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Ausgabe:

1915 Nr. 11

Spalte:

255-257

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stekel, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das liebe Ich. Grundriß einer neuen Diätetik der Seele 1915

Rezensent:

Weber, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 11.

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chen G. manche gelegentliche Bemerkungen namentlich
aus feiner feelforgerifchen Erfahrung eingeflochten hat,
die dem angehenden Prediger anfchauliche Belehrungen
zu geben geeignet find. Gern lieft man auch, was dort
von einer Reihe bedeutender Männer, zu denen er in
Beziehung getreten ift, gefagt wird. Zu ihnen gehören
u. a. Kahler, Tholuck, Hofmann, Thomafius, Delitzfch,
Kögel, Braun, Wangemann. Diefe haben in der zweiten
Hälfte des vorigen und z. Tl. auch noch im Anfang
unferes Jahrhunderts eine Bedeutung gehabt, an die man
fleh gern durch den Eindruck erinnern läßt, den fie auf
den Erzähler diefer Lebensfkizze gemacht haben.

Göttingen. K. Knoke.

Jerutalem, Wilhelm: Einleitung in die Philofophie. 5. u.

6. Aufl. 7. bis 9. Tauf. (XIV, 402 S. m. Bildnis.) 8°.
Wien, W. Braumüller 1913. Geb. M. 7 —

Die vorliegende neue Doppelauflage des altbewährten
anfprechenden Einleitungswerkes von Jerufalem weift eine
ziemlich bedeutende Erweiterung auf. Die tiefgreifendfte
Umarbeitung erfuhren die Abfchnitte über Soziologie,
Philofophie der Gefchichte und Pädagogik. Der Verfaffer
fuchte die modernften Tendenzen auf diefen Arbeitsgebieten
in feiner Darftellung zu berückfichtigen. Auffällig
ift nur, daß er z. B. feinen Landsmann Ratzenhofer unter
den Soziologen gar nicht einmal nennt. Auch follte bei
der Befprechung pädagogifcher Fragen der Ideen gedacht
werden, die in den Begründern der .Landerziehungsheime'
wirkfam find. Daß Bergfons Intuitionismus in dem er-
kenntnistheoretifchen Kapitel eine befondere Würdigung
erhält, bedeutet eine dankenswerte Zugabe. Das Glanz-
ftück in diefem Buch dürfte aber ein altes Erbe aus den
früheren Auflagen fein, die originelle biologifche Theorie
des äfthetifchen Schaffens und Genießens. Das biologifche
Moment macht fleh auch in anderen Lehren des Ver-
faffers bemerkbar. Allemal ift es aber durch idealiftifche
Motive veredelt und trübt nicht die Objektivität in der
Charakteriftik anderer Standpunkte.

Königsberg i. Pr. Kowalewski.

Pfifter, Pfr. Sem.-Lehr. Dr. Osk.: Die prychoanalytifche Methode
. Eineerfahrungswiffenfchaftlich-fyftemat.Darftellg.
Mit e. Geleitwort v. Prof. Dr. S. Freud. (Pädagogium.
Eine Methoden-Sammlg. f. Erziehg. u. Unterricht. Unter
Mitwirkg. v. E. Meumann hrsg. v. Osk. Meßmer. i.Bd.)
(VIII, 512 S.) gr. 8°. Leipzig, J. Klinkhardt 1913.

