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Ausgabe:

1914 Nr. 12

Spalte:

376-377

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jatho, Carl

Titel/Untertitel:

Der ewig kommende Gott 1914

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 12.

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Vorlefungen über die Ethik mitgeteilt (S. 99—115). In
der erften werden .Wirklichkeit' und .Wahrheit' als Prinzipien
für die Lebensführung einander gegenübergeftellt.
Die Wahrheitsmenfchen, d. h. die Idealiften, find wirk-
famer als die realiftifchen Wirklichkeitsmenfchen. .Die
Wirklichkeit ift dazu da, daß die Wahrheit in ihr wirklich
werde'. .Die Liebe ift die wirklich gewordene Wahrheit'.
Die chriftliche Ethik fragt nach der Wahrheit, welche die
Kräfte gibt, die Wirklichkeit der Welt zu bewegen. In
der zweiten Eröffnungsrede wird das Thema: .bete und
arbeite' behandelt. In der Gegenwart überfchätze man
vielfach die Arbeit, als fei fie das ganze Menfchenleben,
während fie doch nur die eine Seite an ihm ift. Die
Arbeit allein verbürge nicht Erfolg und Segen und erfetze
nicht das Gebet. Das Gebet vor ihr und neben ihr rnüffe
die Wurzel für alles Handeln bleiben. — In dem Auffatz:
.Subjektivismus und Hiftorizismus gegenüber dem Chriften-
tum' (S. 143—165), dem einzigen Stück, das K. ganz neu
für diefe Sammlung gefchrieben hat, wird ausgeführt, daß
die chriftliche Theologie gemäß ihrer allgemeinen Aufgabe
, fich mit dem wiffenfchaftlichen Denken der Vergangenheit
und der Zeitgenoffenfchaft auseinanderzufetzen,
es fpeziell zu tun habe mit diefen beiden wiffenfchaftlichen
Tendenzen: einem religiöfen Subjektivismus und einem
folchen Hiftorizismus, welcher durch eine empiriftifche
Grundanfchauung gebunden fei. Diefen beiden Tendenzen
fei gemeinfam, daß fie die Zuverficht zum Offenbarungswerte
der Heilsgefchichte zerftören. Die Chriften aber
wiffen, daß in die Subjektivität und in die Gefchichte ein
Inhalt hineingetreten ift, der fich in ihre Wechfelwirkung
beftätigend und fördernd einfügt, ohne aus der bloßen
fubjektiven Formalität oder aus den Analogien der Gefchichte
fich ableiten zu laffen (S. 153). Im Chriftentum
foll die fuchende menfchliche Subjektivität auf dem Wege
der Gefchichte zur Annahme des Wortes von dem per-
fönlichen Gott erzogen werden, das fich durch den Tod
und die Auferftehung Jefu Chrifti der glaubenden Menfch-
heit offenbart hat. In diefem Zufammenhang fpricht K.
in fehr charakteriftifcher Weife von feiner eigenen theo-
logifchen Entwicklung: ,Als Schüler des Paulus und Luther
und als Kind meiner Zeit mit ihrem hiftorifchen Zuge
bot mir die Erkenntnis unfrer perfönlichen Doppelfeitig-
keit als perfönlichen Selbftes und als Gefchichtswefens die
Mittel, um das Chriftentum denkend in Befitz zu nehmen;
denn ich fand diefes in einander wirkende Doppelte immer
wieder und immer verftändigend, und immer gebunden in
Jehovah, dem Schöpfer, dem Gott der Gefchichte, dem
Vater unfers Herrn Jefu Chrifti, der das Subjekt der
Gefchichte ift und nicht ihr Evolutionsobjekt. So kam
ich für mich über Schleiermachers Subjektivismus und
Hegels Evolutionismus hinaus durch die Bibel, wie fich
feit Bengel ihr Verftändnis erfchloffen hat, durch ihr Zeugnis
von den magnalia Dei und durch die reformatorifche
Orthodoxie' (S. 164). — Der letzte Auffatz: ,der Gang
der Menfchheit' (S. 196—212) gibt die Skizze einer Ge-
fchichtsphilofophie unter dem Hauptgefichtspunkt, daß fich
aus den national begrenzten Kulturen im Laufe der
Gefchichte je länger defto deutlicher eine Tendenz auf die
von Gott gewollte Einheit der Menfchheit entwickelt habe.
Wichtiges Symptom diefer werdenden Einheit ift in der
Gegenwart neben derlnternationalität der Lebensbewegung
und neben der Solidarität der Intereffen der Menfchheit
die univerfale kirchliche Miffion.

