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Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

557-558

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

König, Erich

Titel/Untertitel:

Peutingerstudien 1914

Rezensent:

Brandi, Karl

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Seite 1

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557

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 18/19.

558

etwa ums Jahr 1400 auf Anordnung des Provinzials
Lorenzo von Rieti gefchrieben wurde, worin befonders
die Actus Beati Francisci und Teile des Speculum per-
fectionis ein gewiffes Intereffe haben, da fie in dem
immer noch unentfchiedenen Streit um das Alter des
von Sabatier und andererfeits von Lemmens herausgegebenen
Werkes gewiffe Anhaltspunkte bieten. Doch
ift die Abfaffung des Manufkripts immerhin fo fpät, daß
große Vorficht am Platz ift. Ebenfalls von Little find
kürzere Artikel über Bruder Wilhelm von England und
einige Bilder aus einem Manufkript des Mattheus Paris,
die zu den früheften Zeugen der Vogelpredigt und der
Stigmen des h. Franz gehören, und ein Verzeichnis der
englifchen Provinzialkapitel fowie Totenverzeichniffe aus
den Provinzialkapiteln von 1328 und 1334. Diefe Veröffentlichungen
beziehen fich ja alle auf die verhältnismäßig
intereffantere Zeit des erften Jahrhunderts des
Minoritenordens; doch ift auch hier die Mahnung zur
Selbftbefchränkung wohl nicht unerlaubt, da fonft bei
der Überfülle der Veröffentlichungen das Wichtige nicht
mehr vom Unrichtigen gefondert werden kann.

Dazu treten zwei neue franziskanifche hiftorifche
Zeitfchriftenl Wahrlich es ift erftaunlich, wie die fran-
ziskanifchen Arbeiten immer noch mehr in die Breite
und ins Spezialiftifche gehen! Die ,Franziskanifchen Studien
' bezeichnen als ihr Programm die Erforfchung des
Einfluffes, den das Franziskanertum auf das gefamte
Geiftesleben der Vergangenheit ausgeübt hat, und der
äußeren und inneren Gefchichte der Stiftungen des h.
Franziskus mit befonderer Berückfichtigung des germa-
nifchen Sprachgebiets. Die Neerlandia Franciscana ift
eine zweifprachige Zeitfchrift (franzöfifch und flämifch)
und will nicht nur Studien, fondern auch Texte zur Fran-
ziskanergefchichte in den Niederlanden darbieten. Beide
Zeitfchriften enthalten außerdem eine reichhaltige Bücher-
und Zeitfchriftenfchau, die den Eindruck einer faft be-
ängftigenden Überproduktion auf dem Gebiet der franzis-
kaniichen Gefchichtsforfchung noch erhöhen. Einen Begriff
davon, in welche Breite die Zeitfchriften gehen,
möge eine kurze Aufzählung der Auffätze in der vorliegenden
erften Nummer der franziskanifchen Studien
geben. Da zeigt zuerft Boving, daß die Disputa Raffaels
ihre literarifche Vorlage in Bonaventura hat. Hafelbeck
nimmt den Ireniker Chriftoph de Rojas, der mit Leibnitz
an einer Vereinigung der chriftlichen Kirchen arbeitete,
gegen die mancherlei Vorwürfe und Verdächtigungen, die
er erdulden mußte, in Schutz. Schulte erzählt von dem
Volksfchriftfteller Martin von Cochem (1634—1712), wie
er den Euchariftifchen Kult gefördert hat. Minges zeigt,
daß Vinzenz von Beauvais mannigfach aus Alexander
von Haies gefchöpft hat. Doelle befpricht und druckt
ein Schreiben, in dem der Kuftos der Minoriten von
Meißen erzählte, was fie zu erdulden hatten bei Einführung
der Reformation. Reifch fchildert den Taufch
des Franziskanerkonvents in Breslau mit dem Elifa-
bethinerinnenklofter dafelbft im Jahr 1794. Kleinfchmid
befchreibt die Abbildungen des h. Franziskus in derElfen-
beinplaftik. — Bunter kann die Mannigfaltigkeit, fpezieller
das Studium kaum noch werden. Ähnlich ift der Inhalt
der Niederländifchen Zeitfchrift, wenn dort auch wenigftens
der erfte Artikel über die Niederländifchen Begarden allgemeinere
Bedeutung hat.

Was wohl der h. Franziskus über diefe Schrift-
ftellerei leiner Jünger fagen würde?
Stuttgart. Lempp.

König, Priv.-Doz. Dr. Erich: Peutingerftudien. (Studien und
Darftellungen aus dem Gebiete der Gefchichte. IX. Bd.,
1. u. 2. Heft.) (V, 179 S.) gr. 8°. Freiburg i. B., Herder.

