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Ausgabe:

1914 Nr. 4

Spalte:

123

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Naumann, Gottfried

Titel/Untertitel:

Der Segen einer Volkskirche. Vortrag 1914

Rezensent:

Schian, Martin

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123

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 4.

124

Punkten können wir von Holland lernen, wie es nicht gemacht
werden darf, wenn nicht dem Proteftantismus empfindlicher
Schaden zugefügt werden foll. Es ift eine Ironie
der Gefchichte, wenn der fanatifche Calvinift Kuyper mit der
katholifchen Partei fleh verbündet zur Unterdrückung — nicht
des Radikalismus, fondern — jedweden Liberalismus. Damit hat
er allerdings erreicht, daß die Rechte jetzt in der Kammer
60 Stimmen gegen 40 befitzt, das weitere Refultat ift aber auch
eine ungemeine Stärkung des Ultramontanismus, der auf allen
Gebieten eine ungeahnte Kraft entfaltet. Mit Recht hat daher
eine deutfehe Fürftin, die Schwefter des Königs Willem III, von
diefem theologifchen Politiker und gewefenen Minifterprälidenten |
Kuyper gelegentlich zu Nippold gefagt: ,die man is een ramp j
(Unglück) voor ons land', und — fügen wir hinzu — befonders 1
für die proteftantifche Kirche in Holland, der er tiefe Wunden
gefchlagen hat. Discant moniti! Wenn der Proteftantismus feinen
Einfluß auf das Volksleben behalten will, darf er nicht trennen
und zerfplittern, fondern muß auf Zufammenfaffung feiner Lebenskräfte
ausgehen. Diefe Lehre wird in M.'s Schrift deutlich und
eindringlich vor Augen geführt.
Göttingen. Regula.

Naumann, Pfr. Lic. Gottfried: Der Segen einer Volkskirche. Vortrag
in der Diözefanverfammlg. v. Leipzig-Land am 10. Dezember
1912. (16. S.) gr. 8». Leipzig, P. Eger 1913. M. —30
Der Vortrag definiert zunächft: Volkskirche will ein Volksganzes
mit den Kräften des Evangeliums durchdringen, muß
afto darauf verzichten, Darftellung einer Gemeinfchaft wahrer
Chriften zu fein. Er begründet fodann ihr Recht. Die kirchliche
Organifation ift die befte, die am beften dazu dient, das Evange- 1
lium in diefer Welt zu verkündigen. Er legt endlich und am
ausführlichften ihren Segen dar, wobei auch die Verbindung mit
dem Staat näher befprochen wird. Hier find fehr zahlreiche
(wenn auch nicht alle) Gefichtspunkte berückfichtigt; warmherzig |
und feinfinnig wird hervorgehoben, was fich für die Volkskirche j
anführen läßt. Schön find namentlich die Ausführungen über
die ,Gemeindekirche', über die Arbeit der Einzelgemeinde, z. B.
über ihre Sitte (,In der Sitte liegt große erzieherifche Kraft,
S. 15). Die Gegengründe werden beachtet; freilich können fle
nicht alle weithin verfolgt werden; fo wird die große Frage, wie
die Evangeliums predigt in der Volkskirche zu fichern fei,
nicht behandelt. Ein beachtenswerter Beitrag, der manchem
helfen mag, zu dem vielumftrittenen Problem Stellung zunehmen.
Gießen. M. Schian.

Tank, Lehrerin Sufanne: irraelitifche Vätergefchichten f. die Kleinen
erzählt. 1. Tl. (Baufteine f. den Religionsunterricht. III. Reihe,
1. Heft.) (48 S.) 8". Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1913.

