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Ausgabe:

1914 Nr. 11

Spalte:

325-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoennicke, Gustav

Titel/Untertitel:

Die Apostelgeschichte, erklärt 1914

Rezensent:

Knopf, Rudolf

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Seite 1

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325

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. II.

326

,Menfchliches Unvermögen und Gottes Gnade', zeigt i
Dalman zunächft, daß alle Gedanken der Perikope vom j
leidenden Gottesknecht in ihrem richtigen Verftändnis
durch das jiidifche Schrifttum alter und neuer Zeit hin [
vielfache Vertretung finden, und daß füglich erft das
Judentum der Gegenwart diefe dem Chriftentum fich
nähernden Regungen und Strebungen als dem echten
Judentum fremd von fich abweift und verleugnet (S. 11,
vgl. auch S. 46 f. 48 f.), um die Allgenugfamkeit des Ge-
fetzes und feiner Befolgung zu behaupten. In dem letzten
Abfchnitt, .Weisfagung und Gefchichte', gibt der Verf.
den berichtigten Text des Kapitels mit feiner Überfetzung
und ganz kurzen Anmerkungen, um mit einem Hinweis
auf die in Jefu Chrifto Gefchichte gewordene Erfüllung
der Weisfagung abzufchließen.

Schon im Vorwort ftellt D. feft, daß fein eigener
Gefichtswinkel gegenüber Jef. 53 feit der erften Auflage
in einem wefentlichen Stück ein anderer geworden ift.
Schon damals zwar war ihm der Knecht Gottes ,im Sinne
des Propheten nicht der meffianifche König, fondern eine
kollektive Größe', aber doch eine folche, die ,von Israel
unterfchieden und auch an ihm wirkfam wird.' Jetzt er-
fcheint fie ihm ,als eine Perfonifikation Israels unter dem
Gefichtspunkt des ihm von Gott gegebenen prophetifchen
Berufes an die Welt, die dem entfprechend nicht Israel,
fondern den Völkern gegenüberfteht'. Daß ich diefe
Schwenkung als durchaus berechtigt anerkenne und mit
Freuden begrüße, brauche ich kaum erft zu fagen. Aber
fragen mag man, ob von diefem neu gewonnenen Verftändnis
aus Jef. 53 noch als Hebel für die Judenmiffion
verwendet werden kann. Soll Israel gegen Pf. 49, 8
fich felbft freikaufen? Nun glaube ich, daß die Anwendung
von Jef. 53 auf Jefus Chriftus von keinem Verftändnis
aus fo berechtigt, ja felbftverftändlich ift, als wenn er
die Schuld feines ganzen Volkes einlöft, wenn er das
Werk, das diefem vom Propheten übertragen, aber nicht 1
von ihm geleiftet war, mit feinem ,Es ift vollbracht' zu
Ende führt. An diefem Scheitern Israels gegenüber feiner j
Aufgabe als Weltenapoftel trug gewiß vielerlei die Schuld,
und längft nicht alles ift Israel zur Laft zu legen. Aber
wenn es in den Jahrhunderten, die auf unfren Propheten
folgten, fich auf eine Ausprägung feiner Jahwereligion zu- |
rückzog und endgültig feftlegte, die, fo begreiflich fie als I
Übergangsftadium erfcheint, doch weit unter die Höhe !
des Prophetentums überhaupt, gefchweige eines Deutero-
jefaja zurückfinkt, fo ift es eben nicht mehr das Israel,
das der Prophet in dem .Knecht Jahwes' anfchaute und
mit feinem unvergleichlich großen Berufe ausftattete. Es
weicht dann von felbft zurück unter die Völker, für die
jener Knecht gelitten hat, und muß feine Lehrzeit von
neuem beginnen, bis es mit uns einftimmen kann in das
,Wer hätte geglaubt?' unfres herrlichen Hymnus. Daß
das Israel fchwerer wird als allen andern Völkern, wer
wollte ihm das verargen? Der Nachweis Dalmans aber,
daß die Ahnung der Erlöfungsreligion, die Sehnfucht nach
ihr, unter den Vätern des heutigen Israel nie ganz ausgeftor-
ben ift, kann dabei ficherlich gute Hilfe leiften, und fo darf
man auch heute noch dem fchönen Schriftchen fein volles
Recht zugeftehen und Segen von ihm erhoffen.

Marburg. K. Budde.

Hoennicke, Prof. D. Dr. Guftav: Die Apoitelgefchichte, erklärt
. (Ev.-theol. Bibliothek. Kommentar zum N. T.)
(XII, 140 S.) 8°. Leipzig, Quelle & Meyer 1913.

M. 3.20; geb. M. 3.60

Die vorliegende Erklärung, ein Band des modern-
pofitiven Kommentarwerkes, ift vom Standpunkte einer
gemäßigten, aber doch ziemlich deutlichen Kritik aus
gefchrieben, wie fie an der Apgfch. angewandt werden
muß, wenn es zu einigermaßen zuverläffigen Ergebniffen
kommen foll. H. hält die Apgfch. für das Werk des

