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Ausgabe:

1914

Spalte:

27-28

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jodl, Friedrich

Titel/Untertitel:

Das Problem des Moralunterrichts in der Schule. Zwei Vorträge 1914

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. r.

28

diefem Wege die gefährliche Konkurrenz zwifchen beiden
Konfeffionen unfchädlich zu machen.

Göttingen. Carl Mirbt.

Die Harmonie zwifchen Religions- und Moralunterricht. Vorträge
auf der ,Konferenz üb. fittl. Willensbildg. in der
Schule', geh. am 29., 30. 9. und 1. 10. 1912 in Berlin,
gefammelt u. hrsg. v. Dr. Rud. Penzig. (IV, 223 S.)
gr. 8°. Berlin, Verlag f. ethifche Kultur 1912. M. 2.50

Jodl, Prof. Dr. Fr.: Das Problem des Moralunterrichts in der
Schule. Zwei Vorträge. (45 S.) 8°. Frankfurt a. M.,
Neuer Frankfurter Verlag 1912. M. i —

Felden, Paff. Emil: Grundriß eines modernen Religionsunterrichtes
. 2. veränd. Aufl. (32 S.) 8°. Leipzig, F.
Eckardt 1912. M. — 60

Chriltlicher Religionsunterricht auf Grund der Zwickauer Thefen.
Stofffammlung u. Aufbau. Bearb. v. dem Religions-
ausfchuß des Bez.-Lehrervereins Dresden-Land. (56 S.)
gr. 8°. Leipzig, A. Hahn 1913. M. — 75

Die allgemeine Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen
Religionsunterricht, nicht bloß aus Abneigung
gegen die Religion, fondern auch aus höhern religiöfen
und erziehlichen Idealen herausgeboren, drängt dazu, ihn
entweder durch andere erziehliche Einflüffe zu erfetzen
oder gründlich zu verbeffern.

Die erfte Schrift bietet eine Fülle von Vorfchlägen,
Begründungen und Anregungen, wie fie auf der im Titel
genannten Konferenz zu Tage getreten find. — Die zweite
führt die in der erften enthaltene Skizze nur noch
näher aus. Von einer Harmonie kann ja nun grade nicht
die Rede fein, noch nicht einmal von einer folchen
zwifchen den Freunden des Moralunterrichts felbft. Denn
diefe find weder einig in bezug auf ihr Verhältnis zur
Religion, wobei die fchärfere Tonart, die von der Tafchen-
fpielerei der Offenbarung und dem Erfatz des Religionsunterrichts
fpricht, zu überwiegen fcheint; noch find fie
es in bezug auf die Sanktion der Moral, die recht hölzern
meift aus den Folgen hergeholt wird. Allgemein ift
freilich der Wunfeh, gegenüber dem natürlich „harten
Dogma der Religion" die Moral, alfo die Menfchenliebe
als Gegenftand des Erziehungsunterrichtes herauszuarbeiten;
dazu langt jene Begründung aus den Folgen und aus der
Rückficht auf die Gattung; aber die perfönliche Haltung
des Charakters, allen Widerftänden, zumal auch dem Leid
gegenüber, tritt vor dem vernünftig-fentimentalen Gedanken
der Menfchenliebe ganz zurück. Es liegt in der
Natur der Sache, daß, wo die Autorität und die Fülle
der Imponderabilien der Religion fehlen, aller Nachdruck
auf die Methodik fällt; das ift nun der Reichtum der
Sammlung, daß eine Fülle von willenspädagogifchen Gedanken
in ihr ausgebreitet ift, die auch jedem Theologen
nur nützlich fein können. Der Religionsunterricht felbft
wird von den Theologen wie Traub und von den Pädagogen
, die ihm noch Raum in der Schule geben laffen,
auf Religionskunde gefchichtlicher Art befchränkt. Im
Ganzen ift der geiftige Gehalt der Sammlung fo groß,
daß fich jeder ausführlich mit ihr befchäftigen muß, dem
die Fragen des Religionsunterrichtes nahegehn.

Ein wenig erfreuliches Mufter eines ,objektiven' reli-
gionsgefchichtlichen Unterrichts bietet Felden mit feinem,
im wefentlichen anti-orthodoxen und gefchichtsmate-
rialiftifchen Grundriß. Die Freunde der Reform des
Religionsunterrichts haben allen Grund, es fich zu verbitten
, daß man ihnen in der üblichen Weife diefes Extrem
um die Ohren fchlägt; aber alle Freunde eines ein-
feitig orthodoxen Unterrichts in einer Kirchenfchule können
auf diefes Heft hinweifen mit der Frage, ob man es
chriftlichen Eltern zumuten kann, ihre Kinder in einen
folchen Unterricht zu fchicken.