M. 11—; geb. M. 12.50 | das ärztliche diefer Abhandlungl Aber der Verf. will ja

Aber der Verf. will ja hauptfächlich eine Anwendung
des Freudfchen Verfahrens für die Erziehung, befonders
des Charakters, für die Seelforge und anderer in das Gebiet
des Geiftlichen und Lehrers fallender Aufgaben zeigen.
Dazu ftimmt etwas merkwürdig, daß man auf Schritt und
Tritt Beifpielen gelungener pfychoanalytifcher Behandlung
und Heilung von hyfterifchen, katatonifchen und
anderen Symptomen begegnet. Ich habe — gleichfalls
in diefen Blättern — fehr fcharf meine Meinung dahin aus-
gefprochen, daß der Arzt durchaus nicht den Priefter und
Seelforger erfetzen kann; ich muß aber anderfeits ebenfo
deutlich betonen, daß den Geiftlichen oder Lehrer die
Behandlung echt krankhafter Symptome gar nichts angeht
; auch eine noch fo gründliche pfychologifche Bildung
, auch nicht an der Hand der Freudfchen Lehre,
wird ihn hier vor Mißgriffen bewahren; deshalb halte ich
die Abficht des Buches, die Lehrer in diefer neuen Kunft
zu unterrichten, fchon deshalb für verfehlt, weil viele
Lehrer fchon von Haus aus eine allzugroße Neigung zur
Kurpfufcherei befitzen. Abgefehen von diefen mehr formalen
Gefichtspunkten halten die zahlreichen ,Heilungen'
des Verf.s aber auch einer fachlichen Kritik nicht Stand.
Er beruft fleh immer darauf, daß die Gegner der Pfycho-
analyfe diefe bekämpfen, ohne fle praktifch zu kennen.
Das ift nicht wahr; ich z. B. kenne die ganze Freudfche
Lehre theoretifch und praktifch fchon feit vielen Jahren,
wenn ich darüber auch nicht zahlreiche Publikationen
vom Stapel gelaffen habe. (Ich habe aber immerhin fchon
1909 eine kritifche Darfteilung der Lehre gegeben). Und
ich kann nur aus den Erfahrungen der Praxis fagen, daß
folche Schnellheilungen, wie fie der Verf. berichtet, wenig-
ltens als Dauerheilungen, weder bei der Freudfchen
noch mit einer anderen Methode vorkommen, obwohl ich
ein fehr großes Material fowohl in der Anftalts- wie in
der Privatpraxis gefehen habe. Übrigens gibt auchStekel,
ein eifriger Anhänger Freuds zu, daß die therapeutifchen
Erfolge fehr gering find. Außerdem wirft der Verf. anderen
, z. B. dem Neurologen Dubois vor, daß er höch-
ftens einzelne Symptome behandle; ja was tut er denn
anders, wenn er bei einem Mädchen, das nach feiner Diag-
nofe an Hyfterie leidet, Magenfchmerzen befeitigt, aber
die Hyfterie oder gar die Epilepfie, die fich dahinter
verbirgt, bleibt beftehen. Im übrigen zeigt gerade die
Diagnoftik des Verf.s, daß er fich da auf ein Gebiet begibt
, von dem er nichts verfteht; das find gar nicht alles
Hyfterien, was er hier zufammendiagnoftiziert. Von dem
Vorwurf, daß er fich auf Gebiete begibt, die ihn nichts
angehen, und andere auch zu diefer Kurpfufcherei anzuleiten
verfucht, befreit ihn auch nicht die gelegentlich
eingeflochtene Bemerkung, daß der Pädagoge einen Arzt
zu Rate ziehen müffe; er tut es ja felbft nicht. So weit

Stekel, Nervenarzt Dr. Wilhelm: Das liebeich. Grundriß
einer neuen Diätetik der Seele. (XII, 227 S.) 8°. Berlin,
O. Salle 1913. M. 3 —

den Wert der Pfychoanalyfe für die Erziehung zeigen.
Ich kann von einem erzieherifchen Erfolg nicht viel bemerken
, wenn als Refultat ihrer pfychoanalytifchen Aufklärung
ein 15 72 jähriges Mädchen, die fich einen ,fehr un-

Das Buch des Züricher Pfarrers und Pädagogen gibt j genierten Ton herauszunehmen gewohnt war', ihrer Mutter
eine ausführliche Darfteilung der von Freud inaugurierten ! Verliebtheit vorwirft. Im Übrigen muß ich bezüglich des
Pfychoanalyfe, ihres Wefens, ihrer Technik und ihrer An- ; erzieherifchen Wertes der Pfychoanalyfe wiederholen, was
Wendung für wiffenfchaftliche und praktifche Zwecke der ' ich an anderer Stelle gefagt habe: das Aufdecken und
Pädagogik, wofür der Verf. das Wort ,Pädanalyfe' geprägt i immer wieder Erörtern auch der feinften Seelenregungen,
hat. Die Freudfchen Theorien und die auf ihnen ba- j das Breittreten unbedeutender Tagesereigniffe und Wieder-
fierenden literarifchen Arbeiten find in diefen Blättern ! holen und Befprechen der Träume, die doch für die gei-
fchon öfter befprochen worden, fo daß fie als bekannt I ftige Tätigkeit des wachen Menfchen fehr unwichtig find,
vorausgefetzt werden können. In den Hauptgefichts- ! kann als allgemeine erzieherifche Maßnahme nur Schaden
punkten weicht der Verf. auch nicht von den Freudfchen ! ftiften; es führt zu einer Wichtigtuerei und eitler Selbft-
Anfchauungen ab; er verfucht nur wieder eine neue Deu- j befpiegelung und — einerlei ob es fich um fexuelle Dinge
tung und Definition einzelner Begriffe, z. B. der .Sexualität', handelt oder nicht — zu einer feelifchen Schamlofigkeit;
der .Libido', der ,Sublimierung'; im Zufammenhang damit, j denn das ift es, wenn ich von jemand die Aufdeckung
daß auch von anderen Vertretern der Freudfchen Rieh- I feiner letzten verborgenften feelifchen Regungen fordere,
tung, befonders von Jung, immer wieder an diefen Be- 1 Im übrigen hat fich ja gerade zu diefem Thema der
griffen herumgedeutet wird, darf man wohl fagen, daß Kinderpfychologe Stern, in einer Kritik der Freudfchen
dies eine gewiffe Schwäche der ganzen Theorie bedeutet. '< .klaffifchen'Analyfe eines Fünfjährigen, genügend geäußert.