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Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

306-307

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köhler, Dietr.

Titel/Untertitel:

Reformationspläne für die geistlichen Fürstentümer bei den Schmalkaldenern 1914

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 10.

Rituale. Als Bifchof hatte er nicht nur das Recht, fon- | nachgewiefen zu haben, teilen fich diePaläographen mit den
dem auch die Pflicht, auf die Erhaltung der liturgifchen ] Kunfthiftorikern.BefondersdenUnterfuchungenvonE.Hein-
Tradition zu dringen und den Pfarrern feiner Diözefe Ein- j rieh Zimmermann, die huldaer Buchmalerei in Karohn-
heitlichkeit in der Abhaltung gottesdienftlicher Amtshand- . gifcher und ottonifcher Zeit (in ,Kunftgefchichtliches Jahrlungen
vorzufchreiben. Diefem rein äußerlichen Momente buch der K. K. Zentralkommiffion für Erforfchung und
verdanken wir die Entftehung des Rituale, das als das Erhaltung der Kunft- und hiftonfchen Denkmale' 1910,
erfte bekannte Buch diefer Art von nicht geringer hifto- : h. v. Prof. Dr. M. Dvorak, Wien) verdanken wir da mancherlei
rifcher Bedeutung ift. Die Handfchrift A 5 des Dom- j einwandfreie Aufklärung. Doch nicht nur die Buchmalerei
kapitels in Breslau, die dies Rituale enthält, ift die ein- und die Schreibftube in Fulda genoffen großes Anfehen,
zige derartige, die erhalten ift. Vermutlich muß einmal j das Klofter war, wie R. in feiner Einleitung S. VIIf. nach-
die Zahl der in Klofter- und Pfarrkirchen des fchlefifchen j zuweifen facht, auch eine wichtige liturgifche Zentralftelle.

Landes gebrauchten handfehriftlichen Ritualien, Pontifika-
Hen, Manualien und andren liturgifchen Bücher eine
recht beträchtliche gewefen fein. Erhalten ift wenig, an
die Bedeutung des Rituale Henrici reicht nichts heran.
Huffitenkriege und der Dreißigjährige Krieg, Plünderungen
und Feuersbrünfte haben viel zerftört. Auch die mannigfachen
Verftändnislofigkeiten und Nachläffigkeiten der Sä-
kularifation haben viel verdorben. So haben wir mit dem
von Franz mufterhaft herausgegebenen Rituale ein gerettetes
Glanzftück kirchlicher Schreibkunft des 14. Jahrhunderts
— die Zufätze fpäterer Hände find für den Gefamt-
wert der Handfchrift ohne Bedeutung — das auch bei dem
Kunfthiftoriker rege Beachtung finden darf. Bei Er-

So darf man von einer Veröffentlichung der genannten
Handfchriften mancherlei Bereicherung unferes liturgifchen
Wiffens erwarten. Der vorliegende Band bringt den Abdruck
des uns allen teuren Göttinger Kodex, der die alt-
hochdeutfehe FuldaerBeichte enthält: Ih uuirdu gote almah-
tigen bigihtig . . . (Müllenhof-Scherer, Denkmäler Nr. 73).
R. hat fich bei dem Abdruck der Handfchrift der Hilfe
Schönfelders, des Herausgebers der liturgifchen Bibliothek
, zu erfreuen gehabt. Der Göttinger Text wird ohne
Kollationierung mit den andren — was die z. T. ftarke
inhaltliche Verfchiedenheit kaum geftatten würde — wiedergegeben
, nur an zwei Lücken der Göttinger Hf. muß die
Bamberger einhelfen. Die 43 beigegebenen Tafeln, z. T.

örterung der mufikalifchen Einrichtung des Rituale hält fchon bei Zimmermann a. a. O. veröffentlicht, geben, wenn
fich Fr. an Joh. Pawlitzkis Buch ,die Breslauer Ritualien',] auch farblos, ein Bild von der Prächtigkeit der Handin
der Textkritik und in den Erläuterungen fteht der I fchrift. Ein fpäteres Heft der .Quellen und Abhandlungen'
Herausgeber auf allereigenftem und felbfterobertem Boden. | wird eine liturgiegefchichtliche und kunfthiftorifche Wür-

In übergroßer Befcheidenheit meint der Verf. ,Daß ich
dabei fehr oft meine eigenen, früher veröffentlichten
Bücher erwähnen mußte, empfand ich felbft läftig, konnte
es aber nicht vermeiden'. Das ift in der Tat nicht zu
vermeiden gewefen. Die Ausftattung, Druck, Papier und
Tafeln — diefe von Hubert Köhler-München — find
fchlechthin hervorragend.

Nicht ganz fo glänzend, aber umfangreicher und nicht
minder gediegen ift die Feftgabe der Fuldaer Diözefe
für ihren früheren Oberhirten. Auch an diefer Publikation
hat Franz, wenn auch nur indirekt, reichlichen Anteil
. Franz hat 1904 bei Herausgabe des Rituale von
St. Florian aus dem 12. Jahrhundert darauf hingewiefen,
daß die mittelalterlichen liturgifchen Bücher in England
und Frankreich recht lebendiges Intereffe finden, daß
in Deutfchland auf diefem Gebiete dagegen eine be-

digung der Göttinger Hf. fowie auch textkritifche Bearbeitung
des hier nicht abgedruckten Kalendariums bringen.

