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Ausgabe:

1914 Nr. 3

Spalte:

71

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Hans

Titel/Untertitel:

Die Geschichtsschreibung im Alten Testament 1914

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 3.

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nach B. mag edel und weife gewefen fein, der Dichter Wiekes, Dean Rockwell, Ph. D.: The Sources of Luke's
von ,Hiobs Klage', wie ich ihn verliehe, war dafür größer Perean Section. (Historical and Linguistic Studies in
in der Lebenswahrheit und im Umfaffen der Gottheit. Literature related to the New Testament. Second

Weder in der Gefamtauffaffung'noch im einzelnen series_ Vol. II, 2.) (87 S.) Lex.-8<». Chicago, Univ. of
hatte B. gegenüber der 1. Auflage viel zu andern, obgleich rhirao-n Pre^ ItoiA
er das inzwifchen Erfchienene forgfältig berückfichtigt. <-,mcag.o riess ^1912;.

In derjrhythmifchen und metrifchen Erage beweift er Der Verf. will das Problem des lukanifchen Reife-

vorbildliche Vorficht; er glaubt, daß der Dichter Metrum berichts Luc. 9,51—18,14 feiner Löfung näher bringen. Es
und Strophenbau nicht in enge Formen band. Die handelt fich bekanntlich nicht nur um ein Problem der
nahe Verwandtfchaft mit dem babylonifchen Gedicht in Quellenkritik; denn gerade diefer Abfchnitt Hellt die
Problem und Löfung ift auch für B. nicht Anlaß genug, i Evangelienforfchung vor die hiftorifche Frage, vor das
eine ftoffliche Abhängigkeit anzunehmen. Beim Volks- große Lukas-Problem: in welchem Maße gehören die
buch würde man gerne noch erfahren, ob man fich einen , deutlich wahrnehmbaren Merkmale diefer Gefchichten —
beftimmten Verfaffer der gegenwärtigen Form zu denken diefe Art Sünderfreundfchaft, aber auch diefe Form
habe; B. ift der Anficht, daß die Volkserzählung fich im , der Gleichniserzählung — dem Helden diefer Gefchichten

Lauf der Jahrhunderte wandelte, bis fie die dem Dichter
des Hauptwerkes und uns überlieferte Geftalt bekam;
dabei gehört für B. z. B. auch der Satan zu den Erweiterungen
, weil diefe Geftalt erft fpät im jüdifchen Glauben
auftrete.

Tübingen. Volz.

Schmidt, Paft. Priv.-Doz. Lic. Hans: Die Gefchichtfchrei-
bung im Alten Teftament. 1.—6. Taufend. (Religions-
gefchichtliche Volksbücher. II. Reihe, 16. Heft.) (56 S.)
8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1911.

M. — 50; geb. M. — 80

H. Schmidt hat die Aufgabe, die Gefchichtsfchreibung
des Alten Teftaments im Rahmen eines Religionsge-
fchichtlichen Volksbuches zu behandeln, im Ganzen mit
großem Gefchick gelöft. Was er zu ihrer Löfung als
befonders glückliche Vorausfetzung mitbrachte, ift die
Gabe anfehaulicher und feffelnder Darftellung; und vom
Vorrecht, fich auf eine Auswahl des Stoffes befchränken
zu dürfen, hat er verftändigen Gebrauch gemacht. So
ergeben die einzelnen Ausschnitte, beginnend mit dem
,Menfchen als Schöpfer der Vergangenheit' (Mythos, Sage,
Märchen) und endend mit der .Gefchichte ohne Perfpek-
tive' (= Priefterkodex), ein gutes Gefamtbild vom Entwicke-
lungsgang der altteftamentlichen Gefchichtsfchreibung.

Nur verftehe ich nicht, warum der die Chronik behandelnde
Abfchnitt dem fchon erwähnten Abfchnitt über
den Priefterkodex vorangeht, und ganz entfehieden ver-
miffe ich eine richtige Würdigung des jahwiftifchen Ge-
fchichtswerkes, das doch in geradezu klaffifcher Weife
die Fähigkeit des altteftamentlichen Gefchichtsfchreibers,
feine Darftellung mit einer höheren Idee zu durchdringen, an
den Tag legt. Ein Zweckgedanke durchleuchtet hier die
ganze Anlage, der Gedanke, daß Israel über Kanaan Herr
werden mußte (vgl. Gen. 9,26), und das auch allen Hemm-
niffen zum Trotz, die den Gefchichtsverlauf immer wieder
von feinem Ziele fcheinbar, aber auch nur fcheinbar, abzurücken
drohten. Daß dergleichen verkannt werden kann,
hängt mit der heute zur Mode werdenden Neigung zu-
fammen, das jahwiftifche Werk zum bloßen Sammelplatz
einzelner urfprünglich voneinander unabhängiger Sagen
herabzuwürdigen (vgl. S. 31).

