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Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

25-27

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidlin, Joseph

Titel/Untertitel:

Die katholischen Missionen in den deutschen Schutzgebieten 1914

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 1.

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logifchen Zufammenhang hineinftellen, wie es Schleiermacher
fchon getan habe, dem er übrigens eine rein
fubjektive Erkenntnistheorie zufchreibt, während doch
Schleiermacher zwar die fubjektive religiöfe Erfahrung
betont, aber keineswegs der Meinung ift wie Kant, daß
die ganze Erkenntnistheorie mit der Unterfuchung unferer
Erkenntnisvermögen erfchöpft fei, vielmehr von vornherein
annimmt, daß das Denken Beziehung auf das Sein habe,
wie das Sein Beziehung auf das Denken, und beides in
der Gottheit eins fei. Wenn Leefe nun aber fchließlich,
um die Realität des religiöfen Objektes zu retten, von
allen intellektuellen Konstruktionen und apologetifchen
Theorien fich fkeptifch abwendet, und voluntariftifch das
Erfaffen der religiöfen Wahrheit zu einer letzten axio-
matifchen Tat macht, deren abfoluten irrationalen Charakter
er betont, fo vermag ich nicht zu fehen, wie hierdurch
Feuerbach überwunden fein foll. Stat pro ratione
voluntas. So redet er nun von Antinomien zwifchen Per-
fönlichkeit und Abfolutheit Gottes, zwifchen der Abfolut-
heit der Religion und ihrer gefchichtlichen Erfcheinungs-
form, die immer relativ ift, zwifchen der Relativität aller
Gefchichte, und trotzdem der Notwendigkeit einer abfoluten
Stellungnahme zu einer beftimmten gefchichtlichen
Erfcheinung. Wenn der Verfaffer dabei trotzdem die
Frage ftellt, ob man nicht einmal ,bei Fichte, Hegel und
Sendling wieder in die Schule gehen follte, um fich aus
den engen Grenzen einer eüfiziftifch und hiftoriziftifch
verflachten Theologie zu weltumfpannenden, die ganze
Wirklichkeit in fich aufnehmenden Frageftellungen zu erheben
', fo ift es fehr verwunderlich, daß der Verfaffer
faft alle diejenigen Theologen und Philofophen ignoriert,
die es fich zur Aufgabe gemacht haben, an den deutfehen
Idealismus wieder anzuknüpfen. Vielleicht würde der
Verfaffer zu anderen und befriedigenderen Schlußrefultaten
gekommen fein, wenn er feine Studien auch ,auf andere
namhafte Theologen der Gegenwart ausgedehnt' hätte.

Königsberg i. Pr. Dorner.

Schmidlin, Prof. Dr. J.: Die katholifchen Millionen in den
deutlchen Schutzgebieten. Sr. Maj. dem deutfehen Kaifer
zum 25jähr. Regierungsjubiläum dargeboten vom internationalen
. Inftitutf. miffionswiffenfchaftl. Forfchung.
(XIV, 304 S. m. Abbildgn.) Lex. 8°. Münfter, Afchen-
dorf 1913. M. 7.50; geb. M. 9 —

Das Intereffe an der wiffenfehaftlichen Erforfchung
der Gefchichte der katholifchen Miffion ift innerhalb der
katholifchen Kirche in bemerkenswertem Auffteigen begriffen
. In der Zeitfchrift für Miffionswiffenfchaft hat fie
ein Organ erhalten, das der .AllgemeinenMiffionszeitfchrift'
durchaus ebenbürtig ift und eine große Bedeutung erlangen
kann, wenn es fich auf die Dauer voller Bewegungsfreiheit
erfreuen darf und ihm das Recht zur Kritik, wenn
auch nur in der Geftalt hiftorifcher Urteile, gewahrt bleibt.
Den Beweis für eine energifche Hinwendung zu miffions-
wiffenfchaftlichen Studien erbringt auch das vorliegende
Werk, das wir der fleißigen Feder des Begründers eben
diefer ausfichtvollen katholifchen Miffionszeitfchrift verdanken
. Im Auftrag des internationalen Inftituts für
miffionswiffenfchaftliche Forfchung aus Anlaß des Regierungsjubiläums
des Kaifers herausgegeben, ftellt es
fich die Aufgabe, eine .vollftändige und lückenlofe Einficht
in die gegenwärtige Verfaffung und Tätigkeit des
katholifchen Miffionswerkes' in den deutfehen Kolonien
darzubieten, um weiteren Kreifen die Kenntnis diefes
wichtigen Ausfchnittes aus der katholifchen Miffionsarbeit
der Gegenwart zu erfchließen. Diefe Abficht wird in der
Tat erreicht, aber noch mehr. Denn es wird hier zum
erften Male eine Gefamtdarftellung der katholifchen
Kolonialmiffion innerhalb der Grenzen unferer Schutzgebiete
gegeben, die auch unter wiffenfchaftlichem Ge-
fichtspunkt von hohem Werte ift. Schon als Materialien-

