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Ausgabe:

1915 Nr. 7

Spalte:

157-158

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thorburn, Thomas James

Titel/Untertitel:

Jesus the Christ: historical or mythical? 1915

Rezensent:

Bauer, Walter

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»57

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 7.

158

und die jüngften jüdifchen Apokalypfen Baruch und Efra,
mit denen lieh die Reihe der jüdifchen Apokalypfen
fchließt. Von chriftlichen Apokalypfen ift der Petrus-
Apokalypfe und der Ascensio Jefajae gedacht. Die ganze
Publikation hat den Wert einer geiftreichen Ermahnung
zur Befchäftigung der Theologen mit der wichtigen
apokalyptifchen Literatur des Spätjudentums. Wertvoll
find die Appendices S. 53—77, in denen namentlich text-
kritifche Fragen zu den behandelten Schriften erörtert
werden.

Heidelberg. Beer.

Thorburn, Thomas James, D.D., LL.D.: Jesus the Christ:
historical or mythical? A reply to Professor Drews'
Die Christusmythe. (XIX, 311 S.) 8°. Edinburgh,
T. & T. Clark 1912. s. 6 —

Th. erörtert die Frage, die in jüngfter Zeit fo viele
Gemüter bewegt hat: ift Jefus Chriftus eine mythifche
Figur oder eine Größe der Gefchichte? Seine genauere
Charakteriftik empfängt das Werk durch feinen Untertitel
, der ihm die Aufgabe einer Auseinanderfetzung mit
A. Drews' Chriftusmythe zuweift. Nicht als ob nur Drews'
Aufftellungen hier Kritik und Bekämpfung erführen. Eine
ziemlich vollftändige Bibliographie nennt faft alle ein-
fchlägigen neueren Arbeiten, die Einleitung gibt eine
Gefchichte der mythologifchen Deutung des Inhaltes der
Evangelien von D. Fr. Strauß an, und durch das ganze
Werk hin begleiten uns die Namen aller möglichen
Autoren, deren Meinung von Th. gewogen und zu leicht
befunden wird. Aber ohne Zweifel ift A. Drews der
Hauptgegner, gegen den Verf. fich wendet. Und jene
anderen werden vielfach nur erwähnt, weil Drews fich
auf ihre vermeintlichen Ergebniffe ftützt oder fie ihm zur
Seite gehen.

Mir fcheint Th. ein glücklicher Kämpfer zu fein. Er
weiß es durchaus zu vermeiden, in die Tonart einer felbft-
genügfamen Apologetik zu verfallen. Zeugnis wird in
feinem Buche nicht abgelegt, und das einzige Bekenntnis,
das aus ihm erklingt, betrifft die Grundfätze gefunder
wiffenfehaftlicher Methode. Aber es gelingt ihm gut, die
Schwäche der Pofition feiner Widerfacher aufzudecken.
Alle zur Schau getragene Sicherheit, der Nachdruck,
mit dem fie ihre Behauptungen vorbringen, vermögen
ihm nicht zu imponieren. Er prüft alles, ift freilich außer
ftande, viel Gutes dem Behalten zu empfehlen.

Im erften Teil feines Buches legt Th. die hiftorifchen
Gründe dar, welche die Annahme, Jefus habe gelebt, erzwingen
. Der zweite fetzt fich mit den aus der mytho-
logifchen Betrachtungsweife entfpringenden Gegenargumenten
auseinander. Kap. 1 handelt von den vorchrift-
fichen Meffiasvorftellungen und ftellt feft, daß in diefem
Ideenkomplex der Gedanke eines leidenden Meffias nicht
enthalten gewefen ift. Kap. 2 führt aus, wie die evan-
gelifche Überlieferung in ihrer älteften, hinter den Synoptikern
liegenden, Geftalt das Bild eines großen Lehrers
und Wundermannes erkennen laffe, deffen fcharf umriffene
Ferfönlichkeit der Auflöfung im Mythus widerftrebe.
I$aP- 3 befchaut den Apoftel Paulus als Zeugen für die
Gefchichtlichkeit Jefu. Das 4. Kapitel leitet zu den außer-
chriftlichen Zeugen für die gleiche Sache über und hat
es mit Jofephus zu tun, während Kap. 5 die römifchen
Autoren Tacitus, Sueton und Plinius vornimmt und ihre
Ausfagen, foweit nötig, vor unberechtigter Beanftandung
m Schutz nimmt. Das Schlußkapitel des erften Teils (6)
legt die rabbinifche Tradition über Jefus vor.

