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Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

628-629

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gogarten, Friedrich

Titel/Untertitel:

Fichte als religiöser Denker 1914

Rezensent:

Scholz, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 22/23.

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gefchehe der hofifärtigen Anfprüchlichkeit feiner Darftellung
, was er verdient habe. Aber zwanzig Jahre nach
feinem Tode follte ihm das Maß der Anerkennung, das
ihm zukommt, nicht vorenthalten werden. Ritfchls Ge-
lehrfamkeit ift derjenigen Franks durchaus ebenbürtig,
vielleicht überlegen. In feiner Darftellung der Wirren,
die das Interim zur Folge hatte, treten Melanchthon und
Flacius fcharf und, ich meine, fehr richtig gezeichnet ins
Licht! Die Gnefiolutheraner gewinnen in Ritfchls ruhiger,
parteilofer Darlegung ihrer Gedanken erheblich. Ohne
Melanchthon ungerecht zu behandeln, läßt Ritfehl feine
Gegner, zumal den ,großen Illyrier', als doch letztlich die
befferen Träger der Gedanken Luthers erfcheinen. Sie
haben das beffere Verftändnis für Luthers religiöfe Ideen,
denen Melanchthon, gar die Melanchthonianer, in ihrem
gutgemeinten, nicht ebenfo gut gedachten Eifer für die
fittliche Seite des Evangeliums nicht zu entfprechen vermochten
. Aber auch fie find — abgefehen etwa von
Flacius und Amsdorf— im Grunde bloß .Theoretiker' der
Ideen Luthers. Und in beftimmten Gedanken bleiben
fie auch bei den Lehren, um die fie ftreiten, Melanchthons
Schüler. In Ritfchls Darftellung verliert ihre rechthabe-
rifche Streitfucht viel von der Unfruchtbarkeit, die ihr
nach der herrfchenden Anfchauung anhaftet, ohne darum
(wie bei Frank) glorifiziert zu werden.

Halle. F. Kattenbufch.

Houtin, Albert: Histoire du Modernisme catholique. (VII,
458 S.) gr. 8°. Paris, chez l'auteur (18, nie Cuvier, Ve)>
I9L3- fr- 5 —

Diefe Gefchichte des katholifchen Modernismus befitzt
den intimen Reiz, von einem Manne gefchrieben zu
fein, der felbft am Objekte feiner Darftellung unmittelbar
beteiligt gewefen ift und über die nötige Unbefangenheit
einer fachlichen Würdigung verfügt — man könnte
fie mit Schnitzers Darftellung vergleichen, nur daß der
Münchener Hiftoriker temperamentvoller fchreibt und
auch innerlich mehr affiziert ift als Houtin, aus deffen j
Buch unverkennbar Refignation klingt. ,Avec le pere Tyrrell
par moderniste j'entends un homme d'eglise, de n'im-
porte quelle espece, qui croit ä la possibilite d'une Synthese
entre la verite essentielle de sa religion et la verite
essentielle de la modernitd. Et par modernite j'entends
l'ensemble des sciences et la maniere de considerer toutes 1
choses, qui est imposee par les sciences' (S. VI). Diefe
Definition läßt fich hören, und fofern man fie (was durchaus
möglich ift) auf das Formale befchränkt, können alle j
die verfchiedenartigen Erfcheinungen des Modernismus |
darunter Platz finden. Natürlich fällt bei H. das Schwer- j
gewicht auf den franzöfifchen Modernismus, der m. W. |
anderweitig nirgends in fo feinem Aufriffe dargeftellt ift,
insbefondere wird man die reichliche Mitteilung von für
den Nicht-Franzofen fchwer erreichbaren Dokumenten zu
fchätzen wiffen. Die Politik Leos XIII. Frankreich gegenüber
wird, ähnlich wie bei Gisler (diefe Zeitung 1914 Nr. 7)
treffend herausgearbeitet, der Mißerfolg bei den Wahlen j
1893 leitete dann den Umfchwung ein und gab Pius X.
un terrible heritage (S. 124). Es wird nicht allgemein bekannt
fein, daß der Kardinal Sarto Loisys .Evangile et
l'Eglise' gelefen hatte, et bien qu'il n'en approuvät pas
tout le contenu, il y avait juge beaueoup de pages si
interessantes et si belles, qu'il les avait relues. Teile fut
son admiration, qu'il ne la cacha pas ä un moderniste,
M. Minocchi, dont il regut la visite dans ce temps-lä
(S. 124!). Erft die theologiens professioneis brachten I
ihm eine andere Meinung bei. Über den deutfehen Katholizismus
ift H. nicht fo gut unterrichtet, und fein Urteil
greift manches Mal fehl. Z. B. ift es Kraus gegenüber
ein Unrecht, zu behaupten: il desirait ardemment une
certaine reforme de l'Eglise, mais il n'osait pas y tra-
vailler trop ouvertement dans la peur de perdre les

j moyens de la vie luxueuse, a laquelle il s'etait aecoutume.

