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Ausgabe:

1914 Nr. 14

Spalte:

436-437

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jaskowski, Friedrich

Titel/Untertitel:

Philosophie des Vegetarismus 1914

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 14.

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Das zeigt fich denn auch deutlich genug in Fabers
abfchließender Beantwortung feiner übergreifenden Frage
nach der Bedeutung der Religionspfychologie für die
Dogmatik. Die Antwort lautet zunächft dahin, daß
zwifchen Religionspfychologie und Dogmatik ein fundamentaler
und prinzipieller Gegenfatz(l) beftehe, fodaß
keine Brücke von der einen zu der anderen Betrachtungsweife
führe. Aber daneben tritt dann doch die Behauptung
von ,pofitiven' Beziehungen zwifchen Religionspfychologie
und Dogmatik. Das ift offenkundig eine reine
contradictio in adjecto. Demgemäß endet dann fchließlich
auch die ganze Unterfuchung mit einem wefentlich negativen
Refultat: ,im großen und ganzen wird die Dogmatik
wohl fo bleiben, wie fie ift' (S. 163). So beweift Faber
nur gerade dies, daß, wer für die Dogmatik und überhaupt
für die fyftematifche Theologie vom religio nspfycho-
logifchen Denken mehr erwartet, andere Wege gehen muß.

Breslau. Georg Wobbermin.

Seeberg, Reinhold: Syftem der Ethik, im Grundriß dar-
geftellt. (Vm, 147 S.) 8°. Leipzig, A. Deichert, N achf.
1911. M. 3—; geb. M. 3.60

Seebergs Ethik, für deren verfpätete Anzeige Referent
nicht verantwortlich ift, behandelt den Stoff in seiner
getarnten Ausdehnung. Eine kurze gefchichtliche Orientierung
fowie ein ebenfo kurzer Abfchnitt über ,die Grundprobleme
und die Methode der Ethik' geben die .Grundlegung
des Systems' (S. 1—30). Das System felbft baut
fich dreiteilig auf: 1. Entftehung und Inhalt der chriftlichen
Sittlichkeit (S. 31—54), 2. Entwicklung und Erhaltung
der chriftlichen Sittlichkeit (S. 54—74), 3. Durchführung
der chriftlichen Sittlichkeit in den Gemeinfchaften des
Lebens (75—147).

S. fagt felbft (S. 14), daß die proteftantifche Theologie
heute ziemlich einig ift ,in der Beftimmung der Aufgabe,
des Stoffes und der Einteilung der Ethik'. Trotzdem hat
jeder Aufriß natürlich feinen befonderen Charakter. Bei
S. liegt er zunächft negativ in einem verhältnismäßig ftarken
Zurücktreten der prinzipiellen Erörterung. Was darüber
auf Seite 15—29 fteht, ift im Vergleich etwa mit Herrmann
und fogar mit Kirn fehr wenig. Es genügt weder,
um die Studenten mit den Problemen bekannt zu machen,
noch um S.s Löfung nach den wichtigften Seiten klar
zu ftellen. Der Grund diefer Zurückhaltung liegt wohl
darin, daß S.s Ethik aus der naturgemäß knappen Dar-
ftellung in der .Kultur der Gegenwart' entftanden ift, und
ferner darin, daß S. die in der Vorlefung zumeift befonders
betonten Abfchnitte — dazu aber gehören die prinzipiellen
— im Grundriß defto kürzer halten zu können glaubte.
Gegen diefen Gedankengang läßt fich, wenn das Buch
einmal fo kurz werden follte, kaum etwas fagen. Freilich
ift die Folge davon, daß nicht leicht ein Syftematiker
eine fruchtbare Auseinanderfetzung über S.s ethifche,Grundlegung
' verfuchen wird.

Dank der Kürze der Prinzipienlehre gewinnt nun
S.Raum für das, was feinen Grundriß pofitiv kennzeichnet:
für die Fülle und gefchichtlich-pfychologifche Lebendigkeit
feiner Gefchichts- und Kulturanfchauung. Sie tritt
fchon in der .gefchichtlichen Orientierung' hervor, die trotz
ihrer großen Knappheit dem Studenten reiche Belehrung
bietet, dann in Paragraphen wie dem von der Wirkung
des Worts (28), vor allem aber in der Behandlung der
fozialethifchen Probleme'. Es ift durchaus richtig, was
S. im Vorwort fagt, ,daß diefen Fragen ein weit größeres
wiffenfchaftliches Intereffe zukommt, als ihnen im akade-
mifchen Betriebe gewöhnlich zugewiefen wird'; und es ift
ein großes Verdienft S.s, daß er hier eine kräftige Anregung
gibt. Zumal die verhältnismäßig ausführlichen
Kapitel über ,die chriftliche Sittlichkeit in der fozialen
Gemeinfchaft' und ,in der ftaatlichen Rechts- und Kultur-
gemeinfchaft' werden dahin wirken. Bei alledem gibt S.
keine ausdrückliche Lehre von den objektiven Gütern oder

