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Ausgabe:

1914 Nr. 15

Spalte:

457-460

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walther, Andreas

Titel/Untertitel:

Die Anfänge Karl V 1914

Rezensent:

Bernays, J.

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 15.

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entdeckt. Nachdem er die Sprache diefer Texte, die einige
Teile einer nubifchen Überfetzung des Neuen Testaments
nebft einem Hymnus auf das Myfterium des Kreuzes in
koptifcher Schrift enthielten, feftgeftellt hatte, wurde das
Meifte von Schäfer entziffert und überfetzt. Im Jahre
1908 erwarb ferner das British Mufeum ein wertvolles
nubifches Manufkript, das aus dem neunten oder zehnten
Jahrhundert zu Hammen fcheint; eine Fakfimile-Ausgabe
wurde bald von Budge beforgt (Texts relating to
Saint Mena of Egypt and Canons of Nicaea in a Nubian
dialect, London 1909), und daran fchloß fich ein erfter
Überfetzungsverfuch von Griffith in dem Journal of Theo-
logical Studies (Juli 1909) an. Außerdem find mehrere Dokumente
verfchiedener Art in den letzten Jahren entdeckt
worden, und dazu kommt noch eine Anzahl Graffiti, die
zum Teil fchon feit langer Zeit bekannt find, obgleich die
Überfetzung große Schwierigkeiten macht.

In dem vorliegenden Werke hat nun Griffith das ganze
vorhandene Material, darunter auch mehrere Graffiti in
fpätgriechifcher Sprache Sorgfältig zufammengeftellt. Soweit
es möglich war, hat er auch die nubifchen Texte überfetzt
; in den Graffiti waren aber die Schwierigkeiten fo
groß, daß der Herausgeber in einigen Fällen auf die Überfetzung
gänzlich verzichten mußte. Außerdem enthält
fein Werk eine klare und überfichtliche Skizze des altnu-
bifchen Dialekts und ein fehr reichhaltiges Wörterbuch
nebft Verzeichniffen der bisher bekannten nubifchen Per-
fonen- und Ortsnamen.

Diefe Aufgabe war mit erheblichen Schwierigkeiten
verbunden und muß dem Herausgeber viele Mühe ge-
koftet haben. Wie Schäfer (Die etilen Bruchftücke
chriftlicher Literatur in altnubifcher Sprache, S. 9) bemerkt,
wird nämlich die Arbeit an diefen Texten dadurch erschwert
, daß ,alle Ausdrücke, die in das religiöfe Gebiet
fallen, im heutigen Nubifchen verfchwunden find'. Auch
fonft find viele echtnubifche Wörter in der modernen
Sprache verloren gegangen und durch entfprechende ara-
bifche erfetzt worden. Dazu kommt noch die vielhundertjährige
grammatifche Entwickelung, die ebenfalls vielfach
dazu beigetragen hat, den Bau der modernen Dialekte
umzugeftalten. Unter folchen Umftänden ifl es felbft-
verftändlich, daß diefe alten Texte viele Rätfei bieten
müffen. In der Vorrede macht der Herausgeber felbft
darauf aufmerkfam, daß manches unficher bleiben muß,
und wenn es auch ihm felbft oder anderen Gelehrten gelingen
follte, einige Fragezeichen zu erledigen oder einige
Lücken auszufüllen, werden vorausfichtlich viele dunkle
Stellen erft durch neue handfchriftliche Funde aufgeklärt
werden können. Was auf dem jetzigen Standpunkt der
Wifienfchaft geleiftet werden konnte, hat aber Griffith ge-
leiftet, und jeder Fachgenoffe muß ihm für diefe wertvolle
Gabe Dank wiffen.

Zu opioce, opece ,praise' (S. 110) könnte man hinzufügen, daß
diefes Wort auch in der modernen Sprache vorkommt, vgl. Alnikvift
(fo ift zu fchreiben, nicht Almqviß), Nub. Stud. S. 240: ,oris K. danken
, loben'; ebenfo efoirp ,cause', ,on account of (S. 126), Almkv.
S. 216: ,gura M. Grund, Urfache; als Poflpof. für', vgl. S. 41: ,gurändo
für mich'. S. 90 venKiTpOTKen, nach gr. 16,2 ift aber veitviTpotTKen
zu lefen. S. 90 ca,*.K ,make tentf, vielleicht das moderne deg .binden'.
S. 121 wird Ton mit tebbaie ,seek' verglichen; diefes wird aber
allgemein als arabifches Lehnwort (gA) aufgefaßt und kann demnach
kaum in Betracht kommen. Der Überfetzung ,The Cross is the saluta-
tion of the caressing (?)' liegt jedenfalls eine andere Kombination (nub.
lobbe, tof .klopfen, liebkofen') zu Grunde. Diefe Deutung fcheint
auch den Vorzug zu verdienen, falls man das Wort nicht mit däb,
däf .untergehen' zufammenftellen will.

Uppfala. K. V. Zetterfteen.

Walther, Andr.: Die Anfänge Karl V. (XIII, 258 S.) gr. 8°.

