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Ausgabe:

1915 Nr. 8

Spalte:

171-173

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rothstein, J. Wilhelm

Titel/Untertitel:

Hebräische Poesie. Ein Beitrag zur Rhythmologie, Kritik u. Exegese des Alten Testaments 1915

Rezensent:

Staerk, Willy

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 8.

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Jaftrow jr., Dr.Morris: Babylonian-Assyrian Birth-Omensand

their cultural Significance. (Religionsgefchichtliche Ver-
fuche u. Vorarbeiten. XIV. Bd., 5. Heft.) (VI, 86 S.) 8°.
Gießen, A. Töpelmann 1914. M. 3.20

Die in Babylonien fo ausgebildete Wiffenfchaft der
Weisfagung fuchte die Zukunft zu ergründen; die Mittel
dazu waren befonders die Leberfchau, die Andrologie und
die Omina, die aus allen möglichen menfchlichen und
tierifchen Handlungen abgeleitet werden. Befonders gut
unterrichtet find wir über Geburtsomina, von denen recht
umfangreiche Fragmente aus der Bibliothek des Königs
Afurbanipal in CT. XXVII publiziert vorliegen. Daß fie
aber auch fchon in viel älterer Zeit eine große Rolle
fpielten, ergibt fich aus mehreren in ihnen erwähnten
hiftorifchen Anfpielungen. Diefe Texte find fchon mehrfach
auch von anderer Seite überfetzt worden, Jaftrow
unterfucht fie aber auf ihren literarifchen Wert und auf
die ratio, nach denen die Prophezeihungen gegeben werden.
Denn es beliehen zweifellos Beziehungen zwifchen den
Erfcheinungen des neugeborenen Jungen und den daraus
abgeleiteten Folgen. Wenn z. B. der Foetus zwei Körper,
aber nur einen Kopf hat, fo bedeutet das Einheit, Ein-
herrfchaft, während zwei Köpfe Zwietracht und Streitigkeit
bedeuten. Diefe verfchiedenen, teilweife höchft un-
wahrfcheinlichen Möglichkeiten von Mißgeburten und
Monftrofitäten werden mit großer Genauigkeit aufgezählt
und die Konfequenzen gezogen. Sehr fonderbar find
Omina, in denen erwähnt wird, daß eine Frau z. B. einen
Löwen, einen Hund, ein Schwein ufw. geboren habe.
Hier kann es fich gewiß nur um entfernte Ähnlichkeiten
handeln, die das Neugeborene mit Tieren hat. Jaftrow
meint nun, daß auf diefe Anfchauungen zurückzuführen
feien fowohl die Wiffenfchaft der Phyfiognomik, als auch
der Glaube an die Exiftenz von Mifchwefen z. B. Hippo-
zentauern, Schlangengreifen ufw., als auch fchließlich die
Meinung, daß folche Monftra von der Gottheit gefandte
,Zeichen' wären. Von dem Orient feien dann diefe Ideen
über die Hethiterlande nach Griechenland und Rom und
von dort fchließlich zu den Völkern des Mittelalters gewandert
.

Breslau. Bruno Meißner.

Rothftein, J. W.: Hebräifche Poelie. Ein Beitrag zur Rhyth-
mologie, Kritik u. Exegefe des Alten Teftaments.
(Beiträge zur Wiffenfchaft vom Alten Teftament.
18. Heft.) (VIII, 110 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs
1914. M. 3.75; geb. M. 4.75

In der Feftfchrift für R. Kittel hatte Ref. einen kleinen
Auffatz veröffentlicht, der fich mit dem zur Zeit wichtigften
Problem der hebräifchen Metrik befchäftigte. Er war
darin für die Theorie der fog. Mifchmetra als vorherr-
fchende Form in der at. Poefie eingetreten. Hierzu
nimmt nun R. in dem oben genannten Buch Stellung.
Er verfucht Punkt für Punkt meine Ausführungen zu
widerlegen und feine eigene Theorie, nach der in jedem
einheitlichen poetifchen Ganzen diefelbe metrifche Form
durchläuft, durch neue Beifpiele zu ftützen.