Zwecken, aber er betont doch den Gefichtspunkt, daß
unfer konkretes Leben fozial und gefchichtlich geartet ift,
fehr ftark und kommt dabei zu den Begriffen des ,objek-
tiven Geiftes' oder der .hiftorifchen Vernunft' und des
j .Gemeingeiftes' ('S. 75. 77. 120), auch zu einem intereflan-
ten Paragraphen über ,die Lebensfunktionen des Volkes
als gefchichtlicher Kulturgemeinfchaft' (S. 104 ff). So leiftet
die Darfteilung, obwohl fie überall von der fubjektiven
chriftlichen Sittlichkeit ausgeht, tatfächlich vieles von dem,
was die Lehre von den objektiven Gütern und Zwecken
nach dem Willen moderner Ethiker leiften foll. Daß
zwifchen der perfönlichen Sittlichkeit und den objektiven
Gütern oder Zwecken der Gemeinfchaft leicht eine Spannung
entfteht, tritt gerade durch diefe Anlage deutlich
hervor; es wäre gut, wenn S. fie noch fchärfer, als es
z. B. S. 87 gefchieht, bei den verfchiedenen Problemen
bezeichnet hätte.

Unter den Einzelheiten möchte ich als befonders
wertvoll herausheben die Erörterung über die foziale Frage,
ferner die ausdrückliche Behandlung des Volkstums neben
dem Staat und die der internationalen Beziehungen. Was
dabei über den Krieg gefagt wird, erfcheint mir an fich
richtig, wäre aber durch ftärkere Betonung des chriftlichen
Ideals zu ergänzen. Im übrigen hat es keinen Sinn, an
diefer Stelle einzelnes zu kritifieren (von Druckfehlern ift
I mir als ftörend aufgefallen S. 77, Z. 17 v.u., wo ftatt .unterwerfen
' offenbar .unterweifen' ftehen foll). Im Ganze
müssen wir für S.s Gabe dankbar fein. Vielleicht baut
er fie noch zu einem ausführlichen Lehrbuche aus. Seine
Fülle der Kulturanfchauung und feine Darftellungsgabe
würden ihn vorzüglich gerade zu einem folchen Werke
befähigen, das den ganzen reichen Stoff in feiner Konkretheit
, in feinen Einzelheiten und feinen verfchiedenen
Seiten entwickelt, und das dem Theologen wie überhaupt
dem gebildeten Chriften Luft macht, endlich mit der
nötigen Kraft an die drängenden fittlichen Aufgaben der
Gegenwart heranzutreten.

Marburg a. d. L. Horft Stephan.

Jaskowski, Friedrich: Philofophie des Vegetarismus. Eine
philofoph. Grundlegg. u. e. philofoph. Betrachtg. des
Vegetarismus u. feiner Probleme in Natur, Ethik, Religion
u. Kunft. (XVI, 314 S.) 8°. Berlin, O. Salle 1912

M. 4 —

Warum follte nicht auch der Vegetarismus zum Ge-
genftand philofophifcher Unterfuchung gemacht werden
können? Nur freilich, was uns in diefem Buche als ,phi-
lofophifche Grundlegung des Vegetarismus' geboten wird,
das ift alles andere als Philofophie. Was immer es fonft
mit der Philofophie etwa noch Befonderes auf fich haben
mag, ficher doch ift fie Wiffenfchaft. Hier aber haben
wir allerlei phantaftifche Einfälle, und vom Geifte echter
Wiffenfchaft kaum eine leife Ahnung. Allerdings Philofophie
ift nach dem Verf. (S. 35) ,der Gang einer reifen reinen
Vernunft durch alle Höhlen des Dafeins an der Seite der
leuchtenden Verwunderung'; und in der Tat, Verwunderung,
freilich von anderer Art, befchert uns ein Gang durch
fein Buch fehr reichlich. Wie erftaunlich allein fchon
diefes, daß, was foeben noch .Gang der Vernunft' war ,an
der Seite der Verwunderung' fich uns ein wenig fpäter als
,in Vernunft gekleidete Verwunderung' vorftellt (S. 40).
Freilich, der Verf. fagt uns ja im voraus (S. VII): obwohl
es ihm leicht wäre, ,etwa dasfelbe in einer für den modernen
Weifen annehmbaren Form zu fagen', ziehe er immer den
.fchönften und klarften Ausdruck' vor und darum eben
— weil er den klarften Ausdruck vorzieht — werde er ,an
einzelnen Stellen'.»myftifch«, myftifcher, als die moderne
Bildung wünfcht'. Dafür aber dürfe man nicht ihn verantwortlich
machen; es liegt einfach an dem .individuellen
Rätfeicharakter der Tatfache' — was gewiß fehr fchön
gefagt ift.