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Ausgabe:

1914

Spalte:

379

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmeck, Anton

Titel/Untertitel:

Die Literatur des evangelischen und katholischen Kirchenliedes im Jahre 1912 m. Nachträgen u. Berichtiggn. zu Bäumkers 4 Bdn. über ‘Das katholische Kirchenlied’ 1914

Rezensent:

Knoke, Karl

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379

Theologifche Literaturzeitung iat4 Nr. 12.

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heitsbegriffs indenverfchiedenen philofophifchenSyftemen erörtert
wird. In Kapitel 6 wird eine Kritik des neuen Wahrheitsbegriffs
gegeben und in 7 die Bedeutung der Wirklichkeitsphilofophie
für die Religion gewürdigt. Den Schluß bildet Kapitel 8 mit der
,Metaphyfik des Pragmatismus'. J. felbft ift zu keinem metaphy-
fifchen Abfchluß gekommen; vielleicht mit Abficht, ,denn indem
er die Welt ohne Gott zu erklären fucht, hat fein Syftem mit
der Religion fo wenig zu fchaffen, wie fein Wahrheitsbegriff
mit der Wahrheit'.
Göttingen. Regula.

Schmeck, Vik. Anton: Die Literatur des evangeliTchen und katho-
lirchen Kirchenliedes im Jahre 1912 m. Nachträgen u. Berich-
tiggn. zu Bäumkers 4 Bdn. über ,Das katholifche deutfche
Kirchenlied'. (VII, 156 S.) gr. 8». DülTeldorf, L. Schwann
1913. M. 2.80

Wer Pich mit hymnologifchen Forfchungen befchäftigt, wird
das Erfcheinen diefes Buches freudig begrüßen. Der Verf. hat
alle einfchläglichen Schriften und Auffätze des Jahres 1912, fo-
weit fie ihm bekannt geworden find, in dierer Zufammenftellung
namhaft gemacht und einen großen Teil derfelben foweit charak-
terifiert, daß man erfährt, was in ihnen für das eigne Studium
brauchbares zu finden ift. Bei feinen Darbietungen berückfichtigt
er die Arbeiten evangelifcher wie römifch-katholifcher Verfaffer
mit dem lobenswerten Beftreben, ihnen allfeitig gerecht zu werden,
ohne dabei eine gewiffe Vorliebe für die neuern hymnologifchen
Beltrebungen innerhalb der römifchen Kirche zu verleugnen,
deren Mitglied er ift. Aus dem letzteren erklärt fich auch der
Abfchnitt S. 101—137, welcher fehr wertvolle ,Nachträge und
Berichtigungen zu Baumkers vier Bänden über das katholifche
deutfche Kirchenlied' bringt. Angeftellte Stichproben haben die
Zuverläffigkeit der Angaben in diefer Arbeit ergeben. Eine Flüchtigkeit
ift es allerdings, wenn S. 75 Neander als Verf. des Liedes:
,Wie foll ich dich empfangen' genannt wird.
Göttingen. K. Knoke.

Pfychanalyfe und Theologie.

Eine Entgegnung von Dr. Oskar Pf ift er, Pfarrer in Zürich.1

Die Darftellung, die Herr Dr. J. H. Schultz in Nr. 2 diefes
Jahrgangs von meinen pfychanalytifchen Arbeiten auf theologifchem
Gebiete gibt, läßt den Einklang mit den Tatfachen vermiffen. Er
fchreibt: ,Für die eigentlichen Anhänger Freuds find alle erklärenden
Hypothefen ausnahmslos geltende Gefetze; fo hat denn
Freud felbft und nach ihm eine große Anzahl feiner Schüler
Freud'fche Sexualpfychologie auf andere Gebiete übertragen.
Pfifter z. B. ift es nicht zweifelhaft, daß man die Theologie in
eine Zeit vor und nach der Pfychoanalyfe einteilen werde' (Sp. 35).

