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Ausgabe:

1914 Nr. 4

Spalte:

110-111

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rohner, Anselm

Titel/Untertitel:

Das Schöpfungsproblem bei Moses Maimonides, Albertus Magnus u. Thomas v. Aquin 1914

Rezensent:

Horten, Max

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 4.

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der fardicenfifchen Synode nach Antiochien behandeln,
während er an diefer Synode doch gar nicht teilgenommen
hat. Zwifchen den beiden antiphotinifchen Synoden von
Mailand von 345 und 347, an die F. glaubt, kommt es zu
keinem befriedigenden Ausgleich. Als Mufter einer un-
verftändlichen Überfetzung fei S.97 der Satz genannt, daß
..nach der wahren Lehre der Vater im Sohn und der Sohn
im Vater ift, und der Geift von beiden fo empfängt, daß
er die Einheit der Trinität ausdrückt".

Von dem bei den bisherigen Ausgaben der .Fragmente'

Die Argumentation wird gefchloffen durch den Nachweis,
daß erft der 6. Nachfolger, Perpetuus, dem Heiligen in
Tours felbft zu Kult und Kirche verhalf, nicht ohne Martins
fcharfen Gegner und Nachfolger, Bricius, in diefen Kult
mit einzufchließen, ein Kompromiß, das in der Überlieferung
der Dialoge des Sulpicius Severus noch feine
Spuren durch Tilgung der für Bricius fo kompromittierenden
Stelle III 15.16 hinterlaffen hat: das alles erinnert
lebhaft an die von mir in dem Auffatz Methodius
und die Studiten, Byz. Zeitfchr. XVIII, beleuchteten Ver-

noch nicht benutzten alten Kodex der Parifer Arfenalbib- I hältniffe. Was man gegen die Methode anführen könnte,

liothek bekommen wir durch 2 vortreffliche Tafeln, die in
I beiliegen, eine gute Vorftellung. Es wird auch den zukünftigen
Herausgeber des Hilarius intereffieren, wenn ich mitteile
, daß le Fevres editio princeps der fragmenta historica
1598 nicht bloß, wie Schönemann I 285 angibt, bei
RobertusNivelle in Paris erfchienen ift. Das in meinem Befitz
befindliche Exemplar ift bei Adrianus Perier, via Jacobaea,
ex officina Plantiniana erfchienen; wegen des Vermerks
cum privilegio regis halte ich diefeEdition für die legitime;
da Gillot im J. 1605 einen Ambrofius Drouar. als Verleger
von Le Fevres Buch 1598 nennt, hat dies alfo gleich im

ift der Umftand, daß B. fich im Lauf feiner Arbeit felbft
mehrfach korrigiert; aber ift das bei gefchichtlichen Unter-
fuchungen nicht fehr naheliegend? B. fieht fcharf, manchmal
vielleicht überfcharf, aber er bleibt fich in folchen
Fällen des Hypothetifchen feiner Aufftellung bewußt. Vielleicht
ift das Bild, das er von den .Bekehrten' in ihrem
Verhältnis zur Kirche zeichnet — es erinnert an moderne
Gemeinfchaftsleute —, nicht in allen Zügen richtig; es hat
doch den Vorzug großer Anfchaulichkeit und es macht
die Dinge verftändlich. Trefflich ift, was an mehreren
Stellen über das Irreführende zufälliger literarifcher Tra-

Jahre feines Erfcheinens 2 Nachdrucke in Paris erlebt. I ditionen gefagt wird: hätte Bricius z. B. einen Biographen
Hoffentlich findet die ficher grundgediegene Ausgabe
Feders, die doch wohl bald fertig fein dürfte, bei den
heutigen Gelehrten ein ähnliches Intereffe.

Marburg i. H. Ad. Jülicher.

Babut, E.-Ch.: Saint Martin de Tours. (VIII, 320 S.) gr.8°.
Paris, H. Champion (1912). fr. 6 —

Der h. Martin, einer der gefeiertften Heiligen, der
Apoftel Galliens; die gefchichtliche Kritik ftrich ihm wohl
dies und jenes Wunder, aber glaubte doch in ihm eine
der bedeutendften Perfönlichkeiten feiner Zeit erkennen
zu follen. Babut fieht in ihm einen Asketen und Wundertäter
von einer gewiffen Popularität, aber als Bifchof ohne
alle Bedeutung, von Klerus und Episkopat geringgefchätzt
und beargwöhnt, der feine Berühmtheit lediglich der gewandten
Feder des Sulpicius Severus verdankt. Die kühne
Thefe ift glänzend durchgeführt: B. zeigt, daß die Verehrung
Martins erft nach 450 in Gallien beginnt; der
echte Martin mußte vergeffen fein, damit das Heiligenbild
wirken konnte; er zeigt, daß Sulpicius felber verrät, wie
wenig fein Held faktifch anerkannt war; er weift für viele
Züge des Bildes literarifche Entlehnung aus Athanafius'
Leben des Antonius in Euagrius' Überfetzung, aus den
Asketenviten des Hieronymus, aus der historia monacho-
rum und den apokryphen Apoftelgefchichten — Max
Bonnet ift das Buch gewidmet! — nach und erklärt das
Intereffe, das Sulpicius an dem Bifchof von Tours nahm,
aus der kirchlichen Stellung beider: die Dialoge noch
mehr als die Vita find Tendenzfchriften der in Oppofition
zum Episkopat, überhaupt zur offiziellen Staatskirche
flehenden Partei der Frommen, d. h. der Asketen, die fich
zwar mit dem Priscillianismus berühren, aber doch diefe
Haerefie ablehnen — hier fetzt B. feine höchft intereffante
Studie über Priscillian und die Priscillianiften fort: er lieft
bei Sulpicius dial. III 13 zwifchen den Zeilen, daß Martin
felbft in Trier 386 (nicht fchon 38 5, wie es nach chron.II 50
fcheint) von den Bifchöfen der Gemeinfchaft mit den
Haeretikern verklagt, nur mit genauer Not, durch Maximus'
perfonhches Eingreifen der Verdammung entging. Die
ganze V orgefchichte und damit die Chronologie des Lebens
des h. Martin erweift fich als völlig unficher; feine .Miffions

