Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914

Spalte:

682-683

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rathenau, Walther

Titel/Untertitel:

Zur Mechanik des Geistes. 2. Aufl 1914

Rezensent:

Strunz, Franz

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 26.

682

einige aus D.s Werk hier wieder. Heidanus in Leiden,
der Kollege von Coccejus, fchreibt: ,Voetius heißt Fuß
(voet), er will aber überall der Kopf fein'. Coccejus felbft
in einem Brief: ,das Streiten ift ihm zur Manie geworden,
er hat das Beftreben, jedem, der eine ehrliche Überzeugung
hat, den Makel der Heterodoxie anzuhängen
und feine eigene Anficht auf den Thron zu fetzen'. Und
Cartefius äußert fich in feiner epistola ad Voetium dahin,
derfelbe fei ein Buchgelehrter, habe Fabeln und dergl.
Dinge genug gelefen, aber ein Gelehrter fei er nicht; auch
fei feine Schriftftellerei lügenhaft und gehäffig. Dagegen
nennt ihn A. M. Schürmann in den Tagen der Freund-
fchaft: vir cum paucis comparandus. Sein Leichenredner
Gentmann wendet auf ihn das Wort 2. Sam. 3, 38 an:
,wiffet ihr nicht, daß auf diefen Tag ein Fürft und Großer
gefallen ift in Ifraelr' Und Ritfehl (Gefch. des Pietismus I,
ioiff) fagt von ihm: ,ein ganzer Mann, nach allen Seiten
hin die höchfte Leiftung des Calvinismus in der nieder-
ländifchen Kirche feiner Zeit'.

Die theol. Wiffenfchaft hat Urfache, dem Verf. für
fein Werk zu danken, das in der Sache felbft abfchließend
genannt werden kann und das mit feinem reichen Aktenmaterial
zugleich noch verwandten Arbeiten dienen kann.
Eine Überfetzung ins Deutfche wird fich nicht lohnen,
ein deutfeher Auszug dürfte aber wohl am Platze fein.
Bedauerlicherweife ift das 1913 verheißene Regifter über
das Ganze mit dem letzten Stück nicht erfchienen.
Göttingen. Regula.

Fries, Dr. Frdr.: Die Lehre vom Staat bei den proteftan-
tifchen Gottesgelehrten Deutfchlands u. der Niederlande
in der 2. Hälfte des 17. Jahrh. (173 S.) gr. 8°. Berlin,
E. Ebering 1912. M. 3.50

Ein fonderbar begrenztes Thema. Denn daß die
2. Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Zeit von fpeziellem
Gepräge für die evangelifche Kirche in Deutfchland und
den Niederlanden gewefen fei, kann man fchwerlich fagen.
Man mag etwa meinen, fie fei der Höhepunkt der Orthodoxie
. Aber ,Steigung' hat es darin kaum gegeben.
Um 1650 denkt man nicht wirklich anders als fchon um
1600. Alfo es ift eine ziemlich willkürlich bemeffene
Periode, die der Verf. bearbeitet hat. Theolog ift er
ficher nicht, ob er Jurift oder Hiftoriker ift, läßt fich
nicht erkennen, auch nicht, welcher Konfeffion er angehört
. Das letztere möchte unter Umftänden ein Vorzug
heißen, ift es aber hier deshalb nicht, weil es eigentlich
nur Maßftablofigkeit des hiftorifchen Urteils bedeutet.
Was Fries bietet, ift eine faft perfpektivenlofe Zeichnung von
.Lehren'. Neues habe ich nichts bemerkt. Die Grundart
lutherifcher Auffaflüng des Wefens des Staats einerseits,
calvinifcher andrerfeits ift genügend bekannt. Immerhin
darf hervorgehoben werden, daß Verf. teils Theologen
vorführt, deren Schriften gerade in diefer Materie noch
überhaupt nicht oder noch nicht genauer in der Literatur
behandelt worden, teils recht forgfältig auch in das Detail
hineinleuchtet. Man kann fagen, daß Fries bei ihnen
Theorien beftätigt, die man im allgemeinen als orthodox
lutherifche bzw. calvinifche kannte und als folche bei ihnen
kurzerhand auch vorausfetzte, wobei fich dann zeigt,
daß hier und da auch individuelle Momente heraustreten.
Die Schrift wird wohl in einer Teil- oder Vorform eine
Differtation gewefen fein und ift als speeimen eruditionis
unverächtlich. Verf. nennt den lutherifchen Theologen
J. W. Baier (j 1695) ftets ,Bajer', den reformierten Coccejus
: ,Coccejius'. Ich habe keine Originalausgabe von
Baierfchen Schriften zur Hand und weiß nicht, ob fich
da irgendwie Veranlaffung für jene Schreibung, die ich
fonft noch nie gefunden habe, ergibt. Coccejius ist ficher
nichts als Verfchreibung, ich habe es nicht kontrolliert,
bezweifle aber doch nicht, daß F. die zitierte Summa
theologiae von ihm felbft in Händen gehabt hat.
Halle. F. Kattenbusch.

