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Ausgabe:

1914 Nr. 10

Spalte:

300-302

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwartz, Eduard

Titel/Untertitel:

Zur Vorgeschichte des ephesinischen Konzils 1914

Rezensent:

Harnack, Adolf

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299

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 10.

300

Hauptteil zur Zeitbeftimmung. Er zeigt nämlich, daß
Commodian nicht, wie Brewer annimmt, die Apoftolifchen
Konftitutionen, fondern deren Grundfchrift, die Didaskalie,
benützt (S. 35 ff.), und in der Verfolgungszeit gelebt hat
(S. 50fi.), daß die von Brewer gegen das dritte Jahrhundert
und zu Gunften des fünften Jahrhunderts geltend gemachten
Inftanzen nicht ftandhalten (S.82ff), dagegen die dogmen-
gefchichtlichen Elemente bei Commodian durchaus für
die zweiteHälfte des dritten Jahrhunderts fprechen (S. 104fr.).
Sehr beachtenswert ift dabei, wie M. den modaliftifchen
Monarchianismus unfers Dichters auf die Linie der Kailift'
fchen Eintrachtsformel bringt und fo feine harmlofe Zugehörigkeit
zur Kirche erklärt. In einem Anhang wird
eine direkte Abhängigkeit Commodians von Hippolyt
in Abrede gezogen und die Ähnlichkeit auf eine gemein-
fame Quelle zurückgeführt, in einem zweiten wird für
,Cyrus' im CA. 823 vorgefchlagen ,Syrus'. Auch fonft
werden fehr plaufible Textverbefferungen angeregt z. B.
Inftr. I, 18,18 .aliud'ftatt ,aluit' (S. 89), I, 32,2 ,tuus' ftatt
,novus' (S. 104). Was die Abfaffungszeit betrifft, fo wird
nach M. ,die Vermutung, daß das Carmen nach der Verfolgung
des Decius und vor derjenigen Valerians ge-
fchrieben fei, fo ziemlich zur Gewißheit' (S. 59). Als Ab-
faffungsort dagegen betrachtet M. nicht Afrika — die
enge Anlehnung an Cyprian beweife dies nicht (S. 138)
und Inftr. II, 25 ,De pace subdola' und II, 29 .Majoribus
natis dico' hätten kein Schisma und nicht fpezififch afri-
kanifche Verhältniffe im Auge, fondern nur einen Zwift
innerhalb einer Kirchengemeinde (S. 71 ff) —, vielmehr
Commodians Heimat, Syrien. Dabei fcheint ihm aber die
Schwierigkeit, wie ein in den fünfziger Jahren des dritten
Jahrhunderts in Syrien fchreibender Autor die Schriften
Cyprians benutzen konnte, wie es auch M. bei Commodian
zugibt, gar nicht aufgeftoßen zu fein. Und warum
dichtet ein in Syrien lebender Mann lateinifch? Daß
Commodian aus Syrien kommt, hat allerdings vieles für
fich, namentlich auch die Benutzung der Didaskalia. Freilich
erhebt fich fofort die andere Schwierigkeit, wie ein
zwifchen Decius und Valerian dichtender Syrer, zumal
wenn er in Afrika lebte, fchon die Didaskalia benutzen
konnte, die doch meift felber in die zweite Hälfte des
Jahrhunderts verlegt wird. Sollte die Didaskalie doch in
die erfte Hälfte gehören? Auch fonft flehen wir noch
vor manchem Rätfei: wie kommt ein fo belefener Mann
wie Commodian, der die heilige Schrift, Tertullian, Cyprian,
die Didaskalia kennt, zu feinem fchlechten Latein? Hängt
das mit feiner fyrifchen Abftammung zufammen? Oder
füllte der .Bettler Chrifti', wie auch fchon vermutet wurde,
abfichtlich die Sprache der Armut und Niedrigkeit reden?
Martin hat Recht, wenn er zum Schluß fagt, daß noch
,ein fchönes Stück Arbeit zu tun übrig bleibt'. Gerne
möchte man ihm felber auf dem Gebiete der Commodian-
forfchung und der Patrologie überhaupt wieder begegnen.

Außer den Commodianftudien Martins enthält das
Heft der TU noch eine Publikation Greßmanns: den grie-
chifchen Text der ,jtaQatvtöig jrpöc. JtaQ&ivov' und des
,nQoc zovg hv xoiroßioig rj avvodiaig fiorayovg' von Euagrios
Pontikos. Beide ,oziyjjgd', wie fie Sokrates nennt, waren
bis vor kurzem nur in alten lateinifchen Überfetzungen —
Greßmann nennt nur dieÜberfetzung Rufins, Bardenhewer
(Gefch. d. altkirchl. Lit. III, 96 A 2) noch eine zweite von
einem Unbekannten — veröffentlicht. 1912 edierte Frankenberg
eine fyrifche Überfetzung des .Nonnenfpiegels'
(nebft anderen Werken des Euagrios in fyrifcher Überfetzung
). Nun bietet Greßmann erftmals den griechifchen
Text des .Nonnenfpiegels' und des .Mönchsfpiegels', von
denen er jenen in einer einzigen vatikanifchen Handfchrift,
diefen in vier Handfchriften (Vatikan und Athos; eine
fünfte enthält nur zwei Doppelverfe) fchon vor Jahren
entdeckt hat. Gr. hat nicht einfach die griechifche Überlieferung
abgedruckt, fondern den Text mit Hilfe der
fyrifchen und lateinifchen Überfetzungen, die fich gegen-
feitig kontrollieren, kritifch herzuftellen gefucht. Außer

