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Ausgabe:

1914

Spalte:

327-331

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dölger, Franz Jos. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Konstantin der Große und seine Zeit. Gesammelte Studien 1914

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. it.

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der Verf. wenig Sorge macht), noch die anderen, daß das
abfolute 6 jtQsaßvrsQoq den Apoftel Johannes bezeichne
und daß Papias fein perfönlicher Schüler gewefen ift.

Nach den Ausführungen des Verfaffers ift die Ab-
faffung des Johannesevangeliums durch den Apoftel Johannes
fehr wahrfcheinlich, ja faft gefordert, obgleich diefer
Schluß den Lefern überlaffen wird. Da aber die drei
letztgenannten Behauptungen m. E. nicht bewiefen find,
fo fcheint mir das Problem nach wie vor fo zu liegen, wie
ich es in meiner .Chronologie' beftimmt habe: Die ephe-
finifchen Presbyter haben das Evangelium als
apoftolifch-johanneifch bezeichnet. Das ift die
letzte, aber fichere überlieferungsgefchichtliche Tatfache,
die wir kennen. Sie ift nicht lediglich aus Joh. 21 er-
wachfen, fondern auch felbftändig bezeugt.

Berlin. A. v. Harnack.

Konftantin der Grolle und feine Zeit. Gefammelte Studien. In
Verbindg. m. Freunden des deut. Campo Santo in Rom
hrsg. v.Prof.Dr. FranzJof.Dölger. (Römifche Ouartal-
fchrift. XIX. SuppL-Heft.) (XII, 448 S. m. 7 Abbildgn.
u. 22 Taf.) Lex. 8°. Freiburg i.B., Herder 1913. M. 20 —

Von den Veröffentlichungen, die das Konftantin-
Jubiläum des Jahres 1913 gezeitigt hat, ift ohne Zweifel
die umfangreichfte der von Dölger herausgegebene Band
.Gefammelter Studien', worin neunzehn .Freunde des
deutfchen Campo Santo in Rom' ihre Feftgaben zum genannten
Jubiläum und zugleich zum goldenen Priefter- I
jubiläum von Mgr. A. de Waal niedergelegt haben. Im
Vorwort verfichert der Herausgeber, daß es die erfte und j
letzte Feftfchrift fei, die er redigiere. Das wird kaum
jemand bedauern. Denn die hier gefammelten Auffätze
hätten, wie die meiften Feftfchriftenartikel überhaupt,
ebenfogut und noch beffer in verfchiedenen Zeitfchriften
ihren Platz finden können. Daß fie alle zufammengenommen
doch kein halbwegs vollftändiges und einheitlich gefchlof-
fenes Bild von .Konftantin dem Großen und feiner Zeit'
ergeben, muß Dölger felber bekennen. Auch dem Referenten
bleibt fo nichts anderes übrig, als den Inhalt der
einzelnen Beiträge kurz anzugeben und da und dort einige
Bemerkungen daran zu knüpfen.

1. Zuerft führt uns Engelbert Krebs in einem Auffatz
von 38 Seiten ,die Religionen im Römerreich zu Beginn
des vierten Jahrhunderts' vor oder vielmehr uns im Aero-
plan über fie hinweg. Daß man auf 1 '/s Seiten über
das Judentum und über das Chriftentum auf 5 Seiten für
den Ernftfall nur zu wenig fagen kann, liegt auf der Hand.
Der Artikel über das Chriftentum ift denn auch in der
Hauptfache nur eine einfeitig apologetifche, mit den
Farben einer Adventspredigt arbeitende kurze Auseinan-
derfetzung mit Otto Seeck.

Ob das .Religionsgemenge' Julians des Apoftaten das Prädikat ,klug'
verdient, das ihm Krebs aus kirchlich apologetifchen Gründen zuerkennt,
ift doch fehr zweifelhaft. Zu S. 9 und 32 wäre an die merkwürdige
Schrift Hermippus de astrologia dialogus zu erinnern, worin noch um
500 die Vereinbarkeit der Aftrologie mit dem Chriftenglauben dargetan
werden will. Der bekannte Berliner Literarhiftoriker und Verfaffer der
.altgermanifchen Religionsgefchichte' heißt nicht B. M. Meyer, wie auf
S. 26 dreimal zu lefen ift, fondern R. M. Meyer. Die Auseinanderfetzung
Reitzenfleins mit Krebs fleht in den .Göttingifchen Gelehrten Anzeigen',
nicht ,im Gött. Gel. Anzeiger' (S. 2r A. 3).

2. Jofeph Wittig unterfucht.DasToleranzrefkript von
Mailand 313' (S. 40—65) und kommt gegen Otto Seeck
einerfeits, Franz Görres andererfeits, und gegen Hermann
Hülle als Dritten zum Refultat, daß man zwar von keinem
.Mailänder Edikt', wohl aber von einem .Mailänder To-
leranzrefkript' reden dürfe, deffen Text uns bei Eufebius
in Überfetzung vorliege, während der Text des Laktan-
tius eine für die neueroberten Länder Maximins ausgefertigte
teilweife Wiederholung des mailändifchen Er-
laffes fei. Wittigs Beweisgang ift um fo beachtenswerter,
als diefer, in voller Unabhängigkeit, in denfelben Haupt- j
bahnen verläuft und zum felben Hauptergebnis führt wie |

die Darlegungen von Valerian Sefan (Kirche und Staat
im römifch-byzantinifchen Reiche feit Konftantin dem
Großen. I. Bd. Czernowitz 1911 S. 128—237).

