Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1915 Nr. 11

Spalte:

258-259

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vermeersch, Arthur

Titel/Untertitel:

Die Toleranz 1915

Rezensent:

Hoensbroech, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

257

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 11.

258

Bei den vielen Experimenten, denen unfere Kinder io
fchon ausgefetzt werden, möchte man fie doch mit der
Pfychoanalyfe wenigftens verfchonen.

St ekel, dem wir eine Anzahl guter klinifcher Abhandlungen
verdanken, verläßt hier den Weg ftreng wiffen-
fchaftlicher Darftellung, bedient fich einer künftlerifchen
Ausdrucksform, die er meifterhaft handhabt, und unternimmt
es, dem Gefunden und dem Kranken zu zeigen,
auf welchen Wegen nervöfe Symptome zu Stande kommen
und was man felbft zu ihrer Heilung tun kann. Mit Recht
ftellt er an die Spitze feiner Erörterungen die Tatfache,
daß die meiften Neurofen feeIifche Störungen find, und
fo ift fein Buch, wie er felbft fagt, eine ,neue Diätetik der
Seele'. Der Arzt ift ihm nicht einfacher Arzneiverfchreiber
und Behandler einzelner Organe, fondern er foll Erzieher,
Beichtvater und Lehrer der Menfchen werden. Stekel,
den guten klinifchen Beobachter, braucht man nicht vor
der Gefahr zu warnen, die andere naturwiffenfchaftlich-
ärztliche Seite zu vernachläffigen; viele kleinere Geifter
mögen aber doch darauf achten, über Pfychoanalyfe und
Seelenbehandlung nicht zu vergeffen, daß eine gefunde
Seele nur in einem gefunden Körper wohnen kann.

Stekel ift über die Anfchauungen der engeren Freud-
fchen Schule hinausgewachfen, und man lieft mit Genugtuung
, daß die Pfychoanalyfe auch noch andere ver-
fchlungene Fäden der menfchlichen Seele entwirren kann,
nicht nur die, welche unabweislich zum Sexualerlebnis hinführen
. Und Stekel ift weiter erfahren genug, um nicht die
ganze Prozedur der Pfychoanalyfe an jedem Patienten anwenden
zu wollen. Als guter und feiner Menfchenkenner
Tagen ihm kleine Züge genug, aus denen er jetzt Bilder geformt
hat, die er Gefunden und Kranken als Spiegel vorhält.
An dem Ich der Kranken fetzt er den Hebel der Erkenntnis
an; von hier aus muß die Einftellung des Neu-
rotikers zur Umwelt betrachtet werden. Und er zeigt aus
quälenden Affekten und Erlebniffen des Alltags, wie immer
wieder die neurotifchen Symptome aus einer falfchen Einftellung
des Individuums zur Umwelt refultieren und daraus
korrigiert werden können.

Der Arzt und der Patient, Gefunde und folche, die
gefund werden wollen, mögen aus dem Buch manchen
Fingerzeig und manche gute Lebensbetrachtung fchöpfen
und fich außerdem des Genuffes einer guten, die Sprache
liebevoll beherrfchenden Darftellung erfreuen.

Chemnitz. Weber.

Puchs, Pfr. Lic. Emil: Ewiges Leben. (Religionsgefchicht-
liche Volksbücher. V. Reihe, 12. Heft.) (44 S.) 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1913. M. — 50; geb. M. — 80
wendland, Prof. DJ.: Die neue Diefeitsreligion. (Religions-
gefchichtlicheVolksbücher. V.Reihe, 13.Heft.) (48 S.)
8°. Ebd. 1914. M. —50; geb. M. —80

Das Büchlein von Fuchs ift eine unbefangene und
minfinnige Paränefe über den Unfterblichkeitsglauben an
9Jf Gebildeten unter feinen Beftreitern und Verächtern.

Auflöfung der Selbftverftändlichkeit diefes Glaubens
Bellt uns grade erft vor feine ungeheure Größe und feinen
yollen Ernft. Mit dem fittlich und religiös bedenklichen
,Yf.r&reftungsglauben darf er nicht verwechfelt werden.
(Hier hätte Fuchs m. E. dem Entfcheidungsernft, der fich
lm chriftlichen Vergeltungsglauben ausfpricht, mehr gerecht
werden können.) Bei der Unvorftellbarkeit des
^wigen gibt es in diefem ,prophetifchen Lehrftück' — wie
^cnleiermacher fagt — irgendwelche bindende Vorftell-
Hngen im einzelnen nicht. ,Chriftlicher' Ewigkeitsglaube
, ""- bei Paulus — ,die innere Ergriffenheit vom Wert
es Seelenlebens Jefu und die Sehnfucht mit diefem gei-
gen Wert mehr und mehr eins zu werden'. Alfo Glaube
" qas vollendete Geiftige, das eben als vollendetes ein
w'ges ift. Seine Vollendung aber ift perfönliches Leben;

fo allein ftellt das Geiftige wirklich einen Wert dar. Nach
folcher Vollendung fich ausftrecken, ift natürlich nicht
Selbftfucht. Die naturwiffenfchaftliche Gefetzeswiffenfchaft
dagegen mit ihren Einwänden reicht an diefes ganze Gebiet
der inneren Tatfächlichkeiten nicht heran.

