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Ausgabe:

1915

Spalte:

246-248

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herford, R. Travers

Titel/Untertitel:

Das pharisäische Judentum in seinen Wegen u. Zielen dargestellt 1915

Rezensent:

Beer, Georg

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Tbeologifche Literaturzeitung 1915 Nr. II.

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Die Arbeit ift ausgezeichnet durch ftreng wiffen-
fchaftliche Behandlung des Themas. Man vergißt bei der
Lektüre faft völlig, daß ein katholifcher Forfcher fchreibt.
Die einfchlägige Literatur ift forgfältig und im Ganzen
mit ruhig abwägendem Urteil benutzt. Wefentlich Neues
bringt D. freilich nicht, doch hat Verf. das wohl auch
nicht angeftrebt. Der Abfchnitt .Gebetsinhalt' ift im Verhältnis
zur Bedeutung diefes Themas im Rahmen des
Ganzen etwas zu knapp gehalten. Befonders über das
Lob- und Dankgebet ließe fich mehr fagen. Die enge
Verwandtfchaft der at. Pfalmen und der babylonifch-
ägyptifchen Gebete in Stil und Sprache hätte in einem
befonderen Kapitel vorgeführt werden follen.

Im Einzelnen wird man hier und da Fragezeichen machen muffen.
Jud. 9,27 kann nicht mit Num. 23,6 in Parallele geftellt werden zum Beweis
dafür, daß Fluch und Segen nach Opferkommunionen ausgefpro-
chen wurden (S. 43). Die Szene in Sichern ift vielmehr mit der Jef. 28, 7 ff.
£u vergleichen. — Die von D. vorgetragene Erklärung von Pf. 109
(S. 48) ift trotz Berufung auf Zorell's Verfuch, die alte Beziehung von
V. 6—19 auf die Feinde des Beters zu retten, unhaltbar; V. 16 und 20
beweifen, daß auch das große Mittelftück vom Pfalmiften gefprochen zu
denken ift. — Zur Erklärung der jüdifchen Sitte des Gebetsmantels
(S. 54 f.) verweift D. auch auf Marti, der die Sitte, mit verhülltem Haupt
zu beten, darauf zurückführen wollte, daß der Betende fich urfprilnglich
in den Ephod gehüllt habe. Aber Marti hat diefe unmögliche Erklärung
in der 5. Auflage feiner Bibl. Theologie felber zurückgezogen. — S. 58
wird die Erzählung vom Ablegen des Schmuckes Ex. 33, 5 f. ohne weiteres
mit der vom Auszuge Ex. 3, 21 f., 12,35b zu einer Einheit verbunden.
Diefe Art Harmoniftik widerfpricht dem wiffenfchaftlichen Stande der
Sagenforfchung und follte endlich verfchwinden. — Ex. 32, 25 fpricht
nicht für die Sitte kultifcher Nacktheit (S. 60); D. hätte diefe
exegetifch durch nichts gerechtfertigte Erklärung von S"iB nicht aus
feinem Auffatz Bibl. Zeitfchr. 1907, 352 ff. wiederholen follen. — Gen. 12, 8
und 13,3b handelt es fich nicht um das Auffuchen von Bergen zu Gebetszwecken
(S. 61). — In dem Zufammenhang von S. 62 (über Gebets-
ftätten) hat die Bemerkung über den Glauben der Babylonier an Schutzgötter
der Flüffe keinen Sinn. Diefer heidnifche Glaube hätte übrigens
eher gegen die Anlage von Synagogen an Flüffen gefprochen. — Ez. 8, 16
darf nicht in der Art, wie D. es S. 83 macht, verallgemeinert werden.
Das Beten der halbheidnifchen Zeitgenoffen des Propheten mit dem Geficht
gegen Offen ftand wohl nicht im beabfichtigten Gegenfatz zur üblichen
Kibla, fondern hing mit dem importierten Sonnenkult zufammen.
Die Orientation des Tempels von Jerufalem follte nicht die im alt-
orientalifchen Sonnenkult gebrauchliche Kibla und diefen felbft aus-
fchließen, fondern war einfach die notwendige Folge davon, daß diefes
Heiligtum die Idee der Einwohnung des Himmels- und Sonnengottes
Jahwe verkörpern follte. — Pf. 5,4, 57,9 und 88, 14 wird nicht das
