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Ausgabe:

1914

Spalte:

275-277

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Jahrbuch der Philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien 1912 1914

Rezensent:

Dorner, August

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Theologilche Literaturzeitung 1914 Nr. 9.

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Schriften nachprüft', um ,damit erft einmal den Sinn der
Worte im befonderen und im ganzen über den Streit der
Meinungen zu erheben, ehe dann die Gedanken fachlich
diskutiert werden' (S. II, 16). Der Verf. unternimmt diefe
Aufgabe mit großer Gründlichkeit und in fyftematifcher
Ordnung, wobei der Gefamtbeftand in die Gruppen geteilt
wird: Ontologie, Kosmologie, Logik und Erkenntnislehre
, Pfychologie, Ethik, und wobei der vorliegende
I. Teil die .Termini der Ontologie', des Attributs, der
Subftanz und des Modus behandelt. Bei dem vielumftrit-
tenen Begriff der Attribute kommt der Verf. zu dem
Ergebnis, daß darunter .ontologifche Qualitäten' der Subftanz
zu verliehen find und daß felbft ein Ausdruck wie
der, daß die Attribute das Wefen der Subftanz ,expli-
cieren', im fubjektiven (zur Bezeichnung der gedanklich-
fprachlichen Erklärung) und objektiven Sinne (zur Bezeichnung
des objektiven Verhältniffes eines Dinges zu
einem andern) gemeint fei (S. 48 f.). Befonders dankenswert
ift die Unterfuchung der in den meiften Darftellungen
vernachläffigten modi infiniti, die wie der .unendliche
Intellekt' und die .unendliche Bewegung' dazu dienen
follen, den Hervorgang des Endlichen aus dem Unendlichen
zu erklären. Ob die in diefem Zufammenhang behauptete
Abhängigkeit Spinozas vom Neuplatonismus zutrifft
, ift mir zweifelhaft geblieben. Man darf nur das
neuplatonifche Bild von dem .Überfließen' des .Erften'
und der Erzeugung eines .Andern' durch diefes .Überfließen
' oder von dem .Erften' als Sonne und dem .Abgeleiteten
' als Lichtatmofphäre der fpinoziftifchen Verbildlichung
des .mathematifchen Folgens', der Modi aus
der Subftanz durch die Ableitung der Dreieckfätze aus
dem Wefen des Dreiecks gegenüberftellen, um den inneren
Abftand zu empfinden. Eher ift es dem Verfaffer
gelungen, Beziehungen Spinozas zu Geulincx, der 1659
bis 1669 Profeffor in Leiden war, wenigftens als gefchicht-
lich möglich erfcheinen zu laffen (S. 112 ff), wenn auch
wohl mehr Parallelen zwifchen beiden in dem gemein-
famen Gedankenmaterial der Zeit ihre Erklärung finden
und der wichfigfte der in Leiden ftudierenden Freunde
Spinozas, Tfchirnhaus, zwar Beeinfluffung durch Geulincx
deutlich verrät (vgl. I. Verweyen, Tfchirnhaus als Philofoph
1906, S. 75 ff, 94) aber nicht, wie der Verf. angibt, 1657,
fondern erft 1668 (als Spinoza bereits in Voorberg war)
die Univerfität Leyden bezog. Jedenfalls aber ift die
ganze Schrift als ein wertvoller Beitrag zur Spinozafor-
fchung zu bezeichnen, ja fie befchreitet den einzig möglichen
Weg, über die Begriffe feiner Philofophie zu
wirklicher Klarheit zu gelangen, und die Pläne, für
welche diefe Arbeit mit eine Vorbereitung fein foll: ,ein
Spinozalexikon, welches auf hiftorifcher Grundlage die
Bedeutung jedes Terminus in alphabetifcher Ordnung angibt
, bzw. eine kommentierte Ausgabe der Ethik, in welcher
analog vor allem durch einen Paralleltext aus Spinozas
eigenen, bzw. den ihn hiftorifch bedingenden Schriften
für den heutigen Lefer die Vorausfetzungen wieder ergänzt
werden, die im Geifte des Autors und zum Teil wenigftens
auch in dem feiner Zeitgenoffen vorhanden waren'
(S. 16), — fie könnten bei entfprechend forgfältiger Ausführung
für die Spinoza-Interpretation grundlegend werden.
Wo die Begriffe fo fchwierig und die gefchichtlichen Bedingungen
der Auslegung fo verwickelt find, da ift auch —
wie aus ähnlichen Gründen bei Kant eine .Kantphilologie' —
zwar nicht als Erfatz eines Verftändniffes der Gedankenwelt
im Großen, aber als Vorbedingung desfelben eine
.Spinozaphilologie' nicht zu entbehren.

Dresden. Th. E1 fe n h a n s.

