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Ausgabe:

1915 Nr. 11

Spalte:

244-246

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Döller, Johannes

Titel/Untertitel:

Das Gebet im Alten Testament in religionsgeschichtlicher Beleuchtung 1915

Rezensent:

Staerk, Willy

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243

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. II.

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Cicero kurz und fchlank die Frage: was hall du für eine
Religion? ,Was würde er antworten, wenn wir ihn nach
feinem Glauben an das Dafein der göttlichen Bewohner
Roms fragten? Ich denke er würde diefen Glauben ohne
Zögern bejaht haben, doch mit einer gewiffen mentalen
Refervation: für alle Götter, mit Ausnahme von Jupiter
und Vefta. Und wenn man ihn nach den Göttern des
Haufes und den Geiftern der Toten gefragt hätte, er
würde den Glauben an ihre Exiftenz bejaht haben mit
nur geringer Refervation, denn die fchirmenden Gottheiten
des Haufes waren auch für ihn Realität' Von hier
gewinnt F. fofort die Einteilung feines Werkes: Religion
der Familie, Religion des Staates, und dazu gefeilen fich
noch zwei Charakteriftika; Glaube an das unwiderftehliche
Fatum und der Verfuch, den Menfchen eine hochgeftellte
Pofition innerhalb der Religion zu verfchaffen. In der
zweiten Hälfte der erften Vorlefung behandelt F. dem-
entfprechend die Religion der Familie: Vefta, Di Penates,
den Genius paterfamilias und die Weiterentwicklung der
Idee des Genius als einer über das Einzelleben hinübergreifenden
, mehr oder minder weite Gebiete umfaffenden
Schutzmacht (Genius identifiziert mit der Weltfeele, Genius
der einzelnen Inftitutionen des Reiches); endlich Kult und
Verehrung der Toten (Di parentes) und Darfteilung der
unklaren und verfchwimmenden Ideen über das Leben
der Toten im Jenfeits. — In der zweiten Vorlefung behandelt
er Jupiter, den höchften Gott des Staates, und
die in diefer Geftalt befchloffene Tendenz zum Monotheismus
. — Verfaffer holt nach meiner Meinung über-
flüffig weit aus und beginnt bei der jetzt verbreiteten
Alamode-Theorie des Urmonotheismus (Andrew Lang,
Jevons, Goblet d'Alviella u. a.), der er zu meinem Bedauern
weithin zuzuftimmen fcheint. Von dem allen ift
ja die Frage nach dem Wefen des latinifchen Jupiter, in
deffen Auffaffung als eines hohen und alle anderen Götter
überragenden Himmelsgottes F. durchaus im Recht fein
mag, gänzlich unabhängig. Nun ift F.s Meinung die, daß
die römifche Religion auch unter der Herrfchaft des
etruskifchen und griechifchen Polytheismus niemals den
Sinn für diefe eine große Macht des Univerfums, die in
fich alle die verfchiedenen numina zufammenfaßt, verloren
hat. Er fucht diefen Zug zu einer gläubigen Auffaffung
der gefamten Wirklichkeit fogar bei Lucretius nachzu-
weifen und Hellt dar, wie bei Cicero diefer philofo-
phifche Gottesbegriff (numen praestantissimae mentis) mit
dem Jupiter von Rom zufammenwächft, und wie fich überhaupt
die Ideen der die Welt durchdringenden und be-
herrfchenden Weltfeele und des kapitolinifchen Jupiter,
des Herrfchers über die zivilifierte Welt, zu vermählen beginnen
. In der dritten Vorlefung behandelt F. zunächft
den Sonnenkult, oder vielmehr die Tatfache des Mangels
alles Sonnenkultus in der römifchen Religion und fpätere
Sonnentheologie, um dann zu dem dritten großen Grunddatum
der römifchen Religion, dem Glauben an das
Gefchick, überzugehen. Fortuna ift fchon eine latinifche
Göttin, ein numen, das über das unberechenbare Element
im Leben herrfcht, mit ihrer alten Orakelftätte in Pränefte,
von Anfang an und namentlich in römifcher Auffaffung
eine Göttin nicht der Willkür und Laune, vielmehr eine
göttliche Macht, deren Walten mit dem römifchen Ideal
männlicher Tüchtigkeit, der virtus, in Einklang gebracht
werden konnte. Ihre Geftalt verblaßt bei den Gebildeten
fpäterer Zeit unter dem Einfluß der griechifchen Geftalt
der Tyche zu einer mehr abftrakten Figur. Diefe Idee
verfolgt F. in außerordentlich intereffanter Weife bei
Polybius, Cicero, Lucretius und Cäfar, weift dann nach,
wie bei den Späteren (Saluftius, Cornelius Nepos, auch
Plinius) der Gedanke wieder mehr eine perfönliche Färbung
annimmt, Fortuna wieder groß gefchrieben zu werden
beginnt, und wie die Göttin dann endlich als Fortuna
des römifchen Volkes erfcheint und ein bedeutendes
Element im Kaiferkult darftellt. — Die Götter der römifchen
Religion find von Anfang an Staatsgötter, fie haben