M. 4.50

In dem Buche von P. Joachimfen über die Gefchichts-
auffaffung und Gefchichtsfchreibung in Deutfchland unter

dem Einfluß des Humanismus (1911, 398 ff.) hatte Konrad
Peutinger bereits einen bemerkenswerten Platz als Sammler
von Materialien für fein ,Kaiferbuch' erhalten; feine be-
fondere Bedeutung für die Sammlung von Kaiferurkunden
würdigt foeben auch Fr. v. Bezold (Entft. d. hift. Methodik
, Internat. Monatsfchr. VIII, 3). In dem vorliegenden
Buch wird man nun mitten hineingeführt in
den großenteils noch ungenutzten Reichtum der Peu-
tingeriana: Händfchriften, Briefe und Urkunden. Einem
kurzen Lebensabriß des Augsburger Stadtfchreibers (1465
bis 1534) folgt ein Kapitel über den Nachlaß, dem fich
ein Schlußkapitel über P. als Bücher- und Handfchriften-
fammler innerlich anfchließt. Dazwifchen werden die
gelehrten Arbeiten, die kirchenpolitifche und die fehr
wichtige handelspolitifche Tätigkeit Peutingers in Einzel-
ftudien dargeftellt.

Die gedrängte Fülle des Stoffes, die man vom Verf.
vor fich hingetragen und ausgebreitet fieht, erweckt ein
fehr eindringliches Bild von der Weite und dem Fleiß
der mitten im praktifchen Leben flehenden Perfönlich-
keit. Ich greife aus dem reichen Inhalt einige bemerkenswerte
Tatfachen und Feftftellungen heraus: Peutingers
Studium zu Padua und Bologna; die Promotion zu Padua
und die Promotionskoften (9). Beziehungen zu Maximilian
, in geringerem Maße zu Karl V. Sodalitas literaria
Augustana (22). Moderne Beurteilung Peutingers; auch
der Verf. bekennt, daß ,P. ein fchwer gelehrter Mann
war, daß jedoch feine kritifche Begabung und fein fchrift-
ftellerifch.es Talent feinem Wiffen nicht entsprach' (29).
Immerhin erhält man von feiner methodifchen Arbeit
neue bemerkenswerte Proben: ,Epistula de nomine Au-
gusti', ,De magistratibus Romanorum'; Sammlung von
Kaiferurkunden aus zahlreichen oberdeutfchenArchiven (63).
Aus dem Kaiferbuch wird das Leben Karls d. Gr. im Anhang
(S. 159 fr.) abgedruckt, im Text analyfiert. Die
Nachrichten über Heinrich IV. zeigen wenig Gefchick in
der Ordnung des Stoffes. Lehrreich, wie fehr die theo-
logifchen Anfchauungen Peutingers auf die Florentiner
Platoniker zurückgehen (65). Abgedruckt werden Vor-
fchläge für ein reichsgefetzliches Vorgehen gegen gewiffe
Mißbräuche der Bettelorden (S. 166, dazu S. 73 ff). Ich
notiere auch den Hinweis auf eine zweite Spur von
Reichenauer Überlieferung der Constitutio de expeditione
Romana (S. 80, Note). Peutingers Stellung zur Reformation
feit 1524 ähnelt derjenigen des Erasmus; gleichwohl gibt
er noch 1524 und 1527 fehr freie Gutachten ab für die
Städte Memmingen und Konftanz, lehrreich auch für das
frühe Auftreten rein juriftifcher Behandlung diefer Fragen.
In eine ganz andere Welt führen Peutingers Beziehungen
zu den Augsburger Kapitaliften (109 ff), fein Gutachten
über das Kupferfyndikat der Goflembrot, Fugger, Herwart
und Baumgartner von 1498/99, woran fich weitere Äußerungen
in der Monopolienfrage fchließen (113 fr.), belon-
ders die große Denkfchrift von 1530. Das Gefetz Karls V.
über Monopolien und Gefellfchaften vom 10. März 1525
wird als Entwurf Peutingers abgedruckt. Den Schluß
macht die Aufzeigung der Schickfale von Peutingers
Händfchriften und Bücherfammlung durch die Bibliotheken
von Augsburg, München, Stuttgart, Wien, St. Paul
in Kärnthen, Rom, London und Göttingen.

Göttingen. Brandi.

Ihmels, D. theol. Ludw.: Das Dogma in der Predigt Luthers.

(Progr.) (70 S.) Lex.-8°. Leipzig, A. Edelmann 1912.

M. 2.25

In einer beachtenswerten Unterfuchung erörtert
Ihmels ein Problem, das dank der neueften Entwicklung
der Lutherforfchung erhöhtes Intereffe gewonnen hat.
Z. T. verfolgt er eigene, nachdrücklich geftellte Fragen
weiter. Die Gliederung wird freilich durch fyftematifche
Gefichtspunkte bedingt. Das heißt aber nicht, daß fie