Jahrbuch der Philolophilchen Gelelllchaft an der Univerfität
zu Wien 1912. (Wiffenfchaftliche Beilage zum 25.Jahresbericht
.) (III, 100S.) Leipzig, J. A.Barth 1912. M. 3—

Reininger befchäftigt fich mit VaihingersPhilofophie
des als ob. Die Grundfrage Vaihingers fei: wie kommt

es, daß wir mit bewußt falfchen Vorftellungen doch
Richtiges erreichen, daß Vorftellungen, die fich in Wiffen-
fchaft und Leben als praktifch fruchtbar, ja unentbehrlich
erweifen, gleichwohl theoretifch falfch, das heißt, ohne
Wahrheitswert find. Sie Rheinen Kunftgriffe des Denkens,
die ihre Rechtfertigung nicht in ihrer objektiven Wahrheit
, fondern in ihrer Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit
finden. Man kann fie Fiktionen nennen, die wegen diefer
ihrer Zweckmäßigkeit bei vollem Bewußtfein ihrer logifchen
Unhaltbarkeit feilgehalten werden, und fich von Hypo-
thefen dadurch unterfcheiden, daß diefe ftets als Vorftufen
der definitiven Wahrheit eingeführt werden, und ihrer
Verifikation entgegenfehen. Die Grundlage feiner Auf-
faffung fei ein idealiftifcher Pofitivismus, der ftreng zwifchen
den gegebenen Tatfachen und dem von uns Hinzu-
gebracbten unterfcheidet. Als gegeben erfcheinen ihm
nur die Empfindungen und die Sukzeffion und Koexiftenz
diefer Empfindungen. Die Kategorien, ja felbft auch die
Anfchauungsform von Raum und Zeit find Fiktionen,
alles Theoretifche dient nur unferer Orientierung zu prak-
tifchen Zwecken, der Hervorbringung gewiffer von uns
gewollter Empfindungen. Für diefe Gedanken fuche
Vaihinger eine Fülle von Beftätigungen in Kant fowohl
als auch in der gegenwärtigen, hauptfächlich der volun-
tariftifchen Philofophie. Reininger Hellt zunächft die Frage,
wie es denn komme, daß Anfchauung und Denken nur
ihren eigenen Gefetzen folgend in ihren Refultaten doch
wieder mit der Erfahrung in der Praxis zufammentreffen,
und meint, daß das richtige Wiedereingreifen in die
Wirklichkeit nur denkbar fei unter der Vorausfetzung,
daß die Struktur des objektiven Seins und des fubjektiven
Denkens diefelbe fei. Ohne diefe Vorausfetzung fei auch
die praktifche Übereinftimmung unferer fiktiven Denk-
refultate mit der Wirklichkeit nicht möglich. Ferner
meint Reininger, daß die Grenze zwifchen Fiktion und
Wirklichkeit von Vaihinger nicht klar beftimmt werde.
Wenn Vaihinger den primären Tatbeftand für wirklich
nimmt, fo rechne er das eine mal zu diefem Tatbeftand
die Empfindungen in ihrer Sukzeffion und Koexiftenz als
ein geordnetes, gefetzmäßiges Syftem von Bewegungen;
da aber doch wieder andererfeits Gefetze wie Raum und
Zeit nur fiktive Hilfsvorftellungen fein follen, fo blieben
als Tatfachen nur räum- und zeitlofe Empfindungen übrig,
die gerade als ein typifches Beifpiel abftrakter Fiktionen
dienen könnten. Die Theorie der Fiktionen gleiche hier
dem Befen des Zauberlehrlings. Man müffe zwifchen
Kunftgriffen und Kunftregeln des Denkens unterfcheiden,
welch letztere fubjektiv und objektiv zugleich für uns fein
müffen. Reininger fieht den Wert diefer Schrift in der
logifchen Theorie der Fiktionen. Man wird aber hinzufetzen
müffen, daß, fobald die Fiktionen als Fiktionen
erkannt find, fie ihren praktifchen Wert fchon deshalb
verlieren müffen, weil fie mit der Realität nichts mehr
zu tun haben. Vaihinger hat nicht klargemacht, wie es
möglich ift, daß bloße Hirngefpinfte realen Wert haben
können. Seine ganze Theorie bafiert auf einem einfeitigen
Senfualismus, deffen Berechtigung er durchaus nicht nach-
gewiefen hat.

Die anderen drei Vorträge befchäftigen fich mit pfy-
chologifchen Problemen, der erfte von Schroetter mit
den Wurzeln der Phantafie.

Er kennt deren zwei. Einmal foll die Phantafie einen paffiveu
Charakter tragen. In der .biopfychifchen Reihe zeige fich ein aktives
Verhalten der Seele, fei es in Form des Denkens oder Handelns, die er
beide als biologifche Anpaffungserfcheinungen auffaßt, in welchen eine
Affimilation oder Selektion, d. h. eine Bearbeitung des Erinnerungsmaterials
vollzogen werde. Nun gebe es aber auch ein paffives Verhalten

j der Seele, in welchem nach fimplen Affoziationsgefetzen ein träumendes

; Anfchauen, ein Vorüberziehen von Bildern, von Reden primärer Eindrücke
vor fich gehe. Dies id das Gebiet der Phantafie. Wenn in der aktiven

j biopfychifchen Reihe, welche an unfere Aufmerkfamkeit die därkden
Anfprüche delle, eine Ermüdung eintrete oder eine äußere Ablenkung,

j fo entdehe eine Träumerei der Phantafie. Ebenfo werfen fich gehemmte
biopfychifche Reihen, die fich nicht entwickeln können, auf das Material

[ des paffiveu Seelenlebens, auf die unbearbeiteten Gedächtnisbilder. Das