Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

548-552

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Procksch, Otto

Titel/Untertitel:

Die Genesis, übersetzt und erklärt 1914

Rezensent:

Gunkel, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

547

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 18/19.

548

,Noch in fpäte Zeit reichen primitive und rohe Formen
der Vorftellungen wie des Kultes hinein', das ift
natürlich auch die Meinung unteres Autors1. Es ift daher
nicht ratfam über fein Werk erfchöpfend zu berichten
und zu urteilen, ehe es abgefchloffen und vollendet
fein wird. Immerhin darf ein Bedenken fchon
jetzt geäußert werden. Wenn nämlich der Verf. beab-
fichtigte ,das Quellenmaterial zeitlich und lokal ftreng zu
gruppieren', dann mußte im erften Teil (,die vorgefchicht-
liche Zeit') alles das gefammelt werden, was fich bei der
religionsgefchichtlichen Betrachtungsweife als .primitiv'
herausftellte. Ich denke dabei etwa an Helms Ausführungen
über, Wahrfagung' (S. 279fr.), die erft in der römifchen
Epoche auftaucht, aber nach feiner eigenen Ausfage zum
Teil als allgemein und uralt betrachtet werden muß, weil
fie in ihrem Kern mit primitiver Tierverehrung zufammen-
hängt (Orakeltiere); anderes .primitive' ift von ihm an
andern Stellen angedeutet und wird in den jüngeren
Perioden noch häufig genug erwähnt werden müffen.
Helm hat, fo könnte es faft fcheinen, feine Aufgabe als
Hiftoriker in erfter Linie darin gefehen, eine Chronologie
der Quellen aufzuftellen, wichtiger als eine Chronologie
der Quellen ift aber die Chronologie der uns
überlieferten Vorftellungen. Es ift gewiß richtig, aber
doch auch einfeitig, zu behaupten, daß die Archäologie
uns das ältefte Quellenmaterial bietet, mit dem die Re-
lligionsgefchichte zu arbeiten haben wird, denn es erhebt
fich die Frage, ob nicht der Sprachfehatz (.Wörter und
Sachen'2 und das Folklore, die wir aus weit jüngeren Quellen
kennen lernen, in ihren älteften Schichten vordatiert
werden müffen. Überhaupt wird man eher feine Verwunderung
darüber ausdrücken müffen, daß Helm es für
zweckmäßig erachtete, von den Gräbern und den Grabfunden
auszugehen, die doch nur mittelbar religions-
gefchichtlich ausgedeutet werden können, und allerdings,
darin bin ich mit ihm einer Meinung, ausgedeutet werden
müffen. Es ift nur ftrittig, nach welcher Methode die
archäologifchen Materialien, die Denkmäler, die uns gewiß
vieles zu verraten haben werden, gedeutet werden
follen3. Da ift es nun für Helm ebenfo ausgemacht wie
für jeden andern Kenner diefer Dinge, daß eine Deutung
nur möglich ift auf Grund der folkloriftifchen Erfahrungen
(S. 132fr.): erft müßten alfo diefe dargelegt werden; mit
anderen Worten, die Sache felbft fcheint zu fordern, daß
man für eine Religionsgefchichte der Germanen nicht von
der Archäologie, fondern vom Folklore den grundlegenden
Ausgangspunkt wähle. Nun hat allerdings Helm in feine
Erörterung der .religiöfen Vorftellungen' (S. 17 fr.) auch
folkloriftifche Motive aufgenommen, aber er hat fie in
der genannten Stelle nur völkerpfychologifch d. h. theo-
retifch abgehandelt und nicht als das Quellenmaterial
ausgebreitet, das wir für die vorgefchichtlichen Zeiten
altgermanifcher Religion aus der deutfehen Volkskunde
zu gewinnen vermögen. Die Richtung feines Denkens gibt
fich fehr deutlich daran zu erkennen, daß er ,die religiöfen
Vorftellungen' (S. 17 ff.) vor den .religiöfen Äußerungsformen
' (S. 44 ff.) darzulegen unternahm, obwohl für den
Hiftoriker doch die religiöfen Äußerungsformen das primäre4
und die religiöfen Vorftellungsformen infofern erft
das fekundäre bilden, als die .Vorftellungen' erft durch
Interpretation der, Äußerungen' gewonnen werden können.

