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Ausgabe:

1914

Spalte:

651-653

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jostes, Franz

Titel/Untertitel:

Die Heimat des Heliand. Vortrag 1914

Rezensent:

Borchling, C.

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 24 25.

652

(zu Oafis in Ägypten) erwarten. Es ift wahrfcheinlich,
daß er diefes Konzil und damit eine letzte, wohl fchwerfte
Enttäufchung, nämlich daß auch es ihn verdammte, doch
nicht mehr erlebt hat. Der Theolog, der zuerft auf Grund
das Liber Heraclidis über Neftorius und feine Lehre gehandelt
hat,Bethune-Baker(,Nestorius and his teaching',
1908), ift geradezu der Meinung, Neftorius habe genau
das gemeint, was in Chalcedon fanktioniert wird. Dem
hat neuerdings Loofs (fchon in feinem Nachtrag zu dem
Artikel .Neftorius', in Haucks Realenzykl. Bd. 24, alfo
1913, dann) in feinem Buche .Nestorius and his place in
the History of Christian Doctrine', 1914, zwar nicht ganz
zugeftimmt, aber er hat doch auch gezeigt, wie nahe
Neftorius der zuletzt fiegreich gewordenen .orthodoxen'
Auffaffung geftanden hat. Ich kann hier nicht auf das
Einzelne eingehen. Es fpricht für Tixeronts Sorgfalt
und (ficher verhältnismäßig große) Unbefangenheit, daß
er in feiner Darfteilung des Neftorius die Loofsfche
zwar nicht vorweg genommen hat (er hat fie noch nicht benutzen
können, auch die Andeutungen in Loofs Artikel
.Neftorius' noch nicht — ganz abgefehen davon, daß er
in Band III, wie in Bd. II, von der Enzyklopädie nie
Gebrauch macht), daß er ihr aber nicht fern bleibt Sein
Katholizismus fchützt ihn ohne weiteres vor Bethune-
Bakers Auffaffung, diefe ,kann' für ihn nicht in Frage
kommen, aber fein guter Wille, auch den definitiv verurteilten
Häretiker nach Möglichkeit .gerecht' zu behandeln
, läßt ihn von der neuen Quelle ausgiebig und
richtig Gebrauch machen. Es ift intereffant, feine Erörterung
mit der von Loofs zu vergleichen. Man
kann dabei ftudieren, wie viel feinere Maßftäbe doch der
proteftantifche Dogmenhiftoriker zur Hand hat.

Der vorliegende Band von T. hat zwölf Kapitel.
Sechs davon gelten dem chriftologifchen Dogma; gerade
fo wie in Band II folgt dann noch ein Kapitel über die
griechifche Theologie der Periode bezüglich weiterer
.Lehren' (über die Engel, den Menfchen und feinen Fall,
die .Heilslehre', die Sakramente etc.). Die letzten fünf
Kapitel haben es in der Hauptfache mit dem Abendland
zu tun: Ch. VIII ,Le Semi-Pelagianisme et les definitions
du second concile d'Orange', Ch. IX ,La theologie latine
depuis la mort de Saint Augustin jusqu'au debut du regne
de Charlemagne', Ch. X ,La Controverse des images',
Ch. XI ,La theologie de Saint Jean Damascene', Ch. XII
,La theologie latine sous Charlemagne'.

Halle. F. Kattenbufch.

Joffes, Prof. Dr. Frz.: Die Heimat des Heliand. Vortrag.
(Forfchungen u. Funde. III. Bd., 4. Heft.) (32 S.) gr. 8°.
Münfter i. W., Afchendorff 1912. M. —80

Joftes' neuer Verfuch, die vielumftrittene Frage nach
der Heimat des Helianddichters zu löfen, fchließt fich eng
an feine früheren Arbeiten über dies Problem an. Auch
hier fchiebt er eine Unterfuchung des Lautftandes zurück,
weil uns das fprachliche Vergleichungsmaterial fehle, den
Wortfehatz zieht er nur infoweit heran, als er deutlich
nicht-weftfälifche Elemente aufweift, dagegen wird die
ganze Kraft der Beweisführung auf die Realien gelegt.
Seit Vilmars bekannter Unterfuchung der .Deutfchen Altertümer
im Heliand' (Marburg 1845) hat fich niemand wieder
fo eindringlich mit der fachlichen Erläuterung der Realien
der altfächfifchen Bibeldichtung und ihrer Handfchriften
befchäftigt wie Joftes, und wir verdanken ihm im einzelnen
reiche Belehrung. Die Schlüffe jedoch, die Joftes
für die Heimatbeftimmung des Helianddichters aus feinen
Unterfuchungen der Realien gezogen hat, haben im allgemeinen
keine Zuftimmung gefunden, und ich fürchte,
daß es diefem neuen Verfuche, fo geiftvoll und durchdacht
er ift, nicht beffer gehen wird.

