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Ausgabe:

1914

Spalte:

146-150

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pastor, Ludwig von

Titel/Untertitel:

Leben des Freiherrn Max von Gagern 1810 bis 1889. Ein Beitrag zur politischen u. kirchlichen Geschichte d. 19. Jahrh 1914

Rezensent:

Vigener, Fritz

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HS

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 5.

146

Vorarbeiten überwinden mußte. Dazu tat er das in einer
Mundart, die erft kurz vorher vom mündlichen Ausdruck
zum fchriftlichen vorgerückt war und in welcher roma-
nifche Form und deutfche Denkweife einander entgegentraten
, in welcher man auch die eigentümlichen, dem
heutigen Befucher fofort auffallenden Laute noch kaum
zu fixieren vermochte. Die urfprüngliche Erftausgabe
ift nun, zumal in vollftändigen Exemplaren, nur allzu
feiten, faft unerreichbar geworden. So wurde in den
letzten dreißig Jahren in mehreren Chreftomathien, befonders
von dem Züricher Forfcher Jakob Ulrich und von diefem
auch in feinen ,Rätoromanifchen Texten' (II), fowie in der
füdfranzöfifchen Revue des Langues romanes manches
aber immer doch nur unvollftändig veröffentlicht. Es
war aber niemand berufener als Hofrat Dr. Theodor Gar t-
ner, früher Profeffor in Czernowitz und Innsbruck, einer
der bewährteften Kenner der rätoromanifchen Mundarten,
für die vornehme elegant ausgestattete Textfammlung
der Gefellfchaft für romanifche Literatur die alte Übertragung
Bifruns herauszugeben. Mit dem Texte des
ganzen Neuen Teftamentes find auch die zahlreichen
Annotatiuns zu einzelnen Worten und Wendungen am
Schluffe der Kapitel, die kurzen Lebensfkizzen der
Evangelisten von Hieronymus und die alten Vorstücke
abgedruckt worden. Sie beftehen 1. aus einer kurzen
Mahnung an die Engadiner Jugend aus der Feder des
Philippus Gallizius, der gleichzeitig mit dem Juristen
Bifrun als Geistlicher wirkte, 2. aus einem längeren Geleitwort
an den frommen Lefer von Erasmus und 3.
aus einem folchen von Bifrun felbft. Diefer widerlegt
hier alle die Gründe, die man gegen fein Vorhaben
einwenden mochte, wie: es fei unmöglich, romanifch zu
fchreiben, fönst hätten es früher fchon die Weifen getan,
oder: es fei wenigstens unmöglich, richtig romanifch zu
fchreiben, oder: die Sprache fei zu mangelhaft, um den
Inhalt einer fremden Sprache aufzunehmen: man halte
ferner die Kinder davon ab, deutfch und lateinifch zu
lernen. Aber, meint Bifrun, es folge ja aus der menfch-
lichen Natur, daß man, je mehr man wiffe, umfomehr
auch weiter lernen wolle, und fein Werk unterstütze die,
welche deutfch, lateinifch oder lombardifch (italienifch)
verstehen wollen — uoeglian — nicht noeglian wie wir
bei Gärtner lefen. Endlich folle die Überfetzung nur für
die Kinder taugen, aber Christus mahne uns ja felbft,
ihnen Rechnung zu tragen, denn .ihrer fei das Himmelreich
'. — Gärtner wirft dazu in einem eigenen Vorwort
die Quellenfrage auf, nachdem fie in einer Münchner
Differtation: .Syntaktifches zu den rätoromanifchen Über-
fetzungen der vier Evangelien' von K. Hutfchenreuther
berührt, aber nicht gelöst worden war. Mit Rückficht
auf Bifruns Bemerkung unter dem Titel: ,Prais our delg
Latin & our d'oters launguax & huoffa da noef mis in
Arumauntfch', wo neben dem Lateinifchen das G r i e c h i f c h e
nicht befonders genannt wird, käme das letztere wohl
kaum in Betracht. Diefe Vermutung Gärtners wird
ficherlich unterstützt durch die Bemerkung des zweiten
Überfetzers H. Griti:,Huoffa da noef vertieu in romaunsch
our da l'originael Graec'. Unter den Vorlagen aus
.anderen Sprachen' wären dann Luthers oder eine andere
deutfche Bibel und wahrfcheinlich eine franzöfifche oder
noch eher i t a 1 i e n i fc h e Verfion zu verstehen. Am meiften
aber, befonders bei fchwierigeren Stellen fcheint Bifrun
dem Erasmus zu folgen. Gärtner verweift beifpielsweife
auf 2. Petn 3,1: ötvxtQav kjctaxoXnv, kv ah, Vulgata: se-
cundam epsstolam in quibus, italienifch: Seconda lettera
1e uqn 1 COSe (!)' dagegen Luther mit Verzicht auf den
Anfchluß an den ersten Brief: ,der zweite Brief, in welchem'
und Bifrun: seguondas lettras in aquelas che, aus alteras
hteras in quibus bei Erasmus, das doch einen Brief bedeutet
. — Ein Abfchnitt über .Biegungsformen', wie
fie das eifrige Mitglied des deutfchen Sprachvereins treffend
benennt, unterrichtet den Lefer am Schluffe des Werkes
über die Formenlehre Bifruns, und ein ausführliches

Wörterverzeichnis fetzt auch den Nichtromaniften instand
, mit Hilfe einer anderen Überfetzung fich in den
altehrwürdigen rätoromanifchen Text hineinzulefen, deffen
Neuausgabe nicht nur jeder romanifchen, fondern auch
jeder theologifchen Fachbibliothek zur Zierde gereichen
dürfte.

