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Ausgabe:

1915 Nr. 9

Spalte:

205-207

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rivière, Jean

Titel/Untertitel:

Le Dogme de la Rédemption. Étude théologique 1915

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 9.

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nur diefe auf Infufion zurückführen, die Katholiken auf beide
Arten von Wirken Gottes unter dem Titel der Juftifikation
zugleich reflektieren: ,the difference is one of definition and
Classification'. In der Lehre von der Kirche ift die Grundeinigkeit
gefichert durch die gemeinfame Anerkennung
des Apoftolikums. Der Papft ift den Proteftanten meift
ein fchweres Ärgernis. Aber die wirklichen Lehrbeftim-
mungen der kathoiifchen Kirche über das Papfttum ein-
fchließlich derjenigen über feineUnfehlbarkeit find kaum an-
ftößig zu nennen; man muß nur auf die Grenzen diefer
Beftimmungen achten. Gewiß, jede Form von Menfchen-
regiment in der Kirche, deffen doch nicht zu entraten ift,
kann gefahrlich werden, denn immer kann es dahin kommen,
daß deffen Autorität ,übertrieben* wird. ,Die Gefchichte
zeigt, daß das proteftantifche Kirchenregiment diefer Gefahr
nicht befler entgangen ift, als das päpftliche'. Doch
genug. Es ift mir alles in allem nicht unintereffant ge-
wefen, zu fehen, wie ein frommer Mann, der nur ,Bibel-
chrift' zu fein wünfcht, zwifchen den Kirchen glaubt vermitteln
zu können. Er gibt im einzelnen oft diefer, oft
jener Kirche mehr Recht. Auch ich verkenne nicht, daß
Proteftanten und Katholiken fich in der religiöfen Stimmung
weithin begegnen können. Ich würde das nur
doch fehr anders ausführen als Briggs.
Halle. F. Kattenbufch.

Riviere, Prof. D.Jean: Le Dogme de la Redemption. Etüde
theologique. (XVI, 570 S.) kl. 8°. Paris, V. Lecoffre
1914. fr. 4 —

Der Verfaffer, Profeffor an dem großen Seminar zu
Albi, hatte bereits im Jahre 1905 eine dogmenhiftorifche
Monographie (vgl. Theol. Litztg. 1906, Nr. 6) über den
Gegenftand veröffentlicht, den er nun fyftematifch zu bearbeiten
unternimmt. Seine Schrift, Le Dogme de la
Redemption, Essai d'etude historique, war fehr beifällig
aufgenommen worden und hat vor kurzem eine zweite
Auflage erlebt. Das gegenwärtige, an jene dogmenge-
fchichtliche Darfteilung fich anfchließende Buch will
zwifchen den in lateinifcher Sprache verfaßten und mit
Schulausdrücken ausgeftatteten Lehrbüchern und den
rhetorifchen oder erbaulichen, lehrhaft zuweilen oberflächlichen
(expositions le plus souvent trop legeres de
doctrine) Veröffentlichungen eine Mittelftellung einnehmen,
die es ihm ermöglicht, die Subftanz der kathoiifchen
Lehre von der Erlöfung weiteren Kreifen zu vermitteln.
Die zur Popularifierung des kathoiifchen Dogmas vortrefflich
geeigneten Schriften E. Hugon's (1910) und
k Laminne's (1910) laffen, nach dem wohlbegründeten
Urteil Riviere's, noch Raum für eine mehr fynthetifcbe
und ftreng wiffenfchaftliche Darftellung (XI—XII). Das
Beftreben des Vf.s, die verites communes ä tous les catho-
kques nach ihrer Bedeutung und ihrem inneren Ausbau
(economic) verftändlich zu machen, ift in glücklicher Weife
gelungen: die zugleich nüchterne und lichtvolle, jeder
Rhetorik abholde Sprache paart fich mit einer überall in
meTiefe gehenden und unmittelbar aus denQuellen fchöpfen-
dei} Gründlichkeit; wo der Vf. (wie im letzten Teil) zuteilen
auf Hilfsmittel zweiter Hand angewiefen ift, weiß
^r feine Gewährsmänner in einer Weife zu wählen, die
aem Lefer volles Vertrauen einzuflößen geeignet ift.

