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Ausgabe:

1914 Nr. 13

Spalte:

394-395

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vorst, C. van de

Titel/Untertitel:

Catalogus codicum hagiographicorum Graecorum Germaniae Belgii Angliae, ed 1914

Rezensent:

Anrich, Gustav Adolf

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393

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 13.

394

johauneifche Chriftologie (Joh. i, iff.) vor, was W. nach S. 61 gar nicht i
erkannt zu haben fcheint, da er die Beziehungen völlig veiwifcht hat.
K. 15 ,wurdeu ihm von Gott Gefetze gegeben' ftatt ,wurde ihm von Gott
ein Geletz gegeben'; das aimenifche Wort ift pl. tantum und die Singulare
der Verba beweifen, daß im Griechifchen vößog daftand. Auch die
vorhergehenden Worte find ungenau iiberfetzt. Von ,Willkürhandlungen'
fteht nichts da, fouderu von ,Gedanken des Hochmutes', wie es fich in
dem ganzen Zufammenhang um die Gefmnung und nicht um Taten handelt.
K. 54 ,Deshalb hat er alfo den Namen Erlöfer' ftatt .deshalb (ift er) alfo
Erlöfer'; ebenda hätte in dem Zitat Jef. 9, 5 ruhig ihq^ in geändert
werden follen, da fich aus dem Folgenden ergibt, daß ßef)-' tjßwv dageftandeu
nah K. 56 ift W. ebenfowenig wie die erfteu Herausgeber mit dem
Jefaiaszitat fertig geworden; jui^nqh^ und uJrfuiritV^ find Doppelüber-
fetzung für xaiOQ&woai, Ii /• ll"J" fj^^i .und in eine Jungfrau eingehen
' [xal tli naQ&kvov yei'ka&at) find eine chriftliche Interpolation
im Jefaiaslext, die offenbar von Irenaus gelefen wurde, da er auf die
hier eingefchwärzte Jungfrauengeburt K. 57 Anf. felbft anfpielt. Das
Folgende entfpricht wieder genau den LXX.

Wer die ejtiötit-iq zu wiffenfchaftlichen Zwecken durcharbeitet
, wird nach dem Vorftehenden gut daran tun, fich
nicht auf W. zu verlaffen. Wenn auch die Überfetzung
der Armenier nicht als fehlerlos bezeichnet werden kann,
fo gibt fie doch einigermaßen die Möglichkeit an die Hand,
den Urtext zu rekonftruieren. Die Freiheiten, die fich W.
erlaubt und die foweit gehen, daß er fogar einen neuen
Titel erfindet (.Erinnerung über die Grundlehren zum
Erweis der apoft. Verkündigung' ftatt tlg ixldeigiv xov
<xjiooto/.ixov xijQvyixazoQ, wie die armenifche Überfetzung
in genauer Übereinftimmung mit Eufeb. V 26 bietet),
machen W. zum Führer wenig geeignet. Jedenfalls follte
ihn niemand benutzen, ohne die editio princeps fehr
forgfältig zu Rate zu ziehen.

Hirfchhorn a. Neckar. Erwin Preufchen.

Schöne, Dr. Alfred: M. Minucii Felicis Octavius. Hrsg. u.
m. e. textkrit. Anh. verfehen. (X, 205 S.) gr. 8°.
Leipzig, B. Liebifch 1913. M. 6 —

,Wenn es recht überflüffig erfcheinen könnte, die
nicht geringe Zahl der Ausgaben des Minucius noch durch
eine neue zu vermehren, fo wird man doch, denke ich,
der vorliegenden ihre Berechtigung nicht beftreiten können,
da die Grundfätze, nach welchen ich bei Ausübung der
Textkritik verfahren bin, ganz wefentlich verfchieden find
von denen meiner Vorgänger. Habe ich doch im Gegen-
fatz zu ihnen hier zum erften Male den Vernich gemacht,
den ftarken Korruptelen, an welchen die Überlieferung
des Minucius fo überreich ift, vermittelft der Paläographie
beizukommen, und es zu diefem Zwecke unternommen,
den Codex Parisinus 1661 — leider die einzige Hf., die
uns den Text überliefert — einer hiftorifchen Behandlung
zu unterziehen.' Was der Verfafler in diefen feiner Vorrede
entnommenen Worten ankündigt, ift in der Tat ein
Verfuch von fo ftaunenswertem Fleiß und Scharffinn,
daß er fchon rein als folcher der höchften Anerkennung
und forgfältiger Beachtung wert ift. Der Schreiber des
Codex Parisinus ift für die zahllofen und fchweren IAhler,
die fein Werk entftellen, nur zum kleinen Teil felbft verantwortlich
. Falfche Worttrennungen (z. B. nescivit ire
suas ft nescivit Tiresias) weifen darauf hin, daß die
Hauptquelle der Korruptelen die Übertragung eines con-
tinue gefchriebenen Uncialkodexin Minuskelfchrift gewefen
ift, die eine oder mehr Vorlagegenerationen hinter P zurückliegt
Sch. ift nun darum bemüht, auch andere Verderb-
niffe als bei diefer Übertragung entftanden und hernach
etwa durch freie Korrektur noch verfchlimmert zu ver-
ftehen. Z. B. 11,1 bietet P: caelefti conpagetur divisa
moles ista, qua continetur et cingitur, subruatur nec e. q. s.,
wobei die Silbe tur in conpagetur durch Punkte getilgt
ift- Es ift unmittelbar einleuchtend und allgemein anerkannt
, daß die Worte qua continetur et cingitur zu con-
page zu ziehen find. Wie ift die Korruptel entftanden?
In der Uncialvorlage wurde eine Zeile überfprungen und
an unrechter Stelle nachgeholt; fie fah nämlich fo aus:
CAELESTI CONPAGE
QUA CONTINETUR ET CINGI

