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Ausgabe:

1914

Spalte:

408-409

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Simons, Eduard (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Theologische Arbeiten aus dem Rheinischen Wissenschaftlichen Prediger-Verein. Neue Folge. 13. Heft 1914

Rezensent:

Jüngst, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 13.

408

unbedingt fexueller Natur zu fein brauchen, womit er die
von Freud behauptete Säuglingsfexualität verwirft. Damit
ift fcheinbar die Alleinherrfchaft der Sexualität aus der
Freudfchen Neurofentheorie befeitigt; wenn man aber die
weiteren Ausführungen des Verfaffers und namentlich das
Beifpiel der Pfychoanalyfe eines 1 ijährigen Mädchens am
Schlurfe feines Buches betrachtet, fo räumt er ihr in praxi
doch ebenfo breiten Raum ein wie Freud.

Die Pfychoanalyfe diefes Kindes gibt Jung Gelegenheit
auf die Analogien zwifchen den kindlichen Sexual-
anfchauungen und den Traumphantafien einerfeits, den
Volksmythen andererfeits zu verweifen. Auf die Gefahr,
den Vorwurf der Unwiffenfchaftlichkeit zu erhalten, muß
ich diefe Ausführungen für gezwungen und willkürlich erklären
. M. E. ift es auch weder medizinifch noch päda-
gogifch zu billigen, einem 1 ijährigen, fexuell ohnehin erregbaren
Mädchen weitgehende fexuelle Aufklärungen zu
geben. Daß die diefer Aufklärung folgenden Sitzungen
zahlreiches fexuelles Material zu Tage bringen, ift kein
Wunder.

Chemnitz. Weber.

Hügel, Baron Friedrich v.: Eternal Life. A study of its
implications and applications. (L, 443 S.) gr. 8°. Edinburgh
, T. & T. Clark 1912. s. 8 —

,Ewiges Leben im vollften Sinne des Wortes fchließt
dreierlei in fich: Die Fülle aller Güter und Kräfte, die
beftehen; das umfaffendfte Selbftbewußtfein des Wefens,
das die betreffenden Güter und Kräfte konstituiert
und in ihnen zum Ausdruck kommt, und die reine
Aktivität, die Zeitlofigkeit, die Simultaneität diefes Wefens
in allem, was es hat und ift.' Solches ewiges
Leben kommt Gott allein zu. Der Menfch an fich hat
ein ewiges Leben zweiten Grades in der Form der
,Dauer'. Daraus erklärt fich unfer Bewußtfein, daß wir
zwar Gott ähnlich, aber ihm nicht gleich find, und unfer
Dürft nach Gott. Daraus auch, daß wir das wahre ewige
Leben nur inne werden können als Gabe Gottes und
durch Gemeinfchaft mit Gott einerfeits, in fortwährender
Auseinanderfetzung mit den Dingen diefer Welt, mit
Zeitlichem, Räumlichem, Leiblichem anderfeits. So erlebt
der Menfch das ewige Leben in der Anbetung, im
Kultus, in dem Suchen und Finden Gottes in Kunft,
Spekulation, Wiffenfchaft, in den Sinnen und im Körperlichen
fo gut wie im Sittlichen und in der heroifchen
Selbftaufopferung. Dies ewige Leben fetzt das Gefühl
der Sünde und menfchlichen Schwäche voraus, fchließt
aber die Überzeugung von der völligen Verderbnis der
menfchlichen Natur und der totalen Unreinheit des Leiblichen
aus.

Das find, in Kürze wiedergegeben, die Hauptfätze,
in denen der Ertrag einer langen, den größten Teil des
Werkes ausfüllenden, von den älteften Zeiten bis auf die
Gegenwart reichenden hiftorifchen Unterfuchung über die
Erfahrungen vom ewigen Leben und die Vorftellungen
vom ewigen Leben in der Gefchichte der Religion und
Philofophie zufammengefaßt werden. Dabei fällt das
Schwergewicht auf die Religion, die zur Erfahrung des
ewigen Lebens verhelfe, während die Philofophie lediglich
darüber fpekuliere. Insbefondere wird des römifchen
Katholizismus pietätvoll, jedoch nicht kritiklos gedacht.

