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Ausgabe:

1915

Spalte:

225-226

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baeumker, Franz

Titel/Untertitel:

Das Inevitabile des Honorius Augustodunensis u. dessen Lehre über das Zusammenwirken von Wille u. Gnade 1915

Rezensent:

Scheel, Otto

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 10.

226

damit Unrecht tut, daß er, unter Berufung auf Ed.
Schwartz, Schwegler ihren einzigen Philologen nennt; bei
unferm Thema hat mehr noch als der Philologe der Hi-
ftoriker das Wort, und der größte Hiftoriker jener Schule
war Schwegler ficherlich nicht. Ein Tropfen Tübinger
Bluts würde de L. fehr wohl tun, denn feine Darfteilung
lft in Gefahr in eine Menge tüchtiger Spezialuntersuchungen
zu zerfallen; ein einheitlicher Eindruck, ein deutliches
Bewußtfein um das Ziel, das wir von verfchiedenen
Wegen her erreichen follen, wird, fürchte ich, beim Lefer
nicht oder nur mit Anftrengung erreicht. Kurz, es werden
alle möglichen Vorfragen zur Gefchichte des Montanismus
niuftergiltig beantwortet, de Labriolle trifft häufiger als
einer feiner Vorgänger auf diefem Forfchungsgebiet das
Richtige, aber das letzte Wort hat er nicht gefprochen:
wir empfinden zum Schluß zu wenig von dem Maß innerer
Notwendigkeit innerhalb der Entwicklung der alten Kirche,
das für eine fo weitgreifende Bewegung, wie der Montanismus
es war, doch wohl auch ein Nicht-Tübinger annehmen
darf.

Marburg. Jülicher.

Baeumker, Priefterfem.-Biblioth. D. theol. Frz.: Das ln-
evitabile des Honorius Augustodunensis u. deKen Lehre über
das Zusammenwirken von Wille u. Gnade. (Beiträge zur
Gefchichte der Philofophie des Mittelalters. XIII. Bd.,
6. Heft.) (VII, 94 S.) gr. 8°. Münfter, Afchendorff
1914. M. 3.25

Schneller als man erwarten konnte hat B. das Ver-
fprechen eingelöft, das er in feiner Unterfuchung über
die Willenslehre Anfelms von Canterbury gab. Dort hatte
er zum Schluß darauf aufmerkfam gemacht, daß Anfelms
Lehre vom Willen bald fich einen beherrschenden Einfluß
erobert hätte. Selbft der Auguftiner Honorius
Auguftodunenfis habe fich veranlaßt gefehen, feine An-
fchauung von Gnade und Wille, Prädeftination und Freiheit
zu überprüfen. Das Ergebnis war der Anfchluß an
die Anfelmfche Darftellung, Zeugnis diefes Umfchwungs
die neue Redaktion des Büchleins Inevitabile.

In der neuen Unterfuchung führt B. die Thefen durch,
die er vor zwei Jahren aufftellte. Die beiden Texte des
Inevitabile find trotz ihrer großen Verfchiedenheiten
Redaktionen ein und derfelben Arbeit (S. 15 fr.). Sie
entflammen aber verfchiedenen Zeiten. Möglich wäre
an fich, daß die fpätere Faffung, der Conenfche Text,
von anderer Hand flamme als die urfprüngliche Faffung,
der Caffandrifche Text. Baeumker glaubt aber nachweifen
zu können, daß beide Texte von Honorius verfaßt find.
(S. 23). Die Differenz ift ganz erheblich. Denn in der
erften Ausgabe ift es dem Verfaffer ganz um den Nachweis
zu tun, daß unvermeidlich gerettet wird, wer von

Wirken der Gnade ficher zu ftellen, ift die Abficht der
zweiten Redaktion. Den Anftoß gab Anfelms Willenslehre
. Seine Definition des freien Willens löft die in der
erften Redaktion enthaltene ab. Überall werden jetzt
auch Zitate aus Anfelmfchen Schriften eingeflochten, die
der erften Ausgabe fremd find. Die Benutzung zweier
Schriften Anfelms, des dialogus de libero arbitrio und
des tractatus de concordia praescientiae et praedeftina-
tionis nec non gratiae Dei cum libero arbitrio, unter-
fcheidet die fpätere Ausgabe von der älteren. Dadurch
wurde zugleich die ,Tendenz' geändert. In der erften
Ausgabe war Honorius ,reiner Auguftiner', in der zweiten
fehen wir die Synthefe von Auguftin und Anfelm (S. 92).
Eine Änderung der Lehre hat nicht ftattgefunden, wohl
aber eine Änderung der Tendenz unter dem Einfluß
Anfelms (ebd.)

