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Ausgabe:

1914 Nr. 4

Spalte:

114-115

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gastrow, Paul

Titel/Untertitel:

Pfleiderer als Religionsphilosoph 1914

Rezensent:

Dorner, August

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 4.

114

dem maforethifchen Text hat er nicht gearbeitet. In der
Bearbeitung der Schrift ift keine Entwicklung nachzu-
weifen, etwa von einer formalen Zergliederung zu einer
gefühlsmäßigen, religiöfen Anfchauung. Die Allegorie ift
für Luthers Verhältnis zur Schrift von geringer Bedeutung.
Ein Verfuch, Luthers ,Bibliothek' feftzuftellen, wird S. 85 k
gemacht. .Hier ift noch eine ungeheure Arbeit zu leiften,
die der Lutherforfchung nicht im Nebenamt zugemutet
werden kann' (S. 84).

Tübingen. Scheel.

Heinatlch, Paft. Ernft: Die Krifis des Heiligungsbegriffes
in der Gemeinlchaftsbewegung der Gegenwart (Theodor
Jellinghaus). Eine biblifch-dogmat. Studie. Mit e. Vorwort
v. Prof. D. Karl Müller. (IV, 119 S.) 8°. Neu-
münfter, Vereinsbuchh. G. Ihloff & Co. (1913). M. 1.20

Vorbemerkung: Die folgende Anzeige ist geschrieben, als Theodor
lellinghans (r 4. Oktober 1913) noch lebte. Es erschien aber richtig,
sie nicht abzuändern.

Dies Schriftchen ift veranlaßt durch die Erregung,
die der 72 jährige Theodor Jellinghaus in den Gemein-
fchaftskreifen dadurch hervorgerufen hat, daß er von
feinem ,heiliftifchen Syftem' fich losgefagt und feine Publikationen
, infonderheit fein bekannteftes Buch (,Das völlige,
gegenwärtige Heil durch Chriftum', Berlin 1880, 5. Aufl.
1903) durch einfchneidendfte Retraktationen unwirkfam
zu machen fich bemüht hat (.Erklärung über meine Lehr-
trrungen', Lichtenrade-Berlin s. a. [1912], 51 S. M. 0,60).
Verf. will durch feine ,biblifch-dogmatifche Studie' Jellinghaus
gegen feine eignen Retraktationen verteidigen. Denn
,was ein Menfch auf der Höhe feiner geiftigen Leiftungs-
kraft treu und gewiffenhaft erarbeitet hat, das kann durch
eine abträgliche, unter dem Druck des Alters gefchehene
Äußerung desfelben nicht mit einem Male zunichte
gemacht werden. In einem folchen Falle hat man
die Pflicht, den betreffenden Menfchen vor fich felbft zu
fchützen' (S. Iii). Diefer allgemeine Grundfatz ift gewiß
richtig; und jeder ernfte evangelifche Theologe, der das
genannte Buch von Jellinghaus kennt — man kann es
nicht lefen, ohne neben vielen Anftößen für nüchternes
Denken wertvolle Anregungen ihm zu entnehmen und von
J.s Frömmigkeitsernft fympathifch berührt zu werden —,
wird feinem .Widerruf gegenüber wünfchen müffen, daß
J. jemanden finde, der ihn ,vor fich felbft zu fchützen' vermöchte
. Denn foviel Richtiges m. E. fein .Widerruf enthält
, er fchießt doch nicht nur gelegentlich, in nomiftifche
Bahnen fich verirrend, über das Ziel hinaus, — er zeigt
auch die bedauernswertere Tatfache, daß J. unter feinen
Selbftvorwürfen fich in einer Weife quält, der ein auf Phil.
3,13 u. 2 Kor. 12,9 abgeftimmter Zufpruch not tut. Dieken
Dienft aber kann der Verfaffer diefer .biblifch-theologi-
fchen Studie' J. nicht leiften. Wenn J. noch imftande
wäre, diefe Studie forgfältig zu lefen, fo würde fie ihn
m. M. n. nur bedrücken und verwirren. Denn nicht J.
wird hier gegen fich felbft, fondern fein Syftem gegen
leine eigene Kritik gefchützt. Dabei bieten die beiden
erften Abfchnitte (,Die organifche Stellvertretung Chrifti'
und Jellinghaus' Myftizismus') mancherlei Gutes. Aber

zu den .Gläubigen' zu zählenden Theologen angefehen
werden würde. Auffällig ift, daß derfelbe Verf. als Kritiker
gelegentlich felbft ,die wiffenfchaftliche Pfychologie'
als Eideshelfer aufruft (S. 110). Es wird ihm das nicht
bittrer Ernft fein. Er würde fonft die Vorftellung eines
.Gefangenen der Gattung' (S. 98) felbft kritifiert haben.
Oder hat die Kritik andre Maßftäbe als die pofitive Behauptung
? Man könnte auf den Gedanken kommen, wenn
man lieft, daß ein Kritifierter (Buddeberg) ,die Bilder-
fprache zu weit geführt hat' wenn er fagte, daß etwas
der .menfchlichen Perfönlichkeit im Blute liegen' könne
(S. 97 Anm.), während es (S. 106) als .harmlofe bildliche
Wendung' bezeichnet wird, wenn Jellinghaus gefchrieben
hat, daß der .Zunder der fündlichen Verfuchung durch
das innewohnende Blut und Wort Chrifti und durch
den Tau des hl. Geiftes in dem Zuftand der Unzündbar-
keit' erhalten werden könne. Daß Verf. trotz des Widerrufs
von J. noch immer dafür hält, daß in dem bekannten
Spruche unter der „engen Pforte" die Bekehrung, unter
dem „fchmalen Weg" die Heiligung zu verftehen fei'
(S. 75), ift ein pathologifch intereffantes Beifpiel vermeintlich
.pneumatifcher' Exegefe.

