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Ausgabe:

1914 Nr. 14

Spalte:

431-432

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kohlmeyer, Ernst

Titel/Untertitel:

Kosmos und Kosmonomie bei Christian Wolff. Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Aufklärungszeitalters 1914

Rezensent:

Hoffmann, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 14.

432

Augsburg, Ramminger 1539 angeregt, wie die Reutlinger
Matth. Alber und Schradin. (B1WKG. 1913, 181 ff)

Stuttgart. G. Boffert.

Barkenkamp, Dr. Heinr.: Das Fürltentum Corvey unter dem
Adminiftrator Chriltoph Bernhard v. Galen, Bilchof v. Mün-
rter. 1661—1678. (Beiträge f. die Gefchichte Nieder-
fachfens u. Weftfalens. 40. Heft.) (99 S.) Hildesheim,
A. Lax 1913. M. 2.60

Ein recht trübes Bild aus der Zeit der Gegenreformation
entwirft der Verf., wefentlich geftützt auf ungedruckte
Quellen aus dem Staatsarchiv zu Münfter. Er
zeigt, wie das Fürftentum Corvey fich in den Jahren nach
dem 30jährigen Krieg von den Folgen der durchge-
kofteten Leiden unter der Regierung des Abtes Arnold
von Valdois nicht hat erholen können, wie es daher dem
Intereffe des Stiftes durchaus entfprach, wenn nach Überwindung
einiger Bedenken die Wahl auf den Bifchof von
Münfter, den Grafen Chriftoph Bernhard von Galen geleitet
wurde. Chriftoph Bernhard nahm die Wahl an,
trotzdem ihm in der Kapitulation kaum ein Einfluß auf
die Verwaltung des Stiftes eingeräumt war und leiftete
dem Stifte wenigftens in einem Punkte kräftige Hilfe.
Er hat mit unbarmherziger Energie die Stadt Höxter,
die, wenn auch wirtfchaftlich faft völlig erledigt, fo doch
immerhin politifch felbftändig aus dem großen Kriege
hervorgegangen war, wieder unter die Corveyifche Herrfchaft
gezwungen und die Gegenreformation dort auf alle
mögliche Weife unter fortgefetzten Peinigungen der zumeift
lutherifchen Bevölkerung unterftützt. Und doch wären
ihm feine Pläne betr. Höxter nicht geglückt, wenn nicht
damals eine Einigung zwifchen Braunfchweig und Corvey
hätte herbeigeführt werden können. Die Grenzftreitigkeiten
zwifchen den Weifen und dem Stifte hatten nur zur Zeit des
überaus friedliebenden Herzogs Auguft d. J. etwas nachge-
laffen, zumalder Herzog und Chriftoph Bernhard vonMünfter
befreundet waren. Nach dem Tod des Herzogs brach der
Streit trotz der Freundfchaft zwifchen Rudolf Auguft
und dem Bifchof wieder aus, und es bedurfte langer Verhandlungen
und der Vermittelung Ludwigs XIV, dem an
einer Verhöhnung des Münfterfchen Bifchofs mit den
Braunfchweigern viel gelegen war wegen feiner hollän-
difchen Unternehmungen, bis endlich eine Vereinbarung
zwifchen den ftreitenden Parteien zuftande kam. Da ließ
Herzog Rudolf Auguft die Stadt Höxter im Stiche und
der Bifchof konnte fie fleh gefügig machen, wie er Münfter
fchon gedemütigt. Abgefehen davon muß man des Bifchofs
hohe Organifationsgabe bewundern, der in der Stadt
fofort nach ihrer Demütigung begann, neue Wege zu ihrer
wirtfehaftlichen Hebung anzuweisen. Auch das Stift hatte
in ihm einen tüchtigen Finanzverwalter bekommen, der
die ziemlich troftlofe Lage der Abtei trotz der böfen
Zeiten zu beffern verftand. Seine übrigen Maßregeln
für die Landesverwaltung aber, fo gefchickt und außerordentlich
zweckentfprechend fie auch gewefen fein mögen,
find ganz ohne Nutzen für das vollftändig vom 30jährigen
Kriege erfchöpfte und durch die fortwährenden kriege-
rifchen Unternehmungen des Bifchofs beunruhigte Land
geblieben. Es nützt nichts, dem Lande die befte Kirchenordnung
, die ausgezeichnetften Schulgefetze und eine
recht vortreffliche Gerichtsverfaffung zu geben, wenn die
Hauptfache, die Möglichkeit einer ruhigen und gefunden
wirtfehaftlichen Entwickelung fehlt. Einige Verfehen im
Druck und einige Ausdrucksfchiefheiten abgerechnet macht
die Arbeit einen erfreulichen Eindruck.

Wolfenbüttel. Otto Lerche.

Kohlmeyer, Ernft: Kosmos und Kosmonomie bei Chriltian
Wolff. Ein Beitrag zur Gefchichte der Philofophie u.

