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Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

654-655

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kalkhoff, Paul

Titel/Untertitel:

Die Entstehung des Wormser Edikts 1914

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 24/25.

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dem von Karl dem Großen unterworfenen Sachfen ent- : mädchen, nach ihren eigenen Zeugniffen des Lefens und
ftanden fein könne. In diefen Ausführungen fteckt der Schreibens unkundig gewefen ift, daß die wenigen von
Hauptwert von Joffes' Arbeit; es find kleine Kabinettftücke ihr erhaltenen Briefe von einer Art Kanzlei in ihrer nächften
der Sachforfchung. Zuerft handelt er eingehend über die j Umgebung herrühren, und daß bei den drei mit ihrer

Steuerverhältniffe, von denen uns der Dichter an mehreren
Stellen eine klare Vorftellung gewinnen laffe. Dann werden
ein paar einzelne Termini technici der Verwaltung durch

Unterfchrift verfehenen, auch von Prutz in ihrer Echtheit
nicht angefochtenen Schreiben andere ihr die Hand geführt
haben müffen; auf keinen Fall war Johanna im-

gefprochen, die ,gambra' genannte Abgabe, der fränkifche j ftande, von ihrem Inhalt felbftändig Kenntnis zu nehmen,
,hunno', der im Heliand den .centurio' überfetzt, die auf- I gefchweige denn fie felbftändig zu verfaffen.

fällige Erfetzung der biblifchen .pastores' durch Pferdehirten
(ehuscalcos), und fchließlich noch eine ganze Reihe
von Fremd- und Lehnwörtern des Heliands. Sie alle
follen beweifen, daß der Dichter nur in unmittelbarfter
Nähe romanifchen und keltifchen Bodens gefucht werden
dürfe, da alle die behandelten Begriffe und Wörter niemals
über den Rhein gelangt feien.

Es ift hier nicht der Ort, auf die einzelnen Punkte
näher einzugehen, aber ein wichtiger Einwand, den Joffes
felbft S. 28 berührt, muß doch auch hier kräftig hervor-

Behoben werden. Die unabhängig von den eigentlichen
[eliandhandfchriften überlieferte lateinifche Praefatio fagt
uns ausdrücklich, daß der Dichter des Heliands, ein Mann
aus vornehmem fächfifchen Gefchlecht, das Gedicht im
Auftrage Kaifer Ludwigs des Frommen verfaßt habe, um
unter feinen Landsleuten die Kenntnis der biblifchen Ge-
fchichten zu verbreiten. Und diefer Dichter follte fo un-
gefchickt gewefen fein, daß er fich überall ftrenge, wie
Joffes' Nachweife das verlangen, auf die realen Verhält-
niffe der ffänkifch-romanifchen Länder befchränkt hätte!
Das erfcheint kaum glaublich, und eine andere Löfung
diefes Widerfpruches liegt doch näher: Der Dichter, der
im Auftrage Ludwigs des Frommen den Heliand dichtete,
war zwar von Haus aus Sachfe, aber er hat offenbar nicht
bloß fränkifche Sympathien gehabt, fondern auch eine
genaue Kenntnis fränkifcher Verhältniffe und fränkifcher
Staatsverfaffung. Manches von dem, was Joffes an Un-
fächfifchem im Heliand beigebracht hat, darf wohl auf
diefe Weife erklärt werden, bei anderem, wie bei den
,ehuscalcos' und dem einen oder anderen der behandelten
Fremdwörter, braucht man überhaupt nicht den weiten
Weg bis Nordfrankreich zu machen. Dazu kommt endlich
aber dann doch noch die von Joffes zu Unrecht ganz
hintangeftellte Unterfuchung der Sprache des Heliands
hinzu. Ich bekenne mich da zu einer optimiftifcheren
Auffaffung als Joffes, möchte vor allem auch behaupten,
daß die Sprache des Heliands und feiner Handfchriften
fich wenigftens zeitlich einigermaßen in die erhaltenen
altfächfifchen Sprachdenkmäler einordnen läßt, und daß
nichts darauf hindeutet, daß diefes große umfängliche
Werk einem ifolierten, durch jahrhundertelange Trennung
vom Mutterboden zweifellos auch fprachlich ftark weiterentwickelten
Teile des Sachfenvolkes angehört haben follte.

Hamburg. C. Borchling.

Prutz, Hans: Die Briefe Jeanne d'Arcs. (Sitzungsberichte
der Kgl. bayr. Akad. der Wiff., Philof.-philolog. und
hift. Klaffe. Jahrg. 1914, I. Abhandig.) 50 S. gr. 8°.
München, G. Franz' Verl. 1914. M. I —

Prutz' kritifche Studie richtet fich gegen die Arbeit
des Grafen Maleiffye, des Nachkommen eines der Brüder
der Jungfrau, der in leicht durchfichtiger Tendenz die
Thefe verficht, Johanna fei, wenigftens am Ende ihrer
Laufbahn, des Lefens und Schreibens kundig gewefen:
damit wäre ein fchweres Hindernis für die in gewiffen
Kreifen heiß erftrebte Heiligfprechung der Jungfrau be-
feitigt, da alsdann die Unterzeichnung ihres Widerrufs

lediglich mit einem Kreuz nicht ein Akt vorübergehender | Sequeftrationsmandat mit Vorwiffen oder gar Genehmigung des Reichs-

Halle a. S. Adolf Hafenclever.