der fchon von Frankenberg herausgegebenen fyrifchen
Überfetzung konnte nämlich Gr. noch eine zweite fyrifche
Überfetzung des .Nonnenfpiegels', fowie eine folche des
.Mönchsfpiegels' heranziehen, wie er überhaupt in der
Einleitung bemerkt, daß er faft das gefamte von Frankenberg
herausgegebene Material in eigenen Abfchriften und
Kopieen befitze, wobei ihm freilich einiges fehle, aber dafür
anderes, bei jenem Fehlende, vorliege. Die Entdeckung
diefer in ftrengem Parallelismus gehaltenen Gnomenketten
im griechifchen Original ift ein wirklicher Gewinn. Ich
kann der Verfuchung nicht widerftehen, auf einige charak-
teriftifche Sentenzen aufmerkfam zu machen. ,Xqiöz6v
lyeig dyajr?jzöv' heißt es in Nr. 7 des ,Nonnenfpiegels' —
eine Melodie, die in unzähligen Variationen durch die Jahrhunderte
geht. Nr. 55 enthält auch eine an das Hohelied
anklingende, aber dezent gehaltene Ausmalung des
Liebesverhältniffes der Jungfrau zu Chriftus, ohne die
anzügliche geiftliche Erotik eines Hieronymus. Öfters
werden Welt- und Klofterleute einander gegenübergeftellt
und wird jenen unter Umftänden der Vorzug gegeben:
Beffer eine fanftmütige Ehefrau als eine keifende Klofter-
frau (Nr. 45), beffer ein Taufendmenfch in Liebe als ein
Höhleneinfiedler mit Haß (Nr. 9), beffer ein fanftmütiger
Weltmann als ein wütender Mönch (Nr. 34), beffer ein
fchlafender Weltmann als ein mit fchlechten Gedanken
wachender Mönch (Nr. 51), beffer ein dem Bruder in
feiner Schwachheit beiftehender Weltmann als ein Ana-
choret ohne Mitleid mit feinem Nächften (Nr. 78). Wie
man fieht, mußte fchon damals vor einer Überfchätzung
des .Standes der Vollkommenheit' gewarnt werden. Ein
im Zeitalter des Radfahrens nicht mehr lo ganz zutreffendes
Bild enthält Nr. 130 der Mönchsfprüche: Wie die auf
Räder Steigenden abgleiten, fo werden die Prahlbanfe mit
ihren Reden gedemütigt. Eine prächtige Sentenz Nr.
120: Xz?j&og xvgiov yvmoig tieov, 6 <Üdvajieomv ijt' avzo
&eoX6yog iozai — pectus facit theologum. Die .Erkenntnis
Gottes' hat nichts mit dem Kaufalitätsgefetz, mit
Syllogismen und Gottesbeweifen zu tun, fie quillt von
oben und aus der Fülle des Herzens, fie ift ein Schauen
der Seele: Kgeioomv yvwöiq zgidöog vnhg yrmoiv damu-
azcav, xal Vsatgia avzrjg xmlg Xoyovg xdvzcov zmv alcövmv
(Nr. 110), ctgiojtiCzozsQov vöcogovgdviov vnigvöcog Alyvjt-
zimv öorpcöv avzZovvzcov ix zrjgyrig (Nr. 129), Ka&algcov
iavzov orpszai (pvoeig vosgdc, Xöyovg de domfidzcov Ijti-
yvcöotzai y.ovaypg Jigavg (Nr. 133), yvmoig doco/jazmi-
ixaLgei zov vovv xal zfj ayia zgidöi jtagioztjOiv avzöv
(Nr. 136). Ein Herzftück des griechifchen Mönchtums:
keine Scholaftik, kein Zergliedern und Rationalifieren der
Glaubensgeheimniffe, fondern ftilles, feiiges inneres Schauen!

München. Hugo Koch.

Loofs, Prof. Friedrich D. D., Phil. D.: Nestorius and his

place in the History of Christiane doctrine. (VII, 132 S.)

kl. 8°. Cambridge, University Press 1914. s. 3.6.
Schwartz, Eduard: Zur Vorgelchichte des ephefinilchen

Konzils. Ein Fragment. (Hiftor. Ztfchr. 3. Folge. 16. Bd..

S. 237—263.)

In den vier an der Londoner Univerfität gehaltenen
Vorlefungen behandelt Loofs, der bereits in früheren
Publikationen die Neftorius-Porfchung ausgezeichnet gefördert
hat, nach einer Einleitung (,A fresh interest in
Nestorius recently awakened') zuerft ,The tragedy of Nestorius
' Life' (p. 26—60), fodann ,The Doctrine of Nr
] (p. 60—94) und endlich .N'place in the History of Christian
Doctrine' (p. 94—130). Die erfte Vorlefung gibt eine fehr
dankenswerte Überficht über das alte und neue Quellen-
! material und die hohe Bedeutung des letzteren. Unfere
! Unterlagen find jetzt breit genug, um ein gefichertes Ur-
j teil über die Perfon, die Lehre und die .Politik' des Ne-
i ftorius zu ermöglichen. Die zweite Vorlefung fkizziert die
Gefchichte des Neftorius vom Beginn des Streits über