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Ausgabe:

1914 Nr. 14

Spalte:

433-434

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Menzer, Paul

Titel/Untertitel:

Einleitung in die Philosophie 1914

Rezensent:

Jordan, Bruno

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 14.

434

Menzer, Prof. Paul: Einleitung in die Philolophie. (Wiffen-
fchaft u. Bildung. 119.) (117S.) 8°. Leipzig,Quelle &
Meyer 1913. M. 1—; geb. M. 1.25

Unter den zahlreichen Einleitungen in die Philofophie
verdienen nach meiner Überzeugung nur diejenigen Beachtung
, die erftens geeignet erfcheinen, den aufmerkfamen
Lefer philofophieren zu lehren, die ihm zweitens Einblicke
gewähren in die eigentümliche gedankliche Leiftung und
Arbeitsweife der Philofophie und die drittens in Hauptpunkten
unmittelbar bis an den Stand der gegenwärtigen
Forfchung heranführen. An den vorliegenden Verfuch,
der im Rahmen einer Sammlung mit beftimmten Zielen
erfcheint, wird man naturgemäß diefe ideale dreifache
Forderung nicht ftellen. Immerhin möchte ich betonen,
daß er die beiden erften Aufgaben — die letzte fcheidet
felbftverftändlich aus — glänzend löft. Allerdings habe
ich im einzelnen fachliche Bedenken.

Für eine ,orientierende, anleitende' Einleitung diefer
Art empfiehlt fich der induktive Anftieg. Daher hätte
das einleitende Kapitel über Wefen und Wert der Philofophie
an den Schluß verwiefen werden können. Dafür
hätte an den Anfang gerückt werden müffen eine Darlegung
, die fcharf die eigentümliche philofophifche Leiftung
ebenfowohl vom vorwiffenfchaftlichen Bewußtfein
als der Arbeitsweife der Wiffenfchaften felber abhebt.
Statt von den Aufgaben, dem Recht, dem Wert der Philofophie
hätte von der Methode gehandelt werden müffen,
damit der Lefer an anfchaulichen Beifpielen von vornherein
erkennt, daß er in die Werkftatt einer befonderen
Disziplin der menfchlichen Geifteshaltung geführt wird.
Bei der Befprechung der einzelnen Kapitel mit gebildeten
Laien habe ich überall, nur nicht in dem erften Abfchnitt
ein rafches ungehemmtes Verftändnis gefunden. Das
liegt eben hauptfächlich daran, daß die vielen Gedankengänge
, die dort eröffnet werden, fich nicht einheitlich zu-
fammenfchließen, oft nur eben betreten werden und ohne
Führung nicht weiter befchritten werden können.

Der Verfaffer interpretiert die Philofophie als Wiffen-
fchaft von den Prinzipien aller Erkenntnis und von der
Verbindung ihrer Ergebniffe zu einer Weltanfchauung.
Damit wird er nach meiner Überzeugung dem Tat-
und Erlebnischarakter der Philofophie nicht gerecht. Die
Philofophie darf ebenfowenig wie die Religion irgendwie
,gegen' die Wiffenfchaft fein, aber beide liegen in ähnlicher
Weife doch .außerhalb' ihrer Gefetzgebung. Die Unantaft-
barkeit der Wiffenfchaft, ihrer Methode und ihrer Ergebniffe
, gegenüber Religion und Philofophie fteht für mich
ebenfo feft wie die Tatfache, daß alle drei ihre eigene
Methode, ihr eigenes Wefen, ihre eigenen Aufgaben
haben. Die Ergebniffe der Wiffenfchaften gehen als
folche nach meiner Überzeugung die Philofophie felbft
nichts, fchlechterdings nichts an. Was hat mit dem
Problem des Geltens, mit den Problemen der Erkenntniskritik
u. f. f. die .Wiffenfchaft' zu tun; welche Wiffenfchaft
foll denn überhaupt in Frage kommen? Machen denn
die Ergebniffe der einzelnen Wiffenfchaften in ihrer Verbindung
die Philofophie aus? Liegt das Philofophifche
auch für M. nicht eben in der .Verbindung', alfo außerhalb
der Ergebniffe?

In den folgenden Kapiteln über Denken und Erkennen
zeigen fich die Konfequenzen der dargelegten Auffaffung.
,\ lllenfchaft' ift in praxi doch nur unter der Vorausfet-
zung möglich, daß die Vorftellungen mit einer außerhalb
ihrer liegenden Wirklichkeit .verglichen' werden können.
Eben das beftreitet M. für Erkenntnis und Wahrheit.
Wie will er dann die Ergebniffe der Wiffenfchaft verbinden
? Schwerer wiegt die Ablehnung der Metaphyfik.
Selbft der konfequentefte Vertreter einer .Philofophie als
Wiffenfchaft-, Wundt, bedarf eingeftandenermaßen der
Metaphyfik. Liegt denn auch die .Verbindung' felbft etwa
der Wiffenfchaft als Objekt vor? Sympathifch dagegen

hat mich der ethifche Einfchlag in dem letzten Kapitel
über .Weltanfchauung' berührt.