Leipzig 1911. München, Duncker & Humblot. M. 6 —

Der Titel diefes Buches könnte falfche Erwartungen
erwecken. Von Karl V. felbft ift in ihm nur fehr wenig
die Rede, zufammenhängend nur in dem Schlußabfatz

von 11 V2 Seiten über das .Werden der rerfönlichkeit
Karls V.' In Wirklichkeit ift die Schrift vielmehr eine
Beurteilung der burgundifchen Politik von Maximilian an
(mit Rückblicken auf Philipp den Guten) und läuft in
eine Verherrlichung des erften leitenden Minifters Karls V.,
des Herrn von Chievres, aus; W. gefleht felbft, daß er
ihn ,mit Sympathie gefchildert habe' (S. 133).

Daß Chievres mit feiner gefchickt lavierenden Politik,
die den unvermeidlichen Krieg mit Prankreich möglichft
lange hinausfchob, am Schluß feines Lebens ein Meifter-
ftück der Diplomatie geleiftet habe, ift fchon von Baumgarten
betont worden. Wie W. (Seite 132) dem gegenüber
behaupten kann, Baumgartens Werk habe die Reputation
Chievres' vernichtet, bleibt unverftändlich. Man
kann Baumgartens Urteil auch noch ftärker unterftreichen.

Wenn er es zweifelhaft läßt, ob nicht feit 1518 dem Großkanzler
Gattinara das Hauptverdienft zufalle, fo wird man doch geneigt fein,
Chievres für den größern Diplomaten zu halten. Aber gerade diefe Haupt-
leitlung feines Helden ftellt W. gar nicht dar. Ja, nach dem, was er S.
i86f. fchreibt, muß man annehmen, daß er mit 15iS die eigentliche
Tätigkeit Chievres' für abgefchloffen und feitdem Gattinara für den Leiter
der Politik hält. Das ift ebenfo falfch wie die Behauptung, daß ,Karl V.
fchon nach wenigen Jahren Chievres verleugnete'.

Kritiklos wie W. hat Baumgarten allerdings Chievres
nicht bewundert. Er ift nicht einfach darüber hinweggegangen
, wie die franzofenfreundliche Haltung der
Burgunder im Jahre 1515 die völlige Verfchiebung der
europäischen Lage zu Gunften Frankreichs fehr ftark befördert
hat, die in den folgenden Jahren für Karl V. äußerft
gefährlich war. Chievres und feine Parteigänger haben
wahrlich die Eroberung Neapels nach dem Tode Ferdinands
des Katholifchen nicht verhindert, die Franz I.
wegen Maximilians Angriff auf Mailand aufgeben mußte.
W., der auf die italienischen Dinge überhaupt nicht eingeht
, hilft fich fehr einfach: ,Man kann natürlich der
Leiftung der Burgunder nicht gerecht werden, wenn man
den Blick aut italienifche Wirren konzentriert' (S. 175f.).
Aber war es wirklich lobenswert, wenn Chievres, der feine
Erfolge — felbft in Burgund; 1515 war offenbar auch dort
noch die Majorität gegen ihn; vergl. S. 141 f. und 166
Anm. r. Der Umfchwung ift dann wohl eben durch die
Begeisterung über die fpanifche Erbfchaft Karls (S. 150)
hervorgerufen worden — nicht zum wenigften dem Umstand
verdankte, daß er feit dem Tode Ferdinands .über
das ganze Gewicht der bisher feindlichen fpanifchen Großmacht
verfügte' (S. 174), deren ,entfcheidende Intereffen',
die, wie W. felbft bemerkt (S. 40 und 42), damals in Italien
lagen — er hätte auch Navarra hinzufügen können —
einfach hinter die Bedürfniffe des burgundifchen Kleinstaats
zurückfehob? Die Mißstimmung der Spanier darüber
ift fehr begreiflich und berechtigt. Und noch viel
fchlimmer waren, trotz aller Befchönigungen W.s, die Mißgriffe
im Innern, die gewiß von den Spaniern ftark übertrieben
wurden — das ift längft betont worden —, die
aber doch zum guten Teil den fpätern Aufftand veranlaßt
haben. Es ift fehr bequem, einfach zu erklären: ,Es ift
Schief gefehen, wenn man als moralifchen Vorwurf für die
flämifchen Ratgeber des Kaifers ausspricht, was einfach
in dem Zusammentreffen zweier Kulturwelten begründet
war' (S. 130). Ein Staatsmann hat eben die Pflicht, fich
um die Anfchauungen eines Volkes, das er regieren will,
zu kümmern. Kurz, trotz einiger richtigen Bemerkungen
— fo ift es S. 107 recht glaubhaft gemacht, wie Chievres
auf feinen Zögling Karl Einfluß gewann; und Sicher hat
auch Maximilian mit feinem Scheinbaren Eintreten für
Heinrichs VIII. Kaiferwahl nur .diffimuliert', bis Karl V.
feine Kandidatur aufstellen konnte (S. 183 fr.) — ift W.s
Arbeit, foweit Sie Chievres betrifft, kein Fortfehritt über
Baumgarten hinaus, fondern in ihrer ganz advokatorifchen
Haltung eher ein Rückfehritt.

Auch Pirenne, dem bei feiner Beschränkung auf die
belgifche Gefchichte eine einfeitige Berücksichtigung der
burgundifchen Intereffen viel eher nachzufeilen wäre, ift
weit unparteiischer als W. Überhaupt muß ich bemerken,

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