M. — 50

Meyer, Lehr. Geo.: Jefaja. (Baufteine f. den Religionsunterricht.
I. Reihe, 3.Heft.) (31 S.) 8U. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht
1912. M. —50

Das 1. Heft der III. Reihe der früher von mir als vorzüglich
empfohlenen Baufteine kann nicht als so gelungen bezeichnet wer- I
den. Nach der Form gibt es fich als ein Heft für die Aller-
kleinften, erzählt im Märchenftil mit hübfehem poetifchen Talent
; nach dem Inhalt gibt es Religionsgefchichte nach Gunkel
und Greßmann, Guthe, Lohr u. a. Das ift eine unglückliche Ver- 1
quickung. Für Studenten, Primaner und Seminariften paßt eine
religionsgefchichtliche Betrachtung, die jene antiken Erzählungen j
äfthetifch würdigt und, der eigenen Religion und der eigenen
Sittlichkeit gewiß, andere Religionsformen und andere Moral
nach ihrem eigenen Recht gelten läßt. Die Kleinften dagegen
follen erft mit dem Geift ihres eigenen Glaubens, dem Geifte
Jefu erfüllt und in ihrem Urteil gewiß gemacht werden. Sie
müden nicht ,die Gefchichte im Sinne der antiken Zuhörer
aufraffen, die natürlich auf Seiten Jakobs ftanden' (S. 29), auch
nicht in geteilten fittlichen Empfindungen mit unficherem Urteil I
hin und her fchwanken, fodaß ,doch allmählich das Verftändnis
für den Humor der Erzählung durch die ehrliche Entrüftung I
hindurchbricht' (S. 33), fondern fie müffen fich wirklch entrüften
und ihrer Entrüftung bewußt werden und dabei bleiben. Oder
aber, wenn der Lehrer folch ,ungefchichtliches' Meffen vergangener
Zeiten mit chriftlichem Maßftab für pedantiich hält, dann foll
er diefe Gefchichten überhaupt weglaffen. Ein chriftlicher
Religionsunterricht vor kleinen Kindern, der fich über un-
chriftliche Unmoral amüfiert ftatt fle ans Licht zu ftellen und zu
unterftreichen und deutlich mit Namen zu nennen, ift ebenfo 1

verkehrt wie jener frühere, der das alles zwar nicht äfthetifch
aber religiös befchönigte, weil Jakob nun doch ,der Träger der
Verheißung' fei. Ob äfthetifch oder geiftlich verdaut, die Wirkung
folcher Speife auf Kinder ift diefelbe, nämlich fittliche Verwirrung
. Auch in der Mathematik eröffnet man nicht den Unterricht
in der Quarta mit der Integralrechnung. Wer über feiner
Freude an der Theologie die Pädagogik vergißt, ift kein guter
Religionslehrer.

Vorzüglich dagegen ift wieder G. Meyers Darftellung von
Jefaja. Im Anfchluß an Duhm, Schmidt und Guthe behandelt
er Jefajas Berufung, Jefaja als Prediger des Gerichts, als Sänger
auf dem Herbftfefte, als Prediger des Glaubens gegen Ahas, gegen
Ephraim und Syrien, gegen Affur, endlich als prophetifchen Dichter
(in feiner Ausmalung des meffianifchen Reichs und des
meffianifchen Königs). Wie hier die bezeichnendften Stellen
herausgehoben, pfychologifch lebendig gemacht, religiös vertieft,
zeitgefchichtlich belebt, endlich didaktifch abgerundet und be-
feftigt find, das kann dem Lehrer von der Oberftufe der Volksfchule
bis zur Oberftufe des Gymnafiums, einem jeden in feiner Weife,
die Wege zeigen.
Düffeldorf. R. Kabifch.

Mitteilung.

6. In Teil el-Amarna haben die im November vorigen Jahres
wieder begonnenen Grabungen der Deutfchen Orientge-
fellfchaft bereits eine neue Bereicherung des Willens über die
Refidenz des ,Ketzerkönigs' Amenophis IV. gebracht. Früher
fchon waren die Häufer eines Oberpriefters, eines Baumeifters,
eines Oberbildhauers und eines Vorftehers der Rinderherden des
Tempels identifiziert worden. Jetzt hat der Leiter diefer Ausgrabungen
, Borchardt, das fehr gut erhaltene Haus einer fchon
längft bekannten Perfönlichkeit gefunden, die am Hofe des Königs
eine gewiffe Rolle gefpielt haben muß, nämlich das Haus
des Generals Ramofe. Derfelbe hatte fchon unter dem Vater
des Königs, alfo unter Amenophis III., gedient; damals trug er
allerdings noch den Namen Ptahmofe (Kind des Gottes Ptah),
den er, als Amenophis IV. alle Götter außer dem Sonnengott
verpönte, fervil in Ramofe (Kind des Sonnengottes Ra) veränderte.
Seine unfertige Grabanlage befindet fich, feit langer Zeit bekannt
, unter den fogenanten Südgräbern im Gebirge bei Teil el-
Amarna. Der General ift alfo wohl nach dem Tode — oder dem
Sturze — des Sonnenkönigs wieder nach der alten Refidenz Theben
zurückgekehrt; vielleicht hat er damals auch feinen alten Namen
Ptahmofe wieder angenommen.

