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Ausgabe:

1915 Nr. 9

Spalte:

198-199

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koch, Hugo

Titel/Untertitel:

Konstantin der Große und das Christentum 1915

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 9.

198

rr ^f»n "Pin/Hnnnkt 1 Proben verftändnisvoller Arbeit an feinem Thema ge
Unterfuchung, die an emem ^ter^^nS^U^ liebenIluffätze in Hermathena, Journal of Theological
den Einfluß jüdifcher, griechifcher und onentaliicüer Ue- | gegepen ^UU«L, , . . ,„
danken auf den Sprachgebrauch wichtiger Grundbegriff
in der urchriftlichen Literatur dartun will. Es gelcüieüt
das nicht in einer kleinlichen Weife durch Prüfung der
wechfelnden Bedeutung einer einzelnen Vokabel. Vielmehr
achtet der Verf. mit Recht auf die J^S^ StoTer^vöm wiffÄafthchen Geflehtpunkt, find
dem Gebrauch einzelner Worte liegenden Grundanfchau gegnet irto Vergleiche mit moderner Theologie
ungen. Wer die Entftehung neuteflamentheher Wort- cüeottet«ngci_re neu ^-Si---j-w-j ... .»-..nßj.

Studies). Das Buch bringt alfo reife Früchte. Viel Neues
habe ich freilich nicht darin gelefen. Doch verdient die
gelegentliche Auseinanderfetzung mit Harnack und Werner
Beachtung. Von der Benutzung anderer neuerer Literatur
(Kunze, Stoll, Dufourcq) find mir Spuren nicht be-

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«"gen. wer nie rvnurenung iicuiciiaiiiumiuiv.. ..v,,.. , . o... ^ /. , ,

bilaung von den Zeitftrömun|en des damaligen religiöfen und Theofophie Der Anghkaner tritt dabei zu deutlich
Lebens unabhängig glaubt, kann viel aus der W.'fchen | hervor. Das gilt befonders von dem ziemlich oberflach-

j tt_i..._j„_ -d-----: ! üchen Kapitel: Gnofticism Ancient and Modern, das als

Anhängfei zur Darftellung der Theologie des Irenaus
ohnehin am falfchen Platze fleht. Statt .Schmidt of

Unterfuchung lernen. Infchriften und Urkunden, Papyri
und die Äußerungen einzelner Schriftfteller werden mit
großem Fleiß herangezogen. Das Refultat der Unterfuchung
ergibt auch für das Wort yaP'S eine zunächft
ganz überwiegend religiös orientierte Bedeutung: einer
objektiven göttlichen Erlöfungstat, doch fo, daß zugleich
eine den Menfchen beherrfchende neue övvafiig damit
verbunden ift. Es bedeutet nach W. eine Abfchwächung,
wenn unter jüdifchem Einfluß die Güte, die nachfichtige
Gefinnung Gottes in einigen Schriften mehr in den Vordergrund
tritt, und eine Verarmung, wenn die .Kraft' zu
einem geheimnisvollen phyfifchen Etwas wird, .das dem
Menfchen eingegoffen wird und deffen Mitteilung dann
von der Kirche monopolifiert werden kann. Man kann
von W. lernen, wie früh fchon im Urchriftentum vorbereitende
heterogeneEinflüffe dahin wirkfam gewefen find,die
urfprüngliche Kraft der urchriftlichen Grundauffaffung zu
beeinträchtigen. Aber ganz ftimmt das Exempel nicht,
wie es W. uns vorrechnet. Einmal überfchätzt er meines
Erachtens den Einfluß der .griechifchen' und der ,orien-
talifchen' Gedanken für die ältere Zeit; es muß fehr
zweifelhaft erfcheinen, ob z. B. Paulus ,die Gnade' fo
hypoftafiert, wie W. behauptet. Die Tragweite der herangezogenen
Vergleichsftellen ift nicht fo groß, wie W. annimmt
. Vor allem aber ift das Moment der ganz
originalen chriftlichen Heilserfahrung als etwas einzig
daftehendes und daher wiffenfehaftlich überhaupt analogie-
lofes nicht genug gewürdigt. Zwar weiß W., daß die
religio nsgefchichtlichen Parallelen nur vorbereitendes
Material bringen, daß, wie er fich ausdrückt, das Studium
,der Perfönlichkeit des Paulus' allein den Schlüffel gibt.
Nach diefer Richtung fpricht er nun von der ,heroifchen,
überfpannten und efchatologifchen Grundauffaffung'. Ift damit
genug gefagt? Diefe Perfönlichkeit ift eben auch nicht
.aus fich felbft' zu verliehen. Auch die wiffenfehaftliche
Unterfuchung kommt nicht um den entfeheidenden Punkt
herum, daß .Sünde' und ,Gnade' Korrelatbegriffe find,
Qie in ihrer Tiefe nur von der Erlöfungstat der Liebe
Gottes aus zu verliehen find. Das fleht felbfländig
Djhten jn dem Milieu der fich kreuzenden Zeiteinflüffe.
Die völlig neue Tatfache des religiöfen Geifteslebens hat
fich ihre eigene Terminologie gefchaffen, die fchlechthin
nicht anders abgeleitet werden kann als aus der Grund-
orfahrung allein. Anfätze zur Würdigung diefes Moments
»nd bei W. vorhanden, aber fie greifen nicht durch und
finden ihre Würdigung beffer z. B. in der Neuauflage des
Lremerfchen Wörterbuchs durch Julius Kögel (Art. vapte).
t rotz diefer Aufteilungen ift aber die Arbeit von W.
eine wiffenfehaftlich fehr beachtenswerte und wertvolle
Leiftung

Greifswald. Ed. von der Goltz.