Auch gegen gewiffe Einzelheiten hätte ich Widerfpruch zu erheben,
z. B. gegen die Deutung von Jdc 5,6 (S. 17), gegen die Erwähnung
von Gen. 14 unter den Beifpielen ältefter Gefchichtsfchreibung (S. 19),
gegen die Beurteilung der Siloahinfchrift als einer Königsinfchrift (S. 28).
Die .Blindheit gegen den Wandel der Zeit' braucht man wahrlich nicht
von außen, von Babylonien, abzuleiten (S. 54). Wenn es irgendwo eiDe
innerliche Motivierung gibt, fo ift fie hier in der Tatfache der Herrfchaft
des Gefetzes zu fuchen: Wo man einmal unter dem Banne eines Marren
Gefetzes lebt, fragt man nach keinem Werden in der Gefchichte mehr!

Tübingen. Alfred Bertholet.

feiner Predigt, feiner Wefensart an, und in welchem Maße
hat die erzählende Gemeinde, hat der fammelnde und
fchreibende Lukas daran teil?

Maßftäbe zur Beurteilung der Frage liefert dem Verf.
die Quellenkritik und zwar eine höchft befonnene, möglichft
exakt und glücklicherweife gar nicht impreffioniftifch verfahrende
Quellenkritik. Er geht den in diefem Falle einzig
gangbaren Weg und vergleicht den Text, der allein für
eine größere Anzahl diefer Lukasperikopen Parallelen
bietet: Matthäus. Bei zwei Gruppen von Abfchnitten
ift — von Einzelheiten abgefehen — das Refultat greifbar
: es gibt Abfchnitte, die Mt. und Lk. ungefähr in
gleichem Text gelefen haben (die Lifte W.'s weicht hier
von Harnacks Zufammenftellungen nur unwefentlich ab),
und es gibt Lukasperikopen, für deren Ausfall im Mt.
kein anderer Grund erfichtlich ift als diefer eine: Mt. hat
fie nicht gekannt. Die eigentliche Schwierigkeit bereiten
die übrigbleibenden Gruppen. Einige wenige Parallelen
erweifen beim Vergleich ihre Herkunft aus verfchiedenen
Quellen, fo vor allem die Parabeln vom Mahl und vom
verlorenen Schaf. Den Reft der Reifeberichtsperikopen
getraut fich W. aus der Quelle abzuleiten, die Mt. las;
dies gilt alfo erftens von Stücken, die Lk. in von Mt.
abweichender Form hat — fchon hier fcheint mir die
Annahme nicht immer einwandfrei; zweitens aber handelt
es fich um Perikopen, die überhaupt nur bei Lk. zu finden
find, und W. verfucht uns plaufibel zu machen, warum
Mt. fie ausließ: Die Gefchichte von der Samariterherberge
aus Rückficht auf die Zebedaiden, .Maria und Martha'
wegen des fchwierigen Herrnworts, die Heilungsgefchichte
der Frau mit dem jtvevfia äo&eveictg, weil Mt. fchon genug
derartige Gefchichten aus Lk. aufgenommen hatte.

Diefer Teil der grundlegenden Argumentation fcheint
mir der bedenklichfte. Denn bei der Beurteilung der
fraglichen Stücke fcheidet W. nicht zwifchen Gefetzen
der naiv verfahrenden unliterarifchen (mündlichen oder
fchriftlichen) Überlieferung und der mehr oder minder
bewußt komponierenden Evangelienfchriftftellerei. Jene
gibt vor allem weiter, fchmückt aus, deutet, glorifiziert,
aber übt keinerlei Kritik, diefe dagegen fcheidet Bedenkliches
aus, wendet Schwieriges zum Leichteren, .rettet'
das Andenken von Jüngern, gruppiert nach fachlichen und
lehrhaften Gefichtspunkten. Nun wiffen wir aber nicht,
von welcher Art die Quellen unferer Evangelien waren;
vieles fpricht m. E. dafür, daß wenigftens Q und die
.Quellen' des Mk. keine Schriften, fondern Sammlungen
von der erften, der naiven Art waren. Wenn aber die
Gattung der Lukas-Quellen unbekannt ift, fo ift auch nicht
auszumachen, ob manche der Auslaffungen, die W. einem
fehr bewußt arbeitenden Mt. zufchiebt, nicht auf das Konto
der naiven Überlieferung kommen.

Aus diefem Grunde Hebe ich dem grundlegenden
Beweife des Autors fkeptifch gegenüber. Er folgert nun
weiter: es gibt im Reifebericht eine Anzahl von Perikopen,
die Mt. las, und eine Anzahl, die er nicht las. Jede diefer
Gruppen fcheint in fich homogen zu fein; das wird an
fachlichen, fprachlichen und ftiliftifchen Merkmalen zu
beweifen verfucht. Der Verf. geht dabei vorfichtig und