Ganz anders ift die Schrift der Dresdener Lehrer.
Sie follte nicht nur von jedem gelefen werden, der über
die Zwickauer Thefen fich ereiferte, fondern fie hat auch
für jeden andern einen pofitiven Gewinn. Hier herrfcht
der ernfte Wille, religiös-chriftlich zu erziehen. Diefem
Zweck ift alles untergeordnet. Dabei bildet den Ausgangspunkt
nicht der überlieferte Stoff, fondern das Kind,
wie es ift und wie es werden foll. Darum wird in den
beiden Unterftufen die Reihenfolge der biblifchen Ge-
fchichten ganz den einzelnen erziehlichen Zwecken geopfert
: Das Kind und die Eltern, — und Natur, — und
Gott; oder: Im Elternhaus, bei der Arbeit, in der Not,
unter der Schuld, in feftlichen Stunden. Auf der Ober-
ftufe erfcheint eine Darfteilung Jefu in gefchichtlicher
Geftalt, auch wieder mit dem Ziel, die verfchiedenen
Seiten des fpätern kindlichen Lebens in feinem Sinn
regeln zu helfen. Sehr gut find die Linien, die ,Längs-
fchnitte' herausgearbeitet, die zeigen follen, wie fich die
Aufgabe ftets vertieft und vergeiftigt. Der Reichtum der
Schrift ift aber die Fülle weltlichen Stoffs aus Lefe-
büchern ufw., wobei es freilich einem, der an die be-
fondere Würde der biblifchen Stoffe gewöhnt ift, unangenehm
auffällt, wie fie unter ganz andersartige moderne
gemifcht find; der klaffifchen Bedeutung jener hätte durch
eine andere Anordnung Rechnung getragen werden
können. Aber folche Stoffe find allgemein fehr begehrt
und werden feiten gefunden; darum fei diefe kleine Schrift
als eine Hilfe herzlich empfohlen, wie fie auch ein fehr
beachtenswertes Kennzeichen von dem ernften Willen
weitefter Kreife der Lehrerfchaft ift, pofitiv chriftliche
Erziehungsarbeit zu treiben, die trotz allen Anfprüchen
auf Interkonfeffionalität im Grunde gut evangelifch-kirch-
lich bleiben wird.

Heidelberg. F. Niebergall.

Referat.

Marty, Jacques: Albert Reville, sa vie, son oeuvre. (200 S.) 8".
Paris, Fifchbacher 1912. fr. 3 —

Eine wohl unterrichtete, aus reichen, z. T. ungedruckten
Quellen gefchöpfte, durch Stoffbeherrfchung und Darftellung gleich
ausgezeichnete Monographie über den tapfern und geiftvollen
Vertreter einer innerlich freien und echt wiffenfehaftlichen Theologie
im Proteftantismus franzöfifcher Zunge. In vier Abfchnitten
fchildert der Vf. den Lebensgang R's (1826—1906), feine Tätigkeit
als Prediger und Theologe, feine Wirkfamkeit als Religionshifto-
riker am College de France, endlich die von ihm gegebenen Anregungen
und den durch ihn ausgeübten Einfluß. Das Verzeichnis
feiner Veröffentlichungen, der umfaffenderen Werke und der
außerordentlich zahlreichen Auffätze, Reden, Vorträge und Ge-
legenheitsfchriften nimmt nicht weniger als 35 Seiten in Anfpruch.
Die 22jährige Predigertätigkeit in Holland, wo Reville Kuenen,
Schölten und Tiele näher trat, feine Mitarbeit an der Straßburger
Revue de Thöologie im Bunde mit Ed. Schörer, Colani, Ed. Reuß,
feine theologifchen und kirchlichen Fehden mit den Konfervativen,
das weit über die Grenzen des Proteftantismus hinausreichende An-
fehen, das er fich auf dem durch Jul. Ferry errichteten Lehrftuhl
für vergleichende Religionsgefchichte und als Leiter der Abteilung
für Religionswiffenfchaft in der Ecole des hautes etudes erwarb,
fchildert der jugendliche Verfaffer in behaglicher Breite und mit
aufrichtiger Begeifterung. Das reiche Material, das ihm zu Gebote
Pfand, die Briefe, die er benutzen konnte, — befonders
intereffante Auszüge aus Briefen an Renan — verwertet er fehr
gefchickt, auch zur Zeichnung des Charakterbildes der durch
allfeitige Bildung, Schärfe des Geiftes und edle Gefinnung
ausgezeichneten Perfönlichkeit R's. Gut gewählte Stellen aus
feinen Predigten liefern den Beweis dafür, daß dem vorwiegend
kritifch begabten Theologen und Hiftoriker religiöfes Verftändnis
nicht fehlte. Seine durch den Einfluß der Tübinger Schule be-
herrfchten neuteltamentlichen Unterfuchungen find z. T. antiquiert,
z. T. in die allgemeine Bildung der Gegenwart übergegangen.
Es ift eine wohlfeile Anklage, ihm feine einfeitige Polemik vorzuwerfen
; eine folche war unter den damals vorhandenen Ver-
hältniffen innerhalb des franzöfifchen Proteftantismus im weiteften
Maße geboten, und wirkte klärend und befreiend. Ohne R's