Staehelin, fr. Miff.-Präf. F.: Die Million der Brüdergemeinde
in Suriname und Berbice im 18. Jahrh. Eine Miffions-
gefchichte, hauptfächlich in Auszügen aus Briefen u.
Orig.-Berichten hrsg. II. Tl. Die Miffion unter den
Indianern in Berbice u.Suriname 1738 —1765. i.Abfchn.:
Anfang der Miffion in Berbice 1738—1748. (119 S.
m. 1 eingedr. Kartenfkizze.) gr. 8°. Gnadau, Unitäts-
Buchhandlung 1914- M- I-2°

Den erften Teil diefes Werkes habe ich in diefer
Zeitfchrift (1914, Nr. 2) angezeigt und auf das lebhaf-
tefte empfohlen. Die gleiche Empfehlung verdient diefe
Fortfetzung, die in derfelben Art die Anfänge der Brü-
dermiffion in Berbice bis 1748 fchildert. Die Darfteilung
fetzt fich zufammen aus einzelnen Urkunden, Auszügen
aus Tagebüchern, kurzen Überfichten und Berichten und
vor allem aus den ganz oder teilweife mitgeteilten Briefen
der Miffionare, die zuerft fchlicht und nüchtern, von
1745 an etwas zärtlich und manieriert, immer aber an-
fchaulich und intereffant find. Die Lebensbefchreibungen
der 8 Sendboten find im Anhang (90—140) beigefügt;
ein chronologifcher Überblick und eine Kartenfkizze erleichtern
die Orientierung. Alle Schwierigkeiten der
Miffion treten wieder plaftifch hervor: die verwickelten
Verhältniffe in den Kolonien, die Mifchung der Bevölkerung
, die Unvollkommenheit des damaligen brieflichen
und perfönlichen Verkehrs, die verderblichen Einflüffe
der Sklaverei und der Ausbeutung der Eingeborenen, der
Widerftand und böfe Einfluß europäifcher Chriften, die
kirchenrechtlich unklare Stellung der Brüdergemeinde,
die Sprachenfrage, die Spannungen und Meinungsver-
fchiedenheiten zwifchen einzelnen Miffionaren u. a. m.
Daneben tritt die zähe Ausdauer und das fchlichte Gottvertrauen
fowie die Demut und Willigkeit der Brüder in
das helle Licht. Schließlich bleibt dann auch die Anerkennung
und der fichtbare, wenn auch nicht gerade
große Erfolg nicht aus. Jeder Miffionsfreund wird an
diefen Heften feine Freude haben.

Frankfurt a. Main. W. Bornemann.

Rathenau, Wather: Zur Mechanik des Geiltes. 2. Aufl.
(348 S.) 8°. Berlin, S. Fifcher 1913. M. 4.50

Schon die früheren Bücher des Verfaffers — ich
nenne vor allem die ,Impreffionen' (1902) und die ,Kritik
der Zeit' (1912) — haben nicht verfehlt Aufmerkfamkeit
zu erregen. Auch das vorliegende Werk ift inhaltlich
und in Hinficht auf feine künftlerifche Darftellung be-
deutfam. Es erhebt fich über den Durchfchnitt der modernen
Effayliteratur und ift vielmehr ein Erzeugnis philo-
fophifchenNachdenkens und ftarker ethifcher Bemühungen.
Es ift Intuition in diefem Buche, fo man darunter Einfühlung
in alle Dinge und ihre Ganzheit meint. Rathenau
ift nicht fern der Art des Erlebens und den Vorftellungen
vom Werden der Seele, wie fie die Myftik kündet. Auch
er glaubt an die fchöpferifche Seeleneinheit, an die innere
Sammlung und Erweckung, an die .Kraft der Seele'. Das
Tieffte unferes inneren Erlebens fei die Geburt der Seele.
Aus geheimnisvollem Urgrund, vomAnimalifchen losgelöft,
nicht vollendet, aber der Vollendung zuftrebend, fteige
eine Macht in uns empor und befäße unfer ganzes Wefen.
Sie löfe uns los von der .zweckhaften Schöpfung', um
uns durch ,neue, geläuterte Bande mit ihr zu verknüpfen'.
Das Gebiet der Seele fei das Allbeherrfchende. Alle
Kritik der Seelenwerdung hat aber hier die Fragen zur
Vorausfetzung: Wie reiht fich das innere Erreignis der
Seelengeburt in das Phänomen der Erfcheinung? Wie
entflieht und was bedeutet die Seele in der Welt des
Gleichniffes? Rathenau bekennt fich zu der Überzeugung:
Alle Gefetzmäßigkeit ift fubjektiv. Sie liegt nicht in den
Dingen, fondern wir legen fie in die Dinge hinein. Es ift
der Faden, an den wir willkürlich die Erfcheinungen