Seecks Kritik einen .überrafchenden Angriff auf das ehrwürdige Dokument
' zu nennen (S. 46), ift doch eine ziemlich überflüffige Theologenträne
. Statt des zweimaligen .nikodemifch' auf S. 59 muß es natürlich
,nikomedifch' heißen.

3. Alfons Müller (der Verfaffer einer tüchtigen Differ-
tation ,Zur Überlieferung der Apologie des Firmicus Maternus
' Tübingen 1908) fucht in einer nicht gerade tiefgehenden
Studie .Lactantius' De mortibus persecutorum
oder die Beurteilung der Chriftenverfolgungen im Lichte
des Mailänder Toleranzrefkriptes vom Jahre 313' (S. 66—
88) die genannte grobe Tendenzfchrift als dramatifchen
Ausdruck der Gedanken und Gefühle der Chriftenheit
nach dem Mailänder Religionsfrieden verftändlich zu
machen. Die Einfeitigkeit des Laktanz wird natürlich
zugegeben, ihm aber doch als .großes Verdienft' angerechnet
, ,der hiftorifchen Methode einen neuen Weg gewiefen'
zu haben.

Aufgefallen ift mir, daß Müller von feinem Lehrer, dem Laktanz-
forfcher Belfer, nur ein Gymnafialprogramm vom Jahre 1889, nicht auch
feine Auffätze in der Tübinger theol. Quartalfchiift 1892 und 1898 erwähnt
. Die Inkompatibilität von Chriftentum und Kaifertum (S. 72) ilt
doch nicht ausfchließliche Anfchauung der vorkonftantinifchen Kirche (vgl.
meinen Vortrag .Konftantin der Große und das Chriftentum' 1913 S. 12 f.).

4. In feinem Auffätzchen ,S. Feiice Martire di Salona
sotto Diocletiano' (S. 89—95) erklärt Mgr. Fr. Bulic,
warum der Märtyrer Felix nicht, wie feine Landsleute und
Leidensgenoffen aus der diokletianifchen Verfolgung, fpäter
nach Rom transferiert wurde, fondern noch in Spalato
begraben liegt. (Nebenbei bemerkt muß ,apud Spellatensem
urbem' nicht bedeuten .presso la cittä di Spalato, nei
dintorni di questa cittä', da ,apud' im Spätlatein häufig mit
,in' fynonym ift.)

5. Johannes Maria Pfättifch, der fchon wiederholt
die .Rede Konftantins an die Verfammlung der Heiligen'
zum Gegenftand feiner Unterfuchungen gemacht und ihre
Echtheit verteidigt hat, gibt in feiner Studie (S. 96—121)
den Gedankengang diefer umftrittenen Rede wieder, wie
er fich ihm nach viermaliger Prüfung darftellt. Im Ettaler
Gymnafialprogramm 1913 behandelt derfelbe Gelehrte ,die
vierte Ekloge Vergils in der Rede Konftantins an die
Verfammlung der Heiligen'.

6. Alfred Wittenhaufer, der fchon öfters denSpuren
der Kurzfchrift in der alten Kirchengefchichte nachgegangen
ift, liefert einen fehr intereffanten und beachtenswerten
ftenographiegefchichtlichen Beitrag ,Zur Frage nach der
Exiftenz von nicänifchen Synodalprotokollen'(S. 122—142),
indem er die Zeugniffe für ftenographifche Aufnahmen
von theologifchen Disputationen und Synodalverhandlungen
aus der vornizänifchen Zeit und aus der nach-
nizänifchen Zeit bis zum afrikanifchen Konzil vom Jahre
411 zufammenftellt. Diefer Markftein ift deshalb gewählt,
weil vom 5. Jahrhundert an das erhaltene Aktenmaterial
ziemlich reich ift und die tachygraphifche Nachfchrift der
Verhandlungen auf Religionsgefprächen und Synoden
nachweislich allgemein herrfchende Sitte geworden war.
W. kommt zum Ergebnis, daß die Annahme, daß auf der
hochbedeutfamen Synode von Nizäa ein genaues Protokoll
geführt wurde, a priori die höchfte Wahrfcheinlichkeit für
fich habe und das Gegenteil bewiefen werden müßte.
Auch liege es fehr nahe, anzunehmen, daß die Aufnahme
der Verhandlungen zu Nizäa durch Stenographen aus
den Kanzleien des Kaifers und der hohen Provinzialbeamten
ganz oder im Verein mit kirchlichen Notaren gemacht
worden fei. Diefes Ergebnis fcheint mir richtig zu fein.

7. Generalleutnant z. D. Karl Ritter von Landmann
fchildert in feinem Beitrag .Konftantin der Große als Feldherr
' (S. 143—154) die drei großen Feldzüge des niemals
befiegten Kaifers von 312, 314 und 324, wobei er bezüglich
der Gründe, die Maxentius bewogen, das fefte Rom
zu verlaffen und dem Gegner eine Schlacht zu liefern, von
Seeck abweicht.