Es liegt mir daran, feftzuftellen, daß ich 1. fehr viele wichtige
Hypothefen Freuds offen ließ oder gegen fie Stellung nahm, obwohl
ich Freud für einen der genialften Entdecker auf dem Gebiet
der Seelenkunde halte, 2. feine Sexualpfychologie großenteils
ablehne und 3. die Theologie niemals in eine Zeit vor und nach
der Pfychanalyfe einteilte.

Für die erfte Behauptung verweife ich auf mein von Schultz
zitiertes Buch ,Die pfychanalytifche Methode', Bd. I des von Prof.
Meßmer und Prof. Meumann herausgegebenen Pädagogiums
(Klinkhardt, Leipzig), S. 133ff., 256ff., 372f. 405- 416, 441, 482ff.

Schultz fucht den Schein zu erwecken, ich erblicke auch in
der Religionspfychologie ,nichts anderes als ein Teilgebiet der
Sexualpfychologie'. Wirklich? Sogar von der kraffen ,Ehereligion'
Zinzendorfs betonte ich, daß fie nicht als reine Sexualfunktion
höherer Ordnung zu verliehen fei (S. 109). Überhaupt gab ich
mir Mühe, zu zeigen, daß ,der Menfch keineswegs nur ein Sexual-
wefen höherer Ordnung, fondern daß ihm in Wirklichkeit jener
bunte Geiftreichtum und jene adelige Eigenart zukomme, welche
die idealiftifche Philofophie in ihm vorfand' (D. pfa. Meth. S. VIII).
Ausdrücklich erklärte ich: ,Es wäre finnlos, die Religion oder
Kunft oder Sittlichkeit nur als Leiftung der Libido hinzuftellen'
(S. 267). Im Gegenratz zu Freuds fexuell charakterisiertem Libido-
begriff und feiner polyphyletifchen Sexualtheorie pflichtete ich
der afexuellen, rein energetifchen Auffaffung Jungs von der Libido
und ihrer monophyletifchen Ableitung bei; die Sexulität er-

1) Bei dem allgemeinen Intereffe, das die Frage verdient,
glaubte die Redaktion Hrn. Dr. Pfifters weit über bloß perfönliche
Bemerkungen hinausreichenden, in die Sache felbft einführenden
Auffatz nicht abweifen zu dürfen.

fcheint im Lichte diefer Theorie als weit weniger dominierend
und umfaffend. Es ift wahr, daß man auch bei ftärkfter Abneigung
gegen fexuelle Motive in unzähligen Störungen des fittlichen und

I religiöfen Lebens auf fexuelle Nöte flößt oder Hemmungen der
Liebe im weiteften, auch afexuellen Sinne vorfindet. Schultz
beftreitet dies gewiß nicht. Ift die Liebe zu Gott, dem Nächften
und fich felbft verriegelt, wovon foll man leben? Auch der Gel-
tungs- und Durchfetzungstrieb ift von Wichtigkeit (Freuds Ichtriebe
). Die Analytiker fuchen einfach die im Unbewußten liegenden
Ürfachen der feelifchen Mifere auf, alfo z. B. des Lebens-
überdruffes, des krankhaften Menfchenhaffes, der pathologifchen
Kälte gegen die Menfchheit, bizarrer religiöfer Zwangsimpulfe ufw.,
mögen fie nun in diefem oder jenem Bezirk des emotionalen
Lebens verankert liegen. Die Sexualität im gewöhnlichen
Sinne fpielt dabei oft eine kleine Rolle. Nur taktlofe Analyfe
kann das Schamgefühl verletzen. Wo Sexuelles zur Sprache
kommen muß, handelt es fich immer nur darum, vorhandene
Phantafien, foweit fie Schaden ftiften, zu entfernen, und zwar fo
zartfühlend als möglich. Je mehr die Analyfe die unbewußten
Widerftände gegen die Erfaffung der innerlich gebotenen ethifchen
Lebensaufgabe unterfucht und damit neue Triebbahnen ermöglicht
, defto weniger wirft fich der Lebensdrang immer wieder in
fexuelle Bahnen.