Wichtige Rezeniionen.

Von Prof. Lic. Paul Pape in Berlin W. 57, Blumenthalftr. 18.

Bezügl. Hinweise und Sendungen sind jederzeit erwünscht.
Franz: Das Rituale d. Bifch. Heinrich I. v. Breslau (v. ASchönfelder:

ThRev 1912, 20; v. EMichael: ZKathTh 1913, 1; v. HSiebert: Stud-

MttlgBenedOrd 1913, 2; v. LEifenhöfer: LtRdfchKathDtfchl 1913, 8;

v. BDeffenne: RevBenecl 1913, 3)
Frazer: The golden bough (v. FBJevons: RevofThPhil 19t 1, sept; v.

JAMcCulloch: ibid. 1913, jan; v. S—y: LtZtrbl 1913, 20).
Gibson: The commentary oflsho'dad (v. HHilgenfeld: ZWfchTh 1913,

1; Athen 1913, 2Öapr; v. ABaumftark: Orieus Christ 1913, 1).
Gougaud: Les chretieutes celtiques (v. HMoretus: AnalBoll 1912, 4; v.

AFifcher-Colbrie: AllgLtbl 1913, 3; v. KBihlmeyer: ThQuartfch 1913, 2).
Grabmann: Gefch. d. fcholaft. Methode (y. FKropatfcheck: ZKgefch

1912, 4; v. OScheel: ThRdfch 1913, 3; idem: ZWfchTh 1913, 3).
Green: Die Judenfrage u. d. Schlüffel z. ihrer Löfung (v. Harling: Th-

Ltbl 1912, 1; v. ALoisy: RevCrit 1913, 30; idem: RevHistLitRel 19x3, 5).
Greßmann: Mofe u. f. Zeit (v. JBoehmer: Studft 1913, 2; v. JJeremias:

ThLtbl 1913, 12; v. WNowack: ThRdfch 1913, 3; v. BDEerdmans:

ThTijdsch 1913, 3; v. JMPSmith: AmerJournTh 1913, 2).
Groot: Religion in China (SaturdRev 1913, 2Öapr; v. GMRussell: Princet-

ThRev 1913, 2; v. AForke: LtZtrbl 1913, 28).
Haid: Die Befet/.ung d. Bistums Brixeu v. 1250—1376 (v. BBelpaire:

RevHistEccl 1912, 3; v. Sauer: LtRdfchKathDtfch 1913, 3; v. JZeller:

ThQuartfch 1913, 2).
Hamm: Die Schönheit d. kath. Moral (v. RKeuffen: IntKrchlZ 1912, 4;

v. AKoch: DtfchLtz 1912, 37; v. Seipel: AllgLtbl 1913, 9).
Harnack: Ift die Rede d. Paulus in Athen e. urfprüngl. Beftandteil d.

Apoftelgefch.? (v. HDelehaye: AnalBoll 1913, 2/3; v. ALoisy: RevCrit

19131 32 i v- Pr: LtZtrbl 1913, 16).
Harrison, F: The positive evol. of religion (SaturdRev 1913, 8march;

Acad. 1913, I9apr; v. DCMacintosh: AmerJournTh 1913, 2; v. WB-

Greene: PrincetThRev 1913, 3).
Harrison, JE: Themis: Study of the social orig. of Greek rel. (v.

LRFarnell: Hibbertjourn 1913, jan; v. ESittig: DtfchLtz 1913, 2; v,

JAMcCulloch: RevofThPhil 1913, jan).