Halle a. S. Loofs.

Gaftrow, Paftor Lic. Paul: Pfleiderer als Religionsphilofoph.

(VI, 122 S.) 80. Berlin, Proteftant. Schriftenvertrieb
1913. M. 2.50

Der Verfaffer bemüht fich, ein möglichft objektives
Bild von Pfleiderers Religionsphilofophie zu geben, ohne
daß' er auf die Differenzen zwifchen den verfchiedenen
Ausgaben, abgefehen von der Differenz zwifchen der
Schrift von 1868 und 1878, näher eingeht. Mir fcheint,
daß Pfleiderer in der fpäteren Zeit mehr die fpekulativen
Intereffen eingefchränkt und die hiftorifchen Intereffen in
den Vordergrund geftellt hat. Der Verf. bekennt zwar,
durch Pfleiderer von dem Bann des Hiftorismus befreit
zu fein. Allein ich vermag nicht zu fehen, daß dem Verfaffer
diefe Befreiung völlig geglückt ift. Im Ganzen gibt
er ein zuverläffiges Bild von Pfleiderers Anflehten, ohne
fich auf Kritik einzulaffen. Mir fcheint, daß nicht genügend
zur Klarheit gebracht ift, inwieweit Pfleiderer fich von der
Gefchichte abhängig macht, und inwieweit er einen idealen
Maßftab kritisch an die Gefchichte legt. Die Idee der
Entwicklung, der immanenten Logik der Dinge felbft
hat die Ansicht zur Vorausfetzung, daß es ein allgemeingültiges
Prinzip gibt, das in der Entwicklung wirkfam ift und
das in fich vernünftig ift. Diefes Ideal muß fich nach und
nach in der Gefchichte verwirklichen. Aber es kann nicht
aus der Gefchichte felbft entnommen werden, wenn man
nicht feine volle Verwirklichung an einer Stelle der Gefchichte
behauptet. Das letztere tut aber Pfleiderer nicht,
wie fein .Urchriftentum' zur Genüge beweift. Diefes Ideal,
das man, fofern es in der Realifierung begriffen ift, Prinzip
nennen kann, wirklich in feiner Richtigkeit und Wahrheit zu
erkennen, dazu genügt die Gefchichte nicht. Dazu bedarf es
der vernünftigen Spekulation, die fich über die Empirie erhebt
, in der gerade nach Pfleiderer eine abfolute Offenbarung
des Ideals nicht gegeben ift. Man kann alfo
wie_ii^ten dreiJ.Die Heiligung durch den Glauben', ,Das j nicht einfach mit dem Ideal eine Phafe der gefchicht-

lichen Entwicklung identifizieren, wenn man nicht in ihr
das Ideal voll und rein realifiert findet, wenn man, wie
Pfleiderer, die gefchichtlichen Vorgänge alle lcritiTiert^ Der

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nicht der Ort. Die meiften Lefer diefer Zeitung werden

gleichwie Referent um fo weniger Neigung haben, auf Bürgfchaft der eigenen Erfahrung zur Freiheit und Seligkeit
des Operieren des Verf.s mit unvorftellbaren .frommen* der Gotteskinder' gefunden habe. Kurz, er imputiert ihm
Begriffen, wie dem der perfönlich-organifchen Verbindung j dieSchleiermacherfcheAnficht, die aber zu Pfleiderers Kritik
von Rechtfertigung und Heiligung in Chrifto (S. 84) oder | Chrifti im .Urchriftentum' fchlecht paßt (S. 117). So viel
dem der implicite in Chrifto auch fchon von dem noch j ich fehe, kommt die Darftellung Gaftrows nicht über ein
nicht geheiligten jusüficatus fchon befeffenen Heiligung i Schwankenhinaus.indembalddiegefchichtlicheErfcheinung
(S. 84) einzugehende größer die Gefahr ift, daß der Wider- ! Chrifti die vollkommene Realifierung der religiöfen Vernunft
lpruch nur als ein Zeichen des Unverftands eines nicht ! fein foll, bald auch wieder zwifchen dem Vernunftideal und

Verhältnis von Rechtfertigung und Heiligung bei ].', ,Der
Sundebegriff bei J.') müffen all den Bedenken begegnen,
die von befonnenen Kritikern des Jellinghausfchen Buches

geltend gemacht find. Das im Detail zuneigen, ift hier Verf. dagegen imputiert Pfleiderer die Meinung, daß der

: Glaube in dem biblifchen Chriftusbild ,das Urbild und die