Auch diefe neuefte, z. T. erregte Schrift R.s kann
mich nicht von der Richtigkeit feiner Grundthefe überzeugen
. Was er gegen die von mir vertretene Rhythmi-
fierung der kleinen epifchen Einheiten in Gen. und gegen
meine Auffaffung der metrifchen Form des Deboraliedes
vorbringt, find die aus feinen ,Grundzügen des hebräifchen
Rhythmus' und feinen fonftigen Arbeiten bekannten Gründe,
fehr anfechtbare textkritifche Operationen und Gefchmacks-
urteile. R. follte von feiner radikalen Kritik des überlieferten
Textes aus überhaupt auf die Behandlung von
Problemen der Metrik und Rhythmik verzichten. Dafür
hätte ich Verftändnis. So aber ift m. E. jede Diskuffion
von vornherein ausfichtslos, denn R. wird gegenüber den

feiner Theorie widerfprechenden Textgeftaltungen niemals
um ein textkritifches Heilmittel verlegen fein. Paffen die
überlieferten Verfe in das von ihm aus dem Anfang eines
Gedichtes oder fonftwie erfchloffene Metrum, fo heißt es:
es ift textlich alles in befter Ordnung; paßt fich aber der
Text nicht mehr dem vorausgefetzten metrifchen Schema
an, fo gewinnt R. durch Eingriffe in den Text den von
ihm vorausgefetzten ,urfprünglichen'Wortlaut der Stelle.1
Das nenne ich .Umdichten' und nehme von diefem Urteil
angefichts des neueften Buches R.s nichts zurück.