Die charaktervolle Einfeitigkeit der Theologie K.'s
zeigt fich in diefen Auffätzen in vielfeitiger Auseinander -
fetzung mit Problemen und Gefährdungen der theologifchen
Wiffenfchaft. Ihrem urfprünglichen Anlaß entfprechend
haben die Auffätze faft durchweg einen erbaulichen Charakter
ohne zünftig gelehrten Ton. Ganz leicht und einfach
find fie dennoch nicht. Wer nicht fchon eine Kenntnis
der leitenden Intereffen der Theologie K.'s mitbringt,
wird oft von feinen Formulierungen und Gedankengängen
befremdet, ohne gleich zu merken, worauf er eigentlich

hinaus will oder wo das eigentliche Motiv für feine Auf-
faffung der Sache liegt. Aber überall fühlt man, daß
man es mit den reifen Produkten eines felbftändigen
Denkers zu tun hat, der von feft erworbenen Grund-

I anfchauungen aus der einzelnen Probleme Herr zu werden
fucht und der auch feinen Hörern und Lefern das Glück

1 einer ebenfolchen Fertigkeit bei ihrer theologifchen Arbeit
mitteilen möchte.

Jena. H. H. Wendt.

Jatho, Carl: Der ewig kommende Gott. (III, 204 S.) 8°. Mit

e. Porträt. Jena, E. Diederichs 1913. M. 3 —; geb. M. 4 —

Diefe ,dem Kämpfer Traub' gewidmeten Andachten
des vielgenannten Mannes wollen nicht nur um ihrer Bedeutung
, fondern auch um ihres Wertes willen eingehend
gewürdigt werden. Dazu werde zuerft nach dem praktischen
Ziel J.'s, dann nach den Gedankenmitteln gefragt
, mit denen er es erreichen will, ein Verfahren, das
fich ftets bei der Analyfe von Predigten empfehlen dürfte,
um ihre Kritik ftatt auf Stimmungen auf Erkenntniffe zu
gründen. Immer ftrebt J. aus der Enge in die Weite,
aus dem befonders Chriftlichen in das Allgemeine, Kos-
mifche und Menfchliche hinaus. So will er kühne, ftolze,
i fchenkende Perfönlichkeiten bilden, Himmelskinder, die
j der Sonne entgegenfliegen, warme lebendige .Menfchen',
! ohne Angft, voller Freude die Wonne des Dafeins zu
fchlürfen, Meifter des Schickfals, Künftler des Lebens, die
fich von innen heraus einen Charakter erkämpfen, Menfchen
, die das glückliche Los gewonnen haben, im ewig
Waltenden mitzuwalten und die das Geheimnis der Gottheit
mit eignen neuen Zungen verkündigen.

Abgelehnt werden mit nimmer ermüdender Schärfe
der Scheinheilige, der Satte, die Begriffsfrömmigkeit der
Fertigen, während doch Frömmigkeit nie fertig fein kann,
die Wiederkäuer alter Weisheit, die Leute, die die Prinzipien
fchön im Futteral bergen, die Hüter der Antiquitäten
, die Frömmigkeit, die Knechtfchaft und Furcht ver-
! breitet, die Kirchenleute, die Gräben ftatt Brücken machen.
Wie J. fein Ziel mit Ja und Nein ftark herausftellt,
fo auch feine religiöfe Gefamtanfchauung, die den Weg
zu ihm bildet. Die Gegner glauben Gott in das Grab
hinein, und er ift doch der lebendige ewig kommende
Gott. Statt vom Himmel den Allerhöchften müffen wir
aus der Tiefe der Gegenwart den Allertiefften herbei-
fehnen. — Diefer Wechfel der Bildrede bezeichnet den
Gegenfatz zwifchen dualiftifcher und moniftifcher Auf-
faffung. Nicht in der Vergangenheit, fondern in der
Gegenwart, nicht in der Heilsgefchichte, fondern in dem
Leben, in uns felbft, in der Natur, in der Welt müffen
wir Gott fachen; Gott kann nicht fein ohne uns, mit dem
Menfchen ift er erwacht, ihm fehlt etwas ohne uns, ohne
mich; er ift nur in Dir, dem Menfchen, der, reich und
gut, die letzte und höchfte Wahrheit bildet; Gott ift der
Werdende, das fchaffende Leben, der Ausgleich aller
Spannungen und darum nicht ein Gott der Rache, fondern
der lachende Gott der Liebe und Freude, er ift der
jubelnd zu verehrende Gott der Unendlichkeit; derMenfch
ift Erzeugnis und Erzeuger der göttlichen Kraft, der
Wohnort des fpendenden Gottes ift fein ftarker Wille
und fein befferes Ich, er ift auch der Schauplatz, wo Gott
leidet, ftirbt und auferfteht. Gott ift in taufend Geftalten
zu finden, im Hauch des Windes, im Seufzen der Natur,
Gott ift in allem, alles ift in Gott, alles ift diefeits, alles
jenfeits, das Weltall ift alles. Diefer Gott, der das Leben
ift, der ewig im Menfchen wird, fiegt, denn er ift mild
und reich, während der ftarre Gott furchtbar ift; der
perfonifizierte Gott, den man mit Begriffen vom Menfchen
her geftaltet, kann haften, das Unbewußte aber achtet
fich felbft.

An diefen Gott des Lebens und feine Segensquellen
hat Jefus geglaubt und glauben wir Jefusfreunde. Darum
ift Jefus der Befreier von der Sünde des Stillftandes,