Kalkoff, Paul: Die Entftehung des Wormfer Edikts. Eine
Gefchichte des Wormfer Reichstags vom Standpunkt
der luther. Frage. (VIII, 312 S.) gr. 8°. Leipzig,
M. Heinfius Nachf. 1913. M. 7.50

Aus dem fchier unerfchöpflichen römifchen Brunnen
Kalkoffs ift wieder ein neues Werk hervorgegangen, eine
minutiöfe Detailunterfuchung der Entftehung des Wormfer
Ediktes und feiner Wirkungen, fo eingehend, wie fie eben
nur bei völliger Beherrfchung des Stoffes möglich wird.
Naturgemäß rückt in den perfönlichen Mittelpunkt der
päpftliche Nuntius Hieronymus Aleander, deffen Schlichen
Kalkhoff faft wie ein Detektiv nachfpürt und der in die
denkbar dunkelfte Beleuchtung hineingerät; verdient hat
er fie gewiß, aber ich bin doch begierig, ob nicht dem-
nächft von katholifcher Seite fo etwas wie eine Ehrenrettung
des dunklen Ehrenmannes verfucht wird, hier und
da fcheinen mir etwas hellere Lichter wenigftens nicht unmöglich
— wie ich fchon bei früheren Arbeiten K.s hervorhob
(f. diefe Zeitung 1913 Nr. 26), ift die Beleuchtung
von moderner Kulturkampfftimmung aus nicht günftig.Skru-
pellos ift es freilich, wenn diefer ehrgeizige Kurialift
Hadrian VI. drohen konnte, er werde, wenn man ihn weiter
mißachte, den Mauerbrecher beffer als Luther gegen die
fchwachen Stellen des Gebäudes lenken, bis deffen Ein-
fturz erfolge! (S. 3). In der Lutherfrage ift fein Ziel von
vornherein gewefen, ,die weltliche Gefetzgebung zur Vollziehung
nicht nur der Bulle ,Exsurge', fondern auch des
Zenfurerlaffes auszunutzen', und er hat dann ja auch
diefes Ziel in verfchiedenen Etappen erreicht, die hier
unmöglich alle einzeln vorgeführt werden können. Nur
einige Punkte feien herausgehoben:

K. macht S. 28ff. aufmerkfam auf einen bisher nicht beachteten
Vernich der päpftlichen Nuntien vom 26. Oktober 1520, als ihnen die
Überreichung des die päpftliche Bewilligung des Titels .erwählter römifcher
Kaifer' enthaltenden Dokumentes gelungen war, ein mit der Strafe des
kaiferlichen Bannes (der Acht) ausgerüftetes Mandat für das ganze deut-
fche Reich vom Kaifer zu erpreffen. Beachtenswert ift das S. 34 Anm. 4
zu der Frage Bemerkte, ob Friedrich der Weife bei der neuen Fixierung
der Wahlkapitulation fpeziell den Schutz Luthers im Auge hatte. Eingehend
fucht K. bei der Befprechung der verfchiedenen Entwürfe des
Wormfer Ediktes nachzuweifen, welche Stücke in die definitive Faffung
aufgenommen wurden, fodaß hier eine förmliche Quellenfcheidung möglich
wird. In Köln wie in Mainz hat fich Aleander auf das doch nur
für die burgundifchen Erblande gültige Mandat vom 28. Sept. berufen,
alfo über deutfches Staatsrecht fich hier wie anderweitig kühnlich hinweggefetzt
. Daß die Lutherfchriften, vorab de captivitate babylonica, die
assertio omnium articulorum, fowie de libertate Chriftiana, in den Verhandlungen
eine große Rolle gefpielt haben, wußten wir fchon, aber
K. bringt manche neue Belege dafür bei; ein Zeichen für die Starrheit
des katholifchen Lutherbildes ift dabei die Verwendung der bekannten
Stelle aus der Schrift gegen Prierias über das letzte Rettungsmittel, ,die
Hände in ihrem Blute zu wafchen', eine Stelle, die heute noch von Denifle
und Grisar gegen Luther ausgefpielt wurde. — K. weift auf Pf. 58, Ii
als auf das Vorbild Luthers hin, wodurch feine Ausdrucksweife an Schärfe
erheblich verliert. Sehr eingehend (vgl. z. B. S. 89) wird der Aufprall zweier
verfchiedener Rechtsanfchauungen, der deutfchen und kanonifchen, in
dem Prozeffe klar gemacht. Die ,einhellige Zuftimmung' des Reichstages
zu dem Edikte, war von vornherein nur als Fiktion gedacht. Die
auf Hausrath zurückgehende Vermutung, die Bitte Luthers um Bedenkzeit
fei ein wohl überlegter Schachzug auf dem Reichstag gewefen, wird
von K. neu geftützt (Vgl. S. 272). Die viel umftrittene Frage, ob das

Schwäche, fondern eine bewußte Täufchung ihrer Gegner
gewefen wäre. Mit überzeugenden Gründen wendet fich
der Verf. gegen diefes unwiffenfchaftliche Verfahren: er
beweift, daß Johanna, ein durchaus ungebildetes Bauerntages
veröffentlicht wurde, wird S. 156fr. im verneinenden Sinne ent-
fchieden. S. 184 Anm. 1 wird auf eiue m. W. bisher nicht ausgenutzte
Briefftelle hingewiefeu, nach der vermutlich unter dem Einfluß des Cro-
tus und anderer Erfurter Ilumaniften etwa im Februar 1521 der Vorfchlag
gemacht worden war, Luther in Erfurt ein Afyl zu bereiten; Spalatin er-