Lukas, diefer aber war bei der Zufammenftellung feines
Werkes auf fchriftliche Quellen und auf mündliche Mitteilungen
anderer angewiefen. Außerdem find gewifle
Lieblingsideen nicht zu verkennen, nach denen der Stoff
o-eordnet wird. Diefe Ideen find zum guten Teil helleni-
ftifch. Lukas erzählt die Dinge fo, wie er bona fide dachte,
daß fie gefchehen fein müßten. Auch die Reden find von
ihm felber nach der Methode der antiken Gefchichts-
fchreiber entworfen und eingefügt. Entftehungszeit des
Buches ift: das Zeitalter der werdenden katholifchen Kirche,
um das Jahr 80 etwa mag man es anfetzen. In der Frage
nach der Gefchichtlichkeit von Kap. 15, dem viel um-
ftrittenem, urteilt, um ein Beifpiel zu geben, H. fo: Lukas
hat die Verhandlungen der Urgemeinde, durch die es zum
Apofteldekrete kam, irrtümlicherweife mit den Verhandlungen
in Eins gefetzt, von welchen Paulus Gal. 2 fpricht,
die gefchichtlichen Verhältniffe waren ihm eben nicht
mehr durchfichtig. Die Fällung des Dekretes felber ift
lukanifch. Die darin niedergelegten Forderungen find
indeß von den Urkreifen nach dem Zufammenftoß Gal.
2,11 f. aufgeftellt worden.

Der Kommentar ift pädagogifch gut angelegt, und wird namentlich
vom jüngeren Studenten mit viel Nutzen gebraucht werden. Die gefamte
Apgfch. wird in 7 Abfchnitte zerlegt (1—5 ; 6—8, 3; 8, 4—12; 13—15. 34 ;
15,35—19,40; 20—23; 24—28). jeder diefer Abfchnitte wird nun fo
behandelt, daß zunächft (I) die Kompofition dargelegt wird; dann wird
(II) die Exegefe gegeben, die natürlich den großen Abfchnitt in kleinere
Unterteile zerlegt; hierauf kommt (III) die Quellenfrage zur Hehaudlung
(mündliche oder fchriftliche Überlieferung, Augenzeugenfchaft); uud endlich
fetzt (IV) die hiftorifche Kritik ein, die ebenfo wie die Auslegung
in dem oben gekennzeichneten Geifte geführt wird. Die Auslegung bringt
eine Menge von fprachlichen, auch textkritifchen Bemerkungen. Doch
ift fie im Ganzen ziemlich knapp gehalten.

Von den Einzelheiten, die ich mir angemerkt habe, hebe ich noch
einige heraus: S. 9 fcheint mir das Urteil über die Darftellungskunft des
Lukas zu panegyrifch zu fein, obgleich ficher von ihr hoch zu denken
ift. S. 13; Ift wirklich nur Paulus die Hauptperfon in der Apgfch. f
S. 14: Daß .Lukas' keine politifchen Teudenzen verfolge, glaube ich nicht.
S. 46: einen Theudas, der in der letzten Zeit Herodes' d. Gr. auftrat,
gibt es nicht; der Hinweis auf Jofeph., Ant. XVII 10, 5 f. führt irre. S. 55:
Sagt denn die Apgfch. wirklich, daß fich die Verfolgung von 8, I nur
auf die Helleniften erftreckte? Merkwürdig ift die Faffung S. 66: . .
eine anfehnliche Menge, fo daß die Jefusgläubigen als felbftändige Re-
ligionsgefellfchaft betrachtet wurden und den Namen .Chriften' erhielten.
S. 87: die fchon oben angeführte Annahme einer Verwechfelung der Verhandlungen
(in 15, 1—34) leidet an großen Schwierigkeiten; wie kommen
Paulus und Barnabas in eine Verhandlung der Urgemeinde? Auch müßte
die Quelle fchon die Verwechfelung begangen haben. S. rot hören wir
über 19, Ii—20, daß die Schilderung teils dunkel teils fehr legendenhaft
fei, hingegen S. 105, daß die Erzählung über den ephefinifchen Aufenthalt
von großem hiftorifchen Werte fei. S. 119: Wiefo ftimmt die Zeichnung
des Paulus in 23, I —10 mit dem überein, was wir fonft vom Charakter
des Paulus willen? — Die Art, wie hin und her in dem Buche der
Schriftfteller entladet, die von ihm verarbeitete Überlieferung befchuldigt
wird, wirkt etwas zu ftark apologetifch.

Bonn. Rudolf Knopf.

Larfeld, Prof.Dr.Wilhelm: Die beiden Johannes von Ephelus,

der Apoftel u. der Presbyter, der Lehrer u. der Schüler.
(IV, 186 S.) 8«. München, C. H. Beck 1914. M. 4.50

Diefe neue gründliche Unterfuchung des umftrittenen
Papiasfragments (Eufeb., h. e. III, 39,3 f.) und der verwandten
Stücke ftellt mit guten Gründen feft,

1. Daß die ,XQEößvr£Qoi' des Papias nicht die Apoftel
find und fie auch nicht einfchließen,

2. Daß der Apoftel Johannes nach langem Leben
eines natürlichen Todes geftorben ift,

3. Daß Papias den Apoftel Johannes für den Verfafier
des 4. Evangeliums gehalten hat.

Der Verfaffer macht ferner die Hypothefe aus fachlichen
und graphifchen Erwägungen recht wahrfcheinlich,
daß für (Agiarimv xai 6 xQEOßvtEQoq 'imävvrjq) rov xvpiov
fialrrjxai vielmehr rov 'imavvov [ia9-r)xai zu lefen ift. Diefer
Nachweis ift das Glanzftück der Unterfuchung.

Dagegen fcheint mir weder der Nachweis gelungen,
I daß in den ,jtQEößvxEQOi' doch auch der Apoftel Johannes
ftecke (diefe Behauptung hat gegenüber dem, was sub 1
! ausgeführt ift, den fchwerften Stand, worüber fich aber