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Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

629-630

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aulén, Gustaf

Titel/Untertitel:

Till Belysning af den lutherska Kyrkoidén, dess historia och dess värde 1914

Rezensent:

Schmidt, Reinhold

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629

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 22/23.

630

Brücke zwifchen jenem und diefem bilden, wie der Ver- eine Gemeinde von Glaubenden. Man kann diefe daran
faffer richtig gefehen hat, die Atheismusfchriften mit erkennen, daß fie von Wort, Sakrament und innerer Ge-
ihrer Reflexion auf die Erhaltung der fittlichen Kraft, die j meinfchaft leben will, kann aber nie ihre Grenzen ficht-
eines höheren als menfchlichen Schutzes bedarf, um nicht bar machen. So ift für Luther die Kirche weder eine
in Widerflnn zu verlaufen und ihrer Weltgewalt ficher j bloße Idee, wie für den Spiritualismus, oder etwas Un-
zu fein. Wie fleh aus diefem religiöfen Vertrauen auf j fichtbares (gegen Rietfchel), noch auch vom gläubigen
die fittliche Weltordnung der Zuftand entwickelt, in dem Subjekt aus zu konftruieren, wie es die Sekte tut (gegen
fleh Fichtes Myftik offenbart, das ftille Gefühl des Ge- Drews-Holl). In der deutfehen Meffe will er nicht die

borgenfeins in dem göttlichen Lebensgrunde, ift leicht
zu fehen und von dem Verfaffer anfehaulich dargelegt.

Ein weiterer Abfchnitt befchäftigt fleh mit dem Verhältnis
diefer Myftik zum Problem der Individualität. Es
wird gezeigt, wie das göttliche Leben, das nunmehr als
Kern des höheren menfchlichen Lebens erkannt ift, den
Wert diefes Lebens unendlich fteigert, während umgekehrt
die leere Individualität, in der fleh das Göttliche
nicht verwirklicht hat, noch leerer erfcheint, als je
zuvor.

Wie diefe neue myftifche Erkenntnis auf Fichtes Geschichtsbetrachtung
gewirkt hat, wird anfprechend im
letzten Abfchnitt gezeigt. Es wird dabei klar, daß die
eigentümliche und in gewiffem Sinne unerwartete Schätzung
des Volksgeiftes, wie fie uns in den Reden an die deutfehe
Nation begegnet, eine Frucht diefer Myftik ift. Die
Offenbarung des göttlichen Lebens und Geiftes in einem
gefchichtlichen Volkskörper ift das Motiv, das neu hinzukommt
und Fichte den Schwung und die Kraft verliehen
hat, mit der er das Volksbewußtfein jetzt feiert.

Dies find die Grundzüge des vorliegenden Schriftchens
. Zu einer Kritik ift keine Veranlaffung, da es fich
nicht um Einzelforfchung, fondern um Deutung im Ganzen
handelt und diefe Deutung, fo weit ich fehe, das Wesentliche
richtig getroffen hat. Es ift ein hübfehes Stirn-

Kirche, fondern eine Schar Seelforger organifieren innerhalb
der Kirche, läßt den Plan aber fallen, weil er die
Gefahr des Sektenhaften felbft deutlich fpürt. Die Kirche
bleibt ein irdifcher Organismus mit fichtbaren Organen, als
Kirche aber ift fie doch immer nur dem Glauben deutlich,
denn nur diefer empfindet die fchöpferifche Macht des
Evangeliums. Es befteht ein prinzipieller Zufammenhang
zwifchen Offenbarungs- und Kirchenbegriff. Weil Luther
die Offenbarung nicht intellektualiftifch, gefetzlich, magifch-
fachlich verftehen kann, muß er gegen feinen Willen eine
neue Kirche gründen.

Leider ift es ihm nicht gelungen, feinen Offenbarungsbegriff
gegen alles Lehrgefetzliche prinzipiell abzugrenzen.
Diefer letzte Faktor bekommt dann in der Orthodoxie
eine Selbständigkeit, die er bei Luther nicht hat. Damit
hängt zufammen jene Veräußerlichung der kirchlichen
Autorität, die die Reaktion des Pietismus und Rationalismus
hervorruft, aber nicht im Sinne einer religiös-perfön-
lichen Vertiefung des Kirchenbegriffs, fondern feiner Auf-
löfung. Jener konftruiert die Kirche vom Glauben des
Einzelnen aus und löft fie in Sekten auf, diefer entkleidet
das Wort feines Offenbarungscharakters und damit feiner
kirchenbildenden Autorität. Die Romantik wirkt auf
diefem Gebiet nicht fchöpferifch, fondern repriftinierend.
Trotz mancher richtigen Anfätze bei Schleiermacher zieht

mungsbild, und wenn es den einen und andern veran- J doch R. Rothe die Konfequenz des Idealismus, wenn er
laßt, nunmehr zu Fichte felbft zu greifen, fo wird es die Kirche im Staate aufgehen läßt. Das Neulutherthum
nicht umfonft verfaßt fein. aber, das der Vf. in feiner fchwedifchen Ausgestaltung

