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Ausgabe:

1914 Nr. 5

Spalte:

151-152

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ebbinghaus, Hermann

Titel/Untertitel:

Grundzüge der Psychologie. II. Bd. 1. - 3. Aufl 1914

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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151 Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 5. 152

des praktifchen Heilsglaubens und der bloßen Weltweisheit
. Vor allem fei die Ähnlichkeit Spinoza's mit Kant
unverkennbar. Stellt doch Kant als Poftulate der praktifchen
Vernunft Glaubenswahrheiten auf, die theoretifch
zwar unerkennbar find, deren Realität aber, weil fie Bedingung
des fittlichen Lebens darftellen, mit derfelben
Fertigkeit angenommen werden muffen, wie vernünftig
bewiefene Sätze; die Kant'fche Pofition fällt nahezu zu-
fammen mit Spinoza's Definition vom Wefen des Glaubens,
nach der diefer das umfaßt, was bei Setzung fittlichen
Handelns notwendig mitgefetzt werden muß. Der große
Unterfchied zwifchen Spinoza und Kant befteht darin,
daß Spinoza als Cartefianer mit Hilfe der ideae innatae
auf dem Wege der reinen Vernunft in das Reich der
Metaphyfik eindringen zu können glaubt, während Kant
diefe Möglichkeit apriorifcher Synthefen für die unerfahr-
baren Wahrheiten der Metaphyfik ausfchließt.

Die Unterfuchung Jüngft's zeichnet fich durch eine
forgfältige und umfaffende Verwertung der Quellen aus.
Die fchwierige Frage über den Quellenwert des Tractatus
theologico-politicus in feinem Verhältnis zur Ethik und

ftanz, die man fich mit einem gewiffen Recht als Weltgeift
vorftellen darf, und die namentlich infofern Ehrfurcht zu
erregen vermag, als fie Trägerin alles Gefchehens, alfo
auch des menfchlichen Lebens ift, und als die innere
Stellungnahme des Menfchen zu ihr, je nachdem, glücklich
oder unglücklich zu machen vermag. Was die Entwicklung
und Entftehung der Religion, und zwar zunächft nach der
intellektuellen Seite hin, betrifft, fo hat fie eingefetzt mit
der Vorftellung von Seelen und Geiftern, die der Menfch
erlangt hat, indem er eine Urfache feines Handelns, ein
Bewegungsprinzip in fich felbft unmittelbar erlebte, und
die dann verftärkt worden ift durch die Beobachtung des
Unterfchieds von Tod und Leben, durch Träume und
Ähnliches. Aus dem urfprünglichen Polydämonismus ift
allmählich der Polytheismus hervorgegangen und mit den
monotheiftifchen Religionen die Vorftellung eines höchften
perfönlichen Gottes, die aber angefichts des gegenwärtigen
Standes der Erkenntnis und Kultur durch die Vorftellung
der an fich unerkennbaren Weltfubftanz und durch ein
Verhältnis zu diefer zu erfetzen ift. Ihrer emotionalen
Seite nach hat fich die Religion aus Gefühlen der Be-

über die in jenem Traktat vorliegenden Unftimmigkeiten, | gehrlichkeit und Furcht (namentlich den Geiftern derVer-
die komplizierten in mancherlei Widerfprüchen und Un- j ftorbenen gegenüber) emporentwickelt zu Gefühlen der
klarheiten fich bewegenden Gedanken Malebranche's und | Ehrfurcht und der Liebe: ein Prozeß, der indeffen gleich-
Poiret's hat der Vf. mit Befonnenheit und Vorficht be- j falls im Chriftentum keineswegs feinen Höhepunkt erreicht
leuchtet. Daß er alle feine Ausfagen genau belegt, ift : hat. Folgen Ausführungen über den Konflikt zwifchen
gewiß dankbar zu begrüßen; die Art aber, wie er zu- j Glauben und Wiffen, und die verfchiedenen Löfungen,
weilen auch unbedeutende Worte oder Sätze einfach in ! die er finden kann und findet; über die Bedeutung des
den deutfchen Text einfügt, wirkt teils ermüdend, teils 1 Wunderglaubens, der unter Umftänden eine Kraftquelle
geradezu komifch. ,Nur ein avoir recours aux verites de werden könne; über das Gebet, das insbefondere als ein

la foi kann uns fo tirer d'affaire, nur er läßt uns trouver
le denouement de mille et mille difficultes.'