Was nun die Einzelerklärung der von Helm bevorzugten Archaeo
logica betrifft, fo verweife ich beifpielshalber auf die Art, wie er den
Übergang von der Leichenbeftattung zur Leichenverbrennung interpretiert
(S. 148 ff.). Es wird dabei eine totale Umwandlung der Seelenvorftellung'
vorausgefetzt; Erhaltung des Leibes gelte nicht mehr als Erfordernis des
Seelenkultes, der fortan Vernichtung des Leibes fordere, und zwar
werde die Verbrennung im Intereffe der Lebenden gefchehen fein: ,die

') Vgl. hierzu S. 245 (einwandfreie Belege aus prähiftorifcher Zeit
vermittelt alfo nicht bloß die Archäologie).

2) Ihnen ift S. 106 ein ganz kurzer Abfatz gewidmet; vgl. S. 156f.
225 fr. 234 f.

3) Helm felbfl erklärt S. 44: ,die primitivfte Form, der pfycho-
logifchen Grundlage nach, ift der Zauber'; über Totemismus vgl. S. 157fr.

4) Vgl. z. B. die verfchiedenen Erklärungen der Steingräber S. 134 fr.

Scheu vor der Seele des Toten, die fchon für den Ausgang der Steinzeit
vermutet wurde, hat in diefer Zeit an Macht gewonnen und Maßregeln
begünftigt, die vor der Berührung mit der Seele fchützten; fo lang der
Leib beftand, war der Seele die Rückkehr möglich, fie ganz unmöglich
zu machen, gab es nur das eine Mittel, den Leib zu vernichten' (S. 152).
Dies magere Ergebnis' wird dadurch noch problematifcher, daß Helm
mit Recht die Leichenverbrennung nicht als fpontane Neuerung der
Germanen, fondern als Nachahmung einer ausländifchen Sitte bezeichnet.
Wir hören dann auch bald, daß im Zeitalter der Leichenverbrennung
.diefelben Vorftellungen von den Bedürfniffen der Seele herrfchten, wie
in der vorhergehenden Periode'; nur das eine bleibt als Neues beliehen,
daß nun nicht mehr wie früher der Seele die Rückkehr zum Leib frei-
ftand, fondern daß fie durch das Mittel der Leichenverbrennung in jenes
Totenreich fern von der Berührung mit den Lebenden verbannt wurde,
das fchon für die Schlußabfchnitte der Steinzeit angenommen werden
konnte' (S. 154). — Triskele und Svastika (Hakenkreuz) haben als apo-
tropäifche Zeichen ,durch diefelbe Kulturbewegung, welche die Leichenverbrennung
propagiert hat, ihre Verbreitung unter den Germanen gefunden
. . . Welches die urfprüngliche ficher religiöfe Bedeutung diefer
Zeichen war, entzieht fich trotz vielfacher Vermutungen und Erwägungen
unferer Kenntnis (S. 169f.) — Auf Sonnenverehrung werden
die Näpfchenfteine (S. 231) und der fog. Sonnenwagen von Trundholm
(S. 173fr.) bezogen; es wäre aber meines Erachtens dienlicher gewefen,
wenn Helm von vornherein gar keinen Zweifel daiüber gelaffen hätte,
daß er darunter die Art von ,VerehruDg' verftauden haben will, die man
,Zauber' nennt (S. 180). Hier kommen alfo Sonnen- und Regenzauber
der vorgefchichtlichen Zeit noch einigermaßen zur Geltung: ,was in
fpäterer Zeit an Sonnenfeuern, an Verwendung von Sonnenrädern begegnet,
muß in feinen Keimen in diefe Zeit zurückreichen' (S. 187). — Für den
fpäteren Gewittergott (Donar) geht Helm von einem Gewitterfetifch (Donnerkeil
) aus, glaubt in dem riefifchen Hrungnir der Edda2 einen prä-
hiftorifchen (anthropomorphen3!) Gewitterdämonen erkennen zu dürfen,
der fpäter von dem Gewittergott der Eifenzeit verdrängt worden fei
(S. 198). Die Riefen überhaupt find Naturdämonen, älter als die fpäteren
Götter und durch diefe in den Hintergrund gedrängt worden (S. 199h).
— Von fonftigen ,Naturgottheiten' deutet Helm einen Himmelsgott und
eine Erdgottheit, einen Meeresgott und einen Totengott nur eben an
(S. 229f.); man bemerkt hier, auf welches Minimum das eigentliche
Paradeftück der älteren Mythologie, idg. die Gleichung Zeus — Tyr
zufammengefchrumpft ift (S. 269 ff.). Über Wind- und Luftdämonen
vgl. S. 244 f. — Sehr wenig hat Helm für altgermanifche Göttinnen
übrig, und fcharf geht er gegen die Nachrichten vor, die uns Cäfar über
den Kultus bietet (S. 255 fr.)4, fcheint mir aber nur darin Recht zu haben,
daß er es als einen Irrtum betrachtet, was diefer fonft ausgezeichnete
Gewährsmann de bell. gall. 1,50 von dem numerus deorum behauptet
; im übrigen halte ich die Ausfage Cäfars für viel wertvoller und
ergiebiger als der Verf. anzunehmen fcheint. — Wodan (S. 25967) ift
von Haus aus ein vergöttlichter Sturmdämon und Totenführer, aber fchon
im Zeitalter des Tacitus auf die Rangflufe des oberften Gottes vorgerückt
(auf der wir fonft Tiuz treffen S. 273, vgl. 366 ff.) und möglicherweife foll
dabei kultureller Einfluß der Römer und Kelten in Rechnung zu ziehen
fein, denn ,im Süden erfcheine er mehr als der Herr des friedlichen Verkehrs
' (vgl. S. 358 ff.). Trotzdem foll Tacitus eine falfche Vorftellung
von der Ausdehnung des Wodankults gehabt haben, denn ,zu vielen
Stämmen der Germanen fei der Kult Wodans als des oberften Gottes
erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte, zu andern gar nicht gekommen'
(S. 268) — damit erinnert uns der Verf. wieder daran, daß wir die
endgültige Beurteilung feines Werkes erft vornehmen können, wenn der
zweite Band erfchienen fein wird.