Der Autor, der durch fein Werk über die heilige Katharina
von Genua fich einen gewiffen Ruf erworben hat
und gelegentlich von hochkirchlichen englifchen Theologen
gefeiert wird, hat fehr viel gelefen, fpricht über
Haeckel,Bergfon,Kierkegaard,Nietzfche, zahlreiche deutfche
Theologen, über Altes und Mordernftes. Sein Buch ift
auch anregend und unterhaltend; als ein ftreng wiffen-
fchaftliches Werk würde ich nicht wagen es zu bezeichnen,
obwohl es aus einem Artikel hervorgegangen ift, den
Hartings für feine Encyklopädie eingefordert hatte, der

aber dann ftatt in diefer als felbftändiges Werk er-
fchienen ift.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Theologifche Arbeiten aus dem Rheinifchen Wiffenfchaftlichen
Prediger-Verein. In Gemeinfchaft m. den übrigen Vor-
ftandsmitgliedern PräfesD. Hackenberg, Pfr. D.Hafner,
Geh. Konf.-R. Mettgenberg, Pfr. Pfender, Pfr. Theile
u. Superint. Zurhellen hrsg. v. Prof. D. Simons. Neue
Folge. 13. Heft. (III, 159 S. m. 8 Abbildgn.) gr. 8«.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1912. M. 7 —

Simons entfchuldigt das verfpätete Erfcheinen des
Heftes teils mit der für wiffenfchaftliche Produktion hinderlichen
Erregung Rheinlands durch den Fall Jatho,
teils mit dem Entfchlafen des Vereinsvorfitzenden Geh.
Konfiftorialrat Prof. D. Sieffert. Otto Ritfehl widmet
letzterem in dem Heft einen warmen Nachruf, und es
bringt pofthum den fchon 1910 im Verein gehaltenen
umfichtigen Vortrag Siefferts: Die religiöfen Grundlagen
des chriftlichen fittlichen Lebens. Die reli-
giöfe Seite des Chriftentums erfchöpfe fich nicht im Begriff
der Rechtfertigung und feine fittliche nicht in dem
der Heiligung, fondern—hier kombiniert Sieffert religions-
gefchichtliche und dogmatifche Betrachtungsweife — die
religiöfen Grundlagen des Chriftentums beruhten auf dem
Ineinsfein der fubjektiven Gefühle und Vorftellungen mit
ihren überweltlichen Realitäten. Dabei fei zwar die Sittlichkeit
bis zu gewiffem Grade praktifch felbftändig gegenüber
der Religion, aber, wie er richtig hervorhebt, gerade
das Moment der Unbedingtheit der fittlichen Forderung
fei nur religiös fundamentiert, und zwar unvollkommen
in den andern Religionen, vollkommen in der chriftlichen.
Die mehr als bei der lutherifchen Orthodoxie zu betonende
fittliche Seite des Chriftentums fei vom h. Geift
oder dem himmlifchen Chriftus herzuleiten, aber nicht
durch die Taufe, fondern pfychologifch vermittelt durch
das Evangelium und durch den es ergreifenden Glauben,
und zwar ohne Beeinträchtigung der Rechtfertigungslehre
und mit Anknüpfung der fittlichen Wirkungen an eine
gefchichtliche Rechtfertigung der Menfchheit. Beffer aber
gehe man zurück auf die — Sündenvergebung ein-
fchließende — Kindesannahme des Einzelnen durch Gott
und auf eine Wirkung des gefchichtlichen Chriftus, um
unfruchtbare juriftifche Stellvertretungstheorien zu erfetzen
durch die fittlich wertvollen Gedanken einer Bürgfchaft
Chrifti für fittliche Erneuerung der Seinen und einer Offenbarung
Gottes als heiliger Liebe. —

Lic. Johs. Hymmen-Soeft befpricht reichlich breit
,Das Verhältnis der Bedeutung des Wortes Gottes
als Gnadenmittel zu feiner Bedeutung als
chriftlicher Erkenntnisquelle'. Beide Wertungsarten
des Gottesworts feien unentbehrlich für das refor-
matorifche Chriftentumsverftändnis und müßten in ihrer
Wechfelwirkung erkannt werden, um lebendig zu bleiben.
Eine ,gefchichtliche Überfchau', die freilich etwas fpora-
difch ausfällt und nach Gelegenheitsftudien ausfieht, foll
diefes Urteil ,unterbauen'. Hymmen unterfucht die Behandlung
der Frage bei dem Lutheraner Buddeus, deffen
Begriff des testimonium spiritus internum übrigens von
Calvin ftamme, bei dem Rationaliften Döderlein, bei
Schleiermacher, bei dem .Vermittlungstheologen' A. Ritfehl
und bei dem .religionsgefchichtlichen' Theologen
Niebergall, der in Wirklichkeit mehr Kaftans Schüler ift.
Bei ihm findet Hymmen befonders den Begriff der Autorität
in fich felbft zerftört, freilich ohne den Grund zu
merken, daß nämlich Niebergall ernfthaft vor einem ernft-
haft widerfprechenden Publikum argumentiert, während
Hymmens fo wie hier aufgeftellter Autoritätsbegriff eine
petitio prineipii bedeutet, die eigentlich ein von vornherein
zuftimmendes Publikum vorausfetzt. Allein diefe
ganze .Überfchau' .unterbaut' in Wirklichkeit die fol-