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Ausgabe:

1915 Nr. 9

Spalte:

201-202

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grisar, Hartmann

Titel/Untertitel:

Walther Köhler über Luther und die Lüge 1915

Rezensent:

Scheel, Otto

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Seite 1

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201 Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 9.

202

zurückgeführte Übergang von Kaplanei (u. Befehlung) zum
Lehen durch Schulzes Ausführungen vertieft und geklärt
wird.

Leipzig. Otto Lerche.

Köhler, Waith.: Luther und die Lüge. (Schriften des Vereins
f. Reformationsgefchichte. Nr. 109/10.) (VII, 212 S.)
Leipzig, R. Haupt 1912. M. 2.80

Grifar, Hartmann, S. J.: Walther Köhler über Luther und
die Lüge. (S.-A. aus demPIiftor. Jahrbuch. 1913. 34. Bd.,
l. Heft.) (S. 233—255.) 8°. München, Herder & Co.

Als Denifles Pamphlet gegen Luther erfchienen war,
befchloß der Vorftand des Vereins für Reformationsgefchichte
, Monographien zur Rechtfertigung Luthers herauszugeben
. Walter Köhler übernahm die Aufgabe, die
bald von Grifar aufgenommenen und ergänzten Anklagen
Üenifles auf Unwahrhaftigkeit und Verlogenheit des Reformators
zu prüfen. Das Ergebnis ift die vorliegende
gewichtige und gehaltvolle Unterfuchung. Sie darf wohl
als erfchöpfend bezeichnet werden. Köhler fagt freilich
W der Vorbemerkung, er habe nicht jeden, auch noch
fo kleinen Flecken, den die Gegner entdeckt zu haben
glaubten, unterfuchen können. Auch habe er das Problem
der ,Lüge' Luthers über feine Klofterzeit ausgeschaltet
. Das gefchah mit vollem Recht. Denn das Klo-
fterleben Luthers war in anderen Heften des Vereins für
Reformationsgefchichte (Nr. 87. 100) unter Berückfich-
tigung der Aufftellungen Denifles erörtert worden. Jedem
Makel aber nachzufpüren, den die jüngfte katholifche
Lutherforfchung entdeckte, wäre mehr als überflüffig ge-
wefen. Eine kritifche Beleuchtung der Hauptpunkte und
ihrer Beifpiele genügte völlig. Denn eine fachliche und
kritifche Behandlung des wichtigen Materials gibt die
Entfcheidung über alles weitere in die Hand. Man darf
darum wohl von einer erfchöpfenden Erörterung des
Problems durch W. Köhler fprechen.

Der Verfaffer felbft hat fie unter das Zeichen der
Apologetik gefleht. Das ift verftändlich genug. Es galt
ja die Abwehr maßlofer Angriffe. Einer Apologetik um
jeden Preis, einer Verteidigung auf Korten der gefchicht-
lichen Wahrheit weiß fleh Köhler natürlich weit entfernt.
Auch kommt es ihm nicht in den Sinn, den Tatbeftand
konfefflonell zu retufchieren. Schon feine Vorbemerkung
gedenkt mit Dank der Unterftützung, die N. Paulus ihm
hier und dort gewährte. In der Bereitwilligkeit diefes
Münchener Gelehrten, dem konfelfionellen Gegner mit
Literatur und Auskunft zu dienen, möchte Köhler ein
Vorzeichen für das zu erftrebende Ziel fehen, auch auf
dem fchwierigen Boden der Lutherforfchung eine über-
honfefflonelle Arbeitsgemeinfchaft zu gewinnen. Was er
fagen wollte, wenn er von dem apologetifchen Charakter
feiner Arbeit fprach, konnte darum nicht gut verkannt
Verden.

Grifar aber hat hier wie fo oft .fchärfer' gefehen als
f°nft jemand. Kaum war Köhlers Arbeit erfchienen, da
veröffentlichte Grifar im Hiftorifchen Jahrbuch eine Anti-
f^'tik, die durch Sonderdruck weiteren Kreifen zugänglich
gemacht wurde. Ihnen wird nun fofort kundgegeben,
daß der Vorftand des Vereins für Reformationsgefchichte

verweifen, der fleh bezüglich der heffifchen Doppelehe
ziemlich bedächtig und umfichtig geäußert hat, auch fonft
in vielen Stücken bei feinen Veröffentlichungen dem Tatbeftand
weitherzig Rechnung zu tragen pflegte; ich meine
Walther Köhler, den Hiftoriker aus früherer Zeit, ehe er
zu den Apologeten gegangen ift' (S. 246).