wie Sulpicius gefunden, würden wir die Dinge ganz anders
beurteilen.

Zur Verurteilung der Dialoge durch das Decretum Gelasianum ift
in meiner Ausgabe S. 313 nachzutragen, daß die Bearbeitung in PC-
Isidor de Numeris ebd. S. 72 trotz des entftellten und offenbar nicht
mehr verftandenen Eintrags aus V 7,5 fich an anderer Stelle ausdrücklich
und feierlich auf Beatissimus Martinus, d. h. dial. I 6,5. beruft. Die Acta
Andreae et Matthiae dürfen fchwerlich als Teil der alten Andreas-Akten
gelten: fie gehören zu der 2. Klaffe Ton Apoftelgefchichten, die erft im
5. Jahrhundert entftanden find. S. 167 find die Zahlen 316 und 336
grade vertaufcht.

Halle a. S. von Dobfchütz.

Rohner, Dr. Pat. Anfelm, O. Pr.: Das Schöpfungsproblem
bei Mofes Maimonides. Albertus Magnus u. Thomas v. Aquin.

Ein Beitrag zur Gefchichte des Schöpfungsproblems im
Mittelalter. (Beiträge zur Gefchichte der Philofophie des
Mittelalters. XI.Bd., S.Heft.) (XII, 140 S.) gr. 8°. Münfter,
Afchendorff 1913. M. 4.75

Wer fich mit den Gedankenbildungen der mittelalterlichen
Philofophie vertraut machen will, muß das Problem
der ewigen Weltfchöpfung kennen lernen, wie es von den
maßgebenden Denkern jener Epoche behandelt wird. Es ift
von den Theologen der drei Schwefterkonfeffionen, des
Judentums, Chriftentums und Islam, zu einer Grundfrage
geftempelt worden, weil fie glaubten, in ihm eine Frage
zu fehen, die eine geoffenbarte Wahrheit im Wefent-
lichen berühre. Averroes weift nach, daß dies(wenigftens
für den Islam) nicht zutrifft, und auch Maimonides (hier 44,6)
gibt zu, daß die betreffenden Bibelftellen auch allegorifch
gedeutet werden könnten. Bei Thomas tritt diefes Problem
wieder an die ihm gebührende zweite Stelle. In an-
fchaulicher Weife fchildert Rohner die Lehren des Maimonides
und Albertus. Die Abhängigkeit des letzteren
von dem jüdifchen Philofophen wird eingehend gewürdigt,
die Übertreibungen älterer Darfteller auf das richtige Maß
zurückgeführt. Befonders deutlich tritt die fpekulative
Überlegenheit des Thomas von Aquin hervor, die jenes
fchwierige Problem in feiner ganzen Tiefe erfaßt (z. B. die
Definition der Schöpfung S. 94«".), aus den Unklarheiten
früherer Darftellungen (Maimonides fcheint Schöpfung und
zeitliches Erfchaffen zu identifizieren, auch ein Grundtehler
tatigkeit' befteht im Abbrechen einiger Tempel; apoftolifch ! vieler islamifchen Theologen) herausfchält und es foweit

heißt er wegen feiner Wunder, befonders der Toten- ! löft, als es lösbar ift. Wohltuend wirkt überall die ein-
erweckungen; feine Stärke liegt in diefer Verbindung von 1 fache Klarheit der Darfteilung. Die Literatur über das

Askefe und \ underkraft (hier finden fich fehr feine Erörterungen
über das Wunder überhaupt, den Unterfchied
von fubftantieller Wunderkraft und Gebetserhörung, die
ebenfo wie die Ausführungen über das mendacium in

chriftliche Mittelalter ift reichlich verwertet. Die Onginal-
quellen werden überall zugrunde gelegt. Wäre auch für
die die islamifche Philofophie berührenden Behauptungen
die neuefte Literatur herangezogen worden, dann würden

der Hagiographie jener Zeit weitefte Beachtung verdienen). 1 diefelben zweifellos vielfach eine andere Geftalt