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Ausgabe:

1914 Nr. 15

Spalte:

472

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cohen, G.

Titel/Untertitel:

Das Dasein Gottes vom Standpunkt der reinen Logik 1914

Rezensent:

Dorner, August

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 15.

472

matifche Denken in der Trinitätslehre. Auch bei diefer I
fleht die philofophifch-fpekulative Konftruktion aus dem
Begriff des Erkennens, der fein Objekt außer fich und
doch zugleich in fich hat, voran. ,Geiftiges Leben ift
anders als trinitarifch garnicht denkbar' (S. 266). Philo-
fophifche Analogien für die Trinität werden in den ver-
fchiedenften Gebieten gefunden: in der Einheit jedes Organismus
, der eine Mehrheit in fich zufammenfchheßt,
in der Einheit von Materie, Gefetz und Kraft, von Leib,
Seele und Geift, von Bewußtfein, Gedanke und Selbft,
von Begriff, Urteil und Schluß. Aber auch bei diefer
Lehre durchzieht ein klaffender Widerfpruch das Laffon-
fche Denken. Einerfeits erkennt _ Gott fich felbft und
,bringt beftändig fich felber in feinem Selbftbewußtfein
hervor, ein zweites Ich, das er fich als ein Du gegenüber-
geftellt und dennoch als fein Ich fefthält' (S. 256). Anderer-
feits wird das zweite Moment der Trinität darin gefunden,
daß Gott ,das ihm Fremdefte braucht, um darin feines
Geiftes Kraft zu entfalten' (S. 256). Aber die entfchei-
dende Frage wird nirgends in Angriff genommen, wie es
zu einem Gott gegenüber ,Fremden' oder auch nur, wie
es S. 217 heißt ,fcheinbar Fremden' kommen kann, wenn
doch die gefamte Wirklichkeit geiftige, vernünftige Wirklichkeit
fein foll, die in Gott gegründet ift. Das Problem
des Irrationalen, Widergöttlichen liegt in dem ,fcheinbar'
und ,gleichfam' (S. 253) ungelöft. Der Mangel der Hegel-
fchen Logik, nach der der Satz des Widerfpruchs aufgehoben
wird und das abfohlte Wefen den Gegenfatz
feiner felbft aus fich herausfetzt, kehrt auch bei Laffon
wieder. Sogar der Satan ,ift als ein fertiger, unveränderlicher
Wille vollkommen beftimmt und ohne das eigentliche
Wefen des Willens, ohne jede Freiheit' (S. 261).
Wie diefer Satan in der vernünftigen, geiftigen Wirklichkeit
möglich ift, bleibt rätfelhaft.

Nachdem L. in 3 ftark in einander greifenden, von
Widerholungen nicht freien Abfchnitten über .Glaubenslehre
und Philofophie' (S. 37—71) ,die Erkenntnis Gottes'
(S. 75—144), ,die Dreieinigkeit' (S. 137—271) gehandelt
hat, befchließt eine befondere Abhandlung über ,die
Sakramente' S. 277—374 das Buch. Die Sakramentslehre
in ihrer lutherifchen Form wird von dem Grundgedanken
aus zu rechtfertigen geflieht, daß zwifchen Natur und
Geift kein Gegenfatz vorliege, weil das Natürliche dem
Wefen nach geiftig ift und darum das notwendige und
geeignete Ausdrucksmittel für geiftige Wahrheit bildet.
Alle magifch-materialiftifchen Gedanken werden vom
Abendmahl ferngehalten, wenn der .wahre Leib und
Blut' ,die bleibende geiftige Energie der unabläffig fich
felbft geftaltenden Perfönlichkeit bedeutet' (S. 361). Die
Schwierigkeit befteht darin, das Konkrete der zwei pro-
teftantifchen Sakramente als fachlich notwendige Ausdrucksform
der geiftigen Offenbarung Gottes zu er-
weifen, wenn doch alles Natürliche Symbol des Geiftes
ift, oder wenn im brahmanifchen Somaopfer, in übertragener
Weife aber auch im Chriftentum liegen foll:
,Der Gott, der gleichfam durch alle Adern der Natur
ergoffen ift, wird fchließlich in jeder Speife genoffen'
(S. 371)- Von hier aus ift es nur durch fehr gezwungene
Mittel (bef. S. 373) möglich, zu beweifen, daß gerade die
konkreten Zeichen die richtigen Ausdrucksmittel der
Gnade Gottes find und daß die Taufe zur perfönlichen
Vergewifferung der objektiven Gnade Gottes dient.
Konfequenterweife müßte jedes Ereignis in gleicher
Weife uns des das Univerfum durchwaltenden Geiftes
Gottes vergewiffern. Die Grundtendenz des Laffon-
fchen Denkens wird hier wieder deutlich: die Geiftes-
philofophie des abfoluten Idealismus und das Dogma des
Luthertums find die beiden Größen, die von vornherein
im Rechte find. Alle Kunft und Kraft der Theologie
befteht darin, die Identität diefer beiden divergierenden
Größen zu erweifen.