Was hilft es jetzt, mit Grifar fleh auf eine Auseinander-
fetzung einzulaffen? Muß man feineErgebniffe entfchloffen
zurückweifen, fo läuft man ja Gefahr, als jemand ange-
fehen zu werden, der in fremdem Solde fleht. Namentlich
dann, wenn man das Unglück hat, feine wiffenfehaftliche
Einficht vertieft und auf Grund wiederholter Durcharbeitung
des Stoffs und kritifcher Prüfung auch der eignen
Aufftellungen neue Erkenntniffe erworben zu haben. Wer
es fchließlich noch wagt, die Ergebniffe feiner Arbeit
einer proteftantifchen wiffenfehaftlichen Gefellfchaft zur
Verfügung zu Mellen, der hat vollends fleh der wiffenfehaftlichen
Unabhängigkeit begeben. Wie foll man an-
gefichts folcher Lage mit Grifar wiffenfehaftlich ftreiten?
Es verbietet fleh auch aus anderen Gründen. Jedenfalls
bleibt es fruchtlos. Dafür ließen fleh Beifpiele in Fülle
nennen. Doch wozu? Grifar hat nichts zurückzunehmen
oder zu korrigieren. Luther bleibt mit dem Makel behaftet
, den Grifar und Denifle feftftellten; nicht als erfte-
wohl aber mit großem Aufwand an Pathos und Anklage,
material. So möge denn hier nur kurz das Ergebnis der
Prüfung Köhlers angegeben werden, dem ich nichts abzumarkten
habe: ,Überhaupt, was ift denn von allen den
vielen ,Lügen'Luthers übrig geblieben? Eine einzige reservatio
mentalis, und die war, an katholifchem Maß-
ftabe gemeffen, untadelhaft! Von wirklichen Lügen,
d. h. bewußten Unwahrheiten oder Wahrheitsverdrehungen
nichts, ganz und gar nichts'.

Tübingen. Otto Scheel.

Briggs, CharlesAuguftin, D.D., D.Litt.: Theological Sy mbolics.

(X, 429 S.) 8°. Edinburgh, T. & T. Clark 1914. s. 10. 6

Zur Würdigung diefes Werks ift es nicht ganz gleichgültig
, etwas von der Perfon des Verfaffers zu wiffen. Es
lieht durchaus imDienfte eines Unionsftrebens umfaffender
Art. Die .Einheit' und ,Einigung' der Kirchen ift das tieffte
Herzensanliegen, das Briggs befeelt und in feiner .Symbolik'
allenthalben zu Tage tritt. B. ift, das merkt man zumal
auch an dem Tone aller Erörterungen, ein Mann voll
höchften Willens zur Gerechtigkeit und voll guten Zutrauens
zu allen hiftorifch gewordenen Kirchenformen der
Chriftenheit. Wenn man es nicht daraus, daß fein Buch
als Beftandteil der in Edinburg erfcheinenden .International
Theological Library' veröffentlicht wird und aus der Angabe
, daß er .sometime' Profeffor am Union Theological
Seminary in New York gewefen, entnehmen könnte, daß
er zu einer der Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen
find, gehöre, möchte man ernftlich zweifeln
können, auf welcher Seite er perfönlich liehe.

Ein römifcher Katholik würde ja freilich wohl feine Kirche nicht
bloß als eine neben den andern hinzuflelleu vermögen. Seibit beim
äußerlten Entgegenkommen gegen die Proteflanten würde er wohl nicht
darauf verzichten dürfen, fie letzlich ins Unrecht zu fetzen, mild und mit
vielen freundlichen Entfchuldigungen vielleicht, aber fachlich doch deutlich
. Nur daraus, daß B. den Proteftantismus nirgends .bevorzugt', kann
man mutmaßen, daß er felbft wohl .Proteftant' fei. Aber ob er nicht Altkatholik
fein könnte? oder .Orthodoxer', etwa nach der Art Solovjeffs?

mt der .gründlichen Arbeitsleiftung' Kohlers .vollauf zu- j Alfo ich meinei es fd wirklich nicht ganz u„wiiikomrncn, aus Schaffs

Eucyclopedia of Living Divines (1886) zu erfahren, daß Briggs, geboren
zu Newyork 1841, Presbyterianer fei, einige Zeit Pfarrer in diefer
Denomination war, dann, feit 1874 .Profeffor of Hebrew and the cog-
r.ate languages' am Union Theological Seminary und feit 1S84 Profeffor
an der Univcrfität Edinburg. Kurz vor der Drucklegung der .Theological
Symbolics' ift er gcltorben. Er war neben Stewart D. F. Salmoud
Herausgeber des Sammelwerkes, zu dem diefes Buch gehört, und hat
übrigens an der in Amerika veranftalteten Überfetzung des Lange'fcheu
Bibelwerks mitgearbeitet. In der allgemeinen Seriesbezeichnung feines
vorliegenden Buches wird er betitelt als .Sometime Profelfor of Theological
Eucyclopedia and Symbolics' am Union Seminary, davon bemerkt
Schaff nichts. Bei Schaff findet man auch unter feinen Werken noch

Ir.ieden' fein könne. In deffen Namen hat nämlich Köhler
aies Mal .feine fonft unabhängigere Feder angefetzt'
V* 234)- Nun wird auch verftändlich,, warum Grifar an
J»*f Entwicklung der wiffenfehaftlichen Überzeugung Köh-
pi%ftark intereffiert ift. Die Erörterung der Doppelehe
1 njhpps von Heffen fchließt Grifar mit einer Gegenüber-
Hellung früherer und fpäterer Urteile Köhlers. Auf daß
D,er nichts mißverftanden werde, leitet er diefen Abfatz
w« den Worten ein: ,Ehe ich aber von der heffifchen
•^ache fcheide, möchte ich Köhler noch auf einen Autor