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Ausgabe:

1915

Spalte:

176

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Glas, Anton

Titel/Untertitel:

Die Kirchengeschichte des Gelasios von Kaisareia die Vorlage für die beiden letzten Bücher der Kirchengeschichte Rufins 1915

Rezensent:

Krüger, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 8.

176

Abhängigkeit des Tacitus von Jofephus und fucht beide
auf eine ältere Quelle zurückzuführen. Befonders beweifend
erfcheint mir in diefem Zufammenhang die wörtliche
Tjbereinftimmung des Tacitus-Zeugniffes mit Sueton Ve-
fpafian IV, 5. Als Quelle des Tacitus nimmt dann N. auf
Grund eines Zeugniffes des Minucius Felix (33,3 fr.), das
allerdings in feinem Wortlaut erft hergeftellt werden muß,
Antonius Julianus an, der vielleicht mit dem Prokurator
von Judäa im Jahre 70 identifch fei. Corffen will auch 1
diefe Ausführung nicht fo gelten laffen, fucht nachzu-
weifen, daß man im Großen und Ganzen den Bericht des
Tacitus aus Jofephus ohne Schwierigkeit ableiten könne,
und nimmt für die meffianifche Weisfagung wenigltens
als direkte Quelle Aufzeichnungen des Vefpafian an, die
aber ihrerfeits auf mündliche Behauptungen des Jofephus
zurückführen, fo daß alfo doch Jofephus als Schöpfer
diefes ganzen Nachrichten-Komplexes erfchiene. Schließlich
ftellt Corffen gar die Vermutung auf, daß die Verleumdung
der Chriften, fie hätten Rom in Brand gefleckt,
und fo indirekt auch die berühmte Darfteilung des Tacitus
auf Verleumdung und Einfiüfterung des Jofephus felbft
am römifchen Hof zurückführen können. Ich möchte aber
urteilen, daß ein folcher reiner Indizienbeweis, wie Corffen
ihn hier mit faß: detektivartigem Scharffinn führt, in der
Gefchichtswiffenfchaft noch bedenklicher ift, als in der
Rechtspflege.

Göttingen. Bouffet.

Bardy, Prof. Abbe Gustave: Saint Athanase (296—373).
(,Les Saints') (XVI, 209 S.) kl. 8°. Paris, V. Lecoffre
1914. fr. 1 —; geb. fr. 3 —

Bardy, derVerfaffer einer Monographie über Didymus
den Blinden (Paris 1910), fchildert uns, unter Verwertung
und Berückfichtigung der neueften Literatur, in lebhafter
und edler Sprache den Lebensgang und Charakter des
Vaters der Orthodoxie: die Zeit vor feinem Epifkopat,
die Anfänge feines Epifkopates und fein erftes Exil, feine
Rückkehr und fein zweites Exil, la decade d'or (346—356),
das dritte Exil, feine letzten Lebensjahre. Für die kirchliche
Korrektheit der Darfteilung bürgen fchon die
Approbationen der Ordinariate von Befangon und Paris,
wie denn auch die nicänifch-athanafianifche Theologie als
eine über jeden Einwand erhabene, fchlechthin unanfechtbare
Lehre behandelt wird. Überhaupt tritt das Dogmen-
gefchichtliche, dem Zwecke der Sammlung ,Les Saints'
entfprechend, zurück und wird auf die notwendigften
Angaben befchränkt. Sonft hätte beifpielsweife die gewiß
bemerkenswerte Tatfache, daß Athanafius das nicänifche
Schibboleth ufioovöiog jahrzehntelang (bis 351) fo gut wie j
gar nicht verwertet hat, Erwähnung finden müffen. Doch
ift Bardy wieder Hiftoriker genug, um zu fchreiben: ,long-
temps apres sa mort, on construira des romans, dans les-
quels il fera figure de thaumaturge. Mais son histoire est
toute d'histoire, et le plus incredule des critiques ne
trouverait rien ä y reprendre; car on ne raconte de lui
aucun miracle d'aucune sorte' (S. VIII). Da aber ein
Heiligenleben ohne .Mirakel' doch eine prekäre Sache ift,
beeilt fich B. hinzuzufügen: ,Ce qui ne veut pas dire que
le surnaturel soit absent de son existence; bien au con-
traire: car sa vie entiere constitue le miracle de la force
morale'. Die Unterzeichnung der dritten firmifchen Formel
durch Papft Liberius, die kirchliche Apologeten gerne in
Abrede Hellen, wird rundweg zugegeben (S. 154F). Auch j
ein Konzil von Antiochien 324/25 mit der Exkommuni- j
kation des Eufebius von Cäfarea hält B. für erwiefen
(S. I2f.). Der Lebenslauf feines Helden bringt den Verf. |
in eine folche Märtyrerftimmung, daß er in der Bemer- j
kung des Breviers, Athanafius fei fchließlich doch in
feinem Bette geftorben, .quelque tristesse mal dissimulee'
findet. Welchem Kaifer dabei die Rolle des Henkers j
zugedacht wäre, wird nicht verraten.