gar kein Leben außer dem Kultus des Staates. Wie nun,
wenn diefer Kultus allmählich zu finken beginnt und in
den neuen philofophifchen Ideen der Gebildeten doch
kein Erfatz dafür für die breite Maffe des Volkes gewonnen
wird? Man wird einen neuen Weg fuchen müffen;
jenem Staatskult ein neues Objekt zu fchaffen in der
Verehrung des guten und großen Mannes. Schon bevor
diefer neue Kultus beginnt, zeigen fich Spuren einer
folchen zum Kultus hinüberführenden Verehrung in Ciceros
Traum des Scipio, in dem Lobpreis des Epikur bei Lucretius
, in Piatos Verehrung als eines Semideus, in der
Art, wie die römifche Auffaffung des Genius eines großen
Mannes der griechifchen vom Dämon zur Seite tritt.
Trotz alledem ift die Vergottung eines Menfchen nicht
ein aus dem römifchen Geilt natürlich hervorgehender
Prozeß. Eigentliche Heroenverehrung, Annahme von
Halbgöttern, Annahme der himmlifchen Abftammung
hoher Familien, Annahme der Göttlichkeit des Königs
oder des Stammhalters, das alles findet fich in der römifchen
Religion nicht fo wie in der griechifchen. Es ift
bekannt, daß der Regentenkult aus dem Orient in den
Okzident eingeführt wurde, doch findet er hier in Rom
einen wohl vorbereiteten Boden. Eingehend beleuchtet
F. in feiner fünften Vorlefung den allmählichen Prozeß
der Vergottung der Perfon Julius Cäfärs. Zu deffen
Lebzeiten läßt fich trotz aller Anfätze dazu von einer
eigentlichen Vergottung noch nicht reden, obwohl
Antonius, von orientalifch-ägyptifcher Religion durchdrungen
, Cäfars böfer Geift, mit allen Kräften darauf
drang. Erft nach dem Tode Cäfars durch Naturerfchei-
nungen, die auf den Volksglauben großen Eindruck
machten, angeregt, begann der Kultus des Divus Julius,
und zwar in römifcher Form. Rom hat noch einmal
über den Geift des Orients gefiegt. Auf diefem Standpunkt
ift Auguftus prinzipiell flehen geblieben, er wollte
Pontifex Maximus fein, aber nicht die höchfte Gottheit
felbft. Und auch die Dichter des augufteifchen Zeitalters
haben diefe zarte Grenzlinie, trotz mancher poetifcher
und höflicher Lizenzen, nicht eigentlich überfchritten. In
den Provinzen verbindet fich die Verehrung des Cäfar
mit derjenigen der Dea Roma und mit der Idee des
Genius oder numen Augufti. In der fechflen Vorlefung
Hellt F. diefer lebendig wachfenden neuen Religion das
allmähliche Verfinken und Verdämmern des alten Götterglaubens
im auguHeifchen Zeitalter gegenüber. Die Götter
des griechifch-römifchen Polytheismus finken dahin, und
ihre Behandlung in der Literatur macht die Phrafe in der
Religion zu einer herrfchenden Erfcheinung, fo daß man
erH an diefem Punkt, nicht etwa in bezug auf Menfchen-
vergötterung und Zäfarenverehrung, von einer Dekadenz
der römifchen Religion reden darf. Eine kurze Wertung
des Beitrags, den diefe fpätrömifche Religion zur Religions-
gefchichte liefert, fchließt die intereffanten Vorträge.

Göttingen. Bouffet.

Döller, Prof. Dr. Johannes: Das Gebet im Alten Teltament
in religionsgefchichtiicher Beleuchtung. (Theologifche
Studien der oeHerr. Leo-Gefellfchaft. 21.) (107 S.) gr.8°.
Wien, Verl. d. Buchh. ReichspoH 1914. K. 3.50

Der Hauptzweck diefer Monographie iH die Beleuchtung
des altteHamentlichen Gebets durch Parallelen
aus derReligionsgefchichte,befonders der nächHverwandten
altorientalifchen. In fechs Abfchnitten wird der Stoff, gelegentlich
in engem Anfchluß an H. Schmidts Artikel
Gebet in RGG II, 1150 ff., unter diefem Gefichtspunkt vorgeführt
. I handelt von den Ausdrücken für Beten, II
über das Problem des betenden Ich in den Pfalmen. In
III wird der Inhalt der at. Gebete befprochen und dabei
auch Segen und Fluch in den Kreis der Betrachtung gezogen
. IV und V fprechen über Gebetsweife und Gebetsmittel
, VI über die Gebetserhörung.