Über die dritte Behauptung meines Kritikers, ich teile die
Theologie in eine vor- und eine nachanalytifche Periode ein, muß
ich mein Befremden ausfprechen und Herrn Dr. Schultz auffordern
, mir zu fagen, wo ich eine derartige Thefe aufgeftellt
hätte. Mir ift es unbekannt und undenkbar. Wahrfcheinlich liegt
eine bedauerliche Verwechflung vor, die der Sorgfalt ihres Urhebers
nicht gerade ein rühmliches Zeugnis ausftellt. In meinem
Büchlein ,Die pfychologifche Enträtfelung der religiöfen Gloffo-
lalie und der automatifchen Kryptographie' (Wien, Deuticke, 1912)
Hellte ich nämlich (S. 107) die Behauptung einer folchen Einteilungfür
die Gefchichte der Religionspfychologie auf. Die
Gründe der etwas provozierenden Äußerung feien angegeben:
James und andere führende Religionspfychologen wieten in m. E.
unwiderleglicher Weife nach, daß die eigentliche Werkftätte des
religiöfen Lebens im Unbewußten liege, fanden aber keinen Zugang

i in diefes Reich. Daher ftanden wir wilfensdurftigen Religionspfychologen
trotz Flournoys Unterfuchungen (,Des Indes ä la
planete mars') mit dem Bewußtfein fall völliger Ohnmacht ante

j portas. In feinen eigenen religionspfychologifchen Arbeiten verzichtete
Flournoy auf Ergründung des unterfchwelligen Seelenlebens
(vgl. Flournoy, Les prineipes de la psychologie religieuse,

j Archives de psychologie II (1903), 33—57; Observations de psych,
rel. Arch. II, 327—366, Beiträge z. Rel.-pfych., herausg. v. Vor-

j brodt, 1911, S. 61 f.). Und nun erfchloß die Pfychanalyfe, ob auch
erft nach ernftem Forfchen, diefes Wunderland! Hinzu kam ein
fpezieller Anlaß: Flournoy, den ich für den geiftvollften und
kundigften indirekten Interpreten des Unbewußten vor Freud
betrachte, nannte im Jahre 1900 die Zungenrede eine derjenigen
automatifchen Erfcheinungen, welche zu allen Zeiten die Neugierde
am meiften aufftachelten. Durch meine Analyfen von Zungenrednern
fchien mir das Rätfei gelöft, und Flournoy1, Dürr2,
und andere kompetente Pfychologen pflichteten denn auch meiner
Erklärung bei. Ebenlö ließen fich mit Hilfe der Pfychanalyfe
zahlreiche andere religiöfe Erfcheinungen, denen man bisher im
Befitze der bloßen Bewußtfeinspfychologie in abiolutem Unver-
ftändnis zugefehen hatte, auf ihre pfychologifchen Motive und
Gefetze zurückführen, z. B. Halluzinationen, Eingebungen, Nötigung
zur Myftik, zwanghafte Vorliebe für närrifche Glaubens-
und Kultusformen, neurotifche Privatreligionen (z. B. Windverehrung
) und eine Menge anderer religiöfer Phänomene, über die
mein Buch Auskunft gibt. Dabei war ich mir bewußt, daß die
Methode bei ihrer Anwendung durch Meifter, wie Freud und
Jung, noch weit tiefer ins Reich des Unterfchwelligen oder Sub-
liminalen eindringen kann, als es mir möglich war.

Kommt vielleicht mein Lob der Pfychanalyfe in Bezug auf
ihre religionspfychologifche Leiftungsfähigkeit manchem etwas
verfliegen vor, fo mögen fie bedenken, daß zwei der bedeutend-
ften lebenden Forfcher auf diefem Gebiet, Stanley Hall, ein
Hauptbegründer der exakten Religionspfychologie, und Flournoy
als zwar kritifch vorfichtige, aber im Wefentlichen überzeugte
Anhänger und warme Verteidiger der Pfychanalyfe Freuds

1) Archives de psychologie 1913.

2) Ebbinghaus-Dürr, Grundzüge der Pfychologie Bd. II (1913),
559—561.