 2 und 3; 6 und 7 gehören paarweife zufammen
. Zu der Nebeneinanderordnung von Luft, Wind (=
Wolken), Engeln (Geiftern) vgl. man noch meine Hauptprobleme
S. 228. Daß das Element des Feuers nicht verdoppelt