Gebet am frühen Morgen ,empfohlen', und Sap. Sal. 16, 28 wird die
bereits feftftehende Sitte des Frühgebets aus Ex. 16,21 durch alexandri-
nifche Allegoriftik als göttliche Ordnung begründet. D. hat fich hier
anfcheinend durch Fritzfche's Exegefe von Sap. 16,28 beeinfiuffen laffen.
— Die allmähliche Erfetzung des rituellen Opfers durch das Gebet ift
fchwerlich durch Hof. 14,3 veranlaßt worden, wie D. S. 65 behauptet.
Auch feine Erklärung der Sitte des Mittagsgebets aus der Furcht vor
dem Pf. 91,6 erwähnten ,Dämon des Mittags' leuchtet nicht ein. Es
bätte genügt' auf O. Holtzmann's erwägenswerten Erklärungsverfuch hinzuweifen
(ZrltW II, 104). — Daß das häusliche Gebet namentlich
«achts verrichtet wurde (S. 68) ift zuviel behauptet und jedenfalls nicht
durch die poetifchen Wendungen Pf. 42,9, 63,5 b 92,3, 149,5 zu beweifen
. — Unter den Stellen, die für at. Gebrauch der Anrede,Vater'
im Gebet fprechen, wäre vor allem Pf. 89,27 zu nennen, wo 13« in
Parallele fleht mit deu konventionellen Anrufformeln 15s und inSI|«jl ^is.
~~ D.s Ausführungen über die Kopf- und Armtephilla find unklar.
Ex> 13,9 und 16 und die Parallelen in Deut, fetzen den Gebrauch von
Amuletten voraus und find ein Verfuch, diefe Reffe uralten Heidentums
dern geiffigen Charakter der Jahwereligion anzupaffen. Daß fie von
Baus aus apotropäifchen Wert hatten, kann doch nicht geleugnet werden
aagefichts der Tatfache, daß fich noch das fpätere Judentum deffen bewußt
gewefen ift. Die Vorftellung, Gott felber trage die Thephillin,
Jprieht nicht dagegen. Wann diefe alten Amulette ihren jetzigen Schrift-
'nhalt erhalten haben, wiffen wir nicht. Steuernagel's rationaliftifche Erklärung
von Ex. 13,9 ufw. halte ich nicht für richtig. — Pf. 143."
!teht im hebr. Text IWlT "TOttJ )SVl)>, nicht wie D. überfetzt: ,will
lch meine Hände erheben'; das Zitat paßt alfo nicht in den Zu-
'jmmenhang S. 90. Bei diefer Gelegenheit verweift D. auf Stades Ausladungen
über den Namenzauber im Glauben der älteften Zeit, Bibl.
theo]. §25,1; aber diefe treffen gar nicht den Gebrauch der Formel
fUm feines Namen willen', zumal nicht in Pf. 143, weil nach der Gefamt-
altung des Liedes jede Vorftellung von magifcher Wirkung ausgefchloffen
In der Wendung: Errette refp. erhöre mich ,um deines Namens willen'
"-eichnet Dzi den dem augenblicklichen Gemütszuftande des Beters
gn''H-reChende" Inhalt feiner Gottesvorftellung, alfo Gottes Wefen als des
« adigen, hilfreichen Heilandes der Frommen. Stades Namentheorie,
oieru fie überhaupt für die at. Religionsftufe und befonders für die
aa0Jnm'gkeit der Pfalmendichter Geltung hat, wäre etwa im Anfchluß
'• Ic)5>'i 20,2 u. ä. Stellen zu erwähnen gewefen, vgl. dazu jetzt

Kittel, Komm. S. 80 und 82. — S. 92 fagt D., in der fpäteren Zeit liebte
man es, die Epitheta Gottes zu häufen, um Gott noch ficherer
zum Einfehreiten zu bewegen. Diefe Erklärung paßte m. E. eher auf
die ältefte Zeit mit ihrer gröberen, materiellen Gottesvorftellung. Die
Plerophorie der jüdifchen Gebete ift doch wohl literaturgefchichtlich und
äfthetifch, nicht religionsgefchichtlich zu erklären. Breite und Weit-
fchweifigkeit ift auch fonft das Merkmal der Epigonenliteratur,

S. 40 ift I. Sam. 24,3 ein falfches Zitat. Daß Ref. S. 26 noch als
Vertreter der Smend'fchen Theorie vom Kollektiv-Ich genannt wird auf
Grund der unüberlegten Bemerkung Stud. u. Krit. 1897 S. 450 zeugt dafür
, daß D. meine ,Lyrik des A. T.s' gar nicht eingefehen hat. Druckfehler
find in den Anm. leider fehr häufig. Konfequent fteht linqua
für lingua.