Joftes geht auch hier von den beiden Stellen aus, die
früher feine Anfchauung, daß der Dichter an der Weft-

küfte Holfteins zu Haufe gewefen fei, hauptfächlich be-
ftimmt hatten. Der Dichter des Heliands kennt und liebt
das Meer und feine Küfte. Den Sturm auf dem See
Genezareth fchildert er, in feiner naiven Übertragung der
Verhältniffe des Heiligen Landes in die feiner germanifchen
Heimat, wie einen echten, rechten Sturm auf der Nordfee.
Das an fich fchon recht anfchauliche Gleichnis von dem
Manne, der fein Haus auf den Sand gebaut hat (Matth.
7,24—27), geftaltet der Helianddichter noch plaftifcher
aus, indem er es an die Meeresküfte verlegt, wo ,der
Weftwind und der Wogen Flut, des Meeres Wellen' das
,am Geftade des Waffers, auf dem Sande' erbaute .Wohnhaus
' zerfchlagen und mit fich fortreißen. Und noch einmal
zieht der Dichter ausdrücklich die Meeresküfte in
eine Bibelftelle hinein, die nichts davon weiß: im Gleichnis
von dem Salz der Erde, das dumm geworden ift und
das nun hinausgefchüttet und von den Leuten zertreten
wird (Matth. 5,13), fetzt der Helianddichter die Worte
,am Meeresftrande' zweimal ein, er hat alfo offenbar an
eine Art der Salzgewinnung aus dem Meerwaffer gedacht.
Auf Grund diefer Stellen hatte Joftes den Helianddichter
in Nordalbingien lokalifiert und zwar, des Weftwinds
wegen, an die Oftküfte der Nordfee, den alten Stammfitz
des fächfifchen Volkes, gefetzt.

Heute gibt Joftes diefe Hypothefe preis; er behauptet
jetzt, der Dichter des Heliands laffe die biblifchen Ereig-
niffe ,fich an der Küfte eines Meeres abfpielen, deffen
brandende Wogen fich bald an hohen Felsklippen brechen,
bald flache Ufer überfluten und die Gebilde der Menfchen-
hand fortfpülen' (S. 4). Man fleht, der Fels, auf dem der
weife Mann des biblifchen Gleichniffes baut, ift jetzt alfo auch
mit heimatbeftimmend geworden, obwohl ihn doch bereits
der Text der Vulgata bot. Steilufer gibt es nun allerdings
an der örtlichen Nordfeeküfte nicht, außer höchftens
Helgoland. So führt uns Joftes jetzt an die einzige Stelle
der Meeresküfte, wo fonft noch jemals Sachfen gefeffen
haben, an das Litus Saxonicum in Nordweftfrankreich.
Zwar das im engeren Sinne fog. Litus Saxonicum an
der Loiremündung ift nicht felfig, wohl aber das Gebiet
der Saxones Bajocassini bei Bayeux in der fpäteren Nor-
mandie. Zu diefer einen Unklarheit kommen erhebliche
chronologifche Schwierigkeiten; bei Bayeux können wir
uns zur Not noch kompaktere Sachfenfiedlungen im 8./9.
Jahrhundert denken, an der Loiremündung find fie weit
früher von der keltifchen und romanifchen Nachbarfchaft
abforbiert worden. Auf die Loiremündung und die ihr
vorgelagerten Infein legt aber Joftes wiederum fehr großes
Gewicht, weil er hier die lebhafte Salzinduftrie nachweifen
kann, die er aus der angeführten Heliandftelle erfchließt,
und für die er jetzt an der deutfchen Nordfeeküfte jedes
Zeugnis und felbft die Möglichkeit ihres Vorhandenfeins
abftreitet. Andrerfeits möchte er fchließlich doch den
Helianddichter gern wieder aus dem normannifchen
Corbie Hammen laffen und entwickelt uns dabei allerlei
Fäden religiöfer und literarifcher Verbindung zwifchen
Korvey und Corbie, zwifchen dem Sachfen Ludwigs des
Frommen und den gallifchen Sachfen am Ärmelmeer.

Die Unficherheit des Terrains, auf dem wir uns bewegen
, wird noch verftärkt, wenn wir jetzt die Einwände
heranziehen, welche in letzter Zeit befonders M. H. Jellinek
(Anzeiger f. d. Altert. 21, 208 ff) von feiten der Stilunter-
fuchung her gegen die Überfchätzung der Realien des
Heliands zufammengefaßt hat. Ohne Zweifel ift ein guter
Teil des eigenartig germanifchen Kolorits, das der Heliand
zeigt, nur ein Ausfluß der altgermanifchen Formenfprache
des epifchen Dichters. Ihr gehört die Schilderung des
Seefturms an, ihr fällt doch auch wohl der ,westroni wind'
und die ganze Ausfchmückung jenes Gleichniffes zur Laft.
Aber fchon das Motiv der Salzgewinnung bleibt als reale
Erkenntnis beliehen. Und Joftes fucht nun folcher realer
Momente noch mehrere aufzufinden, die nicht aus dem
Formelfchatze der alten Epik erklärt werden können, und
die alle beweifen follen, daß der Heliand unmöglich in