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Ausgabe:

1914 Nr. 6

Spalte:

167-169

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strahan, James

Titel/Untertitel:

The book of Job, interpreted 1914

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 6.

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drei nebentonige Silben in der Senkung. In §8 zählt
Sch. von der Annahme aus, daß der hebr. Rythmus ein
fteigender ift, 19 Versfüße auf, die fich von feinen Voraussetzungen
aus ergeben. § 9 erörtert die Frage, welche
Verfe durch diefe Versfüße entftehen. Der beliebtefte Vers
ift nach Sch. der Vierheber, welcher in Hiob, Sprüchen, Kohe-
leth, Sirach und den meiften Pfalmen fo regellos mit dem
Dreiheber wechfelt, daß man diefen als katalektifchen Vierheber
bezeichnen muß. Wer die Identität der vierhebigen
und dreihebigen Verfe nicht zugeben will, wird nach Schi. I
auf ein Verftändnis der hebr. Metrik verzichten müffen,
denn Drei- und Vierheber waren für das hebr. Ohr völlig
gleichwertig. S. 88 erfahren wir, daß fchon Hiernymus
für feine Lefer klar genug ausgefprochen hat, daß Dreiheber
und Vierheber im Hebr. beliebig wechfeln können.
Zweihebige Verfe find feiten, häufiger findet fich der
fünfhebige Vers, welcher meift hinter der dritten und
zweiten Hebung Diärefe aufweift. Schon Hieron. habe
fie gekannt, denn wenn er von Pentametern einerfeits und
andererfeits von Alcaici rede, fo habe er damit feinen
Lefern deutlich genug gemacht, daß er nicht an eigentliche
Pentameter denke, fondern lediglich an Fünfheber;
nicht anders feien des Hieron. u. a. Bemerkungen von I
Hexametern zu verftehen, in denen z. B. das Buch Hiob
gefchrieben fei. In den letzten Paragraphen handelt Sch.
über die Strophik, für die die Refponsio, Concatenatio
(Verkettung) und Inclusio (Umrahmung) charakteriftifch
find.

Scharffinn und Gelehrfamkeit läßt fich dem Verf.
nicht abfprechen, noch weniger ein ftarkes Selbftbewußt-
fein, gepaart mit Empfindlichkeit über Nichtberückfichti-
gung feitens der Fachleute, aber auch eine gewiffe Naivität,
mit der er die .echte biblifch-hebräifche Metrik',
die er lediglich aus unferen Texten abgelefen haben will,
der wiffenfchaftlichen Welt darbietet. Ref. kann fchon
Sch.'s Darlegungen in den grammatifchen Vorftudien öfter
nicht zuftimmen und muß darum auch eine Reihe feiner
metrifchen Pofitionen ablehnen. Leider ift eine eingehendere
Auseinanderfetzung hier nicht möglich, am beften
wird das auch auf Grund der von Schi, bearbeiteten
metrifchen Texte gefchehen, von denen die Pfalmen im
letzten Jahr herausgegeben find, die andern poetifchen
Bücher aber demnächft erfcheinen follen. Daß die Dinge
jedenfalls nicht fo klar find, wie er behauptet, und fich nicht
für jeden überzeugend aus unfern Texten abftrahieren laffen,
dafür bietet er felbft mit den an früheren Aufftellungen
vorgenommenen Korrekturen den beften Beweis.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Strahan, James, M. A.: The book of Job, interpreted. (XII,
356 S.) 8«. Edinburgh, T. & T. Clark 1913. s. 7.6

Auf bloß 29 Seiten gibt der Verfaffer zunächft eine
kluge, anregende, alles Wefentliche andeutende Einleitung.
Dann folgt Überfetzung und Auslegung in 44 Abfchnitten
unter felbftgewählten, den Inhalt zufammenfaffenden Über-
fchriften, fodaß immer einem kurzen Abfatz des Textes
erft eine allgemeine Erörterung, dann der Kommentar
unter Anziehung der fettgedruckten Textworte beigegeben
wird.

Jedem deutfchen Lefer muß es auffallen, daß der Verfaffer ,die
Revised Version als Grundlage feiner Auslegung benutzt' (S. VII), das
ift, fie famt ihren Marginallesarten als Text abdruckt, obgleich er auf der-
felben Seite es ausfpricht, daß ,eine neue Überfetzung not tue, die die
Ergebniffe der jüngften Forfchung (recent criticism) aufnähme; er felbft
hoffe fie gefondert zu veröffentlichen'. Warum nicht hier, wo der
Kommentar diefe Ergebniffe nach Kräften zufammenträgt f Wir evange-
lifchen Deutfchen begreifen nicht, wie man eine Überfetzung, und vollends
eine bereits revidierte, alfo keineswegs als unfehlbar fich aufdrängende,
kommentieren kann; aber der Konfervatismus des Engländers fetzt die
Gemeindeüberfetzung an die Stelle des Grundtextes und begehrt Gründe
für jede Abweichung des Erklärers von ihrem Wortlaut. Natürlich hängt
das aufs engfte zufammen mit der ftarken Stellung, die der Wortlaut der
Heiligen Schrift in der Mutterfprache bis auf den heutigen Tag in Kopf
und Herz des Engländers einnimmt. Aber wunderlich berührt dies Verfahren
doch, vor allem, wenn der Erklärer umordnet oder die Reden anders
verteilt, fo z. B. S. 217 ff., wo im Kommentar 26, 2—4. 25, 2 f. 26, 5 ff.
die Rede Bildads bilden, der Text aber unbekümmert darum die Kapitel
25 und 26 famt der Zuteilung an Bildad und Hiob in 25, I und 26, I
nach der Revised Version vorausfchickt.