Ob die literarkritifche Frage von B. unbedingt ficher
gelöft ift, mag hier auf fich beruhen. Schließlich hängt
nicht allzu viel daran, ob Honorius das Inevitabile felbft
korrigiert hat, oder ob es von anderen umgearbeitet
wurde. Denn das dogmengefchichtlich wichtige Ergebnis,
daß unter dem Einfluß Anfelms diefe Änderung vollzogen
fei, würde davon nicht berührt. Unter allen Umftänden
ift die zweite Redaktion der Schrift ein Zeugnis des fich
fchnell verbreitenden und ftarken Einfluffes Anfelms. Ob
freilich ,Honorius' nur die ,Tendenz' feiner Schrift gewandelt
hat, nicht aber den ,Inhalt der Lehrpunkte von
der Gnade und dem freien Willen', ift mir weniger ficher
als B. Die Entfcheidung hängt vom Verftändnis Augu-
ftins und der voranfelmfchen Gnaden- und Willenslehre
ab. Es wurde fchon bei der Befprechung der Unterfuchung
B.s über die Willenslehre Anfelms darauf hin-
gewiefen. Es dürfte fich doch um mehr als um bloße
Änderung der .Tendenz' handeln. .Reiner' Auguftiner
war freilich Honorius auch in der erften Faffung feiner
Schrift nicht. Die Befchlüffe von Araufio lagen zwifchen
ihm und Auguftin. Es wird doch wohl kein Zufall fein,
daß er auf die Frage nach dem Umfang des göttlichen
1 Ieilswillens fich nicht einläßt. Andererfeits bekennt fich
die zweite Redaktion der Schrift zum Anfelmfchen Semi-
pelagianismus. Der Übergang vom .Unvermeidlichen' zum
Semipelagianismus ftellt aber mehr dar als eine bloße
Änderung der Tendenz bei gleicher Stellung zum .Inhalt
der Lehrpunkte'. Mit dem dogmengefchichtlichen Ergebnis
B.s, daß dem reinen Auguftinismus der erften
Ausgabe die Synthefe von Auguftin und Anfelm gefolgt
fei, kann ich mich darum nicht befreunden (vgl. auch die
Anzeige der Unterfuchung B.s über die Willenslehre
Anfelms.) Aber wertvoll bleiben feine ausführlichen Angaben
über die ftarke Differenz der beiden Redaktionen
des Inevitabile.

Tübingen. Otto Scheel.

en

pott zum Heil vorherbeftimmt ift, und unvermeidlich ver- | Vos, K.: Menno Simons. 1496- 1561. Zijn Leven .
oren geht, wer nicht zu den Auserwählten gehört Werken en zijne reformatorifche denkbelden. (VIII,
(S. 22 hat B. die Sachlage auf den Kopf geftellt; S. 44 ift J v '

Im Text des Honorius das Richtige zu lefen). Theoretifch
wird freilich die Willensfreiheit anerkannt; praktifch aber
fleht man vor der eben gekennzeichneten Ünvermeidlich-
j5efl- Aus diefem Grunde hat auch Honorius, wie er

350 S.) gr. 8°. Leiden, Brill 1914. fl. 3-

Diefes Buch über den Begründer ihrer Gemeinfchaft
hat in den Kreifen der Mennoniten Auffehen erregt (vgl.
H. van der Smiffen in .Mennonit. Blätter' 1914, Auguftj

felbft bemerkt, feinem Büchlein den Titel ,das Unver- j und verdient das auch; es wird nach vielen Seiten hin
^eidliche' gegeben. Alles trifft notwendig, unvermeidlich j bahnbrechend wirken, weil es eine gründliche Nachprüfung
fe ein, wie Gott es vorherbeftimmt und vorhergefehen j der Quellen über Menno und ihre bisherige Interpretation
bät. Baeumker kann fich des Eindrucks nicht erwehren, j bietet und dabei zäh feilgehaltene Vorurteile, die zumeift
daß Honorius in allem wefentlichen Auguftin folge. Bei J mit der Autorität von de Hoop Scheffer gedeckt wurden,
beiden finde man einen partikulären Heilswillen Gottes, 1 korrigiert. Das wichtigfte Ergebnis, das m. E. gefichert
wenn auch Honorius nicht ausdrücklich die Frage nach j ift, dürfte diefes fein: Menno darf nicht von vorneherein
dem Umfang des göttlichen Heilswillens behandle. 1 in Gegenfatz zu den Münfterfchen Täufern gefetzt werden,

In der fpäteren Ausgabe fehlen diefe charakteriftifchen ; vollends kann keine Rede davon fein, daß Menno fchon
£atze- Ja der Titel des Büchleins wird gegenftandslos. [ vor Luthers Auftreten .ketzerifche Gedanken' gehabt hat.
Uenn die Unvermeidlichkeit wird ignoriert und ftatt Er war katholifcher Priefter, auf den Luther und Erasmus
deffen der Nachweis unternommen, daß der freie Wille | einwirkten, fodann der Melchioritismus, der in Friesland
die Entfcheidung hat. Die Willensfreiheit gegen das ■ herrfchte. Die Predigt Melchior Hoffmanns in Emden