Die Schrift Riviere's zerfällt in drei Hauptteile. Der
rH** handelt von der Offenbarung des Geheimniffes
Vevdlation du mystcre, 15—153). R. zeichnet die Grund-
mien des kathoiifchen durch die Kirche verkündigten
und verbürgten Erlöfungsglaubens. Wie kein andre«
tatT^a- ^ die katho"Tche Lehre von der Erlöfungs-
<lt Lhrifti eine geradlinige Entwickelung auf; wir ver-
,°igen die Selbftentfaltung des chriftlichen Gedankens,
er im Schöße der kathoiifchen Kirche nur einmal eine
ourch die Kühnheiten Abälards verurfachte Krife zu
oerwinden hatte, fonft aber durch keine von außen her

droherde Ketzerei in ihrem Verlaufe geftört wurde (101-
104). Die enseignements du magistcre ecclesiastique (105
— 123) bringt R. treu und genau zum Ausdruck, indem
er denfelben die ihnen eigene Unbeftimmbarkeit und
Dehnbarkeit beläßt. Er ift bemüht darzutun, daß die
kirchliche Formulierung des Lehrftücks fich mit keinem
der berühmten Löfungsverfuche der großen Scholaftiker,
weder mit dem anfelmifchen noch mit dem thomiftifchen,
deckt, fo daß die Kirche niemals verantwortlich gemacht
werden kann für die Doktrin einzelner Theologen (217.225.
311). Auch der Zentralbegriff der satisfactio, um den fich
die fyftematifchen Lehrausführungen derSchultheologie bewegen
, bleibt in einer gewiffen Schwebe und hat in keiner
der kirchlichen Lehrentfcheidungen die Schärfe und Prä-
zifion erreicht, die die Scholaftik der proteftantifchen
Orthodoxie charakterifiert. Aus diefem durch unwiderlegliche
Zeugniffe belegten Tatbeftand ergibt fich für die
katholifche Theologie ein doppelter Vorteil. Einmal läßt
die Unbeftimmtheit des kathoiifchen Magifteriums der
Gedankenbewegung der einzelnen Lehrer einen weiteren
Spielraum als derjenige, der den Epigonen unferer Reformatoren
geftellt war. Zum zweiten ift die katholifche
Apologetik in ihrem guten Recht, wenn fie eine beträchtliche
Zahl der gegen die Näherbeftimmung der überlieferten
Verföhnungslehre erhobenen Inftanzen mit der
einfachen Bemerkung zurückweift, daß folche kritifchen
Einwendungen die kirchliche Faffung des Dogmas gar
nicht treffen und der von dem unfehlbaren Lehramt
fanktionierten Wahrheit gegenüber gegenftandslos find
(147—149. igöfq.).

Der zweite Teil der R.'fchen Schrift (155—380) gilt
der kathoiifchen Erklärung des Geheimniffes. Das in
feiner Einfachheit doch reichhaltige (complexe) kirchliche
Dogma hat eine große Zahl von Syftemen ins Leben
gerufen, in denen der auf der Grundlage der Offenbarung
weiterbauende katholifche Gedanke Erklärungen verflicht
, die fich zwar niemals an die Stelle des Glaubens
drängen wollen, die diefen Glauben aber verftändlicher
und dem Denken zugänglicher machen können. In diefer
systematisation theologique entfaltet R. eine bewunderungswürdige
Virtuofität. Nachdem er die philofophifchen und
dogmatifchen Poftulate und Vorausfetzungen des kathoiifchen
Dogmas beleuchtet hat, unterfucht er die formalen
Elemente des Myfteriums, Loskaufung, Opfer, Genugtuung
; hierauf zerlegt er eingehend das, was er die Clements
reels des Myfteriums nennt, l'expiation pönale und
la reparation morale, um dann nach einer weiteren fyftematifchen
Zufammenfaffung die auf Gott und auf die
Menfchen fich beziehenden Wirkungen des Erlöfungsge-
heimniffes zu erklären. In einem letzten Kapitel dringt
R. bis zu den ,Grenzen der theologifchen Spekulation'
vor, indem er es wagt, über den Grund (raison d etre)
des Myfteriums Vermutungen anzuftellen. Unter Wahrung
der vollkommenen Freiheit der göttlichen Vergebung
lehnt R. jede in Gott begründete Notwendigkeit des Ver-
föhnungstodes Chrifti ab und bleibt auch im Gegenfatz
zur anfelmifchen Theorie bei dem Begriff der convenances
flehen.

Der dritte, den proteftantifchen Entftellungen (de-
formations) des Myfteriums gewidmete Teil (381—557)
foll durch den Nachweis der im Lager der Proteftanten
ftattgehabten Verirrungen zur Gegenprobe und zur Be-
ftätigung der kathoiifchen Lehre dienen (380). Diefer Teil
ift indeffen nicht überall von gleichem Wert. Während
die frühere Orthodoxie und die Polemik der Socinianer
fowie die Theorie des Hugo Grotius eine gründliche Bearbeitung
erfahren haben, ift die neuere Entwickelung der
proteftantifchen Verföhnungslehre wenigftens in Deutfch-
land (die Länder englifcher und franzöfifcher Zunge find
eingehend berückfichtigt) feit Schleiermacher in auffallender
Weife vernachläffigt. Die aus Bertrand's Monographie
über Ritfehl gefchöpften Notizen (472—473) find durchaus
ungenügend, und über Hofmann weiß R. nur zu be-