Kraus war ein viel zu guter Katholik, um feinen Re-
| formgedanken nicht eine weife Schranke zu fetzen. Bequemlichkeit
war das nicht! Auch das Urteil über Mausbachs
Auffatz in der .Internationalen Wochenfchrift' zur
Moderniftenenzyklika ift ein wenig fehr boshaft: M. follte
die Rolle des chalumeau de la paix fpielen. ,Celui-ci
s'executa avec la desinvolture particuliere aux theolo-
1 giens, qui font carriere dans l'orthodoxie'. Pfychologifch
ift es ja begreiflich, wenn die irgendwie ob ihres zu
kühnen Wagemutes von der kirchlichen Zenfur Betroffenen
denen nicht grün find, die ein Stillefein und äußeres
Nachgeben für klüger und praktifch wertvoller halten,
aber wer fich an das Vaticanum gebunden weiß, wird
nie wirklich laut proteftieren können, und lehnt er das
Vaticanum ab, ift er nicht mehr Katholik. Worauf ftützt
fich übrigens das Urteil über das deutfehe Kaiferpaar:
l'imperatrice, fervente lutherienne, et l'empereur, assez
conservateur en theologie, virent avec plaisir le pape de-
fendre les prineipes traditionnels du christianisme et con-
damner des pretres soi-disant catholiques, qui se mon-
traient encore plus hardis que les protestants liberaux?
Es dürfte nicht richtig fein. Der Name .Modernift' fcheint
wirklich zuerft bei Luther (W. A. XV 53) aufzutauchen,
als Wiedergabe des mittelalterlichen Begriffs: moderni;
gegenüber Nippolds Behauptung, daß die Jefuiten das
Wort von Holland-Belgien nach Rom getragen hätten,
fagt H : Nippold ne donne pas de preuves.

Zürich. Walther Köhler.

Gogarten, Frdr.: Fichte als religiöler Denker. (120 S.)
gr. 8°. Jena, E. Diedrichs 1914.

M. 2.50 geb. M. 3.50

Diefes Büchlein ift ein hübfeher und anfprechender
Verfuch, Fichtes Evangelium in die Sprache der Gegenwart
zu überfetzen. Der Verfaffer hat felbft ein deutliches
Gefühl für das Wagnis eines folchen Verfuches;
er weiß, daß eine allgemein anerkannte religiöfe Sprache,
wie fie das Mittelalter befaß, heute nicht exiftiert, und
daß auch der Sprachfehatz der deutfehen Myftik für
einen folchen Verfuch nicht ausreichend ift. Er weiß
auch, daß bei einem Denker wie Fichte jede Umfchrift
an fich ein Wageftück ift und der Gefahr unterliegt, einzulegen
ftatt auszulegen. Dennoch hat er es gewagt, und
man darf fagen, daß es ihm gelungen ift, die wefent-
lichen Tendenzen Fichtes, fowie die entfeheidenden Probleme
feiner religiöfen Entwicklung warm und lebensvoll
zu veranfehaulichen.

Eine allgemeine Charakteriftik bildet den Auftakt.
Sie hebt mit Recht die Spannung hervor, die Fichtes
geiftiges Vermächtnis durchzieht, das eminent perfön-
liche Element auf der einen, das rückfichtslos fachliche
Element auf der andern Seite. Jenes in dem Erlebnisgehalt
feiner Werke, diefes in der Deduktion diefes Erlebnisgehaltes
hervortretend. Es ift eine Spannung von
Lebensgewalt und Darftellungsftrenge, von Überfluß und
Selbftbefchränkung, die für die Eigenart Fichtes in der
Tat grundlegend ift und fich fo vielleicht nur noch bei
Spinoza findet. Der nächfte Abfchnitt behandelt die
Frage, wie Füchte von dem fpröden fittlichen Enthufias-
mus zu jener Myftik gelangen konnte, die den Kern
feines fpäteren, durch und durch religiöfen Denkens
bildet. Die Antwort liegt in der latenten Religiofität,
die fchon fein fittliches Denken durchglüht, indem ihn
das fittliche Sein und Streben mit der Wucht eines Un-
endlichkeitserlebniffes ergreift.

Von diefem fittlichen Lebensgefühl, das die gewollte
Kälte der Darftellung einem fchärfer blickenden Auge
doch mehr offenbart als verhüllt, ift es dann fchließlich
nur noch ein Schritt zu jenem religiöfen Unendlichkeitsfinnen
, das in Fichtes fpäterer Myftik herausbricht. Die