Mittel der Erleichterung eines bedrückten und nach Aus-
fprache drängenden Herzens' gewertet wird; über den im

Straßburg i. E. P. Lobftein. ! allgemeinen günftigen Einfluß der Religion auf die Sittlichkeit
; über die Bekehrung, die in einer AuseinanderEbbinghaus
, weil. Prof. Herrn.: Grundzüge der Pfychologie. | fetzung fpeziell mit Starbuck und den Amerikanern er-
II. Bd. 1. —3. Aufl. Begonnen v. Herrn. Ebbinghaus. I örtert wird; über die Opfer, das religiöfe Reinheitsideal,

Fortgeführt v. Prof. Ernft Dürr. (XII, 821 S.) gr. 8».
Leipzig, Veit & Comp. 1913. M. 16 —; geb. M. 18.50

Mit dem vorliegenden zweiten Band erhält das große
pfychologifche Werk von Ebbinghaus endlich feinen Ab-
fchluß. Freilich, während es fich im erften Band diefer
Auflage noch um eine Umarbeitung des von Ebbinghaus
felbft Veröffentlichten handelte, bedeutet der zweite Band,
abgefehen von den 132 erften Seiten, denen Ebbinghausfche
Publikationen oder Manufkripte zu Grunde liegen, eine
völlige Neufchöpfung. Es ift feinen Hauptbeftandteilen
nach das Erzeugnis des Herausgebers und Vollenders des
Ganzen, Ernft Dürr.

Wie große Verdienfte fich der Berner Philofoph in-
zwifchen damit erworben hat, wird jeder gern anerkennen,
der weiß, welche Unficherheit und Zwiefpältigkeit noch
immer in der Pfychologie herrfcht, fobald die Erforfchung
des fogenannten höheren Seelenlebens in Betracht kommt.
Gerade mit diefem hat es ja der zweite Band vorwiegend
zu tun. Er zerfällt in drei Bücher, die fleh 1. mit .Wahrnehmen
und Denken', 2. mit der .Ausprägung des Gefühlslebens
', 3. mit den .Verwickelten Äußerungen des Seelenlebens
' befaffen. Unter dem Titel ,Die Ausprägung des
Gefühlslebens' kommen unter anderem die .höchften
Formen des emotionalen Seelenlebens', nämlich die Sittlichkeit
, die Religion und endlich das äfthetifche Verhalten
und die Kunft zur Sprache.

Angefichts des befchränkten zur Verfügung flehenden
Raumes, muß es hier fein Bewenden haben bei einigen
knappen Andeutungen über die den Theologen in erfter
Linie intereffierende Religionspfychologie Dürrs.

Die Religion ift Ehrfurcht vor dem Unfichtbaren oder
Unerkennbaren, das deshalb mit dem Unbedingten oder
Abfoluten zufammenfällt, weil dasjenige Unfichtbare, das
Gegenftand menfehücher Ehrfurcht fein kann, eben das
Unbedingte ift. Dies unfichtbare .Unbedingte' kann weiterhin
nichts anderes fein als die allen einzelnen Erfchei-
nungen und Vorgängen der Welt zugrundeliegende Sub-

die religiöfe Gemeinfchaftsbildung.

Bei der Beurteilung fei zunächft als ein Zeichen der
Zeit dankbar regiftriert, welch relativ breiten Raum
(79 Seiten) die Befprechung der Religion in dem Werke
einnimmt! Man vergleiche damit ältere Lehrbücher der
Pfychologie, in denen von diefem wichtigen Phänomen
des Seelenlebens überhaupt nicht oder etwa nur im ge-
ringfehätzigen Tone Jodls geredet wurde. Desgleichen
fei gern anerkannt, daß die Darlegung Dürrs, obwohl
vielfach an Pierbert Spencer erinnernd, der Bedeutung
der Sache denn doch auch qualitativ in ganz anderer
Weife gerecht wird als feinerzeit die wirklich armfeligen
Auslaffungen Ebbinghaus' in deffen .Abriß der Pfychologie
'. Auf der andern Seite bedaure ich, nicht in ausführlicherer
Kritik auf die Mängel des Abfchnitts eingehen
zu können. Allein fchon aus dem Referat indeffen erhellt,
wie fortwährend metaphyfifche Betrachtungen und pfychologifche
Betrachtungen, die Frage nach der Geltung
und dem Recht der Religion und die nach den pfychifchen
Elementen und pfychifchen Motiven der Religion zum
Schaden der Sache durcheinandergehen. Der Pfycholog,
der fich durch vorzeitig durchbrechende apologetifche
Intereffen eigener Art verführen läßt, das pfychifche
Wefen der Religion in pantheifierender Richtung zu verzeichnen
, hätte da wahrlich etwas lernen können von den
heutigen Theologen, sofern diefe in ihrer Mehrzahl die
Frage nach den Vorftellungen, Gefühlen, Willensregungen,
die an der gefchichtlich gegebenen Religion beteiligt find,
und nach deren Motiven einerfeits und die Frage nach
der Wahrheit und Geltung der Religion fcharf auseinanderhalten
. Auf Einzelheiten, wie die abenteuerliche Thefe,
daß der Umfchwung, der bei der .Bekehrung' zu erfolgen
pflegt, fich aus einem Wechfel in der Vorherrfchaft der
einen von den beiden Großhirnhemifphären erkläre, fei
nicht weiter eingegangen; denn diefe Wunderlichkeit ift
doch nicht charakteriftifch für den Wert des Ganzen.

Straßburg i. E. _ E. W. Mayer.