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Ausgabe:

1914 Nr. 15

Spalte:

469-471

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lasson, Georg

Titel/Untertitel:

Grundfragen der Glaubenslehre 1914

Rezensent:

Wendland, Johannes

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469

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 15.

470

Laffon, Taft. Georg: Grundfragen der Glaubenslehre. (VI,
376 S.) gr. 8°. Leipzig, F. Meiner 1913. M. 9—;

geb. M. 10 —

L. ift fich bewußt, daß er ein einfamer Kämpfer ift,
deffen Philofophie auch in den Kreifen feiner Freunde
wenig Anklang findet. Er hofft mit diefem Buch in die
philofophifch-theologifche Entwicklung einzugreifen und
die an Agnoftizismus, Pofitivismus, Verachtung des begrifflichen
Denkens und Trennung von Glauben und
Wiffen leidende Zeit zur erneuten Orientierung an Hegel,
zur Zuverficht zu exakter Erkenntnis von Gott und Welt,
zu begrifflicher Rechtfertigung des alten Dogmas, zur
Durchdringung von Glauben und Wiffen, von Theologie
und Philofophie führen zu können. Er ift überzeugt,
nicht nur, daß das Chriftentum in feiner Ausprägung im
alten Dogma abfolute Wahrheit ift, fondern auch, daß
man nur ,im Befitze der abfoluten Methode' (S. 21) die
abfolute Wahrheit abfolut erweifen könne. Die grundlegende
Erkenntnis, ohne die man in Subjektivismus und
Skeptizismus ftecken bleibe, beftehe ,in der Überzeugung
von der geiftigen und vernünftigen Natur alles Seienden'
(S. 63). Folglich gebe es wahre Erkenntnis erft da, wo
man das Einzelne, Individuelle als Offenbarung des Allgemeinen
, Notwendigen erfaßt und die Gattung, die Idee,
das Gefetz, kurz das Geiftige in allem erkannt habe.
Daß alle Wirklichkeit geiftig fei und auch die ganze
Natur fich nur aus dem Geifte erklären laffe, beweift
L. damit, daß unfer Denken fein Objekt nur erfaßt, indem
es dasfelbe gedankenmäßig beftimmt und alles Gegebene
in einen vernünftigen Zufammenhang hineinftellt.
Damit wird die gefamte Wirklichkeit zu einem .Produkt
der Vernunft' (S. 200). Aber der Kantifche fubjektive
Idealismus führe notwendig über fich hinaus zum Hegel-
fchen abfoluten Idealismus, der in den vernünftigen Gedanken
des Ich die Offenbarung des göttlichen Denkens
fieht. Der Geift, der das Prinzip alles Seienden ift, ift
fomit letztlich der göttliche Geift, der alles durchwaltet.
So führt fchon die .einzig mögliche und vernünftige Erkenntnistheorie
' (S. 205) zu dem religiöfen Glauben, daß
das menfchliche Ich in Gott lebt und feine Gedanken
nachzudenken vermöge.

L. erkennt die Schwierigkeit des Idealismus, der den
Weg vom Allgemeinen, Vernunftnotwendigen zum Einzelnen
, Konkreten, Individuellen nicht zu finden vermag.
Er fucht diefem Mangel durch eine .organifche Auf-
faffung' der Welt abzuhelfen. Das Einzelne ift ein Teil
des Ganzen und hat in ihm feine Wahrheit, wie die
Glieder in einem großen Organismus. Aber trotzdem
kommt es auch bei L. zu keiner wirklichen Erfaffung des
Konkreten, Individuellen, Befonderen. Er verzichtet darauf
, jede Einzelheit der fchwankenden Erfcheinung
reftlos zu erklären und zu deduzieren' (S. 154). Alles Irrationale
, was nicht in die Gedankenkonftruktion paßt, bleibt
einfach als unwefentlich liegen. Ja, L. behauptet (S. 222)
es gebe garnichts Irrationales, denn das fogenannte Ver-
nunftlofe müffe durch vernünftige Gedanken beftimmt
werden und werde damit in Vernünftiges umgewandelt.
Wer Irrationales behaupte, beweife die Unvernunft feines
Denkens. Auf diefe etwas bequeme Weife hilft fich L.s
abfoluter Idealismus über das für ihn unlösbare Problem
des Verhältniffes des Denkens zu feinem Gegenftand,
des Allgemeinen zum Befonderen, des Rationalen zum
Irrationalen hinweg. Diefer alles in vernünftige Gedanken
verwandelnde Intellektualismus bildet den fchärfftenGegen-
fatz zu dem ebenfo einfeitigen entgegengefetzten Extrem
des abfoluten Irrationalismus von Karl Heim, deffen An-
fchauung auf S. 24 (ohne Namensnennung) als .pofiti-
viftifche Brutalität' verdammt wird. Wenn alle wiffen-
fchaftliche Arbeit auf dem fteten Zufammenwirken von
Erfahrung und Denken und ihrer unabläffigen gegen-
feitigen Kontrolle beruht, fo betont dagegen L. dermaßen
das über die Erfahrung fich erhebende, fie zur Konfe-