Kiel. Friedrich Kau ff mann.

Prockfch, Prof. D. Otto: Die Genefis, überf. u. erklärt.
(Kommentar zum Alten Teft., hrsg. v. E. Sellin, i. Bd.)
(XI, 530 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert Nachf. 1913.

M. 10.50; geb. M. 12.50

Man kann ein Werk wie diefes, mit dem die von
Sellin angekündigte Kommentarfammlung zum Alten Te-
ftament beginnt, von doppeltem Gefichtspunkt aus beurteilen
. Erftens kann man es mit den älteren Arbeiten
derfelben Richtung, alfo hier Prockfch mit Delitzfch und
Strack vergleichen. Bei folchem Vergleich aber ftellt fich
heraus, wie gewaltig die Wandelung ift, welche die ,po-
fitiven' Gelehrten inzwifchen durchgemacht haben! Die
Quellenkritik, fo lange Zeit hindurch von den kirchlichen
Kreifen als ungläubig bekämpft, die fchon von Strack in
der Hauptfache anerkannt worden war, ift jetzt völlig

1) Vgl. dazu S. 209 fr. 2466".

2) Und wohl auch in dem Thrymr der Thrymskvitha (S. 20of.).
3j Über Theriomorphismus vgl. S. 202 ff. Helm verflicht vom Den-

dromorphismus zum Anthropomorphismus zu gelangen (S. 214fr.).

4) Es macht auch keinen guten Eindruck, daß Helm an den Angaben
des Tacitus fehr viel auszufetzen hat.