München. G. Hartmann.

Paftor, Ludwig v.: Leben des Freiherrn Max von Gagern 1810

bis 1889. Ein Beitrag zur polit. u. kirchl. Gefchichte des
19. Jahrh. Großenteils nach ungedruckten Quellen be-
arb. (XVI, 499 S. m. Bildnis.) gr. 8°. Kempten, J. Köfel
1912. M. 8—; geb. M. 10 —

Von den drei Brüdern Gagern, deren Namen, eng
verbunden, ein Stück Gefchichte deutfcher Einheitsbe-
ftrebungen darfteilen, fchien der älteste in den Märztagen
von 1848 berufen, der ausgleichende und leitende Führer
der volkstümlichen Bewegung zu werden. Aber Friedrich
von Gagern ftarb in dem Augenblicke, da er feine Kraft
ganz der deutfchen Sache widmen wollte. Seine gefchicht-
liche Geftalt ift fo nicht zu voller Größe ausgewachfen.
Das Bild feiner Perfönlichkeit ift dennoch deutlich genug,
um die Anfchauung zu rechtfertigen, daß er unter den
begabten Brüdern der begabteste war, ein Mann von
starkem Intellekt, aber auch in der Einfeitigkeit einer
wefentlich verftandesmäßigen Lebensanficht befangen; er
ift faft allzu klar, fcharf und kühl, er gibt, wie feine
Äußerungen über politifche und mehr noch die über
religiöfe Fragen bezeugen, den Erfcheinungen, indem er
fie gleichfam aus dem fchummerigen Lichte der Wirklichkeit
herauszieht, leicht überfcharfe Linien und ift in
feinem Urteil über fie bis zur Ungerechtigkeit gerecht.
Der vollendete Gegenfatz der Naturen macht es begreiflich,
daß Friedrich Gagern auf Max Gagern stark einwirkte,
daß er die von der eigenen Anficht immer weiter abrückende
Weltanfchauung des Jüngeren beeinfluffen konnte;
feine gelaffene, felbft abweifende Kritik des Proteftantis-
mus hat dem Bruder die Überwindung der Widerstände
erleichtert, die fich im eigenen Innern feinem Drang zum
Katholizismus entgegenstellten. Was Friedrich Gagern an
der Fähigkeit des gefühlsmäßigen Aufnehmens abgeht,
das hat Max zu viel; er möchte mit dem Gefühle noch
denken. Diefer hochbegabte Mann ift doch nur von dem
Herzen aus zu verstehen. Selbft in feine politifche Wirk-
famkeit, fo fehr fie auch ftaatsmännifche Einficht verrät,
fpricht immer wieder die Stimme des Herzens hinein.
Das zeigt fich im niederländifchen und im naffauifchen
Dienfte wie in der Arbeit für die deutfche Sache, und
in feiner öfterreichifchen Amtsftellung ift der Preußenfreund
von 1848 weniger durch unvermitteltes öfterreichi-
fches Staatsbewußtfein als vielmehr durch fein perfön-
liches Gefühl für Franz Jofef und vor allem durch den
katholifchen Gedanken getragen. Der Katholizismus hat
G.s inneres Leben allmählich ausgefüllt, wie das katho-
lifche Ideal es fordert.

G. ift unter verfchiedenartigen Eindrücken und Einwirkungen
, nicht ohne Skrupel und Zögern, langfam zur
katholifchen Kirche hinübergekommen; darum gerade
war für ihn mit der Ausführung des Entfchluffes jede
Frage gelöst. Dem Protestantismus der Brüder fehlte von
Haufe aus die innere Aktivität. Es ift im wefentlichen
der Protestantismus, der fich in feinem bewußten Einklang
mit freier Geistesbildung von allem Katholifchen abhebt
und eben darum mehr geiftig-wiffenfchaftlich als religiös
bestimmt ift. Doch fehlt es in G.s Leben nicht völlig an
proteftantifch-religiöfen Einflüffen und kirchlicher Betätigung
. Auf dem Gymnafium zu Kreuznach hat Gerd Eilers
feinen Lieblingsfchüler G. durch die Frage nach den
inneren Wurzeln feines Gebetes zu religiöfer Selbftbefin-
nung angeregt. Nach den fpäteren Erinnerungen G.s
hätten ihm freilich weder die Kreuznacher noch die dann

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