S. 200 wird getagt, Athanafius habe nicht eine Minute ,modifie sa
ligne de conduite'. Wie diefe Behauptung mit der ,grave concession' gegenüber
der jungnicänifchen Terminologie (S. 119 und 204), mit der größeren
Ruhe, Nachficht und Friedensliebe im Alter (S. 184) zufammenßimmt,
ift nicht ganz klar. Durch einen lapsus calami wird S. 205 der heißblütige
Lucifer von Cagliari nach Sizilien verfetzt.

München. Hugo Koch.

Glas, Anton: Die Kirchengelchichte des GelaNos von Kaifareia

die Vorlage f. die beiden letzten Bücher der Kirchen-
gefchichte Rufins. (Byzantinifches Archiv, Heft 6.)
(VI, 90 S.) gr. 8°. Leipzig, B. G. Teubner 1914. M. 4.80

Daß Rufin nicht über Überfluß an Originalität verfügte
, ift längft dargetan. Neuerdings hat Heifenberg
(Grabeskirche und Apoftelkirche I, 66 ff.) den abfchließen-
den (vgl. fchon Kattenbufch, Apoftolifches Symbol 1,46 ff)
Nachweis geführt, daß der Commentarius in symbolum
apoftolorum bis zur völligen Unfelbftändigkeit von Cyrills
Katecheten abhängig ift. Wenn Glas im Rechte ift, wird
künftig auch die Fortfetzung der Kirchengefchichte Eufebs
aus Rufins Schriftftellerkonto zu ftreichen und diefes damit
auf Null zurückgeführt fein.

Der Neffe Cyrills Gelafius, Metropolit von Cäfarea,
hat eine Kirchengefchichte gefchrieben, zwifchen der und
Rufins letzten, über Eufeb hinausführenden Büchern
nahe Beziehungen beliehen. Da Gelafius, wie Glas von
neuem erhärtet, 395 geftorben ift, Rufins Werk aber nicht
vor 402 verfaßt fein kann, fo muß die Abhängigkeit auf
Seiten Rufins liegen. Glas erbringt hierfür den m. E.
völlig gelungenen Nachweis. Neu ift dabei die forgfältige
Vergleichung der bei Gelafius von Cyzikus und Georgius
Monachus erhalten gebliebenen Reite der Kirchengefchichte
des Gelafius von Cäfarea mit dem Text Rufins,
aus der fich mit aller erreichbaren Sicherheit ergibt, daß
Rufin als der Überfetzer angefehen werden muß. Es
zeigt fich, daß er dabei kein wefentlich anderes Verfahren
angewendet hat, als Kimmel es fchon vor langen Jahren
für die Eufeb - Überfetzung nachgewiefen hatte. Daß
Gelafius von Cyzikus Rufin benutzte, wie noch Turner
in einem (Glas anfcheinend unbekannt gebliebenen) Auf-
fatz im Journal of Theological Studies 1, 1900, 125 f. annahm
, kann fürdeihin nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Gießen. G. Krüger.

Schulte, Pat. Elzear, O. F. M.: Die Entwicklung der Lehre
vom menfchlichen Willen Chrilti bis zum Beginn der Scho-
laftik. (Forfchungen zur chrilti. Literatur- u. Dogmen-
gefchichte. 12. Bd., 2. Heft.) (VII, 147 S.) gr. 8». Paderborn
, F. Schöningh 1914. M. 4.50

Ein quälendes Problem der alten kirchlichen Chrilto-
logie wird von Schulte bis ins 8. Jahrhundert verfolgt. Ein
befriedigendes Ergebnis kann auch er nicht feftftellen.
Der Knoten fchürzt fich in den nachorigeniftifchen Dezennien
. Origenes felbft bot freilich eine glänzende und
gefchloffene Löfung. Aber fie konnte ihres .Origenismus'
halber keine Annahme finden. Erft der Arianismus fchuf
die Grundbedingungen einer ifolierten Betrachtung des
menfchlichen Wiffens Chrilti für weitere Kreife. Seiner
antihomooufianifchenV'erwertungderErkenntnisfchwächen
Jefu trat Athanafius mit Erfolg entgegen. Doch eine feite
Grundlage war erft gewonnen, als die Integrität der
menfchlichen Natur Chrilti feltftand. Im Kampf um die
Anerkennung einer ,Vernunftfeele' wurden die Erkenntnis-
fchwächen Jefu fogar ein wertvoller pofitiver Beweis. Gegen
die neftorianifche Benutzung diefer Schwächen im
lntereffe der fchroffen Trennung der beiden Naturen wehrte
fich Cyrill, geftützt auf athanafianifche Traditionen, mit
Erfolg. Aber er fowohl wie die Antiochener waren an
einer möglichft hohen Erkenntnisausftattung Chrilti in-
tereffiert. Sie trotz des Buchitabens der Schrift zu lteigern