Theologie des Aufklärungszeitalters. (174 S.) gr. 8°.
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1911. M. 5 —
Man pflegt Chriftian Wolff als Philofophen nicht recht
ernft zu nehmen, fondern würdigt ihn nur als einen, der
gewiffe Grundgedanken der Leibnizifchen Philofophie
methodifch und fchulmäßig verarbeitete. Demgegenüber
fieht Kohlmeyer nicht in der Methode die Hauptleiftung
Wölfls, fondern bemüht fich zu zeigen, daß er von einer
ihn treibenden Idee erfüllt war, die das zufammenhaltende
Band feiner Philofophie wurde: der Idee des Kosmos. Er
unterzieht unter diefem Gefichtspunkte die Philofophie
Wölfls einer fo eindringenden Unterfuchung, wie fie die-
felbe feiten, ja wohl überhaupt noch nicht erfahren hat.
Die Arbeit zerfällt in zwei Teile. Im 1. Teile wird Wölfls
Methode, Kosmologie, Gotteslehre, Teleologie und Pfycho-
logie unterfucht, im 2. Teile feine Ethik. Der erfte Teil
fchließt mit der Darftellung der Offenbarungswelt, und
im zweiten Teile ift ein befonderer Paragraph der virtus
chriftiana gewidmet. Der zweite Teil fchließt mit einer
hiftorifchen Eingliederung vorwiegend der ethifchen Gedanken
Wolfis. Insbefondere wird Wölfls Anfchauung
mit der Leibnizens verglichen. Zum Erweis feiner Hypo-
thefe zeigt Kohlmeyer unter anderem, wie fehr Wölfls
Gottesbegriff vom Kosmosgedanken abhängt, ja wie eigentlich
der Kosmosgedanke felbft eine religiöfe Weihe erhält.
Mit befonderer Energie wird verfucht, die kosmifche
Fundamentierung der Ethik darzutun, fie als,Kosmonomie'
zu erweifen. Das Wefen der Dinge wird als beftimmend
für die Sittlichkeit aufgezeigt, auch der Intellektualismus
als in der kosmifchen Fundamentierung begründet behauptet
. Es wird gezeigt, daß die Abzweckung der Ethik
bei Wolff im Gegenfatz zum populären Eudämonismus
nicht der perfönliche Nutzen, fondern das Erkennen der
Vollkommenheit des Univerfums ift.

Wölfls Philofophie gewinnt in diefer Durchleuchtung
ein viel ftärkeres Leben. Kohlmeyer ift weit davon entfernt,
mit Kritik an Wölfls Pofitionen zurückzuhalten, fondern
übt fie reichlich, befonders von Kant und Fries aus, zeigt
das Einfchmuggeln des Empirifchen in die apriorifche
Deduktion, die Erfchleichungen feines Gottesbegriffes, die
Verkehrtheit, die Teleologie wiffenfchaftlich beweifen zu
wollen, ftatt fie als Ahnung zu behaupten. Aber weil er
den einheitlichen Zug in Wolfis Philofophie fo eindringlich
aufzeigt, möchte man nach Lektüre feines Buches trotz
aller feiner Kritik rufen: ,Und Wolff war doch ein Philofoph!'
Kohlmeyer fcheint mir mit feinen Grundgedanken im
wefentlichen recht zu haben. Freilich ift, wie es in folchen

' Fällen fo leicht gefchieht, die neue Erkenntnis etwas zu
einfeitig betont. Wenigftens würde ich die Linien Wölfls,
die zum populären, individualiftifchen Eudämonismus hin-

j führen, neben denen, die der Verfaffer herausgearbeitet

1 hat, ftärker betonen.

Kohlmeyer erklärt mit Recht, daß die von ihm durchgeführte
Herausarbeitung der Grundmotive des Wolff-
fchen Denkens auch für die Erkenntnis feiner Frömmigkeit
wichtiger fei als die Bearbeitung des Spezialproblems
feiner Stellung zur Offenbarung. Aber auch diefes bleibt
wichtig, und Kohlmeyer felbft behandelt es in dem betreffenden
Abfchnitt in aller Kürze fehr treffend unter
Betonung des inneren Widerfpruchs, der zwifchen Wölfls
Kosmosbegriff und dem Fefthalten an der Überwelt der
Offenbarung liegt.

Zum Schluß fei noch kurz die Form der Arbeit Kohlmeyers
gekennzeichnet. Die Darfteilung fchreitet in kurzen,

1 inhaltreichen Sätzen fort. Ab und zu ift die Knappheit

1 allzugroß, indem Zwifchengedanken zuweilen erraten
werden müffen und manchmal zu erweifen gewefen wäre,
daß die Quellen wirklich fo zu deuten find, wie es der
Verfaffer tut. Im ganzen aber ift diefe gehaltvolle Knappheit
ein Vorzug, fo daß der Arbeit auch nach Seiten der
Form hin Anerkennung zu zollen ift.

Bern. Heinrich Ho ff mann.