quenz und Zufammenftimmung zwingende Denken, daß
die Erfahrung wie ein minderes Gebiet unter ihm liegt.
Von feinem ganzen Buch gilt, was er von der Trinitäts-
lehre fagt: ,Die kirchliche Dreieinigkeitslehre hat garnicht
die Abficht, fubjektive Regungen chriftlicher Frömmigkeit
wiedergegeben' (S. 128). Was im frommen Subjekt
vor fich geht, liegt tief unter der erhabenen Sphäre,
in der L.s Gedanken fich bewegen. Schleiermacher hat
für ihn fein Lebenswerk vergeblich getan; er wird in
wenigen kurzen Sätzen abgetan. L. erhebt fich über
die Niederungen chriftlicher Erfahrungen fo weit, daß
alles Einzelne, Konkrete verfchwindet. Das Glücksgefühl
des freien Schwebens über den Dingen, die Konsequenz
feines Gedankenfyftems, die Übereinftimmung
feiner Gedanken mit fich felbft, mit Hegel und feinem
Vater, dem Neftor der Philofophie Adolf Laffon erzeugt
eine fo abfolute Gewißheit, auf dem rechten Wege
zu fein und die abfolute Wahrheit nach abfolut
richtiger Methode ergriffen zu haben, daß die Einwendungen
aller Erfahrungstheologen der letzten 90 Jahre
von ihm abgleiten. Ich will nicht verkennen, daß alle
Erfahrung der Spekulation als Ergänzung bedarf (auch
in Schleiermacher und Ritfehl find fpekulative Elemente,
die nicht als fremdartige Beftandteile ausgefchieden werden
können); aber Laffons Bemühen, alles Wirkliche in Geift
und Gedanken umzuwandeln, ,die ganze Welt aus einheitlichem
Prinzip zu begreifen' (S. 82) und ,in unferm
Denken das Unendliche genau fo wie das Endliche' zu
erfaffen, will das Unmögliche möglich machen. Zu hingebender
, gründlicher Vertiefung in das Einzelne wird
eine folche Syftematik nicht erziehen.

L. ift überzeugt, daß in der Gefchichte objektive
Vernunft gewaltet hat, fo daß im kirchlichen Dogma
die vernünftige, für alle Zeiten giltige, gedankenmäßige
Erfaffung der Wahrheit des Chriftentums vorliegt. Wer
die chriftliche Wahrheit anders formuliert, bei dem liege
zu Grunde ,der Eigendünkel des natürlichen Menfchen,
der fich feinen Gott, feinen Glauben und feine Religion
felber machen und fich felbft in feiner ganzen Kurzfichtig-
keit und Befchränkmeit als das Maß aller Dinge auf-
fpielen möchte' (S. 11). Wer dagegen das Dogma einfach
autoritativ hinnimmt, weil ihm die Kraft Laffonfcher
Spekulation gebricht, empfängt hohes Lob. Denn jeder
Menfch müffe auf vielen Gebieten fich auf Autoritäten
verlaffen. Warum alfo nicht der Gefchichte das Vertrauen
fchenken, daß fie das Dogma richtig formuliert hat? Man
kann fich ja in der Wohnung der kirchlichen Lehre
häuslich einrichten, ohne gezwungen zu fein, ,alle Zimmer
darin in beftändigen Gebrauch zu nehmen'. Die Verwandt-
fchaft diefes Ideals der Wiffenfchaft mit der Scholaftik
geflieht L. offen zu. ,Die Scholaftik hat ein Univerfum
begrifflichen Wiffens entwickelt, das dem Ideal des fich
felbft in der gefamten Objektivität erkennenden Geiftes
ganz nahe kam' (S. 202, ähnlich S. I96). L. wertet mehr
als Hegel die Bedeutung des fchlichten, unphilofophifchen
Chriftentums — vorausgefetzt, daß es gegen das Dogma
nichts einzuwenden hat. Die Spekulation fetzt den
fchlichten, praktifchen Glauben des Chriften voraus.
Trotzdem fieht man nicht recht ein, wozu überhaupt die
chriftliche Offenbarung nötig ift, wenn die philofophifche
Erkenntnis von dem geiftigen Sinn des Univerfums fchon
die ganze Wahrheit des chriftlichen Glaubens in fich befaßt
. Ja wozu brauchen wir die chriftliche Heilsoffenbarung
, wenn fchon in dem ariftotelifchen Gottesbegriff"
,die offenbarte Wahrheit von dem Dafein des persönlichen,
geiftigen Gottes eine auf umfaffender, methodifch wiffen-
fchaftlicher Denkarbeit beruhende Beftätigung innerhalb
der Wiffenfchaft gefunden'hat I (S. 204). Die Konfequenz
des abfoluten Idealismus führt eigentlich zu einer Aufhebung
der Glaubensgrundlage und Verwandlung des
Glaubens in fpekulatives Begreifen, das alles Glauben zum
Schauen erhebt.

Den Gipfel und die Vollendung gewinnt alles dog-