Berlin. Heinrich Scholz ^e^r ausmnrhch zum Worte kommen läßt, kann nur äußer-

____|__ j lieh konfervierend wirken, weil es zu wenig aufgefchloffen

Hocking, Prof. William Erneft, Ph. D.: The Meaninq of i j? lür dfn fffchichtlichen Sinn und das Perfönlichkeits-
r-j ulln,,n Cvnn-;o„o„ & r>ui c u: c j c-S i- ftreben der Neuzeit. Gewiß war auch jenes wichtig; und
God in Human Experience. A Philofophic Study of Reh- | notwendig, helfen aber kann in den kirchlichen Nöten
gion. (XXXIV, 586 S.) gr. 8». New Häven 1912. | der Gegenwart nur eine Befinnung auf Luthers Kirchen

London, H. Frowde. $3 —

Das Buch läuft auf eine Apologie der Religion hinaus
und zwar, um einen alten Ausdruck zu gebrauchen, der
pofitiven Religion. Es Stellt feft, daß ein abstrakter philo-
fophifcher Idealismus nicht ausreiche, um das zu wirken,
was jene leiftet. Freilich fei es auch mit einem bloßen
religiöfen Fühlen nicht getan. Diefes fetze vielmehr Ideen,
eine Betätigung des Denkens und des Intellekts voraus;

begriff. Alles falfch Autoritative muß daraus entfernt
werden, dann aber um fo Stärker betont werden: Nur
die Gemeinfchaft ift Kirche, die aber auch ganz gewiß,
in der die rein religiös-Sittliche Autorität des erlöfenden
Evangeliums von Gottes Gnade in Jefus Chriftus als eine
Macht empfunden wird, die alle zusammenhält, zu immer
Stärkerer Verinnerlichung und zu immer reicherer Entfaltung
der Gemeinfchaft treibt.

Auch wer durch den gediegenen Ernft des Buches für

und fo bemüht fich denn der Autor um fdne Grundthefe nicht gewonnen wird, wird durch den

Beweis für die Ex.ftenz Gottes. Zugleich aber betont er Rekhtum an Stoff eiltfcgädigt werden. Leider find Sehr
Sehr Stark die Bedeutung des Emotionalen in der Religion 1
und den Wert der letzeren für das individuelle und Soziale
Leben und für die Einigung der Menfchheit. Das Buch,
das an der Möglichkeit einer abfoluten theoretischen
Wahrheitserkenntnis feilhält, aber auch dem Myftizismus
und Pragmatismus ein relatives Recht einräumt, entbehrt
nicht der Originalität und ift anregend gefchrieben.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Aulen, Gustaf: Till Belysning af den lutherska Kyrkoiden,

dess historia och dess värde. (238 S.) gr. 8°. Uppsala
(1912). Leipzig, O. Harrassowitz. M. 6 —

Vf. bietet eine methodifch klare dogmatifche Untersuchung
des lutherischen Kirchenbegriffs mit einem fehr
ausführlichen hiftorifchen Unterbau. Luthers Kirchen-
uegriff hat darin feine Eigenart, daß der objektive Faktor
des Wortes der gemeinfchaftbildende Faktor ift. Im
Lvangeijum von Gottes Gnade geht Chriftus felbft durch
leiten und Völker und fchafft fich bald hier, bald da

viel Druckfehler flehen geblieben.

Lauenburg (Elbe). Schmidt.

Hadorn, Prof. Pfr. D. W.: Zukunft und Hoffnung. Grundzüge
e. Lehre v. der chriftl. Hoffng. (Beiträge zur
Förderung chriftl. Theologie. 18. Jahrg. 1914, 1. Heft.)
(147 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1914. M. 3—

,Unfere Chriftenhoffnung gründet fich auf die Erfahrung
Gottes in Chriftus. Wir hoffen für uns und für die Menfchheit
, weil wir Gott in Chriftus erlebt haben'. Seinem
Wefen nach ift die chriftliche Hoffnung .Zukunftsglaube
im Sinn eines Glaubens an eine unfichtbare, zukünftige
und jenfeitige Welt'. Diefe Hoffnung .entfaltet fich an
dem einzelnen Glied des Leibes Chrifti, an der ganzen
Gemeinde und an der Menfchheit'. Daher handelt der
Verf. von der chriftlichen Hoffnung in ihrer Beziehung auf
das perfönliche (51 — 87), das foziale (87—126) und das
univerfelle Leben (127—147).