Auf 44 Seiten kann Wendland die ganze Fülle der
hier anklopfenden Probleme natürlich nicht erfchöpfen.
Aber eine vortreffliche Hervorhebung des Hauptfäch-
lichften, worauf es hierbei ankommt, haben wir in diefem
Heftchen; und das ift es auch, was von den Lefern der
Volksbücher gefucht wird. Es wird deutlich, wie es fich
hier nicht eigentlich um Religion handelt, fondern um
eigentümliche kulturelle Lebensftimmung, wo deren Ein-
feitigkeiten liegen, und was fie, wenn es fich in den rechten
Maßen hält, Beachtliches gegen überlieferte Einfeitigkeiten
vertritt.

Je deutlicher aber diefes Heftchen nicht mehr ift als eine erfte
Handleitung zur Behandlung der Fragen, um fo lebhafter muß fich bei
dem rechten Lefer — d. h. bei einem folchen, der nach der Lektüre
diefes Büchleins nicht fertig fein, fondern nun gerade ernftlich anfangen
will, — das Bedürfnis regen, nun auch weiter literarifch beraten zu wer-
deD. Das zuerft genannte Büchlein von Fuchs gibt da als Anhang doch
einige Fingerzeige; hier liegen fie höchftens in der Literatur der Anmerkungen
, die aber nur Vertreter der Diesfeitsreligion, nicht Auseinander-
fetzungen mit ihr nennt. Bei der ftarken Neigung zur Oberflächlichkeit
auch unter unferen Gebildeten kann garnicht genug gegen die Vorftellung
gefchehen, als ob man nach einem Stündchen und 44 Seiten über einen
Gegenftand von folcher Tragweite zur Genüge orientiert fei. Vielleicht
ift es fogar richtiger, wenn die Dinge fo kurz behandelt fein müffen, wie
z. B. in den Heftchen von Fuchs und Wendland, den Lefer anftatt mit
einigen fertigen Antworten mit einem wirklichen Bewußtfein für die Tiefe
der Probleme zu entladen.

Gnadenfeld. Th. Steinmann.

Vermeerlch, Prof. Dr. jur. et rer. pol. Arthur, S. J.: Die
Toleranz. Deutfche Ausg. von DD. Albert Sleumer.
(XXVI, 334 S.) 8°. Freiburg, i. B., Herder 1914.

M. 3.50; geb. M. 4.50

Es liegt ein faft farkaftifch wirkender Reiz darin, ein
von einem belgifchen Jefuiten über,Toleranz'geschriebenes
und gerade jetzt durch Überfetzung dem deutfchen Volke
zugänglich gemachtes Buch zu befprechen. Diefer Reiz
wird nicht gemindert durch den Inhalt des Buches. Ich
kenne mich in der jefuitifch-ultramontanen Literatur gut
aus. Aber feiten ift von diefer Seite ein Buch mir in die
Hände gefallen, in dem fo dreift gefälfcht wird, wie in
dem Vermeerfch-Sleumerfchen. Einige Beifpiele:

Auf S. 131 (im franzöf. Original S. 158) heißt es: ,Wenn fie [die
Kirche] fah, daß ihre Mahnungen und Heilmittel nichts fruchteten, erklärte
fie, daß fie nichts mehr tun könne, und indem fie dann das Verbrechen
des Irrglaubens als gegeben erachtete, lieferte fie die Unver-
befferlichen der weltlichen Macht aus, genau fo wie es in einem Rechtsverfahren
mit Geiftlichen oder anderen exemten Perfonen gefchah, die
des Betruges, des Raubes, des Mordes oder eines andern Verbrechens
gegen das gemeine Recht überführt worden waren. Dies ift der Gedankengang
der Dekretalien, des Konzils von Konftanz und
des h. Thomas'. Dabei wird Thomas von Aquin ,zitiert': S. theol.
2, 2, qu. 2, a.: ,Die Kirche verflicht zuerft die Bekehrung der Irrgläubigen
; wenn fie an diefer verzweifelt, überläßt fie diefelben der weltlichen
Macht'. Schlägt man die ,zitierte' Stelle nach, fo findet man zunäehft,
daß foimell falfch zitiert ift; denn es handelt fich nicht um queftio 2,
fondern um queftio II. Doch das ift nebenfächlich. Hauptfache ift, daß
Verfaffer und Überfetzer die Worte, die den wahren Gedankengang'
von Kirche und Thomas von Aquin wiedergeben, fälfchend unter-
fchlagen. Die Stelle bei Thomas heißt nämlich richtig zitiert: ,Wenn
der Ketzer hartnäckig befunden wird, forgt die Kirche, auf fein Heil
nicht mehr hoffend, für das Heil der Anderen; trennt ihn durch die
Exkommunikation von fich und Uberläßt ihn außerdem dem weltlichen
Gerichte, um ihn durch den Tod aus der Welt zu tilgen: et
ulterius relinquit eum judicio saeculari, a mundo exterminandum
per mortem (S.S. 2, 2, qu. 11, a 3). Alfo gerade die Worte, wodurch
Thomas die Abficht der Kirche bei Überlaffung des Ketzers an
das .weltliche Gericht', nämlich feine Tötung, klar hervorhebt,
werden in dem .Zitat' unterdrückt. Die gleiche Fälfchung in bezug auf
den gleichen Thomastext wiederholt fich auf S. 142 (franzöf. Original
S. 170), mit der Verfchärfung, daß, um das .Zitat'gewichtiger erfcheinen
zu lallen, außer Anführungszeichen, noch hinzugefügt wird: ,dies find
die Worte des hl. Thomas: Celles sont les expressions de S. Thoma'.
Allerdings, die Fälfchung wird Wahrheit, wenn Verfaffer und Überfetzer,
entfprechend der ultramontanen Lehre über Mentalreftriktionen, den