Wolfenbüttel. Otto Lerche.

Köhler, Dr. Dietr.: Reformationspläne für die geiltlichen
Fürftentümer bei den Schmalkaldenern. Ein Beitrag zur
Ideengefchichte der Reformation. (238 S.) gr. 8°.
Berlin, E.Ebering 1912. , M. 5 —

Der Titel, den der Verfaffer feiner Arbeit gegeben
hat, läßt den Inhalt derfelben nicht mit der wünfehens-
werten Deutlichkeit erkennen. Daß er darfteilen wollte,
,wie man im fchmalkaldifchen Lager über die Exiftenz
geiftlicher Fürftentümer dachte, ob fie im Einklang zu
bringen wäre mit den Ideen und Forderungen der Refor-
fchämendeTeilnahmelofigkeitherrfche. SeftMart.Gerbert, mation, ob man fich klar war über die Schwierigkeiten,

dem Herausgeber altdeutfcher Liturgien 1776 77, ift tat- ! die deren Annahme gerade bei den geiftlichen Fürften

fächlich nichts Erwähnenswertes gefchehen. Und doch
ift für die Kenntnis der Geftaltung der Liturgie im deut-
fchen Mittelalter der Abdruck einiger hervorragenden
Sakramentarien, Miffalien und ähnlicher Bücher durchaus
erforderlich. Und fünf Jahre fpäter in feinem Vorwort
zu den .kirchlichen Benediktionen im Mittelalter' klagt
derfelbe Autor (Franz) über den Mangel genügender Publikationen
liturgifcher Texte. Richter hat für feinen Textabdruck
einen hervorragenden Göttinger Kodex gewählt,

hatte' vermutet man nicht, auf den bloßen Titel gefehen.
Es fragt fich überhaupt, ob die aufgeworfene Frage eine
eigene Unterfuchung in folchem Umfang nötig machte.
Als die Schmalkaldener Bundesgenoffen auf den Plan
traten, waren die erften Zeiten der Reformation vorbei;
die Wogen der Begeifterung hatten fich geglättet. Es
kam den meiften Schmalkaldenern nicht fowohl darauf
an, neue Gebiete zu gewinnen, als das Gewonnene zu
behaupten. Am allerwenigften gab man fich der Hoffnung

deffen Beziehungen zu Fulda einwandfrei feftftehen, während | hin, einen geiftlichen Fürften für Annahme des neuen
die Beziehungen zu Wolfenbüttel, von denen R. nichts fagt,
umftritten find. Es ift bekannt, welch hohe kulturelle Bedeutung
das Klofter des heiligen Bonifatius feit feiner Gründung
gehabt hat. Auch auf dem Gebiete der Liturgie, dem
Karl d. Große ein nicht geringes Intereffe widmet, und wo
er dem Missale Romanum überall Eingang zu verfchaffen

Glaubens gewinnen zu können. So fehlte eigentlich jeder
Anlaß, fich mit dem aufgeworfenen Problem zu befchäf-
tigen; viel wichtiger war die andere Frage, wie es mit
der Verwendung des Kirchengutes in den einzelnen Territorien
gehen follte; diefe Frage war die brennende, fie
führte die Schmalkaldener immer wieder zufammen; das

fuchte, ift Fulda für viele Kreife maßgebend gewefen. Die i Kammergericht forgte dafür, daß diefe Frage nicht zur
gerühmte Fuldaer Schreibftube fertigte weitverbreitete i Ruhe kam. Es war eigentlich nur Buzer, der fich mit
gottesdienftliche Handbücher an, die heute eift zum I folchen Gedanken befaßte und das große Ziel einer geTeil
als fuldifch erkannt find. Neben dem Cod. theol. meinfamen Regelung der religiöfen Frage im deutfehen
231 zu Göttingen find als fuldifch beftimmt anerkannt Reiche nicht aus dem Auge ließ.

1) Cod. A II, 52 Bamberg, 2) Cod. 181 Vercelli, bibl. ca- j Deshalb tritt in der vorliegenden Arbeit vor allem
Cot, 3) Cod. lat. 3548 Vaticana-Rom, 4) Cod. 75. V. Udine Buzer mit feinen Ideen, die er in manchen Schriften
bibl. capit. und 5.) Cod. lat. 10077 München. In das niedergelegt hat, hervor. Es wird richtig gezeigt, wie er
Verdienft, die Zufammengehörigkeit diefer Texte — fo- ! lernte, immer mehr fich den Verhältniffen anzupaffen; er
weit fie nicht fchon inhaltlich durch befondere Feiern bewährt fich auch hier als der hoffnungsfrohe Vermittler,
für Bonifatius und Lioba als fuldifch erkennbar find — : der nie an der Erreichung feiner Ziele verzweifelt. Da-