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Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

565-566

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hill, R. A. P.

Titel/Untertitel:

The Interregnum 1914

Rezensent:

Dorner, August

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Seite 1

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565

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 18/19.

566

Boden wurzelt auch ein anderer Begriff Vinet's, den er
in feiner grundlegenden Bedeutung für das individuelle
und foziale Leben, für die Religion und die Politik geltend
macht, gegen alle Verirrungen und Mißbildungen zu
fchützen und zu retten fucht, und der mit feinem Namen
und feinem Lebenswerk verbunden bleibt, ich meine den
Freiheitsgedanken. Nachdem derfelbe bereits in feinem
Erftlingswerk als religiöfe Angelegenheit in V. einen beredten
Anwalt gefunden hatte, wurde er auch in feiner
weiteren Entwickelung das leitende Prinzip, das fowohl
in den erften hier mitgeteilten foziologifchen Artikeln als
in den fpäteren Beiträgen dem Lefer immer wieder entgegen
tritt. Auf diefem Wege gelangte V. zu einer richtigen
Schätzung der zwei Größen, die er in ihrer Eigenart
und in ihrer gegenfeitigen Bedingtheit zu würdigen ver-
ftand: der Individualität und der Gemeinfchaft. V's. Anregungen
und Auseinanderfetzungen über diefen Gegen-
ftand erinnern nicht feiten an Schleiermacher, und fie
erhalten durch die gegenwärtigen Beftrebungen des
,fozialen Chriftentums' eine unmittelbare und aktuelle
Bedeutung.

Nach diefen allgemeinen, aus dem Ganzen desV'fchen
Werkes gefchöpften Betrachtungen, würde eine nähere
Analyfe der einzelnen Beiträge nur Wiederholungen nach
fich ziehen. Um nur noch einige fpeziellere Probleme
hervorzuheben, erwähne ich V's. Stellung zur Todesftrafe,
die er zu wiederholten Malen aus religiöfen Gründen bekämpft
, feine Beurteilung des Pazifismus (der wahre
Friedensbund ift ihm die chriftliche Kirche 247), feine
Äußerungen über den Selbftmord (,le suicide est un
mondain consequent' 236). — Formell zeichnen fich die
meiften Stücke durch die vornehme und lichtvolle Darfteilung
aus, die nicht für die Schule und die Fachgelehrten
, fondern für die Gebildeten beftimmt ift und fich
zuweilen zu einer ergreifenden Beredfamkeit erhebt
(163—164. 229. 241—242. 258 sq. und öfters). Daß die
Schrift eine Fülle feiner pfychologifcher Bemerkungen
aufweift, die in geiftvoller oft glücklich pointierter Form
zum Ausdruck gelangen, verfteht fich bei Vinet von felbft.

Für die Herftellung diefer Mufterausgabe des genialen
Laufanner Denkers gebührt den einzelnen Herausgebern
und der Verlagsbuchhandlung der wärmfite Dank.
Möge der Erfolg des glücklich angelegten und verftändnis-
voll durchgeführten Unternehmens ein ftetiger und des
großen Gegenftands würdiger fein!

Straßburg i.E. P.Lobftein.

Hill, R. A. P., B. A, M. D.: The Interregnum. (XV, 149 S.)
8°. Cambridge, University Press 1913. s. 4. 6

Der Verfaffer verfteht unter dem Interregnum den
Zuftand, in welchem man den alten Glauben der Kindheit
verloren und noch keinen eigenen neuen gewonnen
hat, und will für diefen unferer Zeit eigentümlichen Ent-
wickelungszuftand dasjenige herausheben, was zu apolo-
getifchen Zwecken dienen kann, wie er denn auch im
9- Kapitel des II. Teils für Elementarlehrer oder Prediger
praktiiche Anweifungen für die Behandlung chriftlicher
Glaubenslehren zu geben fucht. Der Grundgedanke
welcher ihn leitet, bafiert auf dem moral sense, und auf
dem, was logifcherweife mit der Moralität in Verbindung
fteht, das heißt der Glaube, daß das Univerfüm fich vorwiegend
zu Gunften der Moralität betätigt, wohin auch
der Unfterblichkeitsglaube gehört. Von dem fundamentalen
Glaubensinhalt unterfcheidet er hilfweife hinzukommenden
, wie die anthropomorphe Geftaltung des Univer-
fums im Glauben an einen guten Geift, der die Welt
regiert und zu dem man betet. Zum akzefforifchen Glaubensinhalt
rechnet er auch die Wunder, deren Unwahr-
fcheinlichkeit die Tatfächlichkeit nicht auszufchließen
braucht, da vielmehr bei einer Erfcheinung von fo einzigartiger
moralifcher Bedeutung wie dem Evangelium
auch einzigartige Reaktionen zu erwarten feien. So be- !