Eine weitere Bemerkung des Vorworts S. VII fagt
uns, was zu dem eben berührten ja ftimmt, daß das Buch
nicht nur für Gelehrte, fondern für einen größeren Kreis
von Bibelfreunden beftimmt und deshalb das Hebräifche
nach Möglichkeit nur auf Klammern befchränkt fei. Diefes
Beftreben, zweien Herren zu dienen, dürfte die Schuld daran
tragen, daß man oft genug den hebräifchen Wortlaut
vermißt, namentlich wenn Vorfchläge zu Textänderungen
bloß auf Englifch angeführt werden. Im übrigen geht der
Verfaffer den Überfetzungen wie den Kommentatoren
eifrig nach, um den richtigen Text feftzuftellen; unter den
letzteren folgt er begreiflicher Weife befonders gern Duhm,
aber keineswegs kritiklos. In vielen, wohl den meiften
Fällen, läßt er die Entfcheidung zwifchen verfchiedenen
Vorfchlägen offen. Nachdrücklich warnt er S. 27 vor
Überfchätzung der LXX. Bickell's Brenge Metrik der
Verszeile wird S. 22 abgelehnt, Duhms Vierzeilertheorie
S. 27 (vgl. S. 22) trotz der Schwierigkeiten, die ihrer
Durchführung begegnen, als nicht unwahrfcheinlich bezeichnet
.

Was den Aufbau des Buchs, feine Idee, die Frage
nach fpäteren Vermehrungen feines Beftandes angeht, fo
fchließt fich der Verf. auch darin bei weitem am nächften
an Duhm an. Auch das Volksbuch, dem der Dichter
Prolog und Epilog unter großer Duldfamkeit gegen ihre
Bark abweichenden Grundgedanken entlehnt hat, enthielt
ihm fchon Dialoge der Freunde mit Hiob, aber fo, daß
diefe ihm unfrommen Rat erteilten, er durchweg das
gleiche weife und demütige Verhalten beobachtete (S. 23).
Den Sieg erringt Hiob aus eigener Kraft, durch ,die Berufung
an den Gott des Himmels gegen den Gott der
Erde' (S. 12). Natürlich wird dabei 19,25—27 jenfeitig
gedeutet, daß ,des menfchlichen Herzens tiefftes Sehnen
werde befriedigt werden, indem der Tote, dem Unrecht
gefchehen, ins Leben werde zurückgerufen werden, um
bei feiner eigenen Rechtfertigung zugegen zu fein' (S. 177).
Alles, was hinter K. 19 diefen Gewinn wieder in Frage
Bellt, bleibt ganz unbeachtet; mit der größten Ruhe wird
S. 257. 2Ö4f. die erBaunliche Kühnheit, ja Keckheit (bold,
audacious) der Herausforderung Gottes in 31,35—37 hervorgehoben
. Die Gottesrede wird S. 13fr. möglichB nach
der pofitiven Seite gedeutet.

Den dritten Gang der Wechfelreden facht auch
Strahan durch ausreichend lange Reden Bildad's und
Zophar's aus dem vorhandenen Stoff zu vervollBändigen,
läßt aber klüglich 26,2—4 nebfl 27,2—6 als ReBe der
Antwort Hiobs auf Bildad Behn. Fremd find dem
Dichter K. 24, das, wie Merx zuerB angenommen, an
die Stelle eines furchtbaren Angriffs auf die göttliche
Vorfehung [hinter K. 191] getreten iB, und K. 28, be-
fchwichtigender Einfchub eines Lefers (S. 232f.), ferner
natürlich die Tierungeheuer 40,15—41, 34 und die Reden
Elihus. Aber fehr vorteilhaft unterfcheidet fich Strahan
von vielen anderen durch die gerechte Würdigung der
Elihureden, fowohl nach der formalen Seite, indem er
neben Minderwertigem auch .individual passages of con-
siderable beauty' in ihnen anerkennt, als vor allem hin-
fichtlich ihres Inhalts. Er Bellt feB, daß fie mit der Lehre
von dem Prüfungs- und Reinigungsleiden eine wirkliche
Löfung bringen, wenn auch nicht die des Dichters, fondern
die .eines neuen Zeitalters, vielleicht ein oder zwei
Jahrhunderte näher dem unfrigen' (S. 2411, vgl. auch S.
267. 275). Mit Dillon nennt er den Verfaffer der Reden
,a second-rate writer and first-class theologian'. Und umgekehrt
erfpart er Duhm, der ihm fonft fo hoch Beht,
nicht den Tadel, daß ,this great scholar's general treat-
ment of Elihu is marked by less than his ordinary per-
fection of insight' (S. 276).

Alles in allem ein verBändiges und nützliches Buch,
das zwar nicht gar viel Neues bringt, aber von dem bis-