fammlung wird das Buch treffliche Dienfte leiften, denn
es ift nicht leicht, aus den Berichten der katholifchen
Miffionsgenoffenfchaften fich ein klares Bild von ihrer
Wirkfamkeit zu verfchaffen, fchwerer als nach den Berichten
der evangelifchen Gefellfchaften das proteftantifche
Miffionswefen zur Darftellung zu bringen. Aber Schmidlin
befchränkt fich nicht auf die Mitteilung vonTatfächlichem,
fondern tritt auch, allerdings in befchränktem Umfang,
in die Erörterung miffionsmethodifcher Probleme ein und
eröffnet manchen intereffanten Einblick in die innere Gefchichte
der katholifchen Miffion (vgl. z. B. die Verhandlungen
der Kameruner Synode von 1906 und die Oft-
afrikanifche Bifchofskonferenz 1912, S. 82. 111). Da dem
Buch kein Regifter beigegeben ift, wird freilich vielleicht
manche Ausführung nicht die ihr gebührende Beachtung
finden. Intereflant ift, daß auch in der katholifchen Miffion
bezüglich der Taufpraxis große Abweichungen ftattfinden.
So wird von den Pallotinern in Kamerun ein dreijähriger
Katechumenat gefordert, während die Hiltruper Miffion
im Bismarckarchipel fich auf eine Vorbereitungszeit von
nur drei Monaten befchränkt. Was zur Verteidigung diefer
kurzen Frift gefagt wird, befriedigt nicht. Auch in Bezug
auf andere Punkte ift es höchft lehrreich, die Berichte
aus verfchiedenen Miffionsgebieten zufammenzuftellen, fo
beifpielsweife für die Stellung der Miffion zum Handel.
Einerfeits erfahren wir, daß jene Bifchofskonferenz von
Daresfalam fich gegen jedes Handeltreiben der Miffionare
ausgefprochen hat. Auch fonft wird von katholifchen
Schriftftellern der Verzicht auf Handel als eine Eigentümlichkeit
der katholifchen Miffion hingeftellt. Nun aber
weiß Schmidlin von recht ausgedehnten wirtfehaftlichen
Unternehmungen der katholifchen Miffionare zu erzählen.
Wir hören nicht nur von ihren Gartenanlagen, ihrer Schafzucht
, ihrem Weinbau in Südweft, fondern auch von Gummi-,
Kakao-, Kaffee-, Bananen- u. Baumwollplantagen gerade
in Deutfch-Oftafrika, und die Hiltruper verfolgen auf
den Bismarckin fein den ausgefprochenen Zweck, der
Miffion felbftändige Einnahmequellen zu verfchaffen, eben-
fo wie die Kapuziner auf den Karolinen. Alle diefe
Veranftaltungen weifen alfo darauf hin, daß die katho-
lifche Miffion tatfächlich dort Handel treibt und zwar
treiben muß, um die Erträge ihrer Arbeit angemeffen
zu verwerten.

Die Auseinanderfetzungen über .Miffion und Kolonial-
wefen' am Schluß des Buches liefern den erfreulichen Beweis
, daß in Bezug auf diefe Frage zwifchen der evangelifchen
und der katholifchen Miffion ein großes Maß
von Übereinftimmung befteht. In der Behandlung der
proteftantifchen Miffionstätigkeit in den deutfehen Kolonien
zeigt der Verfaffer eine anerkennenswerte Objektivität.
Er hat fie in dem reichen Bilderfchmuck des Werkes
berückfichtigt und erkennt offen an, daß fie .zweifellofe
pofitive Verdienfte' fich erworben hat. Wenn von den
auftralifchen Methodiusen gefagt wird (S. 183), fie hätten
auf den Marfchallinfeln üble Nachrede gegen die Katholiken
verbreitet — fie fchnitten den Kindern die Finger
ab, fprengten den Erwachfenen den Hals mit Pulver ufw.
— fo (lammt wohl diefe Notiz aus einer kritifch unge-
fichteten Vorlage, wie auch aus manchen andern Stellen
fich fchließen läßt, daß einzelne Berichte, wohl infolge
der Notwendigkeit, die Feftfchrift zum Regierungsjubiläum
fertigzuftellen, unverarbeitet Aufnahme gefunden
haben. Die Schwierigkeiten, die einer dauernden territorialen
Abgrenzung der katholifchen und evangelifchen
Miffion im Wege flehen, werden von dem Verfaffer zutreffend
gefchildert; fie beliehen für beide in gleicher
Weife. Das fchließt aber nicht aus, daß im Intereffe der
Miffion wie der Kolonien Vereinbarungen von zeitlich
begrenzter Geltung getroffen werden, deren Verbindlichkeit
dann allerdings außer Frage flehen follte. Die jüng-
ften Vorgänge in Deutfch-Oftafrika, auf die S. 122 mit
großer Zurückhaltung eingegangen wird, ftimmen allerdings
die Hoffnung herab, daß es gelingen wird, auf