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Ausgabe:

1914 Nr. 10

Spalte:

302-303

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stuhlfath, Walter

Titel/Untertitel:

Gregor I. der Große. Sein Leben bis zu seiner Wahl zum Papste nebst einer Untersuchung des ältesten Viten 1914

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 10.

302

Oeoroxoq bis zu feinem, unmittelbar vor dem Chalcedo-
nense erfolgten Tode, kurz vor welchem er noch die Satisfaktion
erlebte, die ihm durch die Kunde von der Stellungnahme
der Flavianus und Leos zu Teil wurde. Hätte er freilich
noch den Ausgang des Chalcedonense erlebt, fo
hätte er aufs neue erfahren, daß die Kirche für feine
Perfon keine Gerechtigkeit mehr hatte. Parallel zu den
Darlegungen vonLoofs über die Vorgefchichte desEphe-
finums in diefer Vorlefung geht die ausführliche, auch
in die dogmatifche Frage eindringende Abhandlung von
Schwartz. Es ift erfreulich zu fehen, daß die bisherige
Forfchung nicht auf einem Irrwege war, und daß die
fchärfere Erfaffung einiger Detailvorgänge an den Hauptzügen
des Bildes nichts ändert. Ein ökumenifches Konzil
von Ephefus hat es im J. 431 nicht gegeben, und
Cyrill war vor, auf und nach dem Konzil immer derfelbe
fkrupellofe Politiker. Die dritte Vorlefung beginnt mit
einer fehr umfichtigen Chaiakterifierung des Neftorius,
in der zahlreiche Züge, die die neuen Quellen bieten,
verwertet find. Auch hier darf man fagen: wir fehen
jetzt deutlicher und ficherer als früher, aber wir fehen
nicht anders. Klarer aber ift geworden, daß nicht der
Charakter des Neftorius ihm den Hals gebrochen hat,
fondern feine Lehre, und diefe Lehre nur deshalb, weil
fie in eine Epoche der fich entwickelnden chriftologifchen
Kontroverfe fiel, in der es noch unbeftimmt war, in
welcher Formel fich die Lehre fchließlich wiederfchlagen
würde. In diefer Epoche hatte ein Willensmenfch wie
Cyrill — zugleich ein Todfeind des Neftorius, der aber
Grund hatte ihn zu fürchten, unde major ejus audacia —
daher noch ziemlich freien Spielraum zu behaupten und
zu verdammen. Wasnundie Darftellungderchriftologifchen
Lehre des Neftorius bei Loofs betrifft, fo kann ich ihr
rückhaltslos beiftimmen. Sowohl die Ausführung über
.Profopon' als auch — damit zufammenhängend — die
Zurückweifung der Verfchiebung der Lehre zu Gunften
der Orthodoxie des 6. Jahrhunderts (Bethune-Baker)
ift fachgemäß: man muß dem Chriftus im Sinne des Neftorius
zweiHypoftafen, man mußihm ferner ein feftes Profopon
, man muß ihm endlich auch ein wechfelndes Profopon
beilegen; man darf in feinem Sinne auch von einer
Menfchwerdung des Logos in Anfehung des Seelifchen
fprechen, aber nicht von einer fubftanziellen bzw. hypo-
ftatifchen Union. In der vierten Vorlefung folgt nun
die Unterfuchung über die Stelle, die der Chriftologie
des Neftorius innerhalb der chriftologifchen Lehrentwicklung
zukommt. War er in feinem Zeitalter orthodox,
war er überhaupt orthodox? Die zweite Frage ift zu-
nächft gar nicht zu beantworten; denn der Maßftab, den
man hier anwenden muß, die Entfcheidung von Chalcedon,
ift in fich widerfpruchsvoll und verfchiedener Auslegung
fähig. Neftorius hätte diefe Entfcheidung in einer be-
ftimmten Ausdeutung fo gut annehmen können wie Theo-
doret und Leo L Alfo war er orthodox! Aber das
Chalcedonense ift nicht das letzte chriftologifche Wort
der Kirche, fondern das Konstantinopolitanum von 553,
und an diefem Maßftab gemeffen, ift Neftorius nicht orthodox
; auch die Entfcheidung des 6. Konzils ändert
nichts. Diefe Darlegung vonLoofs ift völlig einleuchtend.
War Neftorius aber in feiner Zeit orthodox, bez. kommt
feiner Lehre, gemeffen am chriftlichen Altertum, ein
befferes Recht zu als der des Cyrill? Diefe Frage erörtert
Loofs auf den letzten 23 Seiten, um fie zu bejahen.
Neftorius hatte nicht nur die korrekte Überlieferung der
bis zu Euftathius zurückführenden antiochenifchen Schullehre
für fich, fondern diefe Schulüberlieferung felbft ift
nur eine Erfcheinungsform einer chriftologifchen Überzeugung
(Coexiftenz der forma servi und forma dei;
assumptus homo etc.), die fich bis zu Tertullian zurückführen
läßt. Alfo, fo fchließt Loofs, gibt es hier ein
noch älteres gemeinchriftliches, weil in Oft und Weft fich
findendes chriftologifches Schema (das ökonomifch-, bez.
transeunt-trinitarifch-monotheiftifche), das fich im Sardi-