Es wird genügen, R.s Methode an einem Beifpiel zu illuftrieren. In
feiner Abhandlung über Jud. 5 (ZDMG 1902, 19031 hatte R. behauptet,
das Lied fei nach dem Schema 3: 3 gedichtet. Ich hatte das S. I99ff.
kurz widerlegt — wobei zu meinem Bedauern bei der Korrektur ein Irrtum
unverbeffert geblieben ift: Jud. 5, 2 ift natürlich kein Doppelvierer,
fondern ein Siebener 3:4. R. hat das mit Recht aufgeftochen. Nun
fucht R. feine Thefe aufrecht zu halten, kofte es was es wollet i) v. 2
hat zwar anftößigen Text, kann aber als Doppeldreier gelefen werden,
denn ,fur rhythmifches liefen' ift es möglich DS'nlSnm als einen
Hochton zu faffen. Nein, das Wefen der akzentuierenden Poefie verlangt
die Lefung DS ai3nü3, weil beide Begriffe: Gelübde und Volk
die konftituierenden logifchen Faktoren des 2. Halbverfes find. Man
kann auch in dem deutfchen Vers ,Uud Roß und Reiter fah man niemals
wieder' nicht Roß und Reiter durch ,rhythmifches Lefen' zu einer Einheit
verbinden. Der Vers hat 5 abgeftufte Hochtöne. 2) in v. 3 macht
fich R. zunächft den Doppeldreier inbxb mottt nutTR hWl 133«
55t"ii2Ji zurecht, in dem er behauptet, das zweite 1335t und mptii> fei
textkritifch verdächtig und ,auch aus rhythmifchem Grunde'(!) die Wiederholung
von 'fi im 2. Halbverfe fchwerlich urfprünglich. Über diefen
,rhythmifchen Grund' läßt fich R. allerdings nicht weiter aus. Weiter
aber muß nun die Introduktion ,Höret, ihr Könige, merkt auf, ihr
Fürften' befeitigt werden, weil fie nicht in das Schema 3:3 paßt. Es
ift R. ein leichtes, fich vorzuftellen, ein fpäterer Bearbeiter habe die f.
M. nach garnicht in das Lied paffende Aufforderung hineingebracht! Gegen
folche Gefchmacksurteile läßt fich freilich nichts einwenden. Man könnte
auch ftillfchweigend darüber hinweggehen, wenn R. nicht fo anfpruchs-
voll wäre, folche und ähnliche vage Behauptungen für Tatfachen zu
halten, die im Text felbft gegeben find und fich forgfamer Erwägung
zwingend aufdrängen (S. 30), und wenn er fich demgemäß nicht das Recht
nähme, Exegeten, die anderer Meinung find, wegen ihres Mangels an
philologifcher Überlegung (S. 9) hart zu tadeln. Nun, ich werde es mit
Würde zu tragen wiffen, daß mich R. nicht philologifch ernft nimmt
(S. 26). 3) Um die Schwierigkeiten zu umgehen, die v. 4b der apriori-
ftifchen Behauptung bieten, das metrifche Schema von jud. 5 fei 3:3,
bekrittelt R. zunächft v. 4 a. Er kommt zu dem Refultat, diefen Vers
brauchten wir nicht unbedingt, und feine jetzige Geftalt fleht in üblem
Verhältnis zu v. 5. Und triumphierend ruft R. aus: ,Man fieht, fo ganz
einfach ift die Textüberlieferung nicht; jedenfalls ift es unberechtigt, fie
für die rhythmifche Beurteilung in harmlofer Weife als gut anzufeilen'
(S. 28). Der Tadel gilt natürlich mir, weil ich am Schluffe meines
Auffatzes (S. 202) zufammenfaffend gefagt habe, R.s Theorie könne gegenüber
den Tatfachen, die gute alte Texte bieten, nicht beliehen. Muß
ich ihm erft ausdrücklich verfichern, daß ich felbftverftändlich nicht das
ganze überlieferte Lied Jud. 5 für guten Text halte, fondern nur eine
Reihe von Stichen, zu denen allerdings auch v. 4 gehört? Die philo-
logifche Harmlofigkeit, die er mir zum Vorwurf macht, werde ich auch
fernernhin bewahren im Gegenfatze zu feinem textkritifchen Radikalismus,
deradhocum der zu beweifenden Theorie willen furchtbare Mufterung unter
dem überlieferten Wortbeftande hält und vor Machtfprüchen über das,
was der Dichter fagen darf und nicht darf, nicht zurückfchreckt. So z. B.
bei v. 4b, der nächftdem dem kritifchen Meffer verfällt, nachdem er
durch das zu v. 4 a Gefagte fchon verdächtigt ift. Selbftverftändlich ift
v. 4b nicht ein Doppeldreier, fondern wird von allen kompetenten For-
fchern als Siebener 4:3 gelefen. Aber R. weiß Rat! Der erfte Halbvers
ift höchft verdächtig, denn — und nun folgen wahrhaft klaffifche
Zeugniffe für R.s textkritifches Senforiuml — die Nennung des Himmels
neben der Erde ift gewiß auf den erften Blick ganz ohne Anftoß. ,Aber
wenn vom Himmel gefagt ift, er habe geträufelt, fo ift es wenigftens fü r
mein Gefühl überaus fonderbar, daß alsdann auch noch von den Wolken
gefagt wird, fie träufeln von Waffer, und rhythmifch(l) geradezu anftößig
ift die Wiederholung desfelben Verbalausdrucks' (S. 29). Diefer Aufwand
von Worten dient nur dazu, der einfachen Textänderung 3,303 ftatt
3BI33 (die aber nicht einmal dringend nötig ift!) aus dem Wege zu gehen,
denn auch fo bliebe ja der Vers ein Siebener. Er muß aber nach R.s
Theorie ein Doppeldreier fein, alfo muß das zweite Subjekt Dlrj'Ü fallen.
Nun ift Ordnung gefchafft, und R. hält es fchließlich für ficher, daß der
I. Halbvers urfprünglich lautete nD?33-t33 fTliSI "ps< und daß &i»'i?
nachträglich von jemand eingefügt wurde, dem der Himmel neben der
Erde noch erwähnt werden zu müffen erfchien (S. 30). Mit Hilfe folcher
.textkritifchen' Operationen hat R. fchon in feinen .Grundzügen' Pfalmen-
texte auf das vorausgefetzte metrifche Schema gezogen, die gegenüber
dem überlieferten Wortbeftande ein Minus bis zu 50 Prozent aufweifen!

1) Korrekturnachtrag: Auch E. König erteilt fo in feiner eben
erfchienenen ,Hebräifchen Rhythmik', vgl. S. 52: ,Wo man nicht
durch unnatürliche Betonung oder Enttonung der Thefe vom .glatten
Metrum' zum Siege verhelfen kann, fetzt man eine Verderbtheit des
Textes voraus'.