H'tchcock, F. R. Montgomery, M. A., D. D: Irenaeus of

Lugdunum. A Study of his Teaching. With a fore-
word by reg. Prof. H. B. Swete, D. D. (VI, 367 s-)
8°. Cambridge, University Press 1914- s. 9 —

Zu der immer noch nicht veralteten deutfehen Monographie
über Irenäus von Heinrich Ziegler (1871) und der
'ranzöfifchen von Albert Dufourcq (1904) gefeilt fich nun
auch eine englifche. Ihr Verfaffer hat fchon mehrfach

Zürich' (S. 236) ift wohl Schmiedel (oder Schmidt-Bafel?)
gemeint.

Gießen. G. Krüger.

Schwartz, Eduard: Kaifer Konltantin und die chriftliche
Kirche. 5 Vorträge. (VII, 171 S.) 8°. Leipzig, B. G.
Teubner 1913. M. 3—; geb. M. 3.60

Koch, Univ.-Prof. D. Dr. Hugo: Konitantin der Große und
das Chriftentum. (49 S.) gr. 8°. München, M. Mörike
1913. M. 1.20

Zwei feine Andenken an das Jubiläumsjahr 1913 (Mailänder
Edikt!) find uns in den beiden Büchlein geblieben;
beide aus Vorträgen vor einem weiteren Kreife erwachfen,
aber beide von felbftändigem wiffenfehaftlichen Wert. H.
Koch hat feinem Vortrag noch gelehrte Anmerkungen
(S. 45—49) beigegeben, Schwartz die fünf im Frankfurter
Hochflift gehaltenen Vorträge mit jeder Art von Unterkellerung
verfchont: beide haben ihren Zweck erreicht.
Daß fie fich in wefentlichen Punkten berühren, die Hauptfache
, den Kaifer Konftantin ziemlich gleich einfehätzen
und auch über feine Bedeutung für Kirche und Staat
ähnlich urteilen, zeigt erfreulicherweife, daß es doch auch
in der Gefchichtswiffenfchaft Fortfehritte gibt, die fich
felbft den ftärkften Vorurteilen gegenüber durchfetzen.
Doch intereffiert fich Koch in erfter Linie für die Frage
nach dem Chriftentum Konftantins, wie er Chrift geworden
fei und ob überhaupt jemals überzeugter Chrift, erft an
zweiter Stelle befchreibt er die Wirkungen der Konftan-
tinifchen Religionspolitik für Kirche und Reich. Schwartz
holt weit aus: die beiden erlten Vorträge fkizzieren in
kräftigen Zügen die Vorgefchichte der konftantinifchen Ära
feit dem Anfang des 2. Jahrhunderts, zuerft die der fich or-
ganifierenden Kirche, dann die des Staats in feinem Verhältnis
zur Kirche, S. 63—96 behandelt fozufagen die
äußere Gefchichte der Regierungszeit Konftantins, Vortrag
4 und 5, deren Grenzpunkt die nieänifche Synode
bildet, zeichnen die inneren Kämpfe und geiftigen Strömungen
, in die der erfte chriftliche Kaifer hineingeriffen
wird, natürlich mit Ausblicken auf die Folgen feiner nicht
überall gleich glücklichen Stellungnahme.

Auf fo kurzem Raum konnte die Entwicklung der
Kirche während entfeheidender Jahrhunderte nicht wohl
markanter und in allem Wefentlichen vollkommener ge-
fchildert werden als es hier bei Schwartz gefchieht; auch
dem Dogma, das er ehedem gering zu fchätzen geneigt
war, wird er hier ebenfo gerecht wie den Fragen der
Macht, der Organifation, der Sitte und Stimmung. Einige
gewagte Hypothefen fleht man diefem Forfcher gern nach,
auch die Neigung, das ihm ficher Gewordene gegenüber
Zweifelnden etwas ftark zu unterftreichen, daneben einige
Nachläffigkeiten im Druck oder Ausdruck, die neben der
ruhigen Klarheit des Ganzen kaum ins Gewicht fallen.
Die Gegenüberftellung des Philologen und des zünftigen
Hiftorikers und Theologen in Vorwort S. VI hätte ich
gern vermißt; Schwartz' Art die Dinge zu fehen, die,
wie er und mit ihm wir Alle hoffen, fich durchfetzen wird,