Jena. W. Staerk.

Herford, R. Travers, B. A.: Das pharifäifche Judentum in

feinen Wegen u. Zielen dargeftellt. Autorif. Überfetzg.

aus dem Englifchen v. Rofalie Perles. Mit e. Einleitg.

v. Felix Perles. (XVI, 275 S.) 8°. Leipzig, G. Engel

i9'3- M. 3.50

Herford, feinem Beruf nach unitarifcher Geiftlicher
in Stand bei Manchefter und in Fachkreifen durch fein
,Christianity in Talmud and Midrash' 1903 und feine Über-
fetzung der Pirqe 'Abhoth in Charles Apocrypha and
Pseudepigrapha 1913 bekannt, verfucht im obigen Werk
eine Ehrenrettung des Pharifäertums. Der Inhalt des
Buches ,geht zum größten Teile auf Vorlefungen zurück,
die im Manchester College zu Oxford im Herbft 1911
gehalten wurden' (S. 1). Der Verfaffer will keinen Pane-
gyrikus auf den Pharifäismus fchreiben, fondern ihn nach
den eignen jüdifchen Quellen vorurteilslos darfteilen; vor
allem will er zeigen, ,was der Pharifäismus dem Pharifäer
[felbft] bedeutete' (S. 268). Die chriftlichen Laien, aber
auch die Gelehrten flehen nach Herford noch zu fehr
unter dem Einfluß des Neuen Teftaments, das den Phari-
fäern abgünftig ift. Aber weder Jefus noch Paulus feien
zuftändige Beurteiler des Gegners. Denn die Religions-
auffaffung Jefu und der Pharifäer war zu fehr voneinander
verfchieden. ,Das Lofungswort des Neuen Teftaments
ift Liebe. Das Lofungswort des Talmuds ift Wiffen'
(S. 258). War für Jefus die ,höchfte Autorität die unmittelbare
Anfchauung Gottes im Gemüte und Gewiffen
des Einzelnen', fo war für die Pharifäer das Ein und Alles
die Tora (S. 135). Paulus wiederum konnte als Apoftat
die pharifäifche Lehre nicht objektiv einfehätzen (S. 142).
Seine ,Darftellung des pharifäifchen Judentums ift folglich
im beften Falle eine Verzerrung, im fchlimmften
eine Erdichtung' (S. 154).

Herford rennt offene Türen ein. Denn was er als
Weg und Ziel des Pharifäertums ausgibt, unterfcheidet
fich nicht wefentlich von dem, was von wiffenfehaftlicher
Seite auch fonft darüber gelehrt wird. Er ift fich der
Konfequenzen feiner Unterfuchungen nicht voll bewußt
geworden.

Herford wirft dem Paulus vor, daß er die Tora, an
der das ganze Herz des Pharifäers hängt, ausfchließlich
als Vorfchrift vo/ioq auffaffe (S. 161), während fie doch
für den Pharifäer die ganze Offenbarung Gottes (Sitte,
Ritualgefetz, Dogmatik, Gefchichte ufw.) bedeute.

Nun weiß aber jeder, der fich etwas mit dem Alten Teftament abgibt
, daß innerhalb des altteftamentlichen Kanons die fogenannten
5 Bücher Mofis dem Juden die Tora xax t^o/p/v find. Ferner ift jedem, der
fich mit dem nachbiblifchen Judentum befchäftigt, fattfam bekannt, daß
von den für den Rabbinismus fo charakteriftifchen Begriffen rvijri und nsbrj
der letztere der weit wichtigere ift. Das heißt aber: die gefetzliche
Vorfchrift nach traditioneller Auffaffung oder die halakha fteht dem
Mufterjuden oder dem Pharifäer viel höher als die haggadha oder die
Auslegung der Tora nach erbaulichen, ethifchen und gefchichtlicheu
Gefichtspunkten. Die ganze Tora fpitzt fich eben für den Pharifäer auf
die nsbn zu!

Nicht anders denkt darum auch Herford über das pharifäifche Judentum
. Vgl. S. 182 ff. und befonders S. 79 ,Wenn ein Pharifäer irgend etwas
als befonders göttlich preifen würde, es wäre die Halakha"! Dann
kann aber Herford von Paulus nicht fagen, er begehe ein Kapitalverbrechen
, wenn er die Tora als ,Gefetz' auffaffe. Und follte nicht
gerade Paulus als ehemaliger Pharifäer am beften gewußt haben, worauf
es bei dem ganzen pharifäifchen Syftem ankam ?

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