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Ausgabe:

1914 Nr. 11

Spalte:

340-341

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cyon, E. v.

Titel/Untertitel:

Gott und Wissenschaft. 2 Bde 1914

Rezensent:

Beth, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 11.

340

Batiffol, Pierre: PEucharistie. La presence reelle et la
transsubstantiation. S*me edition refondue et corrigee.
(IX, 516 S.) kl. 8°. Paris, V. Lecoffre 1913.

Diefes in fünfter erweiterter und durchgefehener Auflage
herausgegebene Buch des ehemaligen Rektors des
katholifchen Inftituts von Touloufe hat eine wechfelvolle,
zum Teil fchwere Gefchichte erlebt. Die zwei erften völlig
gleichlautenden Ausgaben erfchienen im Jahr 1905; die
3. im April 1906 veröffentlichte war bereits im September
1907 vergriffen. Die Äußerung des Verf.: ,L' heure fut
critique' erklärt fich, wenn man fich erinnert, daß das
Decret Lamentabili sane exitu das Datum vom 3.
Juli 1907, die Encyclica Pascendi dominici gregis
das vom 8. September 1907 trägt. Zum Zweck einer
neuen Bearbeitung, deren Prüfung fich der heilige Stuhl
vorbehielt, nahm B. eine gründliche Durchficht feiner
Schrift vor. Während er in den früheren Ausgaben die
Gefchichte des Dogmas bis zur Zeit Berengar's und Ratram-
nus' verfolgt hatte, zog er nun die Grenzen feiner Unter-
fuchung enger und machte bei dem Konzil von Ephesus
Malt. In welchem Sinn er feine Forfchungen modifizierte,
deutet B. in vielfagenden Worten an: Je retouchai le schema
aux lignes trop tranchees que j'avais cru pouvoir d'abord
proposer du developpement primitif du dogme eucharisti-
que' (VIII). Neu aufgefundene Texte und Urkunden
wurden herangezogen, die ganze einfchlägige Literatur
berückfichtigt; die Gefchichte des Dogmas wurde in ein
Licht geftellt, das zeigen follte, que s'il y a des critiques
anarchistes, il y a tout de meme des critiques constructeurs.'
(VIII). DasMotto,dasB.feinemBuchehättegebenkönnen,ift
,das Wort des größten Theologen auf feinem Sterbelager:
Non sum pertinax in sensu meo, sed si quid male dixi,
totum relinquo correctioni Ecclesiae romanae. Trotz alle
dem konnte B. von Rom die Erlaubnis nicht erhalten,
diefe vierte Auflage feines Buches zu veröffentlichen: nur
50 numerierte Exemplare wurden gedruckt, fie waren
aber nur für einige Theologen beftimmt und gelangten
nicht in den Handel (VII—IV). Wie im Jahre 1913 die
damals nicht erteilte Erlaubnis nun von der zuftändigen
Behörde gegeben wurde, sous benefice d'une derniere mise
au point executee d'accord avec eile, will B. nicht im Einzelnen
berichten; er hält es für verfrüht, die hohen und
wirkfamen Fürfprecher zu enthüllen, die aus eigenem Antrieb
für ihn eintraten und das Wohlwollen der allerhöch-
ften Autorität in der Kirche ihm zuwandten, fo daß ce
livre revoit le jour dans la lumiere meine de Rome. Diefe
Vorrede, die einen wertvollen Beitrag zur Gefchichte der
modern katholifchen Theologie darftellt, ift aus Rom am
3. Juni 1913 datiert.

Die Schrift B's behandelt nicht die Euchariftie als
Ganzes, fie fchaltet den Gefichtspunkt des Opfers völlig
aus, und hat es nur mit der realen Gegenwart und der
Verwandlung zu tun; auch diefer Gegenftand wird nicht
einer allfeitigen Behandlung unterworfen, fondern nur als
Objekt hiftorifcher Unterfuchung herangezogen. Es ift
der Traditionsbeweis in großem Stil, den er aus der Gefchichte
führt; zu diefem Zweck ift die Bezugnahme auf
die Tatfachen (.recours aux faits') die entfprecbende
Methode. Der Verf. ,betrachtet die Tatfachen wie ein
Kritiker fie betrachten foll, aber er verzichtet in Wahrheit
nicht auf das Licht des Glaubens, er löfcht diefes Licht
nicht aus um beffer zu fehen, er geht diefem Licht entgegen
, und wenn er es aus den Augen verlöre, fo würde
er fich felbft für verirrt halten' (VII). An die Spitze der
Schrift ftellt B. die von Boffuet in feiner Expofition de
la doctrine catholique sur les matieres de controverse formulierte
Lehre von der Transfubftantiation und er fügt
die Verficherung hinzu, daß fein Buch nur gefchrieben
worden ift, um die tridentinifche Lehre durch das Zeugnis
der erften Jahrhunderte zu rechtfertigen.