Das 7. Kap. beleuchtet zunächft die Schwäche der
Hypothefe vom vorchriftlichen Jefuskult. Kap. 8 wendet
'•ch zu den fterbenden und auferftehenden Erlöfergott-
oeiten der heidnifchen Naturkulte und weift den tiefgreifenden
Unterfchied zwifchen ihnen und dem Jefus der
Evangelien nach. Kap. 9, 10, 11 richtet fich gegen

J. M. Robertfon und feinen, von Drews wieder aufgenommenen
Verfuch, den Inhalt der Evangelien im wefent-
lichen als eine Sammlung von Mythen zu betrachten.
Nachdem Kap. 12 noch dem Beftreben widerfprochen
hat, die Figuren Kreuz, Lamm und Fifch als weitverbreitete
Symbole gegen den hiftorifchen Jefus auszufpielen,
vernehmen wir das Schlußwort, in dem die hauptßäch-
lichften Refultate zufammengefaßt werden.

Als Anhang find die Triefen des Berliner ,Religions-
gefprächs', das der Deutfche Moniftenbund am 31. Jan.,
1. Febr. 1910 veranftaltet hat, beigefügt.

Breslau. Walter Bauer.

Schm ekel, A.: Die politive Philofophie in ihrer gelchichtlichen
Entwicklung. Forfchungen. 2. Bd.: Ifidorus v. Sevilla,
fein Syftem u. feine Quellen. (X, 291 S.) gr. 8°. Berlin,
Weidmann 1914. M. 10 —

Durch eine Unterfuchung der artes liberales bei Ifidor
von Sevilla wurde Schmekel dazu geführt, fich mit dem
großen enzyklopädifchen Hauptwerk des fpanifchen
Bifchofs, den Origenes, eingehend zu befchäftigen. Wenn
diefes Werk auch fcheinbar ohne wefentliche innere Einheit
ift, fo liegt ihm doch, wie Schmekel nachweift, ein
Plan zu Grunde. Um diefen Plan zu erkennen, bedarf es
einer Analyfe der Origenes und der von Ifidor benutzten
und zwar wortgetreu benutzten Quellen. Abgefehen von
den chriftlichen Quellen find es nun zwei, eine natur-
philofophifche und eine ftaatswiffenfehaftliche Quelle, die
dem Werke Ifidors zugrunde liegen. In fubtiler Einzel-
unterfuchung unter Heranziehung aller Schriftfteller, die
diefelbe Quelle benutzt haben, kommt Schmekel zu dem
m. E. zwingenden Refultat, daß die naturwiffenfchaftliche
Quelle Ifidors ein Syftem von Etymologien auf dem
Grunde einer fachlichen Darfteilung war. Auch Servius,
Solinus, Lactantius und Auguftin haben aus ihr ausgiebig
gefchöpft. Der Verfaffer muß ein hervorragender Grammatiker
der Hadrianifchen Zeit gewefen fein, und zwar ift es
nach Schmekel kein anderer als Sueton. Dasfelbe gilt
für die ftaatswiffenfehaftliche Hauptquelle Ifidors, die ebenfalls
Sueton ift, wobei es zunächft dahingeftellt bleibt, ob
bei diefem beide Werke zu einem vereinigt waren. Endlich
führt Schmekel den Nachweis, daß auch die religions-
wiffenfchaftliche Quelle Ifidors, die uns auch bei Tertullian
und Lactantius entgegentritt, Sueton war. Das verlorene
Werk Suetons, das alfo den Origenes Ifidors zu gründe
liegt, war ein großes Sammelwerk, das wohlgeordnet alles
Wiffenswerte in Natur- und Geifteswelt enthielt und, foweit
wir urteilen können, zwar nirgends in die Tiefe ging, aber
ein grammatifch-philofophifches Syftem darbot. Es war
der naturwiffenfehaftlichen Enzyklopädie des Plinius und
den Sammelwerken Varros verwandt. Direkt benutzt haben
es außer Ifidor Pf.-Apuleius, Cenforinus, Macrobius, Solinus,
Servius, die Perfius-, Lucanus- und andere Scholien,
Tertullian, Lactanz, Auguftin, Hieronymus, Pf.-Clemens
in feinen Recognitionen, Ainbrofius und Aldhelmus von
Malmesbury, indirekt durch Vermittlung Ifidors vor allem
Beda Venerabiiis (f 735), Alkuin (f 804) und Rhabanus
Maurus (f 856). Die Bedeutung Ifidors wie der drei letzten
Männer, die zur felbftändigen Forfchung weder Zeit noch
Mittel hatten, läßt fich dahin formulieren, daß fie die
pädagogifche Aufgabe mit Erfolg gelöft haben, die neuen
germanifchen Völker zugleich mit dem Chriftentum in
den Bildungsfehatz der alten Welt einzuführen. Durch
die Vermittelung Ifidors wurde fo der Inhalt des Werkes
Suetons in das allgemeine Wiffen des Mittelalters übergeleitet
. Aber Schmekel begnügt fich nicht mit dem
Nachweis der literarhiftorifchen Abhängigkeit des Ifidor
von Sueton, er geht weiter den Urquellen nach, er fucht
Antwort auf die Frage, woher Sueton fein naturwiffen-
fchaftlich-philofophifches Syftem hatte. Da weift nun das
Verhältnis von Sprachwiffenfchaft und Naturphilofophie