cense befonders kräftig zum Ausdruck gebracht hat, in
Marcell, der ficherlich nicht von lateinifcher Theologie
beftimmt war, einen literarifchen Verteidiger befitzt, bei
Novatian-Tertullian zum Ausdruck kommt und fchließlich
auf eine ,vorapologetifche' Konzeption zurückgeht, die
fich auf Kleinafien und Syrien zurückführen läßt, weil
man fie bei Irenäus und Ignatius nachzuweifen vermag.
In der Gefchichte diefer uralten Konzeption weift Loofs
der Lehre des Neftorius ihren Platz an, wenn fie auch
durch manches Origeniftifche modifiziert erfcheint. Sie
rechtfertigt die Lehre des Häretikers (im höheren ge-
fchichtlichen Sinn) als orthodox gegenüber der fiegreichen
Lehre von der myftifch-immanenten Trinität und der
tvcoöiq xaxa <pvöiv mit ihren Mythologien und Abfurdi-
täten.

Loofs hat diefes großzügige Entwicklungsbild nicht
zum erften Mal vorgetragen und ohne Zweifel gebührt ihm
das hohe Verdienft, alles, was hier einfchlägt, genau unter-
fucht und uns feine Bedeutung erft gelehrt zu haben.
Eine andere Frage ift, ob fich das Einzelne hier wirklich
fo zufammenfügen läßt, ob die .Trübungen' dort und hier
nicht vielmehr wefentliche Züge find, fo daß fich nicht
zwei runde trinitarifche Schemata gegenüberftehen, und
ob bei gewiffen Erfcheinungen in diefer Reihe (fo auch
bei Neftorius) nicht auch auf das alte adoptianifche Element
zurückzugreifen ift. Was aber die runde Frage
nach der Orthodoxie des Neftorius betrifft, fo antworte
ich: Cyrill hat richtig erkannt, daß dem Neftorius bei
aller Orthodoxie zwei wichtige Elemente der Orthodoxie
gefehlt haben — das myftifche und das abfurde.

Berlin. A. v. Harnack.

Stuhlfath, Dr. Walt: Gregor I. der Große. Sein Leben bis
zu feiner Wahl zum Papfte nebft e. Unterfuchg. der
älteften Viten. (Heidelberger Abhandlungen zur mittleren
u. neueren Gefchichte. 39. Heft.) (X, 112S.) gr. 8°.
Heidelberg, C. Winter 1913. M. 3 —

Das Befte an dem Werk Stuhlfaths ift der dritte, den
älteften Lebensbefchreibungen Gregors gewidmete Teil
und der Abdruck des nicht interpolierten Textes der Vita
Gregorii von Paulus Diaconus. Auch in dem Hauptteil
(S. 7—62), der Darftellung von Gregors Leben bis 590 hat
er außer allgemein Bekanntem und zweifelhafter pfycho-
logifcher Würdigung Brauchbares geboten, z. B. den
verbreiteten Irrtum, daß Gregor noch 585 Abt in feinem
römifchen Klofter gewefen fei, widerlegt.

Aber für eine Spezialunterfuchung finden fich in dem
Büchlein gar zu ftarke und auffällige Fehler. Die angeführten
Papftdaten find fämtlich falfch:

Johannes III foll S. 25 von 559—573, S. 48 von 560—573 regiert
habe, Iienedict I S. 29 von 574—578, nach S. 38 wäre Pelagius II am
27. Nov. 598 ordiniert worden. Die richtigen Daten lauten: 561—574;
575—579, 26. Nov. 579. Die Quellenzitate darren von Fehlern; S. 40
Nr. 6 ift hinter dem Wort necessaria mehr als I Zeile ausgefallen; S. 37
Nr. 2 verbeffere Reg. VI 27 in VII 27 und in der vorletzten Zeile cum
in eum, fecit in feci. S. 36 lieft man im Text Quis ft. quia, executit ft.
excutit, quidem ft. quietem, suspectum ft. susceptum: 4 fchwere Fehler in
8 Zeilen.

Ähnlich fteht es um das Zitat auf S. 20 Nr. i, wo fogar
praeturam gedruckt wird, obwohl der Verf. praefecturam
gelefen haben will. An derfelben Stelle wird man auch
über den Index episcoporum Mediolanensium, den fchon
vor Papebroch Mabillon publiziert hatte, mangelhaft informiert
. Ich weiß nicht, aus welcher Ausgabe der Acta
Sanctorum dort St. fchöpft. Aber aus keiner konnte er
entnehmen, daß Papebroch den Index abgefchrieben hat.
Vielmehr hat dies Henfchen getan, und der erfte Teil
diefes Index bis c. 570 ift nichts weniger als .wertlos'.
Kaum glaublich erfcheint, daß St. vom Todestag des
Laurentius II wegen der (natürlich abgerundeten!) Regierungszeit
19 Jahre 7 Monate ,auf den 21, Januar (kein
Sonntag!)' 573 als Ordinationstag fchließt, und uns ver-
fichert, Laur. habe feine cautio einige Zeit vor der con-