B's Schrift zerfällt in drei Teile. Der erfte ftellt ,die
Urfprünge' (l—163) dar; der zweite behandelt das eucha-

riftifche Dogma vom heiligenIrenäus bisEufeb (165—307);
der dritte führt die Gefchichte bis zum Konzil von Ephesus
(309—480). Ein Nachwort ift dem Tridentinum und
der nachtridentinifchen Theologie gewidmet (483—508).
Ein Namenregifter (509—514) erleichtert das Nachfchlagen
und erhöht die Brauchbarkeit des Buches. — Im 1. Teil
fchlägt B. einen regreffiven Weg ein: er fchreitet vonJu-
ftin, Hermas, Plinius, Ignaz, Clemens, der Didache, zu den
kanonifchen Zeugniffen, Johannes, Paulus, Lucas, Markus
fort. Diefen Gang verfolgt B. unter fteter Auseinander-
fetzung mit Jean Reville's Schrift, Les origines de l'Eucha-
riftie 1908, die diefelbe Anlage aufweift, aber von andern
durch B. in ftrenger Objektivität wiedergegebenen dogma-
tifchen Vorausfetzungen ausgeht. — Aus dem 2. Teil ift
befonders die gründliche Behandlung der fehr umftrittenen
Lehre Tertullians und die Unterfuchung der alexandrini-
fchen Theologie hervorzuheben: die Auffaffung T's ift
zwar rudimentaire und incomplete, hält aber die traditionelle
Spur des realisme eucharistique feft (225); dem
Clemens, deffen Lehre auch fehr unvollftändig ift, gilt
die Euchariftie als ,quasi-incarnation' (261); felbft die
von allen proteftantifchen Forfchern als fymbolifch bezeichnete
Lehre des Origenes weiß B. im Sinn der Tradition
zu deuten. — Im 3. Teil bemerkt B. über Auguftin,
daß feine Euchariftielehre eins der fchwierigften Kapitel
der Dogmengefchichte bildet. Der Verf. erklärt fich gegen
,die radikalen Vereinfachungen' der proteftantifchen Exe-
geten und gelangt zu dem Ergebnis: ,Seule une Psychologie
fantaisiste pourrait porter ä croire qu' Auguftin, en
une matiere aussi traditionnelle, a pense autrement que
l'Eglise de son temps' (452).

Die Gefamtdarftellung des Hiftorikers ift durch ein
von ihm mit Vorliebe vertretenes Prinzip, das der Fähigkeit
des Dogmas' (tenacite du dogme), getragen. In eine
Einzeldiskuffion einzutreten verbietet fowohl der zuge-
meffene Raum als auch die Tatfache, daß fich Ref. nicht
zu den Spezialforfchern auf diefem Gebiet zählen darf.
Soviel fteht ihm aber feft, daß auch die proteftantifchen
Gelehrten an diefer Unterfuchung nicht vorüber gehen
können, wenn auch aus derfelben erhellen dürfte, daß fie
in erfter Linie einen wertvollen Beitrag zur Charakteriftik
des gegenwärtigen Katholizismus darftellt und die einzelnen
Schwierigkeiten beleuchtet, mit denen ein Gelehrter
zu ringen hat, der in den engen, durch die kirchliche
Autorität gezogenen Grenzen ein dogmenhiftorifch.es Problem
zu erörtern den Mut hat.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Cyon, E. v.: Gott und Wiffenfchaft. 2 Bde. Deutfche Ausg.
gr. 8°. Leipzig, Veit & Co. 1912. M. 7 —; geb. M. 8 —

I. Pfychologie der großen Naturforfcher. (XIV, 154 S. m. Bildnis
.) M. 3 — 2. Neue Grundlagen einer wiffenfchaftlichen Pfycho-
logie. (VI, 240 S. m. 2 Tafeln u. I Bl. Erklärgn.) M. 4 —.

Der Inhalt diefes zweiteiligen Buches des teils in
Rußland, teils und zwar bis zu feinem Ende 1912 erfolgten
Tode in Paris lebenden Phyfiologen deckt fich, einen
kleinen Einfchub abgerechnet, mit dem einteiligen fran-
zöfifchen ,Dieu et Science' (1910). Jedoch werden die
einzelnen Partien in gänzlich veränderter Reihenfolge dargeboten
, ohne daß fich fagen ließe, wir dürften in der
deutfchen Ausgabe eher eine gefchloffene Gedankenfolge
erwarten. Der erfte Abfchnitt des erften Bandes ift ,Evo-
lutionismus und Transformation' überfchrieben und hat
zwei Kapitel: I.Größe und Verfall des Darwinismus, 2. Der
Kampf der Wiffenfchaft gegen die Lehre Haeckels. Zu-
nächft lefen wir allgemeine Bemerkungen über die Entwicklungslehre
mit gefchichtlichen (,pfychologifchen')
Blicken auf E. Darwin, Lamarck und Ch. Darwin. Des
letzteren ,femininer Geift' wird für feine Refultate verantwortlich
gemacht. Auch das 2. Kapitel bietet nichts Beachtenswertes
; es fchließt mit dem gegenwärtigen Stand
i des Problems der Abftammung des Menfchen, dem im