TUR DIVISA MOLES

ISTA SUBRUATUR NEC
Hierbei ift qua und die Vorfilbe con noch in den
bekannten Kürzungen gefchrieben zu denken, fo daß fich
eine gleichmäßige Zeilenlänge von durchfchnittlich 15 Buch-
ftaben ergibt. Dies Beifpiel erfcheint wegen des conpagetur
der erften Hand in P fchlechthin durchfchlagend.
Ob ftatt divisa mit Crufius und Sch. divulsa als urfprüng-
lich anzunehmen ift, bleibe hier unerörtert. Ein nicht
minder gewinnendes Beifpiel ift folgendes. 18,8 heißt es in
P: hic non videri potest, visu clarior est; nec conprehendi
potest nec aestimari, sensibus maior est. Diefe Stelle (lammt
aus Pfeudo-Cyprian, quod idola dii non sint, oder ift dort
aus Minucius ausgeschrieben, lautet dafelbft aber: hic —
conprehendi potest, tactu purior est; nec aestimari ....
Wiederum zweifelt niemand, daß die in P fehlenden Worte
aus Pf.-C. einzufetzen find. Die Hypothefe der Überfprin-
gung einer Uncialzeile von der angegebenen Breite erklärt
den Fehler der Überlieferung durch Gleiten von einem
gleichen Zeilenende zum anderen:

CON

PREHENDIPOTEST
TACTU PURIOR EST.
Auf diefe Weife korrigiert Sch. über 60 Stellen. Die
einzelnen Korrekturen leuchten natürlich in fehr verfchie-
denem Maße ein, aber die einheitliche Durchführung fpricht
ftark für die Richtigkeit des Prinzips. Auf der Bafis der-
felben Hypothefe ändert der Herausgeber anderweit die
Überlieferung durch Annahme von fogenannten Fenftern
im Pergament der Unciale, durch fehlerhafte Einfügung
von Rand- oder Interlineargloffen oder -korrekturen, durch
falfche Auflöfung von Abbreviaturen oder Verwechslung
ähnlicher Buchftaben.

Solche Annahmen werden ja natürlich von allen Text-
| kritikern in ähnlichen Fällen probiert; das Originelle ift
I die Rekonftruktion einer paläographifch nach Alter, Ein-
I richtung und Alphabet genau beftimmten Hf., einer ita-
lienifchen Unciale um 500 vom Typus des Gajus Veronensis.
Dabei bleibt nun natürlich fehr vieles unficher; die
oben gegebenen Beifpiele ficherer Korrekturen haben ja
ihre entfcheidende Stütze nicht in der Sch.'fchen Hypothefe
. Dennoch wird man mit derfelben an Minucius und
in anderen ähnlichen Italien nicht ohne Erfolg experimentieren
, wenn man foviel Scharffinn und Geduld hat wie
der Verfafler, dem mindeftens für eine nicht geringe Zahl
glücklicher Korrekturen und Konjekturen, die er auf feinem
Wege gefunden und dann vielfach auch auf andere Weife
wahrfcheinlich zu machen gewußt hat, Dank zu wiffen ift.
Ludwig Traube, auf den er fich für feine Methode beruft,
hätte in der Tat an diefer Arbeit gewiß feine Freude
gehabt. Nur dürfte ein fo gewonnener Text nie ohne
genaue Wiedergabe der handfchriftlichen Überlieferung
abgedruckt werden, wie denn Sch. die Lefungen von P bis
auf gleichgültige Orthographica pünktlich mitteilt. Eine
Überfetzung nach dem neuen Text ftellt die Vorrede in
Ausficht.

Berlin-Steglitz. Hans von Soden.

Catalogus codicum hagiographicorum Graecorum Germaniae
Belgii Angliae, ediderunt C. van de Vorst et H. Dele-
haye, hagiographi Bollandiani. (Subsidia hagiographi-
ca 13.) (VIII, 415 S.) 8°. Bruxellis apud socios
Bollandianos 1913.

Für jeden, der auf hagiologifchem Gebiete arbeitet,
find die hagiographifchen Kataloge der Bollandiften längft
unentbehrlich geworden. So werden es viele Forfcher
mit Dank begrüßen, daß Delehaye und van de Vorst
den großen Katalogen über die griechifchen hagiographifchen
Handfchriften der Vaticana und der Parifer Nationalbibliothek
einen dritten, noch ftattlicheren und jedenfalls
noch mühevoller auszuarbeitenden Band an die Seite
ftellen, das Verzeichnis fämtlicher griechifcher hagiographi-

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