Trotz der fachlichen Bedenken, die ich natürlich nur
andeuten konnte, darf ich das glänzend und klar gefchrie-
bene Büchlein wegen feiner anregenden Darlegung aufs
wärmfte empfehlen.

Hannover. Bruno Jordan.

Faber, Lic. Hermann: Das Weten der Religionspfychologie
und ihre Bedeutung für die Dogmatik. Eine prinzipielle
Unterfuchg. zur fyftemat. Theologie. (XIII, 164 S.)
gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1913. M. 5 —

Die fleißige und forgfältige Arbeit zerlegt fich zu-
nächft in zwei Hauptteile: I. Die Beftimmung des Wefens
der Religionspfychologie, II. Die Bedeutung der Religionspfychologie
für die Dogmatik. Der erfte Teil gliedert
fich feinerfeits in einen vorbereitenden Abfchnitt: Die
Gefchichte der Religionspfychologie, und einen normativen
Abfchnitt: Das Wefen der Religionspfychologie.
Auf Grund einer kritifchen Überficht über die Entftehung
und den gegenwärtigen Stand der religionspfychologifchen
Arbeit foll eben das Wefen der Religionspfychologie be-
ftimmt werden. Diefe kritifche Überficht fetzt bei der
amerikanifchen Religionspfychologie ein und befpricht
hier als typifche Hauptformen Starbuck undjames, während
Leuba unberückfichtigt bleibt. Dann folgt die deutfche
Religionspfychologie, vertreten durch Wundt und Ebbinghaus
, wobei Wundts Auseinanderfetzung mitTroeltfch und
dem Unterzeichneten befonders berückfichtigt wird. Den
Schluß macht die franzöfifche Religionspfychologie, von
der Flournoy eingehender behandelt wird.

Fabers Beurteilung der Pofitionen von Starbuck und
James, von Wundt und von Flournoy trifft in allen Hauptpunkten
mit derjenigen zufammen, die ich felbft mehrfach
gegeben habe, wie er fich denn auch in diefer Beziehung
teils direkt, teils indirekt auf meine entfprechenden Ausführungen
beruft (zufammenfaffend S. 110). Um fo verwunderlicher
ift, daß Fabers Verftändnis gegenüber meiner
eigenen Pofition mit ihrer doppelfeitigen Frontftellung
gegen den bloßen Empirismus einerfeits, gegen die
Rationalifierung der religionswiffenfchaftlichen und theolo-
gifchen Aufgabe andrerfeits völlig verfagt. Begründet
aber ift diefer zunächft auffallende Sachverhalt darin, daß
fich Faber gerade am entfcheidenden Punkt in einen
vollftändigen Selbftwiderfpruch verwickelt, den er dann
durch die Polemik gegen meine Pofition zu verdecken
fucht. Die von mir vertretene Alternative geht dahin,
daß entweder das religionspfychologifche Denken nicht
auf den Umkreis empirifcher Pfychologie befchränkt
werden darf oder daß es, fofern eine folche Befchränkung
gefordert wird, für die wichtigfte religionswiffenfchaftlich-
theologifche Arbeit, nämlich für die Herausarbeitung und
Klarftellung der fpezififch religiöfen Motive und Tendenzen,
wie fie fich im Wahrheitsintereffe der Religion zufammen-
faflen, unfruchtbar bleibt und bleiben muß. Faber aber
will zwar auch — und zwar in ausdrücklicher Anlehnung
an meine eigene Forderung — die letztgenannte Aufgabe
als diejenige angefehen wiffen, an der fich der volle
Wert religionspfychologifchen Denkens erft entfalten könne
(S. 54, S. 76), aber er will andrerfeits doch dies religionspfychologifche
Denken prinzipiell auf die Sphäre empirifcher
Pfychologie befchränken (S. 119). Das ift die
Quadratur des Zirkels. Denn ,die religiöfen Prozeffe ihrem
inneren Wert nach ordnen, Wefentliches vom Unwefent-
lichen unterfcheiden, das fpezififch Religiöfe herausftellen'
(S. 54), das vermag eben empirifche Pfychologie fchlechterdings
nicht. Man braucht ja nur mit dem von Faber
lelbft zitierten Kanon Schleiermachers (S. 155) konfequent
Ernft zu machen, um diefe Einficht zu gewinnen. Weil
Faber fich diefer Einficht verfchließt, bleibt er im Selbftwiderfpruch
flecken.