Bafel. Johannes Wendland.

I Cohen, Dr. G.: Das Dalein Gottes vom Standpunkt der reinen
Logik. (56 S.) gr.8°. Hannover, C. V. Engelhard & Co.
1913- M. 2 —

Der Verfaffer will nicht nur unterfuchen, ob die Annahme
der Exiftenz Gottes der Logik nicht widerfpricht
und durch die Erfahrung nicht widerlegt werden kann,
fondern ob fie wahrfcheinlich oder gar ficher ift. Der
logifch nicht fehr gefchulte Verfaffer gibt keine fichere
Antwort. Wenn in der Gegenwart Gott theoretifch
vielfach bezweifelt, aber aus praktifchen Gründen angenommen
wird, fo fcheint der Verfaffer am Schluß diefer
Meinung zuzuftimmen, die Exiftenz Gottes foll nicht als
bewiefen oder auch nur als beweisbar gelten, aber auch
nichts bekannt fein, das gegen diefe Annahme fpräche, und,
da ohne Gott der Menfch nicht zum Frieden komme, foll
das Gefühl d. h. doch das praktifche Intereffe uns mächtig
zu Gott führen. Andrerfeits fucht er doch feine konkrete
Vorftellung von Gott wahrfcheinlich zu machen, indem
er fragt, inwieweit von der Erfahrung aus Schlüffe auf die
Exiftenz oder die Eigenfchaften Gottes möglich feien.
Hier kommt er nun auf die hohe Wahrfcheinlichkeit der
Annahme eines einheitlichen einzigen allmächtigen Gottes.
Freilich foll der Schluß auf eine letzte Urfache, die felbft
.urfachlos' (er meint nicht verurfacht) fei, logifch nicht
haltbar fein, weil es ein Widerfpruch fei, einerfeits
kaufal zu denken und andererfeits eine Urfache anzunehmen
, die keine Urfache habe. Aber von den beiden fich
widerfprechenden Sätzen: .Alles Sein muß eine Urfache
haben' und ,es muß eine urfachlofe Urfache geben' müffe
man den gelten laffen, der den Weltzufammenhang klarer
erfcheinen laffe. Das fei aber der letzte Satz, da diefer
eine abfchließende Einheit ermögliche. Wie hier ein
Widerfpruch vorliegt, fo foll auch das Zufammenfein der
Einheit des göttlichen Seins mit der Vielheit der Eigenfchaften
nicht theoretifch zu begreifen fein, foll aber doch
angenommen werden. Am fchwierigften ift, was er über
die ethifche Eigenfchaft der Liebe fagt, die er nach Ana-
I logie der Mutterliebe denkt. Allein da Gott nicht leiden
kann, fo läuft die Liebe darauf hinaus, daß er an dem
Werden, an der Entwicklung feiner Kreaturen feine Freude
hat, das hiermit verbundene Leiden aber ignoriert, d. h.
daß feine Liebe im Grunde die Kreatur zum Mittel für
feine Selbftbefriedigung und Seligkeit macht, die er im
Bewußtfein feiner Allmacht genießt, d. h. in Wahrheit daß
er egoiftifch ift. Wie wenig ethifch der Verf. denkt, zeigt
auch feine Definition der Gerechtigkeit, daß Gott bei
Verteilung von Freude und Leid nach gleichem Maß
verfährt. Die Ungleichheit kann dadurch aufgehoben
werden, daß die Leiden in diefer Welt durch die Freuden
in einer anderen vergolten werden können. In letzter
Inftanz hat Gott nach ihm keine Veränderung feines
Willens, er will die ewige Bewegung der Natur, und diefe
verläuft im Kreislauf. Gottes allmächtige Motion ift für
ihn die Quelle der Seligkeit, für die Gefchöpfe zugleich
die Quelle des Leidens. Trotz aller Betonung der produktiven
Liebe und Gerechtigkeit kommt der Verf. nicht über
einen egoiftifchen Eudämonismus der Gottheit hinaus, und
es ift nicht zu fehen, wie ein folcher Gott der Seele Frieden
geben foll.

Königsberg i/Pr. Dorner.

Sawicki, Prof. Dr. Franz: Der Sinn des Lebens. Eine
kathol. Lebensphilofophie. (Katholifche Lebenswerte.
Monographien üb. die Bedeutg. des Katholizismus f.
Welt u.Leben.) (XIII, 327S.) 8°. Paderborn,Bonifazius-
Druckerei 1913. M. 3.50; geb. M. 4.50

Mit Recht vermutet man in diefem Buch eine apolo-
getifch-ethifche Studie vom katholifchen Standpunkt aus.
Die entfeheidende Frage wird dabei die fein, wie fich der
Verfaffer zu dem Verhältnis von Kultur- und Ewigkeits-