I fpricht er denn auch das chriftliche Glaubensbekenntnis
namentlich nach der gefchichtlichen Seite, von der er
behauptet, daß fie dazu diene, durch die Realifation von
Idealen den Glauben zu ftärken, was aber ein kritifches
Verhalten der Gefchichte gegenüber nicht ausfchließen
foll. Die allgemeine moralifche Bafis wird im Chriften-
tum modifiziert durch die Sünde und die Erlöfüng, die
durch Chriftus hiftorifch vollzogen fein foll, wenn er auch
über die Art der Verföhnung wegen der hier vorliegenden
Schwierigkeiten nichts beftimmtes ausfagen will, und
nur praktifch volle Anerkennung der Sünde und volle
Befreiung in der Freude in Gott betont. Chriftus und
die Apoftel haben auch ihre Bedeutung in der höch-
ften Moralität, die fie vertreten, nicht in der Lehre. —
Wenn er fo als die essence des Chriftentums die
logifche Konfequenz des Glaubens an den moral sense
findet, fo bemüht er fich nun weiter, zu zeigen, daß ein
rationelles Syftem, welches die Moral einfchließt, wahr-
fcheinlicher ift, als ein folches, das fie leugnet, und darum
ift ihm auch das Leben von anderen fo wie unfer eigenes
das letzte Zeugnis für das Chriftentum. Das hindert ihn
aber nicht, doch anzuerkennen, daß das chriftliche
Prinzip auch gegenüber philofophifchen Weltanfchau-
ungen wie Skeptizismus, Materialismus, neutralem Monismus
, Agnoftizismus, Pantheismus und Pluralismus fich
wohl verteidigen laffe, indem man die logifchen Gründe
gegen das Chriftentum als nicht konklufiv zu zeigen vermöge
. In Appendix D und Appendix F gibt er noch
einmal eine kurze Zufammenfaffüng feiner Anflehten. —
Nach dem Gefagten macht der Verfaffer den Ver-
fuch gegenüber den modernen Zweifeln am Chriftentum,
dasfelbe praktifch moralifch zu begründen, und von hier
aus zu zeigen, daß eine vernünftige Weltanfchauung mit
den moralifchen Grundfätzen des Chriftentums nicht im
Widerfpruch ftehen könne, und wenn er auch an einer
Stelle meint, daß nur metaphyfifche, hiftorifche und experimentell
pfychologifche Evidence zufammen einen
wahrhaft ftrengen Beweis für die Wahrheit des Chriftentums
geben, während jede für fich angreifbar fei, ja ins-
befondere die Erfahrung die Illufion nicht ausfchließe,
fo ift er doch nicht gewillt, das Chriftentum zu beweifenj
fondern feine Gültigkeit im Wefentlichen auf den moral
sense zu gründen, der in der logifchen Konfequenz eine
moralifche Weltordnung durch einen göttlichen Geift und
Unfterblichkeit fordere, und zu zeigen, daß durch die
chriftliche Gefchichte diefer moralifche Glaube eine Stärkung
erfahre. Kurz, der Verfaffer fteht auf dem Standpunkt
, daß die theoretifchen Zweifel auf dem praktifchen
Wege einer religiös beftimmten Moralität zu überwinden
feien. Hingegen wagt er es nicht zu behaupten, daß es
pofitive theoretifche Beweife für die Wahrheit des chrift-
lichen Prinzips gebe. Aber auch den moralifchen Beweis
für das Chriftentum hat er nicht eingehender unter-
fucht, und verweift zuletzt auf die bloße Entfcheidung
des Willens für den moralifchen Glauben. Daß fchließ-
lich der moral sense als praktifche Vernunft mit der
theoretifchen Vernunft Eine Vernunft ift, kommt ihm
nicht zum Bewußtfein.

Königsberg i/Pr. Dorner.

Brewlter, Bertram: The PhiloTophy of Faith. An Enquiry.
(III, 201 S.) 8°. London, Longmans, Green and Co.
1913. s. 3.6

Brewfter ift ein weitherziger Utilitarier, der in diefem
anregenden, ja oft beredten Buche eine wohlerwogene
Zufammenftellung der Gründe bietet, mit denen der
Glaube oder, wie er gelegentlich genannt wird, das ,freiwillige
Fürwahrhalten' (19) verteidigt werden kann. Er
greift den Rationalismus an, der da erklärt, daß ein
Menfch nicht blind glauben folle, was nicht augen-
fcheinlich oder der Vernunft beweisbar fei (5), indem er